Wilhelm
Deinert

..Aber
beeil’ dich:
es könnte zu spät
sein – und alles
wäre umsonst:
dies werde-
ringen der
jahrmilliarden,
aufblühn der dome
aus träumen
und tönen,
durchbeten der himmel und urbar-
singen der
räume.. Alles
blind stumm taub,
gähnende leere
auf
jahrmilliarden wie
zuvor – ein
rauchender müllplatz
das
ende vom lied‹..
Das ist es: die
linien verlängern, den pfeilschuss
sich selber voran
in das namenlose
zu tragen – das
heisst, aus dem schönen schein
in das wahre das
ungeheure zu münden..
Aber hier, da habt ihr's! reisst eure bullaugen auf:
Gottes stirnjuwel, der saphirene talisman
seiner schöpfung dreht seine mysterienspiele
und berge der läuterung durch interstellare
saharen und weltenbrände und fächert die pfeile
des strahlentods in garben der iris und wangenröten – –
Wir rütteln an den atomen
und schwingen sie ein,
bis zum untersten grundfels der welt..
Der spin,
den wir – unser herz,
unsre stimme – den stoffen einjagt,
überlebt die trümmer des doms
und schwängert das samenkorn eines neuen
sterns – –
*****
Mit opulenten Titeln wie ›Mauerschau. Ein Durchgang‹ (Piper 1982)
setzte Wilhelm Deinert wichtige Wegemarken in der deutschen Lyriklandschaft. (DAS GEDICHT. 11.Jahrgang, Nr.11)
Das poetische
Aussenseitertum des Wahl-Schwabingers ist glaubwürdig: Aus dem teils
kafkaesken, teils Rilke melosverwandten Geist unseres Jahrhunderts gelingen
hier Kunstwerke aus Traum, Vision, aus einer fesselnden Mixtur von Wirklichkeit
und Erlebnistransparenz.. für Leser, die nach Spracherlebnissen jenseits von
Spielereien und Mode suchen..
(Inge Meidinger-Geise, Die neue Bücherei)
..als sei (das
Werk) in einer unbekannten Sprache gedacht und geschrieben. Andrerseits merkt man
sehr rasch, dass der Schreiber oder der Dichter auf rätselhafte Weise ein
grosser Meister sein dürfte.. (Joachim
Günther, Neue Deutsche Hefte)
Stilistisch reicht sein
Ausdrucksspektrum von müheloser oder satirischer Mimesis der Alltagssprache über
prägnante Schilderungen von Natur- oder städtischen Alltagsphänomenen bis hin
zum hohen Ton eines mystagogischen
Melos. Dr. Pia-Elisabeth
Leuschner, Literaturvermittlerin
*****
Wilhelm
Deinert
Geboren 1933
in Oldenburg. Kindheit und Jugend am Jadebusen. Studium der klassischen Philologie,
Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Freiburg/Bg. und München, mit
Promotion über Wolframs von Eschenbach »Parzival«. Daneben Tätigkeit als
fliegender Händler, Werkstudent, Helfer in Kinderlagern und Hauslehrer. Von
1958 bis 1963 Lehrbeauftragter für deutsche Sprache und Literatur an der
Universität München. Lebt seitdem als freier Schriftsteller in München-Schwabing.
Seine Arbeiten umfassen Lyrik, lyrisch-epische Grossformen, Kurzprosa; Essays zur
Literatur und Kunst der Moderne, zur
Lage. Experimentelle und kinetische Gattungen.–
Einsätze als Rutengänger und Umweltschützer.-
Kontakt.
[Foto: Johannes
Seyerlein]
Auszeichnungen:
Aufenthalt im Rilke-Turm zu Muzot 1981 und öfter;
Stipendium des Palazzo Barbarigo (als erster Schriftsteller)
Venedig 1984;
Ehrengabe der Stiftung zur Förderung des Schrifttums 1984;
Ehrengast der Villa Massimo Rom 1986;
Villa-Waldberta-Stipendium der Stadt München 1986;
Stipendium der Casa Baldi in Olevano Romano
1991;
Membre d'Honneur de la Fondation Antonio
Machado 1994;
Sieg über namhafte Rapper in einem Münchener
Poetry Slam 2000; u.a. –
Seit
einigen Jahren Empfänger der Künstlerhilfe des Bundespräsidenten.
Werke:
Ritter und Kosmos im »Parzival«,1960;
Triadische Wechsel, Zyklus tonalis. Lyrik 1963;
Gedrittschein in Oden, Lyrik 1964;
›Thema Mundi‹ und andere sprachliche Mobile ab 1968;
Der Tausendzüngler, Ein Wortkartenspiel 1970;
Missa Mundana. Epizyklische Gänge (lyrische
Grossformen)1972;
Bricklebrit.
Ein Lügenmärchenlegespiel (für Kinder)1979;
Die Gnomenstaffel, Ein Steckspielkalender zum Sprücheverwandeln
1979;
Mauerschau,
Ein Durchgang (lyrisch-dialogische Grossformen) 1982;
Über den First
hinaus, Ein Anstieg (Kurzprosa) 1990;
An den betenden Ufern, Brief aus Benares 1994;
Das Silser Brunnenbuch,
Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyr. Umgang 1998. Das
Buch vor Ort. Eine lyrisch-epische Aufrüstung. 2010;
Der tastende Strahl.
Antwortende Verse auf Bilder um Einlass.
Nahe dran. Im Herzpunkt der Radien. 2012.
Windharfenmusik in Worten. Sprachliche Mobile und weiterlei
Dichterisches in
Bewegung − zum Lesen, Anfertigen und
Bewegen. [Unverlegt]
Der Gesang der Konturen. Aufsätze zur Sprache der Formen in
Literatur und Kunst. [Unverlegt]
Textproben in: Zeitschriften; Anthologien.
Siehe auch: Lesungen, Dichtung am Bau.
Warum in Versen?
Auflagenreste beim Verfasser
verfügbar.
Übersetzungen:
aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen,
Rätoromanischen, Lateinischen, Griechischen und Sanskrit.
Literatur:
Paul Konrad Kurz: Gott und
Welt im Gedicht. Missa Mundana (Wilhelm Deinert)
In: Die Neuentdeckung des Poetischen 1975;
Joseph von Westphalen: Ein Besuch
beim Poeten.
In: Westermanns Monatshefte 1983/11.
Jürgen Küster: Gespräch mit Wilhelm Deinert.
In: Literatur in Bayern 1985/2.
Ingeborg Reichert: Mauerschau.
In: Das Lächeln des Windes 1990.
Pia-Elisabeth
Leuschner: Unanfechtbare Ambivalenz. Poiesis der neuen Idylle in
Wilhelm Deinerts Silser Brunnenbuch. In: Arcadia.
Internationale Zeitschrift für
Literaturwissenschaft Band 39. 2004
Bernhard Gajek:
»Dichtung ist Welt aus Ordnung und
Sprache«. Über den
Sprach künstler Wilhelm Deinert. In:
Literatur in Bayern 2009/3.
ZU
EINZELNEN VERÖFFENTLICHUNGEN:
MISSA
MUNDANA. Epizyklische Gänge
Die ›MISSA MUNDANA‹ oder ›WELTLICHE MESSE‹ ist ein Zyklus aus
Zyklen. Sprachliche Kompositionen (wie ›Litanei‹, ›Sequenz‹, ›Terzett‹,
›Partita‹, ›Pentagramm‹, ›Antiphon‹, ›Sonate‹) die an liturgische und
musikalische Formen anknüpfen, sind durch wiederkehrende Elemente zu einem einzigen
Ablauf verflochten und münden in einem zusammenfassenden zweistimmigen ›Doppelkonzert‹.
Stoffbereiche der Gegenwart, vom Physisch-Elementaren bis zu Belangen des
Einzelmenschen und der Gesellschaft werden in sich erweiternden Durchgängen
entfaltet, aufeinander bezogen und einander entgegengesetzt. In ihrer
Gestaltung, die auf Analogien zielt, spielen sich Vorgänge der Selbstfindung
und Reflexionen des individuellen Gefüges auf gesellschaftliche und
naturgesetzliche Ordnungen ab. Alle Einzelteile − bis in die kleinsten
Abschnitte von haiku-artiger Selbständigkeit − stehen zugleich in dem
Zusammenhang des engeren Zyklus und haben ihren Platz im Verweisungsgefüge des
ganzen Buches. So entsteht ein sich fortschreitend selber deutendes Werk, das
seinen Inhalten eine vielbezügliche Lesbarkeit abgewinnt, zum Teil in mehrfach
ver-knüpfbaren Satzgefügen.
Hinsichtlich der Gattung durchkreuzt es die hergebrachten
Unterscheidungen, indem es durch lyrische Tonlichkeit der Sprache, durchgehende
Bildlichkeit und dialogisch-dramatische Entgegensetzungen an allen drei
Grundformen teilhat. So liesse es sich als eine Weiterführung der von Maliarmé,
Rimbaud und George begründeten »objektiven Lyrik« bezeichnen, die lyrische Ein-
und Umtönungen in stofflich-gegenständlicher Repräsentation zu konzertierenden
Positionen anordnet. Im Sinne des Titels legen sie dialogische Positionen an,
die in wiederholten Wechseln des Standorts die Spanne der Gegenwart abzustecken
und auf eine über ihnen erstellte Totalität des Bewusstseins hin zu vollziehen
suchen.
Stimmen zur Missa Mundana
Bereits bei der ersten Annäherung an die ›MISSA‹ habe ich die
Überzeugung gewonnen, daß es dem Verfasser gelungen ist, den Formenbestand, den
Wörter- und Bilderfundus der deutschen Literatur erheblich zu bereichern.
Univ.-Prof.
Dr. Klaus Lazarowicz, Institut für Theatergeschichte, München
Ihr Buch ist nicht so sehr im gewöhnlichen Sinn schwierig wie
unverständlich, als sei es in einer unbekannten Sprache gedacht und
geschrieben. Andrerseits merkt man sehr rasch, daß der Schreiber oder der
Dichter auf rätselhafte Weise ein großer Meister sein dürfte .. Modernität
mischt sich mit Altertümlichkeiten. Eine ziemlich beträchtliche Ernte
überraschender, meistens auch einleuchtender Wortneuerungen liesse sich
ausziehen .. Es kommt hinzu, daß auch die Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht
einfach leer ausgeht. Sie wissen im Einzelnen viel kleine Faszination auszustreuen
für den, der dem Ganzen nicht gewachsen ist .. Ihr Buch ist nichts für das
gewöhnliche literaturkritische Geschäft. Man müßte arrogant und töricht sein,
wenn man es aburteilen wollte .. Andrerseits kann man oder kann ich es aber
auch nicht beurteilen, sondern nur von ihm Kenntnis nehmen wie von einem bunten
Vogel oder einer phantastischen Pflanze aus anderen Kontinenten.
Joachim
Günther, Herausgeber der »NEUEN DEUTSCHEN HEFTE«
Wilhelm Deinerts ›MISSA MUNDANA‹ ist ein verbales Architektur-Werk
hohen Ranges. Es verbindet in seiner großangelegten Komposition einmal Gefühl
für weitesten poetischen, sinnlichen und intelligiblen Zusammenhang, zum
anderen hat es ein breites Beziehungs-System von Sensitivität. Ein Werk, das
man als umfassenden ›Entwurf‹, als riesige ›Skizze‹ gegen das Unscharfe,
Ungefähre ansehen darf. Die arbeitende Intelligenz bringt etwas zustande, das m
e h r ist als Freske, m e h r als Panorama: poetisches Welt- und
Daseins-Bezugs-System, in dem untergebracht und verwandelt worden ist, was
heute poetisch >fühlbar< und einrichtbar ist. Karl
Krolow, Autor
Hier tritt ein noch junger Dichter schon mit der Autorität eines
Lebenswerkes auf. Aus Urlandschaften und seelischen Grundsituationen steigen
diese strenggebauten Gesänge in durchaus unverbrauchten Wörtern, aus denen eine
gewisse lexikologische Besessenheit abzulesen ist, zu Echogedichten und
Formresponsorien auf. Eine typographische Kostbarkeit, ein BUCH. Prof. Dr. Werner Vordtriede,
Universität München
Das Buch hat mich überrascht, besser: betroffen gemacht durch die
fast überbordende Fülle seines Gehalts und die kaum glaubliche Zucht der Form.
Die Ausgewogenheit ist freilich das Ergebnis einer Bändigung, die in unserer
derzeitigen Literatur wenig Vergleichbares hat. Man muß wohl das Wort
„Kosmos" bemühen, um die Ordnung des scheinbar Disparaten zu bezeichnen,
hat aber die Virtuosität und Strenge in der Verarbeitung so vieler Metren,
Formen, Motive und Themen damit noch nicht genannt, und sie prägen das Ganze.
Vom Leser wird allerdings viel verlangt: er muß die Zitate, die Anspielungen,
die sprachlichen wie formalen Experimente sehen und erkennen und das Bekannte gegen
das Eigenständige halten. Ohne den ausdauernden Willen, etwas zu verstehen,
geht es also nicht, wohl auch nicht ohne ein gehöriges Vorwissen und immer
wieder unternommene Anläufe. Aber die Lesergruppe, die auf diese Texte anspricht,
wird größer werden: was heute esoterisch und hermetisch scheint, kann sich
morgen als das erweisen, wovon viele zehren.
Prof. Dr. B. Gajek, Universität Regensburg
Eine lyrische Summe von außerordentlichem Formbewußtsein, die an
große >Unzeitgemäße< erinnert. Paul Konrad Kurz in
der »Süddeutschen Zeitung«
Überzeugend an dem Autor ist seine Konsequenz. Er hat die Sprache,
s e i n e spezifische Sprachfindung, nie.. als verquere Gestalt hinter der Form
hergeschleppt, oder umgekehrt, Sprachinhalte mit einer Form verschnitten. Für
Deinert ist Sprache ein Ereignis, das aus Eigenleben entsteht und nach eigenem
Ermessen Welten, Worte, Wortwelt schafft.. Der Dichter tritt als Beobachter
auf, als Mittler, der die − für den normalen Menschenverstand absurden −
Botschaften aufspürt und sie in Schriftzeichen, in Protokollen, in
kompositorischen Chiffren festhält.. Dichter wie Wilhelm Deinert sind darauf angewiesen,
daß ihnen Leser begegnen, die, wie er selbst, im Bann von Geheimnissen
stehen. Wolf Peter Schnetz,
Schriftsteller und Kulturdezernent i. R.
Ein Bergwerk mit unzähligen Schächten und Verästelungen. . Ein Lied
von der unendlichen Fülle und Vielfalt der Schöpfung. Mit immer neuen,
gewaltigen wie subtilsten Neu- und Umschöpfungen. Wo ich auch ansetze, immer
bin ich gleich mitten im Strom.. Und welche Musik entsteht aus Laut und Wort!
Nie banal. Immer neu. Extremste Begriffsbildungen formen sich zu Vertrautem.
Vertrautes wird fremd. Worte bekommen einen neuen Sinn. Unaussprechbares
sprechen sie aus. Nie geahnte Bilder, Gedanken treten ins Bewußtsein.. Traum,
Vision und Wirklichkeit mengen sich. Lautloses spricht. Sprache wird stumm.
Unendliche Stille wird laut. Dabei ist der Ablauf, die Aufeinanderfolge der
Bilder, Vorstellungen ganz ausserhalb, ganz ortlos. Das ist das grösste Rätsel.
Wo ist der Standpunkt, von dem aus solches gedacht, gesehen ist? Kein Fixpunkt.
Alles sphärisch. Keine Dominanz, weder von Menschen noch Dingen. Alles gleich
eingereiht, kosmisch. Fülle und Leere. Beides zugleich. Das Wort wurde autonom.
Und schafft von sich aus neue Klänge, Berührungen, Bilde... Eine erstaunliche
Tat. Der Verfasser: Lauscher und Schreiber zugleich. Ein Dichter.
Max Hermann,
Maler und Dozent der Pädagogischen Hochschule Oldenburg
Aus der
›SEQUENZ‹
Durch eislicht
nüchternde nadelluft
stiegen wir anwärts: über der schattensenke
noch ohne wind
stand wie ein atembausch vorm mund
ein lichtball wolkiges und brach
einen perlweissbewimperten
duftsaum der morgenlücke
vor eine gegenwand
ihn hinternachtendes
und traten eingeholt von dem
in ihn hinein: die frühe schien
milchige augenlider wieder zuzuschlagen — es ging durch einsämiges
rieselmeer, dämpfendes wattelicht langsam geteilt, in tälerkerben
zog über die weidemulden,
ein feuchtgraues glitzerwatt, das in den augen wehtat −
farntang am grund und ein belag
verwitterung wie dünner schlick
war um die hütten
gegen die scheitelstunde
in lockerung
seitlich oktoberlich beschienen:
steigende ballen
aus lichtrauch
in mandelformen
gaben die sockel ab
für eine mövenrast
der augen
durch sie hindurch
war noch ein gegenhang dunstübersponnenes
zu sehn: ein wackliges
gerüst aus pfaden und
gewannen, umwegig in den wind
gestückt — die kriechende wurzelschrift der zäune
und wettertannen
Aus
dem ›PENTAGRAMM‹
Ein runzelgesicht rümpft sich im wachs
der kinderhand −
>DAS IST DER DAUM< − die
krähenfüsse krakeln den pass
und eine route in das blatt − >DER SCHLÄGT DEN
SCHAUM< −
Der wetterwulst steht um ein karrenfeld geballt −
>DER SCHAUFELT DAS GRAB< − ein knäul aus wegegarn
marlt seine klatten vor die stirn − >DER STÖSST DICH
HINAB< −
Risse und schummerungen schieben die riegel vor −
>DOCH DER ZWINKERNDE WICHT< − fussangeln in der schwiele
in viperschlingen sind gerollt −
>SCHLÜPFT HINTER DAS LICHT< −
Das fadenspiel, um einen griff
verwickelter
Ist weitergereicht: wer dröselt es auf?
Aus
der ›ANTIPHON‹
Mütterchen Sonne, freundliche Trachtenalte
unter der rüschenhaube, die hinterm laden nickte ..
War's nicht ein wetterhäuschen, wo gedämpft
von den tapeten eine stubenuhr
die sphären tickte oder ein glockenspiel
im ländlerton, kuhreigendudelig
den tierkreis der äonen antrieb −
Sie und der poltergreis, je nach
wer vor die türe trat,
das zaungespräch der welt-
und wettergeschichten unterhielt? − −
Es stinkt nach horn
von pferdefüssen: stickluft
und gelber rauch
schmodet vom kehrrichthaufen
Der alten schränke .. Ein nachspuk von geisslerstürmen
wimmert ein fieberbimmeln in
den lüften sich zu ende −
schon
atmet die stille auf.
Das schöne
beet, vierströmebeet in schmuck-
und hegesäumen um den viererklee der erde
schläft einen
winterschlaf wie nie
noch unterm
schwarzen harsch ..
In dem es
blasen treibt: verbotenes licht
von
neugierflügen
hrabgespiegelt,
zündet den gletscherbrand;
siderische
wuchersaatnn
nistet in finnen
(kleine
gerollte geisseln, im
wettschlaf
unter der
zeit, den aufbruch erwartend)
›Die luft ist
voll käfer −
Wer dreht sich herum?
Der Mannwolf
geht um:
der Wolf ist der
Schäfer,
hält die herde im
zaun,
hürden aus
angst und graun
(Sei froh, dass
es sie gibt:
der beste
Hirt ist der Dieb)‹
›Tretet auf die kette,
dass die kette klingt:
Sind sieben jahr,
sind tausend jahr,
der Baas nährt seine
Brüderschar;
er macht die welt zu
gift und geld,
für sie das gift,
für sich das geld;
er macht's, bis es
ihn selber trifft −
Sie machens besser:
geld und gift.
Die erde büsst und
bucht es stumm,
die tausend Jahr
sind bald herum −
die eile, die weile,
die unverkehrte säule‹ − −
Aus
der ›KANZONE‹
›Torenauge, mühsam bewehrt in viel
zu offener mulde − der wind
streut sand − und immer wund
gerieben, immer ein äderchen
geplatzt: halt besser haus, ruf deine fliegenden
röten zurück! Wenn schon Bacchant,
es heimlicher sein: aus zügeln
ohne ein viergespann
nur aus dem handgelenk geseilt
den wohlstrom und windrausch
einzusaugen − den zuwurf
und fangball seiner selbst
nicht aus der hand − an der federnden halteschnur
zu sucher-, besucherflügen
kurz vor den griff gelassen −
...
um ein in der sonne stehn,
eine farbe des aufscheins in
sein abendbuch geheimst − −
Flimmkäfer siebenpunkt
an wessen zeigefinger: weiter
und weiter aufgelangt − was dann?
Den seiltanz, ins weitergedachte
über den first hinaus?
Schwerlich zurück, wie man dich kennt.
Also denn, Säulenbewohner, dich eingerichtet:
Den windstern eingestrichen, am längeren
hebel
des umblicks, wie die speichen des
trockenschirms
am herdplatz eingelegt; alle radien
Bei fuss, im fahnenschuh und
nabel des abakus. Den feldherrnstab
der die zacken des horizonts
überstreicht und abhakt, angewinkelt −
zum abdank oder gruss. Ein mützenschirm
Ist die sichel ›Sie schatte den
feierabend
Auf dich und leuchte über dir‹ − −
Im luftmeer ein winziger
zückender geisselschlag
von einem samentier
gab das signal: den wurfschwung der achsel
der die tenne fegte, eine sasse aus bodenwellen
wie in das steppengras gedreht ..
Für eine frühlingsgleiche
stand überm hegering
der bänke (mahdzeilenweise
in den bergrand gefräst)
die himmelnde diskusscheibe
elliptisch überleitend und
hat nach und nach sich abgehoben über
die stufen des höhenzugs
in einen wolkenrand fortab
aus hellerem getreten,
keimförmig in ein dunkelfeld
ober der mitternacht geschweift − eine silberne
mintönig von der ausgespannten
Membran des zwischenraums
schrillende quint
aus mond und eis − −
Aus dem ›BALLETT‹
...
Wenn du von flüsterwort zu wort
Weissagende pausen spinnst,
Ein summlaut der zustimmt ohne >ja<
In dein verstehen lullt
Und jeden frageton
Der auf sein echo lauscht
In windstille buchten der erhörung nimmt −
Wo du verschwandest, gehn silhouetten aus der wand
Hervor und ähneln die
züge
In allen rahmen um. Das wünschellicht
Der kerzen schattet aus dir
Das mienenspiel der rückwärts
Blätternden sage ab — >Die spielerin<
Der schlummerflöten<
Dämongesichtig übernah
>Im efeukranz des todes<
Für eine nacht zu gast .. Wer aber war
Die Miterstandene
Mit roten zigeunerbeeren und violett
Geschecktem tuch dir um das haar von einem
Wunschtraum der verwegenheit gebunden (in eine
Spreizhand voll winkelzüge
Vertieft, sich in ein wegegarn
Vor augen ausgesponnen)?
Und hast die Andere in dir
Die
schmal zur seite geht
Und
in die wasserspiegel
Von
den geländern sieht —
Der über die werdestunden weit voraus
Der vortraum seine farben nennt:
..
Und
von dem hergeneigten
Prüfenden
ohr den mitgesang
Der
Schlafenden in dir
Errät,
die du verhältst noch unterm eis
Der
kinderaugen für den tag wo sie
Im
brautschmuck unter das tor
Der brauen tritt.
Stufen und
aberstufen
Die büsserstiege an den stuhl
Der Hohen
priesterin
Hervorgestampft ..
Die waage über dir geschwungen
Misst eine prise
Salz der
begnadigung
Auf feiner
kippe zu — —
>Der
Andere kommt, mir vor die tür, legt sträusse hin, E
Einer von süden,
braungebrannt,
Stärker als
du, steht nächte durch
Und
zielt sein wort. Er schlägt deinen namen in den wind
Und
lacht; er sagt er braucht mich, alle
Reden mir zu, ich tät' ihm gut — was rätst du selber?
Lern ab: sphinx wider sphinx — den
schlüssel unterm fuss.
Lass keinen wunsch mehr aus dem
spalt —
Stell dein verhör, das
kerbholz in der hand
Stell deine proben an,
lies alle winkelzüge
Und zacken mit, buch'
jeden schmoll und schmu
Den du zutage schweigst!
DU WARST EIN MAAR, EIN WUNSCHGESICHT
Das
in sein schlafendes oval
Alle die omen nahm
Und keinen namen widersprach:
Ein unaufhörlicher
Orakelzug stieg aus den mienen auf
Und spielte die tiefen durch.
Und hattest die Andere
In dir, ein wassergrab
Im efeurand und stummer mund
Der tiefe, in die der hang mich zog ..
Die taufe rinnt
Mir von der schulter ab
Und nimmt die asche mit —
Und einen ring,
Der sich in dir erfiel
Und dich mit mir verlobt.
Die Salamanderbraut tritt in den saal: ein aal
Ist ein chamäleon ein mondkalb ein polyp
Und quillt durch jeden fingerspalt ..
Isis, dein schleier ist
Verschossen: die schleiereule
Pludert sich auf dem ast —
Wo steckst du selber unterm flausch und bausch?
Sumserin
Simse, was summt die binse?
Die
Windsbraut humpelt um den teich:
Hier
ist ein fingernagel eis,
Wahrleuchtende nüchterbäume aus kristall —
Was tanzt du nicht? Der stöberwind
Krempelt die hosentaschen um:
Fang deine schmugglermünze wieder auf!
Den wortstahl, der die klinge fasst
Und aufdeckt durch benennen,
In
der durchwohlten hand .. Nicht untertauchen,
Nicht
dich hinab versinnen, an den mast geschnallt —
Chiron
im bund, hilfreicher Schenk von innen,
Dreh deine spünde zu!
Im halben schlaf, blutsaugendes gelall am ohr
›Ich wollte dich, hinter der nückenstirn, nur immer ganz —
Ich tat dir weh, um mich dir einzuglühn und lag
Gleich unterm horn, wund wie ein nagelbett, dir preis.
Du musstest stärker sein, nicht schonen, von der Mutter fort
Mich zu dir rauben: ich und das himmelreich wollten
gewalt<
Kummerlos allein — den weg zurück — die doppelspur ein stück-
weit von der tür — drei linnen tief — schweig sie in dich hinab —
Den schlüssel unterm fuss — rück nichts
heraus, kein blatt — lass sie spuken
Um das eigene grab .. Zerpflückte
himmelsbriefe in den wind —
Schneeluft voll weisser enden — geben
die aschenbahn
Der ferne frei..
WANN WENN NICHT DANN UND DANN? — Das
geistertuch
Ist eine saalwand tanzender paareschatten
und
Zerreisst: tritt aus den ascherwochen, Wiedergänger an
Die buntgemachten borten. Die prismen des blicks,
Flimmrig und ungewöhnt, an mohnrot hinterglühte kelche
Gelegt, von tisch zu tisch
Werfen die bänderschlangen,
Ein netzendes streulicht, an wimpersellen
Lichtschwer und beuteschwer eingeholt ..
Ein leuchterding
Das die kristalle dreht, schleudert ein namenhundert
In jeden blick — mich oder dich in
eine reigenwand
Vermischt verwischt — in einen
einzigen
Schallraum der singdröhnt in übertausend
Stimmen, durch die du selber klingst.
BLEIB NOCH, SOLANG DIE GEISTERSTUNDE
Ringe und scheidewege mischt — lass es
Geschehn — kein platz ist ungesehn —
Vielaugiges lichtspiel unter sich — denn
es will dich,
Durch dich sich selber sehn ..
Tritt in den wahrkristall —
Blinke und schal! — falschgrün bis rosmarin —
Blinke die weiterziehn — ein oder aus
Wimpern- und maskenspalt — geh nicht
nach haus —
Wer mitspielt ist nicht alt..
Aus dem ›DOPPELKONZERT‹
Dem Orchesterpart entsprechen
die jeweils linken Seiten; sie enthalten die Sachverhalte, die überpersönlichen
Gegebenheiten. Ihnen steht der Dialog zweier Stimmen gegenüber, einer mehr
naiven und einer nachdenklichen, eher skeptischen, die aus ihrer subjektiven
Sicht und Erfahrung sprechen. Da die Gegenüberstellung sich nur in der Buchform
wiedergeben lässt, folgen hier kennzeichnende Stellen ohne weitere
Kennzeichnung, ob aus rechts- oder linksseitigen Ablauf:
EIN ZIRPEN, EIN
Zikadenton, der irgendwo
aufsprang
Nichts als sich selber
meldend
Und seine etüden übt
Im feilstrich
An der eigenen schale,
Der die sekunden —
nadelstiche
In einen schlaf —
versprüht;
Deren jede ein treffer ist
Der um sich her die
scheibe zieht:
Ein federndes trichterfeld
Aus wellenschlägen, um
aufgeworfene
Bläschen aus drall -
Verpufft in weiterstösse;
Kleinste oasen
Mit fächerpalmen aus
schrapnell —
Und in ein stachellicht
Zerstrahlt — von seidenen
pricken, etwa
In einer augenbraue,
irisiert..
*
Schnurrträumerin auf meinen knien,
Du presst die augen zu
und in
Ein zwiegespräch von
haut zu haut —
So geht ein ruhestrom
In breiter aufspur
zwischen dir und mir
Hervor
.. Flüsternde funken
Als wimpel der sekunde
standen
Für einen wimpersch lag
im raum —
Winzige liebesfackeln —
Dem lockstrich der hand
Erwidernde rötewellen..
*
Wo immerhin
In das gerodete (eine tonsur des walds)
Das richtscheit von der wand der zelle
Ein pergament voll maasswerk übertrug,
Arme in jeden angelwind und ein geviert
Windstiller luft voll brunnenlaute
Aus bogenfries gefälbelt, in seine achsel nahm..
*
Aus ihrer zellentür: die
andere Wetterbraut —
Bändigerin des sturms
In blasebälgen tummelt ein
viergespann
In tönen, von tupfenden zehen
Gespornt und mischt die zügel
Mit geisternder hand .. Eine himmelfahrt
Über schallende brücken, schleudert die dielen
Und gräberplatten der tastatur auf — —
*
Der Nöck, der aus dem wasser singt
Legt seine hände um den mund und bläst
Stiebende funken aus dem rost —
Wasserläufer, ziefernde kügelchen
Aus nässe, die unterschlüpfen
Und in die glättung gehn,
Dies blankfeld aus wasserstille
Das in der gabel liegt, aus wellenhoch und -tief
Geschlichtet .. Blattgold der abendröte, kaum gewellt
Ist um den herd
Und läuft in kupferfarben an
..
*
ERDSPALT ORAKELSPALT DAS
BUCH
Kerbe und schooss
Für eine phönixpalme,
schattend mit
Langsamen flügelschlägen in
ein befiedertes
Dach überm stamm der lehne
..
Lauden aus kupfergold der
sonne
Vom gongschlag der abende
gereiht
Blättern das stundenbuch der
vesper fort:
Jemandes abendmahl
Mit einem vers
Voll spätwein, lesewein
Muldet und wärmt
Sein fliessgefäss (den
einbaum und flösserbaum
Mir angeschmiegt, der die
strömung der unterwelt befährt
Voll des hinabgespülten
Um die vergessenheit)
*
LILITH,
NÄCHTIGERIN
Die ihre lagerstatt
In deine träume schlug —
Du weisst noch wohl: es war
Ein unerleuchtetes abteil, wo sie
Von einem streif der haut
Die salbe nahm
Und in die augen rieb —
Wollte verwunschen sein, auf dass
Ein Aufbild in der
scheibe, das
Der tag, eines das andere durchschien
Beim augenaufgang,
der
den vorhang beiseite riss und jene
Hinter die lider tat,
Im milchglas der frühe,
Aus dem vermuten träte und
Rede
und anblick stünde ..
*
EIN GITTERKRISTALL
Und riesenmolekül
Aus schädelknorren
(oder
Ein langhaus voll roter
togen und
Tonsuren) auf einen eingereichten
Lot- oder
fragestrahl geschürfte
Quanten erinnertes
In übersprüngen
Über ein chorgestühl auf stufen
Aus einwurf und gegenwurf
Gesprächiger funken
Über die scheitel hin,
Würfeln den überschuss,
Eine ballung von voten,
Die von der waage schnellt
aus block und gegenblock
und aus der kerbe fährt, hervor ..
*
ADAM, WO BIST DU —
GILGAMESCH − ULYSS?
Urhans ist tot —
Du sollst nach hause kommen<
Triefender Täufling aus dem zauberteich gefischt,
Der Nöck klopft mit dem zapfen an:
'Hast deine stippfahrt
Klug gedreht — der lichtstrahl hat
Geschoben, den zeiger
angehalten —
Bist tausend jahr zurück
Und tausend Jahr voraus
geflogen — bist weit herumgekommen
— dein kopf
War tief ins fass gedippt,
Hast hinterm mond
Geblödelt, alle haben gelacht —
Die drüben auch< —
Heilfroh zurück:
Zuchtmeisterin Sonnenuhr
Droht mit dem stock —
Häute dich, kapselwurm,
nimm deinen schnorchel ab,
pack aus dein hasenbrot, sag was du sahst:
>Der sockel sank, ein
ballast vom ballon
Mir von den füssen ab und
blieb
Ein schwimmendes schaukelbrett zurück; ich war
Der Glockenschwinger auf einem schwebebalken
Ohne gestühl: ein läutender kraterrand
Mit wetterscharten
Schwang unterhalb und wieder über mir;
Weiter hinaus, war es ein bohrerkranz
Härtester zinnen, der zyklen schrob:
Der inkreis der menhire
Unterster Toter in gestalt
Der minerale, durch einen meerestausch gewälzt ..
*
Das ungemauerte kastell
Bezieht den wüstenrand (kriechender sand,
Fremdsprachiges lüfteschrillen voll
Irrlichternder spiegelungen) —
Eine ringfront von inselposten
Die von innen belagert
Ufert ein infeld aus reinem bezirk —
reine geschiedenheit der fronten —
die eigene ächtung um dies asyl ertrotzt ..
Dein zweiter leib —
Ein rückhalt von aussenseele und wurzelleib
Angeschlossener sinne, die für dich sehn — zusamt
Das sonnengeflecht durch diesen erdklooss und koloss —
*
DENN DAS, WONACH
—
Was war noch
das, wonach
Die reise, kauffahrt um die weit
Vom boden ab und in das blaue stiess
(Nur um ein korn von nachgewürz
Von wo der pfeffer wächst)? Die Argo schob
Das ufer vor sich her — ein seegesicht
Vom Nirgendland, das stillehielt
Sobald sie anker warfen ..
Irgendein uferstück,
Das immer nahe war — am Walchensee
In dem geliehenen boot, du selbst
Das grüne licht verfolgend, dich
Hinabversinnend, die unterwasserfelsen
abwärts und eingesponnen
Vom schwalbenziehn, das sich
versammelte
Nachsommertags —
B: Wo jemandes seele sich, leise angetan
Mit ihrem
grab versöhnte —
Welches zu wem
geworden: federgewölk
Und südlicht im bering der hänge
Verlangsamte minuten lang
Aus kreisung der luft
Und von der kahnspur unterwellten laubs
Im nachtraum des sommerwinds
Ohne wohin ...
Die augen
legten die hände um den mund
Und sangen den augenpurpur —
Ein zwiegespräch in farben
Das eine lichte weite in
ein flammeninneres verschmolz —
Einen träumenden augbal
zum tiegel des augenblicks:
Lautloses voreinanderübergleiten
Und schwenken weisser vögel
Durch rückendes streifengewölk, in ruderspannen
Ins neuland der sekunden, auge vor auge
Auf den fersen der eingeholten zeit
Ein abspiel aus veränderungen
Auf nichtmehrwiederkommen
Zeile um zeile mitzulesen —
Seltsame heiligenscheine
Der brechung um deine ruderschatten
Sind immer mitgefolgt und leihn
Einem schatten der wiedergrüsst
Die geschulterte diskusscheibe — —
A: Schäm dich, Narziss — Sammle die fäden ein:
Spinndüse weberschiff das boot, dich weitertreidelnd
Auf einer mittelspur
Richtet ein abendrot
Sich bräunendes segel auf,
Am lichtseil des sonnenstands
Fortwährend mitgewendet
Am steigenden schattenarm gerefft —
Ein helles segment,
Eine durchsonnte webe
Im aufriss der wimperzone
Aus flügelspuren einer libelle
Die von der stelle rückt
in zickzackzügen und tremoliert — — —
*
Format: 21 x 25 cm, 324 Seiten,
Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Delp Verlag München [ISBN 3-7689-0102-5] 13.80 €.
Der Band umfasst kurze Prosastücke, die von illusionären
Verfassungen ausgehen und sie ݆ber den
First hinaus‹ zu Momenten des Erwachens hinführen. Immer andere Vorstösse
in neuerfahrene Wirklichkeiten stecken einen unausgesprochenen Zusammenhang –
einen Anstieg – ab. Der reicht von der Bewältigung eines Drogenversuchs (›Welt in der Pastille‹) bis zu einer
Art Unio mystica mit der Erde, die ein Todgeweihter erfährt (von längeren
Aufenthalten in Rilkes Muzoter ›Turm‹
angeregt). In immer wechselnden Tonarten
und Darstellungsweisen vom Prosagedicht
französischer und deutscher Symbolisten bis zur experimentellen Prosa klingt
eine Art »Mikrokosmos« oder »Ludus Tonalis« des Prosaschreibens an.
Die gebundene Sprache ohne Versform gestaltet Sätze zu syntaktischen
Gleisbauten, die das Lesen durch wechselnde Tönungen, Kursänderungen,
ausfahrende und einlenkende Wege steuert.
Die Aktualität der Stoffe und Themen ist nicht die des
gesellschaftlichen Tagesgeschehens. Sie
bewältigen Angstträume dieser Zeit und zielen auf eine Vertiefung des Umgangs
mit Ausschnitten von Welt und Kultur. Insgesamt öffnen sie Horizonte und setzen
zu Gehversuchen im Unbegangenen an. –
Wesentliche Stücke des Werks wurden in ersten Fassungen von der
»Neuen Zürcher Zeitung« abgedruckt.
Stimmen zu »Über den First hinaus«
Ungeheuer stark und eindrucksvoll wirken.. die Capriccios, die sehr
merkwürdige, oft unheimliche Ereignisse in der Grauzone zwischen Einschlafen, Erwachen,
Nachtwandeln und Tagträumen situieren.. Scheinbar belanglose und alltägliche
Sätze führen in aufregende Prosastücke hinein.
Von kleinen, sensiblen Wahrnehmungen ist es nur ein Schritt zu unerhörten
Ereignissen..
Lutz Hagestedt, Süddeutsche Zeitung
Die Texte heben die Grenze zwischen faßbarer Wirklichkeit und einer
durch Sprache erzeugten Welt auf. Die
Menschen werden nicht nur zum anderen Ich des Autors, sondern bewegen sich als
neue Wesen zwischen Welt und Kosmos.
Oder Haus und Mensch gehen eine arealistische, fruchtbare Vereinigung
ein.. Und das Wort wird zum Mittel, Musik wiederzugeben und neu zu erschaffen.
. Mitunter denkt man an die expressionistische und surrealistisehe
Aufhebung der Empirie oder an Georges machtvolle Handhabung von Rhythmus und
Metapher. Doch selbständig ist Deinerts
Stil allemal, und er ist ebenso eigenwillig wie originell. Sein Buch bringt in die Prosa dieser Zeit
einen neuen Akzent. Bernhard
Gajek, Neue Zürcher Zeitung
Wer Texte von Wilhelm Deinert liest, hat Mut.. Wer sich von dem
Zwang normativer Denk- und Verstehensmuster
befreien kann, wird sich.. an dem
erlesenen Reiz so mancher Sprachpassagen genugsam erfreuen.. der
kraft unerschöpflichen Wortreichtums selbst Banalitäten erst verführerisch
macht. Gleichwohl stehen neben Rausch
und Traum, sich gegenseitig bedingend, auch Ängste und Leeren. Etliche kafkaeske Denkbilder schlagen hier zu
Buch wie die nur erahnbare Struktur unfaßbarer Über-Ich-Hierachien. Man sollte Deinerts Büchlein selber erlesen
schon um einmal aus der eigenen gewohnten Perspektive herauszukommen. Uwe Stamer, Stuttgarter Zeitung
..Wie eine Billardkugel durch einen einzigen Anstoß eine Vielzahl
(unkontrollierbarer) Kollisionen verursacht, so werden hier mit äußerst klaren
und präzisen Worten ganze Reihen von Bildern des Unbewußten in Bewegung
gesetzt.
Gabriele Mayer, MittelbayerischeZeitung
Eine Prosa, die den Lesenden in sich einsaugt, auf eine völlig
unverhersehbare Weise sich fortzubewegen nötigt, schreitend, gleitend,
taumelnd, schwebend in Gegenden, die ihm fremd und bekannt zugleich erscheinen,
bis er unversehens sich wieder im Freien befindet. Eine Fahrt in der Geisterbahn! Dr. EImar Hertrich, Bibliotheksdirektor
Sie nehmen Starre mit sich fort, sie machen aufmerksam und wach.
Ein Buch .. aus Not und Gefährdung, aber auch aus dem Glück gelungener Entwürfe
und Augenblicke gemacht, das auf geheimnisvolle Weise in eine rätselhafte
Freiheit führt..
Dr. Ingeborg Reichert,in der Zeitschrift » Heilen«
Ich saß gestern auf dem roten Sofa [im Rilke-Turm] und las mit
aller Seelenruhe die Seiten über Muzot.
Ich hatte dabei ein so wunderbares Gefühl, wie soll ich es beschreiben,
wie wenn ich Mozart höre. Nanni Reinhart, Muzot
..diese zu Prosagedichten geronnenen, vielleicht nur poetischen
Seelen nachvollziehbaren Alltagsgeschichten, diese sprachliche Synthese aus
kafkaeskem Getriebensein und barlachscher Seinsbehauptung, die Vertrautheit mit
dem Dämon Sprache, das wortgroße, den abgründigen Rest des Schweigens
überbrückende Verständnis für Licht, für Musik, für Gegenstände, die im Filter
der Selbst- und Fremdbeobachtung ein eigenartiges Leben führen - -
Joachim Bähr,
Spielleiter, Opernhaus Mönchen-Gladbach
Mir gefällt die ruhige, beruhigte tastende und innerlich
hochgespannte Sprache, ich mag die Geschichten. . weil sie, ihren Gegenständen
scheinbar zum Trotz, fesseln und - im besten Sinne - unterhalten, es bleibt
Raum für die Phantasie des Lesers, besser: wird Raum geschaffen, und nie wirkt
die Prosa angestrengt, so kunstvoll sie auch ist.
Rainer Weiss, Lektor
LESEPROBEN
..Aber schon ist die zeit zur abfahrt gekommen. Ich kehre zum
bahnhof zurück. Beiläufig fragt der schaffner, der die sperre versieht, wie
mein leben gewesen sei. - ›Mein leben?‹ - »Ja wussten Sie nicht, dass es Ihr
leben war?«
*
Mitternacht muss vorüber sein.
Die tür zum bad leistet widerstand, wie von einem gegenwind. Als ich ihn überwinde, strömt es vom spiegel
her mir entgegen und hebt mich vom boden ab.
Waagerecht schwebend flute ich in der leise brausenden luft und in ihn
hinein. Draussen bemerke ich, dass die gegend
meereshoch überflutet ist, und ich gewahre menschen in fischartiger
schwimmbewegung..
*
Ich sehe lange Clochards, die aufstehen, sich den staub von den kleidern
schlagen und fortgehen. ›Wohin gehst du?‹ frage ich den nächsten. ›Nach osten!‹
antwortet er mit geisterhaft aufgerissenen augen. Zwinkernd fügt er hinzu: ›Der Dalai Lama hat uns
ein kloster mit einer weinbrennerei bauen lassen. Kommst du mit?‹ – ›Noch
nicht. Ich habe hier noch nach ein paar dingen zu sehen.‹ Mit verächtlichem lachen hebt er ein lumpiges
bündel auf und strolcht, die abfalltonnen am strassenrand musternd, davon.
*
Für die eine sekunde meines vorübergehens an ihrem stuhl trifft
mich aus den augen des mädchens ein blick von nie erfahrener anteilnahme.. Ich
merke, dass sie gelähmt ist und den kopf nicht wenden kann. Mit meiner hand streife ich einen knöchel der
ihren, aus welchem ein strom wie ein funken aus Gottes finger in mich schlägt..
*
Noch hielten die hände, doch in den fingern spürte er es voraus,
wie das erdreich sich lockerte und den ballen freigab. Schon glitt er, noch an
der schräge verlangsamt und mit wahllosen griffen nach jedem büschel oder
höcker haschend. Nichts hielt – und die eine überdehnte sekunde kam, die wie
ein prismatischer splitter aus anderem stoff als zeit seine welt und sein leben
in hundert facetten drehte. ›So ist das also - so kommt das also - so einfach
und schnell - und ich dachte - ich wollte doch - wie schade‹ – –
*
Und nicht mehr die rose – der sonnentau würde blühen mit den klebrigen
drüsenhaaren und diesen geruch verströmen, von dem sie zu meinen schienen,
wunder was für ein lockzauber er sei, uns für tiere haltend. Ein etwas wie genugtuung, beinahe
schadenfreude würde durch ihre scheinbar verträumten lider lauern, wann und wie
es seinen fang in den betäubenden blütengrund zöge, der sich nach und nach über
ihm schlösse..
*
Als ein blinder Mystagoge mit seherhänden, der niegelichtete seelenwege
durch eine tönende wildnis bahnte, führte er sie von vorhalt zu vorhalt einer
immer verzögerten, immer abgewendeten auflösung durch immer schrillere
zugespitztere kadenzen zu – lenkte er sie an den fingerspitzen in eine gezeiten
und räumlichkeiten vertauschende Polonaise und gab sie an ein treiben
undurchsichtiger verwechslungen und verschlingungen ab..
*
ÜBER DEN FIRST HINAUS. EIN
ANSTIEG
Format: 14,5 x 21 cm, 112 Seiten,
Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Elster Verlag (Auslieferung: Keicher, U.) [ISBN 3-89151-104-3] 14. – €
PROBESTROPHEN:
ES POCHT - wer ist - UND POCHT - das oder der -
WAS POCHT - am ohr -
EIN POCH-GESPRÄCH - das auf
sich selber lauscht -
DIE SCHLÄFE POCHT - wer da
in der muschel rauscht
- ES POCHT VOR ORT -
ein herz das wen -
ERPOCHT - schlägt oder wem
die stunde schlägt - -
Deinen götzen und geistern:
>Tanzt ihr derweil
oder ruht euch aus - erholt
euch
von unsereinem!
Wir gehn für ein stündchen –
sag: in die ewigkeit‹
es stimmt allemal - -
Also: wir gingen los -
zwei ecken weiter nur
von der gläsernen haustür,
wo die pappeln zu ende gehn
(die letzte
ist schon aus metall.
Dort gib auf die zeichen
acht,
einen mast mit dem blauen
›U‹
das die Untern bedeutet..
Warten - das warten verwarten - nichts
als das warten gewärtigen -
das warten zerwarten, ehe
das warten uns zerwartet - -
›Wer
ist der Warter? komm
herein!
du kennst uns -
du bist
unser mann - man sieht es
dir an:
was hast du gewartet!
Komm setz dich, wir helfen dir warten
-
ob du weisst oder nicht mehr,
worauf
du wartest.
Erzähle
uns, was du erwartet
und was du gefunden hast.‹
»Münzen, medaillen! umständehalber -
alte noten und notgeld - abzugeben -
eichenlaub rnit schwertern, für versenkte und ab-
geschossene feinde - entschuldigung: freunde -
schicke broschen daraus!
(Euer talisman, wenn er helfen soll,
muss
geschenkt - wo nicht geschenkt,
muss
gefunden - wo nicht
gefunden, gestohlen sein)«
Was siehst du noch
sagst du?
Wandelnde wunschgebete,
leibgewordene
namen des vorgeträumten glücks -
die umgehn, in saris und seidentüchern
die für ihre seele werben.
Sie halten sich farben an
und spielen sich selber durch
in arten aus
fliessglanz und schleierspielen..
Es hügelt sich hinter den
ersten auf
mit immer ferneren
stirnen und schädelkuppen
in unendlicher steigung..
Dies hier
ist der letzte überlauf,
wo sie stehn wie am
landesteg,
um geholt zu werden
oder jemanden abzuholen..
Wer sie sieht, meint sich
angesehn
und zieht einen fragesog
aus verhunderten augen
auf sich herab;
der dich zerfragen wird,
wenn du nicht das
schweigen brichst -
der dich zerschweigen
wird,
wenn du sie nicht zum
reden bringst.
Aber was du auch sagen,
was du sie fragen wirst:
das war es nicht, was sie
hören wollten.
Und sie tritt in die sichtbarkeit flimmerweiss
und so schmal
wie ein totenhernd
und sie nimmt eine farbe an
von einem sommerkleid,
das du wiederkennst,
in ein nachwehn der anmut
wie einen birkenwind
gelehnt, die das herz zerreisst..
Da ist sie vollends
mit kenntlichen zügen:
die
›Kennst-du-mich-nicht-mehr?‹
Und leise, langsam,
halber schuh vor den schuh
fiel es ab
vor den augen, sank
von den füssen ab
der kloben erde.
Ich der erdenwurm
kroch aus dem bodenspalt -
und sah
in den schwebenden saal,
wo die silbernen stühle
und
tische gerichtet waren,
in das verbotene licht.
Und das zornige licht
krellte die sengspur,
einen strichblitz und zackenriss
wie von einem engelssturz
in die schmerzenden gloser..
»Wo wir sind, edler Herr?
Eben das ist die frage: du bist,
wo du bist - je nachdern,
was du bist! in der unterwelt,
solang du ein toter - der hölle, sobald
du ein teufel bist - eben dann und dort
ist der himmel, wo du
oder wann du ein Seliger,
noch besser ein Engel bist.
Und die welt ist die ewigkeit,
wofern du ein Geist bist!« - -
Still doch! Schäfer Schlaf
zieht sein asyl; wo er weide
hält
weht der heilige atem -
wo der atern weht,
kehrt die weit zu sich selber ein..
Frühstück auf dem balkon:
Kühlender herglanz
von beglänzten flächen
frischte die stirn an.
Zwischen mir und der sonne
spielte ein aufsprühn betauter
nadeln im tonrand..
›Auf jeder der nadelspitzen
schien ein winziger lotosteich
voll entspringender blüten,
auf jeder derwelchen
ein Erleuchteter sass,
dem ein lichtstrahl aus jeder
pore drang, und durchstrahlte die welt
mondweiss und saphiren
mit strahlen, die wieder teiche trugen -
und auf jedem der teiche..
Und ein winziger seitenstrahl
hielt mich am farbenspiel
seiner splissen
hinaus‹ - -
Die toccata des himmels
mit hundert registern
braust
von ehe- zu immerdar.
Du ein zünglein im
windstrom,
schwinge mit, deinen lob-
oder notgesang - dein ›Nah ist,
mit augen zu fassen das licht‹ –
dein ›Rettet und helft -
ihr dort, ich auf meine
art!‹
*********
Es sind keine
Gedichte, denn es gibt einen epischen
Vorgang; es ist kein Epos, denn es besteht in szenischen Dialogen; es ist kein
Drama, denn es spricht eine lyrische Sprache. Nach einem Vorspiel äusserster Zurückgezogenheit
auf sich selbst, die sich selbst erkundet, beginnt der Hauptteil mit dem Hinaustritt
eines ›Ichs‹ in die Grosstadt. Der Zusammenprall der verfeinerten
Wahrnehmung mit ihr kann nicht schroffer
sein. Ein Fluchtversuch scheitert an ihrer Allgegenwärtigkeit. In einem
›Durchgang‹, der an einem ›Tag der offenen Türen‹ eine Reihe von Stationen
durchläuft, wird sie zum einen von ihrer infernalischen Seite erfahren; aber
ungeahnte Freiräume und Möglichkeiten des Menschlichen werden entdeckt. In szenischen
Begegnungen und Gesprächen mit einem ironischen Lotsen wird ein Für und Wider
der Zeit ausgetragen, das die Haltung und Standort des Ichs in Frage stellt und
korrigiert. Auf einer Fahrt mit der Untergrundbahn, die einem Gang durch die
Unterwelt angeähnelt ist, gelangt der Ich zu einer Grenze; der Blick in die
andere ›Zone‹ –die eigentliche ›Mauerschau‹ – wird zu einer Begegnung mit
seinen Toten. Ein Ausflug in die völlig entgegengesetzte Welt des Hochgebirges
ergänzt die Eindrücke um die Erfahrung zeitloser Vorgänge und Gegebenheiten.
Der Wanderer sucht sich zu all dem ins Rechte zu setzen. Auf dem Rückweg werden alle Stationen, die
sich nach je eigenen Formerfindungen gestalten, erneut durchlaufen und mit
verwandelten Augen gesehen. Das Buch kehrt an seinen Ausgang zurück und
schliesst mit dem Beginn eines neuen Tages und erweiterten Lebens, das zum
vollen Eintritt in die Zeit entschlossen ist.
Das Werk zieht in sich mitverwandelndner
Sprechweise von zunächst angestrengten und verwickelten zu immer freieren und
gelösteren Formen eine Summe unserer Zeit, deren Formen und Unformen es
dichterisch sichtbar zu machen sucht - all das im Werdegang eines Ichs, der zu
sich selber kommt. Im Ganzen entsteht
ein dichtes Gefüge von Vor- und Zurückverweisungen, Aufgriffen und
Abwandlungen. Es transzendiert die
herkömmlichen literarischen Gattungen und verschmilzt sie zu etwas Neuem, das
gleichwohl weit zurückreichende Überlieferungen fortsetzt und sich
anverwandelt.
*
STIMMEN ZUR ›MAUERSCHAU‹:
Es ist der verwegene Versuch einer
szenisch-lyrischen Bestandsaufnahme dessen, was gedacht, gelebt, erfahren wurde
und wird, die Welt- und »Mauerschau« eines Beteiligten, eines Denkenden, Nachdenkenden,
Fragenden. Das Ergebnis überrascht durch eine bildhafte, disziplinierte
Sprache, die von der traditionellen Formbindung bis zum modernen, ironisch
gebrochenen Lakonismus reicht. Den stärksten Eindruck vermitteln die letzten,
zeitnahen und sprachlich gelösteren Teile des Werks, dieses eigenwilligen
erratischen Blocks aus Wörtern und Bildern, der die Mühe des Aufbrechens und
Sich-Einlassens lohnt.
Eberhard Horst, Schriftsteller
Die geistige und sprachliche Grundhaltung seines
ungewöhnlichen, außerordentlichen neuen Werkes ist iErfahrung der Wirklichkeit
über Trennendes (Mauer) hinweg, Weltbewältigung und Neuschaffung einer iin sich
bestehenden Welt durch Gliederung und Ordnung (bis in das graphische Bild). Von
dem Leser und Hörerwird erwartet, daß er mit den die Handlung tragenden
Gestalten den im sprachlichen ›Durchgang‹ verborgenen Sinn entdeckt.
In einer überzeugenden Lesung hat D. einen
Einblick in diese vom Leser zu begreifende Verwandlung von Hiesigem, Bedrängendem,
Einmaligem ins Innere, Allgemeine und Dauernde gegeben. Ein vortrefflicher ›Lotse‹ in das Reich der
Bedeutung, der nach dem Hinführen still und unauffällig hinter dem Werk
verschwindet. «
Univ. Prof. Dr. Hermann Kunisch
Eine weltliche Liturgie des Erwachens breitet
sich aus bis zur Teilnahme am Tanz aus Wahrnehmungen, Worten, Licht..
Tagebuchartige Verseinträge notieren zuletzt ein neues Verhältnis zu sich
selbst, ein gelöstes zu der ihn umgebenden Stadt.. Deinerts ›Mauerschau‹ ist in
den Formen, derAussage, der episch-szenischen Großform ein singuläres
Unternehmen. DerAutor hat in jahrelanger Konzentration an seinem Werk
gearbeitet.. Antike Mythen und deutsche Märchen, nicht zuletzt strenge
liturgische Formen und Meditationspraxen sind mit ihren Gestalten, Wegmustern
und Gegenwartsbekundungen in das nicht auszuschöpfende, mit Variationen,
Verweisen und Rückverweisen arbeitende Textmuster geknüpft.. Ohne Frage
erwartet der mit sprachgeschichtlichem und rhetorischem Bewußtsein ausgestattete
Autor, daß der Leser die Mauererkundung auch als Spracherkundung lese. Und hier
gibt es in der Tat mehr als Kleinodien.. Ohne Zeigefinger und ohne Botschaftsanspruch
leuchtet aus Deinerts Gesprächen und Gesängen die mystische Spur.
Paul
Konrad Kurz (Süddeutsche Zeitung)
Deinert versammelt die unendliche Vielfalt des
Sagbaren in einen Zyklus gedichtartiger Strophen und Folgen, und man bewundert
das strenge und dennoch bewegte Sprachgebäude.. Was in Wirklichkeit die Einsicht
eines Lebens ist, faßt Deinert in die Bilder einer Tagesfahrt, die der
›Pendler‹ als ›Mauerbesuch‹ unternimmt.
Vom Stadtrand in das Zentrum und vom flachen Land auf einen Gipfel fährt
und drängt ›Der Ich‹ und sucht, ohne zu wissen, was; das Ziel - die Mauerschau
- zieht ihn an. Der Blick über die
Mauern des Ichs umfaßt dann das innen und außen, das Schöne und Häßliche, das
Gute und Böse und erkennt es an. Wie in einem Welttheater führt der Autor die
Figuren heran und macht sie als Sprache lebendig. In zahllosen und doch
typischen Szenen konzentriert Deinert, was Menschen erfahren können. Und daran
sollte der Leser sich halten: j e genauer er auf den tatsächlichen Kern der
Bilder achtet, desto einleuchtender werden sie.. Die Orte sind zu ›Strecken‹
einer Lebensfahrt geworden, die der Leser sprachlich mitvollziehen kann.
Deinert geht über das Gewohnte weit hinaus oder greift hinter es zurück. Was er
an eingängigen oder gewagten, bekannten, wieder entdeckten oder neu geschöpften
Ausdrücken, Metaphern und Rhythmen zum - wohlüberlegten - Druck gebracht hat,
könnte die Lexika und Sprachlehrbücher bereichern... In dieser Art, Welt als
Sprache hervorzubringen, hat er unter den derzeitigen deutschen Autoren
schwerlich seinesgleichen.
Univ.Prof.
Dr. Bernhard Gaj ek (Neue Zürcher Zeitung)
Wilhelm Deinert
Mauerschau. Ein Durchgang.
Piper Verlag. (Auslieferung:
Keicher, U)
ISBN 3-924316-30-9 20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A]
DAS SILSER
BRUNNENBUCH. Ein Engadiner
Glasperlenspiel und lyrischer
Umgang
Nach seiner Rahmenhandlung ist das ›Silser Brunnenbuch‹ ein Ferien-
oder Hüttenbuch, das ein Besucher des Engadins den nachfolgenden Bewohnern
seines Quartiers hinterlässt. Es nennt
sich ein ›Glasperlenspiel‹, denn es versucht, der Hesseschen Idee dieses
rituellen Zeichenspiels eine literarische Gattung abzugewinnen – nicht in
wörtlicher Befolgung, sondern lockerer Anähnelung eines ›lyrischen
Umgangs‹. So fängt es sehr einfach bei
der Inschrift eines Silser Brunnens an: es lässt sich von dieser und anderen rätoromanischen
Wandsprüchen der Gegend die Augen für das Engadin als lebendige Ganzheit
öffnen, das durch sie als ein Lebensraum zu sprechen beginnt. Im folgenden greift es die Poesie dieser
Spruchgedichte auf und nimmt sie zum Ausgang eines eigenen lyrischen Zyklus.
Ein venezianisches Zwischenspiel entdeckt die merkwürdige
atmosphärische Verwandtschaft der Lagunenstadt mit der Felsen- und Wasserwelt
des Hochtals.
Aus dem Vorrat der Eindrücke und Erfahrungen umreisst der
Schlussteil ein Gesamtbild der ›symphonischen Landschaft‹ des Engadins; es
wendet Nietzsches Vision der ›heroischen
Idylle‹ in eine heutige Sicht, die das zeitlos Erhaltene, aber auch seine
Gefährdung durch zerstörende Einbrüche einbegreift. Der Leser wird zum Mitvollziehenden einer poetischen
Aneignung, die in einem einzigen Vorgang die Lebens- und Sprachwelt eines Raumes
wie seine Naturerscheinungen durch stellvertretende, nach und nach entfaltete
Bilder in ein Netz von Verknüpfungen einfängt und vergegenwärtigt. In ansteigenden Stufen, die von herkömmlich
einfachen Dichtformen zur entwickelten heutigen Lyrik anheben, entsteht ein Sinngebäude,
das Züge einer aus einem einzigen Thema sich aufbauenden musikalischen
Komposition aufweist.
Angesprochen sind Freunde des Engadins, Sprecher und Kenner seiner
Sprache, Leser der heutigen Dichtung und Liebhaber einer musisch-meditativen
Vertiefung in das Hervorgehen eines sprachlich-poetischen Mikrokosmos.
Siehe auch oben im
Literaturverzeichnis die Arbeit von Pia-Elisabeth Leuschner.
STIMMEN ZUM ›SILSER BRUNNENBUCH‹:
Sein Schreiben
umkreist das Geheimnis der Wörter: ihrer Chromatik, ihren Rhythmen lauscht er
verborgene Botschaften ab, und im Puls der Silben, im Melos der Vokal-
folgen ertastet
er eine magische Leiblichkeit der Sprache. Solche Sensibilität mani-
festiert sich
auch im jüngsten Werk Wilhelm Deinerts.. das in lyrischen Beschwörungen, und
reflektierender Prosa den Genius loci feiert.. [Hier] geht es ihm um eine
vergewissernde Aneignung, um ein assoziatives Fortspinnen des Vorgefundenen in
der eigenen Sprache.. [So] fixiert er im Niemandsland zwischen Klang und
Bedeutung der Wörter Koordinaten, die den Umriß des Unbenennbaren als
phonetische Sternbildgestalt aufleuchten lassen.. [und] in ihrer spielerischen
Beiläufigkeit, in der heiteren Musikalität der Gesamtkomposition selbst von
romanischer Grazie und tänzerischer Anmut infiziert scheinen. Alexander
Altmann. Bayerische Staatszeitung
Deinert nimmt die
Laute und Worte wie Perlen in die schreibende Hand und reiht sie zu einer neuen
lyrischen Sprache auf.. [Er] dringt zu den Elementen der Sprache vor..
Eine umgrenzte,
doch wirkliche Welt ist so entstanden.. Die Heiterkeit, die das Buch ausströmt,
wirkt wie ein schönes, humanes Ziel.
Prof. Dr. Bernhard Gajek. Neue Zürcher
Zeitung
Ein sprach- und
wirkungserfahrener Schriftsteller legt eine kleine sprachkundlich-poetische
Kostbarkeit vor. Mir hat das schön gestaltete Buch sehr gefallen und ich finde
es auch schön zu verschenken. Ingeborg
Reichert. In: Heilen.
Das herrliche
Oberengadin stand mir [beim Lesen] vor Augen.. und man bekommt grosse Lust,
wieder einmal dorthin zu fahren, und mit eigenen Augen zu entdecken,was Sie in
grossartiger künstlerischer Form einem nahe bringen. Harald Genzmer. Komponist
TEXTPROBEN:
Unscheinbar, kaum beachtet steht am dorfplatz von Sils-Baselgia ein
steinerner brunnen. Seine träger für die
seitlichen blumentöpfe an der bekrönung des rohrs rosten seit etlichen sommern
ungeschmückt. Hart neben ihm quillt
müllgeruch aus einem grell bemalten behälter.
Parkende Fahrzeuge verdecken ihn von jahr zu jahr enger und
anhaltender. Nur wenige schritte von ihm
entfernt windet der immer dichtere verkehr sich durch die seit langem zu schmal
gewordene strasse und überrollt seine stimme.
Man muss nahe herantreten, um ihre unentwegt wechselnden laute zu hören,
die wie die quellen und bäche umher nur mehr für sich selber singen und das
murmeln und raunen der erde mit sich selber auch hier unter all diesem treiben
aufrechterhalten..
*
Das wasser singt,
ein schlaflied dir bringt
– ich
sehe ein strombett, aufdem
kommen die tage
und
nächte geschwommen –
*
Ich sehe ein flimmerndes
perlchen vom sprudel auf
dieser
verwellenden fläche ein
weilchen
gehoben gewiegt und - wo
ist es?
Ich sehe ein sachtes
verwellen zum rand
und zur mitte zurück,
aus welcher ein perlchen
vom sprudel gehoben gewiegt
über perlchen sich
abschnellt - -
*
Zu mir kehrt das
weltmeer aus kreisender ferne
ich spiegle den tag und
den abgrund der sterne
ich treibe ins weite aus sehnsucht der
quellen
aus mir singt der friede
als schlaflied der wellen
in mir ist die dauer als
ruhender stein
in mir ist das leben und
strömt in dich ein.
*
SILSER SEE
Hier ist es, hier lege ich
meine ruder still
und höre mich ein
in die wasser, den talwind – oder
rede mit dir
(denn da fährt Eine mit
der du deine züge leihst,
die das lauschen, verstehen
das bewahren der einsamen
stimme ist): ›Schau,
die Margna im neuschnee
ist ein hochaltar, der die wund-
male der erde trägt und den leib des
Herrn
im lautersten lichtweiss empfängt.
Die quellen und weidenden
herden am fuss
sind kelche, in denen die wandlung
geschieht..
*
Pack' dich, hinab geht's!
Die Nächsten
kurven die serpentinen herauf –
hast noch was zu melden?
›Sehr wohl: ich habe
bericht
zu geben von etwas
das hier
geschah, das mich überstieg
und doch
mich duldete, mir
sich darbot - als wäre wo immer
ich stand, ein platz im gestühl
eines chors, mein tun
eine rolle im spiel,
dem
es sich zu fügen galt..‹
*
DAS SILSER
BRUNNENBUCH. Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyrischer Umgang.
Format:
18,5 x 21 cm. 107 Seiten. Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Verlag Desertina, Chur. [ISBN 3 85637 244 X].
17,8o €. 34,80 SFr.
Antwortende Verse auf Bilder um Einlass
Der Band
vereinigt Gedichte, die aus einem langjährigen Umgang mit bildenden Künstlern −
namhaften und noch zu entdeckenden − hervorgegangen sind. Sie antworten
sehr unterschiedlich auf die Kunstwerke, die etwa zur Hälfte der ungegenständlichen
Kunst angehören. Insofern Bilder und Skulpturen schon ihrerseits die Wirklichkeit
ins Bildliche umsetzen, können durch die abermalige, nun sprachliche
Verbildlichung Gedichte von potenzierter Bildlichkeit entstehen. Es ist der
ganz eigene Typus der seit der Antike geschätzten Bildgedichte.
Zusätzlich
zu ihrer rein poetischen Bestimmung kann die Sammlung als eine Hinführung zu
recht unterschiedlichen Bereichen der modernen Kunst gelten. Zugleich stellt
das Werk eine Art Exerzitium des Umgangs mit Bildern dar, das Möglichkeiten des
künstlerischen Sehens an die Augen gibt.
Ein
PRÄLUDIUM beschreibt die Vorgänge zwischen Betrachter und Kunstwerk als eine
hin- und herüberwirkende Strahlung und weist nach, dass die angemessenste
Antwort auf ein Bild in einem Gedicht besteht. Daran schliessen sich zwölf
Gruppen von je fünf Bildern wie LICHTBLICKE − BEDROHUNGEN −
GESTALTEN − RÄUME − FENSTER NACH INNEN. Die abschliessende STAFETTE
bietet ein sich weiterspiegelndes Gespräch in Bildern und Gedichten −
hier wohl zum ersten Mal zustande. Das schafft einen Zyklus von ganz eigener
Bauart und kann die Lektüre zu einem Meditationsweg durch weiterführende
Stationen machen. Ein Anhang gibt die nötigsten Auskünfte zu Grösse und Technik
der Kunstwerke wie zu den Künstlern.
STIMMEN ZU
›DER TASTENDE STRAHL‹:
Die Vorherrschaft der Ökonomie hat auch den ganzen Rezensions- und
Feuilletonbetrieb miterfaßt, so dass heute praktisch nicht mehr möglich ist.. die
Würdigung eines wirklichen Kunstwerks hineinzuschmuggeln. So erklärt sich auch,
warum ich Ihr wunderbares Bändchen ›Der tastende Strahl‹ nirgends besprechen konnte, obwohl ich es
natürlich gerne getan hätte. Alexander
Altmann, Journalist
Das Buch ist zu bewundern, und es enthält viel
hoch-beachtliche Bilder und Figuren. Hoch-beachtlich sind auch die Verse..
Umschlag und Einband sind schön. ›Bilder um Einass‹ ist sehr schön gesagt. Kristof Wachinger, Verleger
Die Idee ist grandios, geradezu kulturhistorisch für das Verhältnis
der Künste, ebenso auch ihre Ausführung: Wie sich Text und Bild im Nachzeichnen
voneinander immer wieder zu Neuem anregen gerade da sie sich nicht ineinander
überbsetzen lassen, und damit eine Sequenz erzeugen − das hat mich wirklich teif bewegt!
Dr.
Kai Merten, Universitäsdozent
Ein Dialog kommt in Gang, der die Differenz zwischen Bild und Text
zum Thema hat − und so schnell nicht enden wird. Denn was Deinert sieht,
hätte man ohne ihn womöglich niemals gesehen und wirkt − als ein
interaktives Moment zwischen Bild und Text − noch lange fort in Ohr und
Auge.
Katrin
Schuster, in: Klappentext. Das Literaturprogrammheft für München
Es gelingt ihm,
das Abstrakte zurück zu übersetzen in ein mit subjektiver Bedeutung
aufgeladenes Zeichenfeld; das seinerseits Musikalität entfaltet, aufgrund
seiner Rhythmik und das Klangs.. Das Wunder des Einleuchtens, des
Plausibel-Werdens vollzieht sich. Und mehr noch: ein geheimer Magnetismus
scheint von diesen Gebilden auszugehen, die sich aufs engste ihren
Bildgeschwistern verschrieben haben. Peter Geiger, »Der neue Tag«
Ich beglückwünsche den Verfasser zu diesem beeindruckenden Werk,
das − wie alle seine Gedichtbände − einzigartig in der lyrischen
deutschen Landschaft steht. Die Versprachlichung der Bilder, Plastiken und
Keramiken eröffnet eine neue Welt, nicht nur für die hier angesprochenen Werke,
sondern auch für die Sprache selbst. Der Plan, die Zusammenstellung und die
zwölf Stationen wirken nicht ausgeklügelt, sondern gelebt, geschaut und
empfangen. Deinert ist in der Sprache und im Raum der sichtbaren Kunst zuhause
und nimmt darin Künstler auf, die nun bleiben − auch dank der kundigen
und mitlebenden Anmerkungen. Die erfahrene Hand des Gestalters vollendet das
Ganze zu einem Buch, das ich zu den schönsten zähle, die im vergangenen Jahr
gedruckt wurden. Es ist ein Glück, dass es erscheinen konnte.
Professor
dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg
AUS DEM INHALTSVERZEICHNIS
I. URSPRÜNGE 9
AZURNE
TRIGONOMETRIE VON OTTO
RITSCHL 11
»FELIZ
1962!« VON FRANZO NONNIS
13
DER
QUELLGRUND DER AUGEN VON
ANTONIA CORMEAU 15
ENTHÜLLUNG
VON ANTJE TESCHE-MENTZEN
17
PIOMBINO VON UTE HARTWIG 19
II.
BEDROHUNGEN 21
SATURNISCH
VON OTTO RITSCHL 23
HADESFAHRT
VON SYLVIA ROUBAUD 25
VERGITTERUNG
VON HELMUT STURM 27
EINSTURZGEFAHR
VON ERHARD PASKUDA 29
»AMERICAN FOOTBALL« VON WOLFGANG KOETHE 31
III.
LICHTBLICKE 33
»DE PROFUNDIS« VON IRMGARD VON KIENLIN-MOY 35
AUF DAS ›JAIN‹ VON BRIGITTE JAHN 37
ZEITSCHICHTEN VON AKIRE HERTER 39
SONNENAUFGANG
VON ROGER GERSTER 41
LICHTQUELL.
VON MARINA SCHREIBER 43
XI. ÜBER DIE
GRENZE 129
PANSSTUNDE.
DER BARBERINISCHE FAUN 131
VERFLÜCHTIGUNG
VENEZIANISCH VON A.
TESCHE-MENTZEN 133
ABFAHRT
VON WILHELM VON
HILLERN-FLINSCH 135
KREUZLEGE
VON KARL BOHRMANN 137
FEUERWERK
VON MAX HERRMANN 139
BEISPIELE:
AZURNE TRIGONOMETRIE
KOMPOSITION VON OTTO RITSCHL
Ein
klingenhieb
klüftet die
wand: in eine
zone von
blauem ozon
stehn keile
aus kühle
auf −
zur stele
in steiler
raute über
der zeile
des roten
ins kahle
gestellt..
Einschrägende
kanten
brechen den
lichtfall
in stufen
der bläue
und meisseln
die schwärze
zu
eingespannten
trigonen von
schnittpunkt
zu anschlag
der lineale − −

APOLLONIA
BESCHWÖRUNG VON KARL-HEINZ HOFFMANN
Durch die
wimpern gesehn: ein bronzener
mattganz,
fusslos über die tiefe
gleitend,
der leib und gewand
einer
wendigen säule gewann −
aus
errichteter lichtbahn
auf
abendgewässern.
Und durch
die gestalten wechselt: nun
Oreade aus
scheintoter
wurzel
entsprungen, eine
knospe voll
sonnebereiter
gesichte
hebend − nun Jägerin, der
ein pfeil in
dein herz von der sehne des knies
in gestalt
eines windspiels schnellt − am ende
die Botin
des schicksals mit dem gesenkten
stab in der
linken, einer
brünne von
brüsten und
dem mondfeld
von leerem antlitz, durch das
vom spiegel
der nacken-
mähne
geworfen,
maskenzüge
aus mienen ziehn − −

FLASCHENGEIST
ETRUSKISCHES SALBGEFÄSS
Langsamer wirbel aus nachrauch
steigt aus der schattigen mündung.
Der atem der grabkammernächte ist
eine wehende säule überm erstarrten
blattkranz nachträumender strahlen.
Das salböl der Toten
hüllt ihr verwesen in duftgewölke
und nimmt sie in ihr verflüchten..
Ich lege die hände um seine urne,
von sonnen im aufgang nach unterhalb
geschuppt, mit tagen versehen. Dürstende poren
schlürfen mein wärmeopfer in
die kühle der höhlung. Es geht in verengten
ringen, vom sinkenden ölsee gespurt,
dem erblindeten spiegel
nach.
Er saugt meine atemzüge
in die enttauchende, mit ihm
sich weitende halle − unendlichkeit
in meine lidhaut getieft
nimmt mich in ihr verflüchten − −
*
Geprägtes Leinen
mit Schutzumschlag
18 × 21 cm,172
Seiten, 23.- €
ISBN 978-3-86858-103-4
DAS BUCH VOR ORT. Eine lyrisch-epische
Aufrüstung
Dargestellt ist ein Lebensweg aus einem noch zeitlos ländlichen
Vorkriegsdeutschland bis zur Gegenwart. Insofern die Abfolge markanter, lyrisch
erfasster Momente insgesamt einen epischen Ablauf ergibt, tritt hier die Lyrik gegen
den Roman an. Nach Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre, beginnend mit
einem Zivildienst bei einem Esoteriker und radikalen Vertreter der modernen
Kunst, wird ein junger Mensch in den Strudel der maßlosen Ausweitung aller
menschlichen Möglichkeiten gezogen und gerät in ein maßloses Aneignen und
Ausleben des Überangebots einer unbewältigten Gegenwart. Die fortgesetzte
Überforderung seiner selbst, noch vermehrt durch eine Drogenerfahrung, die
fahrlässige Lebensweise und schleichende Schädigungen durch eine belastete
Umgebung, beschleunigen den Zusammenbruch. Auf dem nun folgenden Leidensweg
aller gelähmten Kräfte und durchkreuzten Vorhaben, der durch den untersten
Tiefpunkt der Kurve geführt wird, bahnt sich die Ahnung eines nicht mehr an
sich raffenden Verhaltens an. Die mühsame Selbsttherapie führt zur vertieften
Wahrnehmung des Unversehrten, der Erde in ihrer bedrohten Kostbarkeit. Im täglichen
Umgang mit den einfachen Dingen und auf Gebirgswanderungen findet eine
Selbstfindung in weitgespannten, auch fernöstlichen Zusammenhängen statt, mit
ihr die Reifung zum Eintritt in Verantwortungen und zur Teilnahme an den
Erfordernissen der Gegenwart.
Die staatlich-sozialen Verhältnisse - Hand in Hand mit
Naturkatastrophen und globaler Verelendung − entwickeln sich zu einer
mafiosen Wirtschaftsdiktatur und beschleunigen die Verdrängung der abendländischen
Bildungskultur durch die manipulierte Vermassung des profitgetriebenen
Unterhaltungsbetriebs. Der Stellenlose schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten
durch und wirkt in Schutzverbänden mit. All das führt zur Verstrickung in
Strafverfolgungen eines aktiven Widerstands. Parallel zu dem: das Auf und Ab
der Partnerschaft mit einer feministisch geprägten Freundin, die sich die Rolle
einer esoterischen Diotima zulegt und zu gefährlichen yogisch-tantrischen
Praktiken verführt. Apokalyptische Ausblicke und weiterführende Perspektiven
halten einander die Waage. Der fallenden Linie des äusseren Scheiterns
entspricht eine steigende innere, die sich in Momenten der Selbsterfüllung
innerhalb weitgespannter Zusammenhänge und eines dichterisch gelebten Exils
unter Freunden verwirklicht. Insgesamt rückt dieser Ablauf das Werk in die
Tradition des „Quester’s Tale“, also der Parzival- und Faust-Aventiuren. Auch
östliche Traditionen klingen an und werden ins Heutige übergeführt.
Die Versformen entsprechen den inneren Vorgängen. Die erhöhte
Seitenzahl ergibt sich aus den wiederkehrenden Kurzzeilen. Fortlaufend gedruckt
entspräche die Textmenge dem Umfang eines Romans von zumutbaren 365 Seiten.
STIMMEN ZUM ›BUCH VOR ORT‹
Ich glaube, die
Sache überfordert mich in ihrer Wucht...
Mir und den Kollegen, die involviert waren, fehlt dazu vielleicht der
Mut. (Lektorin vom
Suhrkamp Verlag)
Auch ich bin damit
überfordert. In einen Autor Ihres Kalibers kann ich mich nicht mehr hineinfinden. (Bernhard Albers. Rimbaud Verlag)
Ihre Seiten sind
durchaus lyrisch und haben mich in ihrer Geschlossenheit und ihrer ganz wunderbaren
Sprache tief beeindruckt. Dieser lyrische Zyklus war in seiner Gesamtheit ein
Leseerlebnis.. Ganz sicher werden diese Gedanken ihr Publikum finden und ganz
sicher – wie ja fast immer bei Lyrik – eine kleine aber auserlesene Leserschaft.
(Roswitha
TH. Heiderhoff, Verlegerin)
Leider komme ich
nirgends an, wo ich Ihren Projekten nützen könnte. Sie ragen etwas heraus aus
Ihrer Zeit, so wie die Formate, die sich Lektoren immer auf der
Vertreterkonferenz wünschen, aber im
starren Regal der Sortimentsbuchhändler keinen Unterschlupf finden.
(Hans
Jürgen Balnes, Lektor im S. Fischer Verlag)
Es ist
beeindruckend, welche Wanderschaft durch die Verlagslandschaft Sie mit Ihrem
Opus schon hinter sich haben und welche staunenden Urteile die Kollegen für
Ihre Texte gefunden haben. Ich kann die Bewunderung teilen. Ebenso eindeutig
ist aber auch der Entschluß, Ihr Manuskript nicht in unser Programm
aufzunehmen. Es hat vermutlich im Moment kaum jemand die Kraft, ein so sprödes,
sprachspielerisches und zugleich philosophisch tieflotendes Werk auf dem Markt
durchzubringen. Die Zeiten sind nicht danach.
(Elmar
Faber, Verleger)
Wir sind voll der Bewunderung für Ihr ambitioniertes Buchprojekt,
sehen aber bedauerlicher Weise keine ausreichend große Leserschaft dafür. (Lektorat vom
Residenz Verlag)
Ist es nicht eher
ein Aufführungs/Vortragswerk? Denn das der Text in dieser Form wirken muss,
steht für mich außer Zweifel. (Lektorat Wallstein Verlag)
Ein grosses, in
der deutschen Gegenwart einzigartiges Werk, sprühend vor Leben und ein Vulkan
an kühner und neuer Sprache. Die durchdachte Vielfalt und Differenzierung der
Komposition helfen dem Leser zur Über- und Einsicht – eine wirklich
bewunderungswürdige Leistung und mit ausdauernder Leidenschaft ausgeführt.
(Prof. Dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg)
Einmal mehr hat
Wilhelm Deinert einen großen, mitreißenden Gesang voller "unbegangener Worte" geschaffen..
Wie er rhythmisch die Risse im Gefüge der Welt nachzeichnet, die in seiner Dichtung
plötzlich als Struktur aus lauter Sollbruchstellen aufleuchtet, das ist immer
wieder faszinierend und in seiner widerständigen Eindringlichkeit unerhört
modern.
(Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung)
Bewundernswert,
was da an Welthaltigkeit, an stilistisch wie inhaltlich unterschiedlichen Partien,
Erkenntnissen, Mitteilungen, Erlebtem usf. bei unglaublich hoher Qualität des
ganzen Wurfs zusammenkommt. Ich wüßte keinen annähernd ähnlichen Vergleich mit
dem hier Entworfenen, Ausgeführten zu nennen. (Dr. Eberhard Horst, Schriftsteller)
Ich habe das Werk
gelesen. In viel kürzerer Zeit als ursprünglich veranschlagt, denn mit einem
hatte ich nicht gerechnet: Daß die Lektüre bei aller dichterischen Höhe so spannend sein würde! (Michael Haussmann, Maler und Bildhauer)
Dieses Werk hat
schon einige Gemüter erfreut, denen ich daraus vorlas. Ihre Verse bewegen
vieles, tippen an, und schon ist man auf großer Fahrt – zu Brunnen in der
Wüste..
(Dr.
med. Ingeborg Tönjes, Psychotherapeutin)
In einem poetry slam vorgetragene Stücke
aus dem Band brachten dem Verfasser einen Sieg über namhafte Rapper ein.
Textproben
Erster Teil:
SANDELHOLZ UND PETERSILIE. Eine Umkehr.
1. Sturzgeburt
Hurli tohu
wa – was?
burli bohu
da – das!
Rumpelpumm,
dreh’ dich um:
du bist dran,
stirn-voran
aus der furt
auf die wurt –
rolle vorwärts
in die
geburt! – –
Mit dem urknall
in den ohren:
es spiralt,
strudelt, zischt –
hier erstrahlt,
dort verlischt – –
Dahinein:
mitgeknufft
mitgemischt
mitverpufft –
mitgeboren
ist mit-
verloren..
Nimm vorlieb, wenn es nicht
die bananenwälder Hawaiis, nicht die palmen-
küsten von Birma
und Śri Lanka sind – wenn die rüpel-
winde von hinterm polarkreis dich an-
rempeln, kaltschnäuzige fröste
dich bläuen! Auch hier
erwarten dich inseln und jahres-
zeiten befristeter seligkeit!‹
...
Sie ducken
ihn tiefer hinab
ins karge –
bis wo es nicht flacher,
nicht
meeres- und grundwasserspiegel-
näher hinabgeht.. Also da:
auf dem
neuesten neuland,
wo es beinah
mit dir
im
fettglanz der schollen
zwischen
prielen der abflut enttaucht –
wo die
ewigkeit
vor den
augen am werk ist..
..Da sitzt er:
zwischen kammer und sparren –
honiggold
tanzt der staub. Eine wärmende lichtbahn fällt
in das buch,
das von drachen und helden,
das von burgen und bräuten sagt,
auf seinen knien. Es riecht
nach dem starennest, mit den jiepern darin,
zum geräucherten speck in der mausefalle.
Ein weltall durchsonnter gespinste
umstellt ihn; ein schluchtwerk spiralen
überspinnt die gebälke
und winkeltiefen
mit versilberten scheiben,
die die warmluft bewegt,
voll verfangener fliegen..
..Eben
dann
sprang der rasende Dämon aufs dach
und schwang das heulrohr
und heultöne auf und ab.. Und schon
rollt und rumort es an
in eisernen drohnenschwärmen
übers meer und die küstenwehr
mit schächten voll tod in schatullen –
sprangen die scheren auf
mit den klingen aus lichtstrahl den himmel
scherend, und nahmen ein pünktchen,
ein fliegendes silberfischchen in das kreuz..
...
»Steht ein lichterbaum über dem land –
gilt er mir oder gilt er dir?
Gilt er Hamburg und Bremen
oder gilt er uns hier?« –
Gloria in excelsis –
wem?
Für einen triumphzug,
ein nieder-
beugendes sich-enthüllen
trat die Furchtbare aus
dem brennenden vorhang
mit der krone aus brandbomben um die stirn,
dreifachen patronengurten um
die metallenen brüste
und dem rollenden gürtel aus totenschädeln,
die geschwader von bombern
und raketen
aus der phospornen mähne schleudert,
mit vervielfachten armen
in puffen aus rauchpilz
flammenwerfer und brennende türme schwingt,
kastagnetten aus vierlingsgeschützen
und maschinengewehren schlägt – und tanzte,
sturmläutende schellen am fuss,
und stampfte das
menschenwerk in den grund – –
..Was
dann? »Da wäre
ein Alter, der braucht – das heisst: ein alter
Meister, der wünscht – nämlich ein Künstler,
der sucht – « ›Was sucht er?‹
»Keinen Lehrling – das nicht! der wünscht
einen Famulus« – ›Was?‹ – »Der braucht einen jungen
menschen, der ihm – er weiss schon
von dir – der könnte dir weiter- « – – Mit dem klooss im hals
und dem schluck-auf hinein – springvergnügt
heraus!..
velims
wipfelgesang
›A-hoi!
aa-hooi!
Mann a-hoooi!
Hier bin ich!
toi-toi,
toi-toi-tooi!
Und Du? wo bist Du?
wo und wer bist Du?
und was weisst Du denn schon von mir?
..
Wenn du eine geige machst,
so musst du auch spielen –
wenn du einen pfeil machst,
so musst du auch zielen!
Und bin ich ein lumpen,
so binde mich an einen mast
und nicht an diesen pfahl –
so spanne mich vor deine winde! – –
..
Aber nimm dich in acht:
ich werf’ dir mein herz zu: ein rotes
schandmal an deiner tür,
wenn du sie nicht aufmachst –
ein rubin
in deiner krypta –
in deinen stollen –
in deinem gestein?‹
AM TOR
..Da ist er – und nickt
im gehäuse und schaut
aus dem rahmen und winkt
dich herein ohne wort:
grau wahrhaftig!
ein gewrinkel das durch
alle runen spielt,
verzieht die geschlängelten
(ist es lächeln? ist es
empfindlichkeit?)
die verlängerten, über-
schmalen, an denen
du hängen und lesen,
dich versinnen und rätseln
wirst..
Es gestikuliert
von den wänden gang-ein
ein geschweife in farben,
das deutende ärmel
ohne hände regt,
ansehende blicke
ohne augen hebt
und redende lippen
ohne münder bewegt –
dich nach hinten und vorne,
dich nach unten und oben,
dich nach aussen und innen
verweist (und sagt
kein wort, aber scheint
was zu meinen – aber
was? aber wen?)..
»Wenn du noch lesen
wolltest, da wäre so manches:
für unsere wikinger-
fahrt in die hochsee der welten –
steigst du ein, fährst du mit?«
Er greift in die tasten seines
regals: auf braust
Des Erhabenen Sang, frohlockt
Zarathustras ruf –
er zieht die register OM
mani padme hum –
und reicht einen palmwald in klein,
der nach östlichen schreinen
und stupen riecht (denn »Gottes
ist der orient«)..
Nicht genug: (»Gottes ist
der okzident«)
entfesselt die blasebälge
des abendlands:
Pindarische hymnen und Dantesche
sphärengesänge,
Trilogien der leidenschaft
und tragischer unter-
gänge.. Ein wackliger turmbau
sturzbereit wächst
auf den händen und lehnt sich schwer
an die brust –
wie für eine reise nach übersee..
»Auf den kopf! deinen kübel herum-
gestülpt, in der stunde vor tag,
die die reinste der stunden ist;
allen muff aus der lunge geschnaubt
und das reine herein; seinen bauch
in die zwinge genommen – vor
und zurück, aus und ein – den
verschrumpelten
pressack auf taille getrimmt;
eine spritze salz in den schlauch.
Deinen ast, den verholzten krummstock
in dir, musst du drillen und drehn,
bis er durchschwingt und schnellt – bis
dein gang
wie ein federnder bogen ist, der
auf der spitze tanzt..«
»..Der fegt den kehricht vom gehsteig, der
legt
eine himmelsbahn – mit dem selben besen,
dem gleichen strich!
Der kippt den müll fort, der schüttet ein
weltall von samen aus –
Den ödet sein abwusch an, zu dem steigt die
Ganga herab –
Der schaufelt den schnee, der bricht mit
den augen das himmelsbrot,
dem rauschen die flügel der Seraphim – Der
räumt das besteck fort,
dem schlagen die geister den schellenbaum –
– «
»..In den strom
der zeit? labyrinthe aus strömen! die durch-,
mit- und gegeneinander
treiben: aus mitzeit und abzeit, inzeit und
umzeit, über-
und unterzeit, unzeit und obzeit, wenn-
oder aberzeiten, hinter-
und gegenzeit.. Als da sind: malgründe von
lichtweiss zu nachtweiss,
die sich tönen in meere und abermeere von
lila- zu purpur-
spektren bis ultramarin und verdichten zu
wetterkarten
terrestrischer oder stellarer flüsse von
schwefel- zu duftgelb,
adern aus opferröten und lichtwein in immer
andern
sequenzen und schichtungen oder erstarrt
sind: nun architekturen,
dort kubisch und kristallin; dort profile,
atmende skulpturen
die osmotische keimlinge unseres werdens,
schwingende membranen
der gemeinsamen seele sind.. Das wäre ein
fischzug, eine
kreuzfahrt durch meinen ozean – segelst du
mit, bist du seeklar,
gerüstet? ..«
VELIMS OHRENKLINGEN
›Selig sind die Aufbrechenden, denn sie
sind in das offne, das freie – mithin
in die wahrheit getreten; denn sie haben
den tempel verlassen, der sie von Sei-
atem getrennt hat und haben sich anvertraut
seinen winden und seinem [nem
strom, seiner hochsee und sind aus den ausgeweideten
pfaden geschritten,
die in sicheren zäunen den trott um die
stickige hürde gängeln und haben
sich aufgemacht, Ihn im ungebahnten zu
suchen – Den der die wildnis,
die fremde, die einsamkeit ist. Die also
ihn suchen gingen in seiner
wahren gestalt..‹
STUDENTENFUTTER
Zum aufstehn?
»Wulthus in
hauhistjam guda, ana airthai gawairthi!«
Sein frühsport?
»Biugu, biugis, biugit, bouc, gibogan«
Zum frühstück?
»Tristan, Isôt – aller edelen herzen brôt«
In der tram?
»Das Rollwagenbuch – glückhafte Schiff – und
Gianozzos«
Das kolleg?
»Die Stürmer – romantik: vor-, nach- oder neu-
wenn nicht -märz«
Seminar?
»Das werk: immanent – intentional – struktural«
Referat?
»Thematik der liebe – motivik der transzendenz«
(Antrag
auf gebührenerlass: »Ziel des Studiums?«
›Unbekannt‹)
»Kommst du mit,
Kandidat?« Wehmutblick in das buch:
›Eine seite
noch!‹ (Sie trällert und kämmt
ihm die langen
gewellten vor – in den linden-
duft,
mövenschrei fenster-ein – jede zeile
tanzt).
»Dein roman läuft dir nicht davon,
du Streber,
aber die sonne! Wenn du
nicht willst – «
...
Abgekühlt –
im hechtsprung ihr nach vor die arme
getaucht,
du auf-, sie hinab. Und so fort:
Gallions-
figur einer woge, die dich
überspült,
schnellt sie auf und ab, hände-nah
wieder auf
und ab mit den triefenden brüsten,
sonne-
fliessender haut bis zum nabel
heraus
und strudelt ein wassergrünes
geperle
um deine hüften. Sie lockt dich
aufs hohe
meer..
›Warum spielst du nicht
mit?‹
(Wer bist du –
biest du – bis du –)
»Pst, du!« – –
Stummes auftun
der tiefe –
stummer wogengang –
stummes
versinken darein –
zuckt und pocht
auf dem grund, ob es wieder-
pocht..
Hauchlaute, kose-
namen
aus mondlicht und halbtraum
händemulden-
weich umflüstern
die schultern
die hüften das haar –
blauer mantel
um einen roten
kern – –
»Da ist eine stelle, unfern
von Benares – ob du
es verstehst?
(wir verkraften auch das!) – da gibt es ein heim,
ein lager – es ist für ein jahr
oder mehr« (Alten muff
und papiere
wirbelt es auf und
schmeisst dir den winkel-
staub in die augen und wölkt
eine fernsicht auf –
was siehst du?)
»Da trifft sich ein kreis – Der da lehrt, war hier
(von dem später mehr!) Sie kommen
aus aller welt –
vielleicht
kommst du nach!« (Ein dschungelrand rückt heran –
tut sich auf: abgründe nach oben
und unten! Was schwankt
auf dich zu?)...
Wir haben
verzichtet jahrtausendelang
und gedient – ihr konntet
und durftet.
Versteh’ uns: jahrtausende dürsten
in uns – durch uns
will es nach-
geholt sein. Dies hier – du selbst,
so vergraben – die bücher,
es ist nicht
das leben...
Aus ›VELIMS TAGELIED‹
Die sonne ist meine esse: ich schleife mein herz zum
brennglas. Du hast
deinen kunstgriff verheimlicht:
wie man seine zeit zur retorte
verschliesst und verdichtet –
bis ihr nu an nu wie ein honigfliessendes
reifgold in schweren
karaten entrinnt – wie man seinen
körper (es ist nicht
vergessen, auch das)
zu dem
bogen spannt, der pfeil auf unfehlbaren pfeil nach seiner
bestimmung (sei es
ein herz, ein wild, ein Tellschuss, die Zwölf, sei’s ein
flug um zu fliegen) abschnellt!‹
..›Auch hier sind Götter. Göttinnen!‹
Durch den gasmulm der altstadt – Einer trägt
seinen trotzigen tunnelbau um die
schläfen voran, sie unterwandernd..
An seinen tempelbezirk: Ein
rosettenberädertes himmelsgefährt,
das speichen Fortunas bewegt,
archivolten voll Büsser und Engel
um schwingende bronzeflügel zu
wölbungen auftut. Er schweift sie
hinan, überfliegt bebilderte sprossen
aus buntglas wie zeilen eines legenden-
und weltbuchs – schwingt sich zu
konsolen aus dienstbaren nacken auf –
fluchtlinien, die sich spinngrau
verzweigen verschlingen verlieren,
nach..
Wo tempel, sind schätze: ein
schatzhaus an -haus der alten Piraten,
tun säle voll schaugold und hofprunk:
grabkammern aus rahmen
zu schächten voll ausblick ins
nichtzubetretende nicht-mehr auf.. Er treibt
landnehmende späherblicke in die
moscheen und stupen,
in den
pagodendunst und blinzt durch den nebel de zeit...
›Ihr dort – was tut es? –
ich hier. Mir voraus: unterm hohen
licht, aber spätlicht!
Wir mit dem flachen lichtwind der frühe
Im rücken. So tag
wie die nacht als mein augenlid um den
ball holt dich ein
und unterlings schafft dich
zu mir – mich zu dir: meine schwelle ist
nichts als die unterste, aber
die nächste der ufer-
treppen Benares’! So gehe ich um,
triffst du mich an den brunnen und
tempelstufen..‹
GISMA AN VELIM:
»Bisweilen, mein sehr Gestrenger,
ist liebe ein fernkurs – ich vertraue und rate zu!
Deine skrupel
und gründlichkeiten:
wie fremd liegt dergleichen und spinngrau zurück! Es war
meine welt:
eine stubenmoral
hinter dichten gardinen (verzeih)! Wenn du Einen die tabla
mit blitzenden
zähnen in diesem
licht und halbnacktem körper schlagend sich wiegen
sähest..
Und ich trinke dies licht
mit allen gefässen und will dein krug sein – ein sinnes-
organ
deiner seele, du sagst es! –
und lauschen wie eine Diebin für dich auf jedes
wort,
jeden weckruf, der dich
befreien möchte. Denn ich sehe dein werdebild
nicht so ferne
von diesen; es steckt
auch in dir!..«
Denn wir sind das feuerschiff, einsam bemannt,
das die mündung zur grossen ausfahrt bezeugt..
Diesige
nacht fällt – schwer auf die lider. Lass gut sein,
bezeugen
so sternklar es wolle, so schläfrig so trüb! Doch
nein,
in das schreckbad: am eis seinen mattglanz
gefrischt – nachgehärtet
zugleich das ermüdete schwert, seinen hohlschliff
gewetzt,
(und schmiedewarm in die scheide so kuschelnah,
federweich?) Nun, der stahl geht so lange zu
amboss,
bis – geht so lange zu wasser, bis.. Löser Schlaf,
löse du was du lösen kannst: überliste, erlöse
den der nicht los, der nicht locker lässt von sich
selbst – –
Klettermax am
verbotenen mast,
du hast mit
dem scheitel den hochdraht berührt – starkstrom
ganz
besonderer herkunft. Eindrucksvoll wie das herausfuhr:
prasselnd
ein feueraal dastand für einen
gleissenden
einguss! Alle lichter sind aus – alle kabel
versengt.
Du selbst: im schamanischen wirbel rasender
sinne, der
dich am boden weiterrollt,
durch
flackernde schluchten gerädert – und dich einen aus-
gewrungenen
mantel aus seiner schleuder wirft. –
Bekömmliche
nacht – ruh’ dich aus! bis du dich wieder-
kennst, hast
du zeit.. Sei grosszügig, freundlicher Schlaf,
erfahrner
Therapeut – hände- und augen-
ringend
umworbener Gast wachstarrender nächte –
in diese
ausgebrannten steinkohlenschächte
von himmel.
Darunter: ein foltergewölbe geschwungener
zeiger wie
keulenschläge und lautlos zermalmender
speichen, das ihn in sein getriebe nimmt – –
..›Mein Dämon, Foltergeist der mich
umlurt und – schere ich aus: mich mit
der einen
fuchtel vor seine andre scheucht.
Wärst du
kein fluch, verhängnis – wärst der
schreckschuss oder
stromschlag des übertritts, der den
schutzkreis zäunt -
die stimme wissender als ich? Erziehst
du mich, übst du mich ein, dass ich
die winke,
leisesten stimmen meiner selbst
befolge?
Soll ich dir traun, dir in das pfadlos
offene
folgen als meinem pol, der meine nadel
nach keiner seite will als zu sich
selbst?
Bin ich es selber: meine grenze, mein
femegericht, das sich selber ahndet –
du
der Unbekannte, der sich selber an mir
vollstreckt?..‹
ZWEITER
BAND: ›ALMRAUSCH UND SCHWERBETON.
Eine Betrauung‹.
»Elí, Elí«
eine wunde
schrie:
»Leg' die hand
auf den mund,
wirst nie mehr
gesund!«
Eine fuchtel aus
geschundenen
nerven
schlägt zu –
durchkreuzt was
du tust,
ob du gehst oder
ruhst..
Es jubelt: »Ho
he,
steh auf und geh –
bist gesünder als
je!
Also was tun – wie packst du
es an? Er kramt
sein rüstzeug
hervor, richtet
den werkelplatz..
Also wie gehabt?
soll's weiter-
gehen: erprobt
der Galeeren-
sklave die
ruderbank –
Stemmt der Titan
die achsel
unter den berg und
schultert den Ätna?
»Nicht
so, Ritter Ganz-oder-Garnicht,
Nun-oder-Nie:
mit der falte der stirn
als
der eingelegten
lanze
auf Gott und die welt zu!
Du
musst nicht, du brauchst nicht – du sollst nicht!«
Ist
frieden? Bricht der Belagerer
seiner
selbst die blockade ab?
Die dinge
schweben an ihren ort –
und ich bin es nicht,
der sie stellt. Meine hände
begleiten sie nur – sie hatten
den gleichen weg..
Die schürze ab – gut war's! Da fehlt was:
singen
im ohr meldet das auferstandene buch
zu wort und läutet die vesper ein. Setz'
dich:
der flüsternde geist schlägt seine flügel auf
und schattet über dir – hält dir das pult!
Alles
ist neu zu sehen
zu lernen, zu
leben. Herrlich
zugleich und
erschreckend – weil fremd.
Auch das unsre! Ich
kenne dich nicht –
und du? was
wusstest du, weisst du von mir?
»Bist
du's also doch? Der heilige ungehorsam,
wenn
es der denn ist – und war.. Alsdann,
solange
die alte nuss noch klappert – «
› – solange das meer aus der muschel rauscht:
sei es aus deinem mund,
sei es an meinem ohr – in meine seele!‹
»Riechst du's: Formalin, brühwürfel und
sagrotan –
das sind die flüsse der unterwelt..
Charons kahn
ist ein knarrendes stellbett mit
schwenkarm und hebebaum«
›Malströme in erntefarben von deiner hand
sind die flüsse der oberwelt, ihre leinen
die segel
am augenkahn unsrer erdumseglung!‹
»Wie ging's dann? Erzähl' – wo will es
hinaus?
Es hören die lerchen nicht auf zu rühmen
–
die krähen hören nicht auf zu schmähn«
›Es hören die gipfel nicht auf zu rufen,
die blitze nicht auf zu schlagen –
nach hier wie dort reisst der abgrund den
rachen auf‹
Da lag er, im feingenähten wie von einer
mutterhand
oder schwester gestärkten und
hochgeknöpften weisshemd:
Ich sah einen Wandermönch
der hintritt vor unsichtbare
throne am ziel – und sah einen Lehrenden
im talar
unterm südlichen zeltbaum – sah die
geschliffenen züge
des Sherpas vom frost des Himalayas
versteint –
Urvater grub mir sein Dennoch und Vorwärts
in gestalt einer knochigen rune ein,
einer stirn
vom klöppelschlag eines bronzenen willens
gewölbt
und geschmeidigt, ein feuer in
feingeglühten
höhlen bezeugend das ohne schlacken
verglomm..
Nun Meisterschüler und Debütant
auf strategischer bühne, nimm dich
zusammen:
sei klug wie die vorderste zungenspitze
der vipern und rein wie der
frischgespannte
malgrund seiner leinwand! –
›Damen und Herren! Im namen Derer die uns
voraus
gelitten, die hölle durchwandert – ihr
dies unser festland entrissen
haben – für die der so hörbar wie sichtbar
uns Nahe
mir steht – ohne die kein weg und kein
wort, wir selber ein nichts
wären – will ich meinen dank
meine sorge und
obhut ihm erweisen.
Kastellane der
kunsthallen und museen, der aulen
und musentempel, festsäle und
philharmonien:
Herein, seht euch um! Hier wäre ein
sprengstoff, der eure wände
in lichtjahre aufreisst, neuräume des
weltalls ohne
kostspielige teleskope eröffnet. Paneele
zu schwebenden auditorien warten auf
ihren ort.
Der geist ist ein wandernder Märtyrer –
macht eure fenster
auf: er wirft seine goldenen kugeln ein!
Geld habt ihr für landebahnen und
transrapide,
rollbleche für jedermann: Hier steht ein
geschwader
raumschiffe nach innen bereit.
Rafft eure pompösen brokate: dies hier
wie das glück ist geliehn, solange ihr's
nicht
in die sammelgrüfte verdammt. Auch ihr,
Drahtzieher und Börsenmakler der szene:
riecht ihr kein geschäft?
Gold ist
götterkot, den ihr erdenparcours hinterlässt.
›Springerin löwengemähnte, über den
hochfirst
schüttle die flammen und winke den
südwind
von drüben herein, lass flutende wärme
und südlicht sein!‹ Ein neuleib von
schmiegsamem umriss
biegt sich in botenwinden des frühlings
und wirft seiner Leuchterin
die heimliche kusshand zu..
Mit der drachenfahne der schnauflust vorm
mund,
lungen voll herzdank und überschuss in
schriftband
verflüchtender segenswünsche an dürstende
kaltluft
erbietend – gleise voll hohleis in
spriessenden dolchen
das kracht unter jedem tritt..
Es streicht um den wimperbug: der blick
tut zittrige kindertritte – das
stolpernde herz
ist ein hinausgelassenes hündchen und
tollt
voraus. In blassgrauen prielen
ablaufender nachtgewölke
ziehen die träumsel, der schlick aus den
winkeln ab.
Die hände am riemenpaar
wie der hirte sein kalb trägt, geht es
voran.
..Mein
gläsernes konterfei,
zeige mir an, wer
ich bin: wär' ich der Bildhauer
meiner selbst,
der an seiner statue meisselt
und feilt? Viel
zu offene äuger und lauscher nach ringsum!
Bin ich der
Eigenheimer, Kakteenbegiesser
und Gassigänger mit
Struppi dem hündchen, der Unkraut-
zupfer? Viel zu
gebuckelte stirn drüberhin!
Sprecher der
Zeitgenossen, stimme des Mannes,
der Frau auf der
strasse, Wortführer ihrer begehren –
Brüllsänger auf
podien, Schmettrer am mikrophon?..
›An die Schützer
der Umwelt: Stellenloser beantragt
baldmöglichste mitgliedschaft zu ermässigtem
beitrag –
ersatzweise bietet bereitschaft zu einsätzen
in
erreichbarer nähe. Berichte von laufenden
wie
geplanten aktivitäten gleichfalls
erwünscht!‹
Geehrte Versammlung! es gibt ein
geschehen vor unseren
türen, in unseren strassen – auch das
riecht nach einem
tödlichen gas: kein ägyptischer Pharao,
triumphierender Maharaja und Grossmoghul
am tag seiner krönung kam mit den
pferdestärken
geprunkt wie jeder
Lusche und jede Strunze
von heut! Und sie malen den satansrauch
ihrer spur
in die lüfte – und fragen nicht, wen er
verkümmert, vergiftet.
›Kannst kommen: ein nagelbett
für die Büsserin, halber schrank
samt stuhl am wackligen tisch
stehn bereit! Nur sei vor der enge
und meinen marotten in küche
und kultus gewarnt. Auf wunsch
wird geräumigeres, auch getrenntes
baldmöglichst für dich beschafft.
›Kennst
du das schneefeld der einsamen
spuren von
weltraum zu leerem raum – dies starren
ins graue da
vorn, das die deine verschlingt? Kannst du
das wunder
ermessen, wenn aus einer helleren stelle
von gleichen
gefällen bewegt eine zweite entspringt
die deiner
beilenkt – und über den beiden eine
wandernde
lichtung das triefgraue schleppgewölk
erhellt, die ihr
schweifen und nahen vereint?..‹
..Vergebens, ist
alles
gesagt: Verteile
ein flugblatt – es landet im abfall;
umwirb einen
sender: sie schalten ihn ab; eine zeitung:
sie lesen den
börsenbericht, reportagen vom fussball! –
Die linde blüht, streut
winde voll samen im weitflug:
kaum einer geht
auf – doch sommer um sommer weht
der saum einer
Göttin aus ahnung und heilduft um sie..
Orgelmusik – aus
der hutzelkirche am weg:
sang eine
totenklage aus brechenden röhren –
wimmerte mit
verstimmten registern – sang
einen untergang.
War es der ihre – der unsre? Ich sah
eine sinkende
insel: schwarze wasser aus schlaf
und vergessenheit
krochen die strände an. Tonfluten
aus silbernen
mündern schlugen die schwärze zurück.
Vergebens. Ein
letztes aufgebot schutzflehender
stimmen sang rote
sturzseen aus offenen adern –
sang einen
schutzwall. Wir wussten: wenn ihr verstummt, wenn ihr
euer tönendes
blut verströmt habt, sind wir verloren!
Siehst
du's, meine rosenfingrige Muse
ist
zur grünen Hostesse auf dem streifengang mit sprechfunk
und
mahnblock geworden. Das haus – nein die erde brennt!
Erst
müssen die quellen – auch der kastalische es löschen..
Ein krug, ein paar matten und gläser, ein
brotkorb – genug!
›Also kommt,
bringt eure Freunde mit – euren zorn,
euren kummer
desgleichen! Erzählt eure neuigkeiten,
von eurem woher
und wohin, euren liebhabereien!
Die gemeinheiten
lasst uns hinunterspülen – sorgen
bricht man am
besten mit dem geteilten brot.‹
Verschleudert –
was für sonnen, herzstürme, worte..
Stirb zur probe:
was brächtest du mit? Nichts als
dich selbst: die
verschrammte stirn von berannten wänden,
verbundene hände
von nicht geschaffter steilwand.
Schaffe
ich das nicht, so wirke ich dieses! Nütze
ich dort nicht,
so helfe ich hüben..
Leer stehn in
wettern verfallend die häuser der Hirten –
von wohnhorst zu
einsiedelei wehn sendefäden
den gastruf.. Ein
fernkreis ersteht – und nichts ist vereitelt.
Sende: nun
wirbelströme, nun glättende grüsse!
Eines das käme: Hilfst du mir? und gediehe
in deiner obhut,
liebe – was wolltest du mehr?
Sing vom
machandelbaum das lied: Kommt vögel
und plündert mich, dank habt – ihr tragt meine saat aus!
›Denk' dir
ein javanisches palmen-
idyll:
am südhang der Alpen
im schoossknick
steilwandiger ufer-
berge
ein leidlich erhaltenes
almhaus
mit steinernen tischen
auf tropisch
verwilderten garten-
terrassen..
Sind
Helfer gekommen, mit sorgeverstummten
gesichtern
umschweigen den tisch – –
Frühwach
–
grellblau
aus gestochenem
umriss
umflimmert..
Mit linsen und messgerät,
filter
und sonden
schwärmen sie aus. Schwül weht es.
Wirrwinde
entspringen – die
windfahne tuselt und steht in das unwetter-
tor..
Feuchtjammernde
augen schweigen
es
aus: Da habt ihr's –
wir
haben euch gewarnt! Keine lampe
brennt,
nur ein notlicht.
Noch melden die
sender: von wasserständen bedrohte
dörfer,
verschüttete
strassen, bahndämme unterspült
– ganze häuser sind
in
die seen geschwemmt –
Unser reichster Mann greift nach der
macht –
lies deine Apokalypse nach! Der Drache
der tausend köpfe erwacht: in alle türen
und briefkästen steckt er sie dreist –
von allen bildschirmen
lächelt er feist! Alle sender und blätter sind schon
sein – schon reden und melden sie
überein:
sie pauken und posaunen für seine Partei
der freien
Wirtschaft – lies: Raserei!
Alle Bonzen und Grossbosse
sind dabei – sie werben mit treibstoff
und steuer-
erlassen: Wählt uns, wir bieten euch stellen in massen –
euer glück ruht
so sichrer je voller in unseren kassen!
Und wo du hinsiehst, siehst du sie
verprassen, konzerne
paktieren und Leute entlassen.. Weisst du
keinen psalm,
keinen toast darauf? Ein
künstlicher jubel und applaus
johlt durch alle
strassen und säle, in jedes haus!
Wer die erde
zerstört, wer die formen und grenzen sprengt:
zerstört auch mich,
sprengt auch die meinen.
Der giftige atem
streicht um den erdball. Ob du dein zelt
in der wüste
webst, die hinterste dohlenklippe beziehst:
der teuflische
opferrauch an das Goldene Kalb
ätzt deine
lungen..
Mit schach nach
der regel und zug um zug
kommst du denen
nicht bei –
sie haben das
spielbrett vom tisch gefegt – –
Er sagt's nicht,
aber: wie er hinunter zur täglich
giftgrauer verrauchten ebene starrt, gibt
er den planeten –
unseren kampf, wohl das ganze menschliche
zwischenspiel
in der johlenden hölle des weltraums –
verloren. Eine
leidensfurche um seine lippen
gräbt sich verfolgbar herber und härter
ein..
Dann wieder spielt eine heiterkeit
um seinen mund, sein tun als könne sie
nichts mehr
verzerren und trüben, als wäre sein
grundfels unter den füssen
auf anderen sternen – er zu einem solchen
(von dem er bisweilen
munkelt, dem unser bemühen zugute
käme) auf wegen, die man durch sich
selbst ertaucht,
unterwegs. Sein abschied von allem
geliebten, erweisen
der letzten ehre ist nun sein tagewerk..
Ein zeichen sein,
es setzen:
das ist es – du
tust es!
Die Unsren von
berg zu berg
zünden die
lichterkette: brennen
in die gewissen
das brandmal, den warnruf –
alarm.
Ob sie der letzte
Kärrner ihres
betons,
ihrer
brennelemente und schützenpanzer
befolgt – die
schaufel den schlüssel die flinte hinwirft:
ist nicht unsre
sorge.
Wir hätten das
uns gebotne
getan – was darüber ist nicht zu wollen..
Nicht hass sän:
unser merkmal
ist nicht die gewalt,
nicht die trümmer-
spur – ist
sühnezeichen! Der wimpel
muss stehn, bezeugen – wenn's angeht: weit
sichtbar. Und wir sind
entbunden.
Es wäre die andre
nicht kriegs-
sondern siegeskunst
der weissen Rose die aus dem grab blüht..
..Da musste krieg
sein:
stahlgraue
ungetüme
rückten in
breitem aufmarsch über
die äcker; sie
walzten die raine und saaten nieder.
In schutzloser reihe standen die
Einwohner gegen sie über.
Sie schickten
ihr liebstes Kind
vor:
ein kleines
Mädchen in weiss
mit blumen im
engelsgelock, ein körbchen
am arm. Es
streute blüten, soweit sie reichten,
sah auf mit angstweiten augen – ein
zaghaftes händchen winkte.
Und stille –
das weltgericht hielt
seinen atem an.
Da fiel
ein schuss – und
spie eine hölle von schwärzen
in das gesicht
der sonne. Ein schreigemisch –
der satansschrei der kommandostimme,
heulsturm von motoren –
entsetzens-
aufschrei der
Mütter
(sie stürzten
vor) zerriss
meine herzwand.
Sturmgeläut toste..
...
Es prahlt von den ständen und ständern – sie schlachten es aus,
schleudern es in die antennen: Erster Selbstmord-
anschlag in
Deutschland – aidskranker Student
sprengt erste
Joche des Transrapidviadukts
mit sich selbst
in die Luft – Menschenleben
umsichtig
verschont – neue Formen des Widerstands
gegen den
Wirtschaftsimperialismus – Kränze und Kerzen
am Tatort
polizeilich entfernt – wer sie erneut, wird verhaftet –
Nachfolgetäter
befürchtet – Fortbau einstweilen gestoppt –
Bedrohter
Naturpark vorläufig ausser Gefahr –
Hintermann der
Tat aufgrund gefundener
Briefe im
Schweizer Asyl vermutet – die Auslieferung
wegen fraglicher
Rechtsstaatlichkeit des Antrags verweigert! – –
DER WÄRTER:
Kopf hoch – nach oben ist platz
für eine tiara! Kein Häuptling von Altamira,
heiliger Franz in der eremitage
hatte es besser. Richte dich ein
und schmolle dich aus – die zeiten sind schlecht,
wir wissen's (schwamm drüber!) Wenn du was brauchst:
mehr decken, bücher schreibzeug papier
(man sieht es dir an) dann sag's – man lässt mit sich reden.
Vor allem ausruhn, im voraus – uns blüht
so manches.. Die nächte, zum glück, sind länger
hier als da draussen.. Ansonsten: geniesse den ausblick!
Mutter Erde, Hier liegt ein Verlorener, stärk' ihn –
ein Winzling tritt gegen die drachensaat einer welt an:
Leg' ihm deine hand auf die augen, schliess ihre brennende wunde
mit schlafmull in wimperform..
Neues vom Tage, Die Weltpost:
Aufruf von terra mater zum sturm auf gen-
technisch gefälschte saaten weltweit befolgt!
Humangenetisches klonlabor des konzerns
provitaglobal durch bombenanschlag verwüstet!
Rodung des tropischen regenwalds von Helfern
aus aller welt und Eingebornen mit pfeilgift
von langzeitbetäubender wirkung vorerst gestoppt!
Havariegefährdete tanker von Hafenarbeitern
und Küstenbewohnern nach löschung der ölfracht versenkt –
kutter von illegalen Walfischfängern desgleichen!
Gewerkschaften rufen europaweit zum streik
gegen bau von atomkraftwerken, weiteren seil-
oder landebahnen und schnellverkehrtrassen auf!
Gefängnisse ähnlich betroffener länder vornehmlich
von Jugendlichen seit
monaten überfüllt –
von der bevölkerung mit girlanden geschmückt!
Wirtschaftskartelle rüsten ein söldnerheer
zur durchsetzung ihrer programme und interessen!
'Umweltverbrechen sind kriegsverbrechen –
verhindrung ist notwehr!' Der Weltstrafgerichtshof,
wo unersetzliche werte der menschheit
bedroht sind, sofortigen einsatz erfordern,
erkennt ein widerstandsrecht am ort
der bedrohung an..
»Wer nichts tut, wird mitschuld.. Sich nicht verschludern, so teuer
wie möglich verpfänden – es wäre der würdigste schlußsatz
unserer passion: An einer stelle der erde genugtun,
dem einen schützling alles empfangne von quellen und morgen-
röten, beeren am waldsaum und badestränden
erwidern. Der meine wäre ein lindenbaum..
Es läutet in bronzeschlägen
am hoftor – schweigender nachhall
aus hallraum gewordnen gehören
pocht echolotende klafter in
den untersten auffang der stimmen
des immer Einen – am drücker am zündknopf
im wachtturm – pocht ihn
hervor.. Da keimt was, schwillt auf:
ist es der wutschwall aus stierblut in
den daumen nach abwärts? ist es der finger-
tupf der die tore sprengt?
Brecher von kriegslärm und sieges-
geheul, chorälen und hilferufen
reissen die ferne auf − in ihr verhallen..
Ein luftzug − schwillt an zum orkan:
er rast durch die steigenden
gänge, die felge, das strudelnde rad −
er sprengt die türen,
reisst dich in den trubel
zerstiebender und
entspringender sterne − −
*
Das Ganze stellt sich als eine Abfolge markanter Momente und
Stationen dar, die ihrerseits eine jeweils andere Kontrapunktik in Gegenbildern
oder Dialogen austragen. Die vielfach konträren Wechsel geben dem Buch ein
dramatisches Element; nicht minder die Bewegung zwischen den Polen der Einkehr
und des Engagements, des Stillstands der Zeit und der zügigen
Handlungsschritte. Der epische Ablauf trägt der lyrischen Sprache eine
vermehrte Lesbarkeit ein.
Die sehr abwechslungsreichen Vers- und Strophenformen entsprechen
den jeweiligen Stoffen und Vorgängen, mit kennzeichnenden Rückverweisen und
Abwandlungen im zweiten Teil, gegen den Schluss mit Vorstössen der freien Verse
auf den klassischen Blankvers zu, der am Ende weiter umspielt wird. So ist die
Sprache auf sinnlichstmögliche Vergegenwärtigung ihrer Gegenstände, das heißt
auf rhythmisch-dynamische Übertragung und Mitvollzüge angelegt.
Der Typus des lyrischen Epos hat andernorts längst neue Anerkennung
gefunden: Wo er wie in Walcotts
"Homeros" mit kolonialer Exotik daherkommt und sich mit Terzinen von
Dante und Homerischen Namen schmückt, ist er sogar mit dem Nobelpreis als
zeitgemäß deklariert worden. Nicht weniger Aufsehen hat der "Roman in
Versen" von der Carson erregt.
*
SHAKER media
Hardcover. 622 Seiten, 32,90
€.- €
ISBN 978-3-86858-522-3
NAHE DRAN. Im
Herzpunkt der Radien
Der
Band vereinigt poetische Texte geringen Umfangs, die aus unterschiedlichen Anlässen
neben der Entstehung seiner umfangreichen Vorgänger verfasst wurden.
Den
verschiedenartigen Gegenständen entspricht eine Vielfalt an Formen − von
Einzelstrophen über metrisch sehr variable Gedichte zu Sequenzen in Vers oder
lyrischer Prosa, die entsprechend mannigfaltige Tonarten und Rhythmen
anschlagen.
Bislang ungenutzte
Gelegenheiten − von Texten für den Anrufbeantworter bis zu vertraulichen
Dialogen in Gestalt von Fensterln −lies: SMS − werden wahrgenommen.
Sie
ergaben − insgesamt nachgereift und um Neustes ergänzt −einen wieder anderen, ganz
eigenen zyklischen Ablauf: radial aufgefächerte Lebensbereiche treten zu einem
Vollkreis zusammen. In fremden Sprachen Entstandenes (Altgriechisch,
Italienisch, Französisch, Englisch) erscheint zweisprachig mit deutscher
Übersetzung.
TEXTPROBEN
I. AM WEG
AUFBRUCH
.. Wandern ist Brustschwimmer
sein
in passaten des luftmeers −
der weg
springt als sein wildbach
entgegen.
Lamellen aus tauglanz wie
abgestreifte
riemen von traglast beiseite
gebogen!
..
Pfade, weithin verfolgbar, werden zu nerven-
bahnen, an meine sinnesorgane
geschlossen – in atemzügen
führen mir welt zu. Wohin des winds?
Bahnendes
auge vor augenhalt,
das
einhakt, voran! Wir Steinpicker ohne den hammer
schlagen
die fremde an:
ein
frischer aufbruch am andren
legt
einen schrittstein an stein vor unsere blicke - -
WINTERNACHT ÜBER FLORENZ
...
Vorm nachtblau
treten die weissen
zierate des doms
unter das eisige glitzern
Orions.
Auffasernde marmorformen
heben sich von ihren sockeln
zum flimmernden rauhreif - -
II. PILGERBÜCHLEIN
Gewisse Orte konnte man als Ziele weltlicher Wallfahrten verstehen. Die beiden ersten Proben sind umfangreicheren Abläufen entnommen.
LEBENDE KRIPPE AUF ISCHIA
...
So
also, im zwingenden schreitmaass unseres Kantors
geleiteten
wir unsren Schatz, unsre himmelblaue
Madonna
samt Ungeborenem unter dem umhang
auf
einem steinigen saumpfad bergan.
Hangabwärts
zur seite durch kahlende kronen ging
das
letzte verbrämen der reben im restlaub
unterm
verlangsamten sinkflug der sonne mit.
Kräuselnder
windglanz durch wachsend gerötete
risse
im streifengewölk über schäumende ufer
wehte
vom sichtbar-unsichtbar gewärtigen meer herauf...
CUMA. Sibyllinischer Prozessionsweg
...
Halt!
Sperrzaun – erleg' deinen obolus:
es
geht ins Andere ohne
Acheron
ohne boot! Verengte passagen
im
anschnitt erstarrter laven
streifen
was du nicht selber bist von dir ab.
Vorhöfe
weiten den brustkorb, dass du
das
nie geatmete einsaugst bis in den untersten
zipfel
der lungen. Ein strömt es in seeglanz vom durchstich
der
felsen meerauswärts – und stellt deine augen
auf
fernsicht, unendlichkeit.
Zu
der geht's bergeinwärts..
DELPHI
Schlagende
zungen
des
orts, zypressengeflammt
im
fallwind der hochklamm.. Er schärft
nachwachsende
pfeile des lichtstrahlbesaiteten
bogens.
Wahrsagende bläue
spannt
glänzende sehnen von kulm zu kulm,
die
schwalben und weissgold verfliegende
kühle
versendet. Zikadenhell
schwirren
die nadeln an federnden schäften...
III. LICHTBÖGEN ÜBER DER STUNDE: ZU GAST
Die hier vereinten Kleinformen umspielen das Grundmuster eines Gästebucheintrags.
Durch eisernes stabwerk, von
ranken
begrünt, der aufgefelderte
vollkreis des blütenkalenders
aus beeten und jahreszeiten,
der meinem wiederbesuch ein
pfade-
geschlängel um rasen und
locker gesellte
gruppen saftstrotzender bäume
im mitzug der sommerschatten,
vorduft mitreifender früchte unterlegte.
*
MALVEN, mauern, mirabellen..
Insel
im irgendwo
Ruft
die rosen zur rast -
Atem
der abende tönt
Bräunende
büsche am bach.
Erntende
hände
Lesen
die früchte, von dankenden
Lippen
zu worten entsteint -
Erde
und Ernterin,
Nehmt sie von
meinem baum!
*
Unter quadern in steinrot und
nachtigallen
am flussbett in blühende
büsche getaucht,
von buchpult zum duftend
gedeckten tisch:
haben
wir auf die goldene biene gelauscht,
haben
wir mit dem Rumpelstilzchen gelacht –
unser fernrohr nach neuen sternen
geschwenkt - -
*
IV. DICHTERISCH BEHAUST
An Orten, wo man sich längere
Zeit aufhielt − als Feriengast oder Stipendiat − entstanden neben Einzelgedichten
auch zusammenhängende Sequenzen, bisweilen in Prosa.
MÜNCHEN – GELIEBTES PHANTOM
Spät ist’s – über gärten von Schwabing brennt noch
ein licht. Da wacht, von aufgeschlagnen
gedichten umblättert
Eine, die scheint ein orchester
getrennter stimmen zu hören,
die ihre passagen üben. Sie lauscht akkorde
hervor und denkt ihnen plätze
in einem zwanglosen stellkreis um unsere stadt zu...
Flugbahnen der worte von mund zu ohr
wurden gewölberippen des saals –
ein wehendes hochzelt über der steigluft
ihrer konzerte, das sie
durch rastlose zufuhr musischer stimmen
in atmender schwebe erhält.
WO DIE ERDE IN VERSEN SPRICHT – RONCO SOPRA ASCONA
ANKUNFT
Am
tor in der hochwand, von ranken
umweht,
sah ich durch die fugen
und
schlürfte die rasenkühle
des
vorhofs in sonnegetränkten
mauern.
Ruhe der innenräume
quoll
durch die weissen
bögen,
vom nachduft der vasen
getränkt.
Die atemzüge
der
säulen und drinnen geahnter
gedichte
durchwehten die stille..
Ich
hörte das brunnengeräusch
der
sekunden ein zwiegespräch
umgebender
dinge mit meinem
anhalten des atems eröffnen...
WO GUT MALEN UND DICHTEN WAR – Olevano
Romano
Dieses
gewoge von höhenrissen auf mehreren seiten zeichnet ein melos vor, das musische tage unterstellt. Unbegrenzt ist die sicht in
die lichttiefen über der römischen Campagna,
die an den wellenlinien der Albaner Berge ausschwingt. Derzeit mischt der
himmel darüber stündlich wechselnde amazonenschlachten aus der kaltluft über
den immer noch weissen gipfeln, den einflüssen der unfernen küste und der vom
offenen süden einströmenden wärme..
Es ist nicht wie bei uns das gegeneinander von
licht und schatten, sondern von licht und wieder anderem licht, das ihre
scheinbar begrenzte spanne zu olympischen erscheinungen steigert.
*
Korbträgerinnen, die letzten – greise
Karyatiden – tragen den hausschatz
durch ausgestorbene gassen, ratlos
wohin.. Sie zögern am stadttor,
schaun zu den endlos rollenden
strassen hinüber und kehren sich ab –
tragen ihn weiter durch ausgestorbene
gassen, ratlos wohin..
TURMGELÄUT ÜBER MUZOT
Es
geht auf mehrere Aufenthalt im dortigen Rilke-Turm zurück.
NACHKLÄNGE
‛Da stieg ein turm!’ und bot seine lichte
weite
zum hallraum der heimatlos
beherbergten
stimme an..
Rühmender
klangstrom der seine kehle,
sommerwind
der seine harfe fand,
durchschwang
den gemauerten fels..
Schwingrauch
in versen
stand
über den giebeln und griff
in
steigenden ringen und wetter-
zeichen
über das land aus – –
OSTERN IN MUZOT
Unbeirrte musik,
selig leis (ob die staub-
fäden der blumen ihre
saiten und stimmbänder sind?)
schwärmt um die geschosse, in immer engeren
schlingen an sie geschmiegt,
und vertont ein ungeschriebnes
gedicht in schaukelzeilen
des talwinds: von rosen im knospenschlaf
zu amselruf aus dem kirschblütenweiss,
pappeln im keimgrün zu mittags-
knistern im mauergebälk,
vom bienenumtaumelten
südhang zu einem – ist es ein stehender silber-
blitz gletschergrün aus dem felsen-
riss bis herab, weinberge begrünend und
die schleppe der gärten – ist es
ein eis- und sonnegetränkter
vers von der sehne des wasserfalls?
DIE LANDLOSE KOLONIE
Es ist der
imaginäre Raum der menschlichen Beziehungen. Die Texte dokumentieren eine Gesellschaftskultur,
in der Literatur, bildende Kunst und Musik sich als das verbindende Element
erweisen.
DAS NETZWERK DER ORTE BLINKT
Wir sind's: ein salzmeer voll rudernder siphonophoren −
unsre tentakeln durchflimmern die strömung.
Sie wiegt uns im gleichen puls der gezeiten −
schliesst mich an das wohl und weh seiner Mit-
bewegten. Ein grüssen, vermelden, erwidern
furcht gassen einer durchfluteten stadt
am boden − hier
bahnt sie, drüben verwischt sie − −
DER ADERPLAN
Ich
und der reisewind, wir Zwei
führen
ein weberschiff:
das
webt an geweben meines
anderen
leibes, zum wurzelgeflecht
um
meinen wohnsitz verdichtet.
Es
treibt seine fasern nach immer dorthin,
von
wo es anweht, voran.
Der
vorhang im hintergrund meiner lider
bewegt
sich: er gibt eine fernsicht nach rückwärts in
durchwanderte
räume frei.
Da
liegt es zu augen in gestalt
einer
karte aus sachte verblassender zeichnung.
Wo
du sie andenkst, ein lichtfall sie trifft,
erhellt
sich's − nachleuchtende orte
nun
hier nun drüben treten hervor...
DER KÜNSTLERHOF
Geht leise zu hier oben, ist
ein marmorhain skulpturen:
ein schreittanz von güssen
und weissen
torsen tritt aus der zeit –
wo der Meister zur
lichtscheid die runde um
ihre sockel und, mit
gereifteren in den ton
greifenden händen, sehender
ihnen voraus
sie weiterentwerfenden augen
hervor geht – –
WIR DIE MALTESER NACH BEDARF
Schlag an, meine wünschel, fege den raum −
kristalle in lindgrün und lichtweiss befolgt
ihren wink, bezieht eure posten!
Finstere adern der erde, weicht aus:
umfliesst die
schützende mandel um eine wiege!
Sie schliesse die freundlichen strahlen des himmels
zu einem verdeck zusammen − denn
es lauert so finster am horizont!
DER KONZERTSAAL
Das
licht lässt den schmetterlingen, der mond
dem
meer keine ruh – uns selbst nicht der sturm
der
akkorde, der leiseste anschlag von Sylvias händen:
ich
werde zum leib, über den ihre saiten gespannt sind –
werde
zum aufflug der möve der seine kehren
nach
ihren läufen, zum tümmler im meer
der
in ihrer strömung wo immer zuhause ist.
Dann
wieder holt ein panther in mir zum sprung aus,
braut
ein gewitter aus einem schwarzgewölk
seine
blitze – um nichts als ein blühwillig keimendes beet
von
sonnen, die ihre hände entwölkten,
strahlengetränkt
nach ihrem verhallen zu sein – –
DIE STREUOBSTWIESE
Hier
überwiegen die Widmungen eigener Werke an ihre Empfänger..
Unter
den bogengängen von Sankt Bonifaz,
die
soviele tore zu innenräumen
wie
schleusen der ausfahrt ins hochmeer
auswandernder
Herzen bis hinter die sterne sind:
für
eine stunde im wellenschlag seiner räume
wurde
das mauerwerk seiner apsis, meine
stimme
ummantelnd, zum hallenden gaumen ihrer
worte
– ohrmuschel zugleich des empfangs
sprachloser erwiderungen – –
‛SPASS MUSS SEIN!’ intermezzo
scherzoso
HIER BIN ICH: ‛ICH RUFE ZURÜCK!’
[Liebe Anruferin, werter
Anrufer]
Sie befinden sich am rand
eines elektromagnetischen
wellenmeers. Nach dem
mövenschrei
können Sie Ihre sorgfältig
verschnürte sprechblase
aus einem wellental zu mir
herüber schleudern
lassen. Mein auffangnetz ist empfangsbereit ausgespannt!!
*
[...] Sie sind im gehörgang
eines empfangsbereiten
ohrs auf halbem wege stecken
geblieben.
Geben Sie nicht auf: eine
meldesonde
wird zu Ihnen hinabgelassen –
sprechen Sie namen und befindlichkeit
auf!
Ein rettungseinsatz wird in
die wege geleitet,
der Sie mit notproviant
versorgen wird.
MUMMENVERBRENNGESANG [Zur Faschingsauskehr]
Krick krack und schuhuu - was da brennt
das bist du, was da schmaucht
das bin ich! Erkennt ihr mich
nicht?
Da verschmort eine fratze,
erscheint
eine glatze, verpufft eine
seifen-
blase - vielmehr eine rote
nase. Da wimmert mein
grössen-
wahn, meine narretei -
süsser dünkel, vorbei
vorbei..
Ein sinken die flammen - was schrumpft da zusammen?
Ein fleckchen schmalz, braune
aschen und graues salz.
Gott Vaters schnupftabak
könnte es sein -
der schmalzler einer
kosmischen nase.
Sie schnupfe uns ein, eine
kräftige prise -
inhaliere uns tief und niese
ein närrisches weltchen
verjüngt wieder aus!
ABENDREVUE
Die stunde
des vorschlafs ist ihr bevorzugter
auftritt; die
bühne, ein dämmriger meeres-
ausschnitt,
ist in die binnenwand
meiner stirn getieft. Sie kommen an land geschwommen
und richten
sich auf, raffen ein laken vom strand
um ihre
schultern und treten so in die kulissen
ihres
verschwindens gehüllt vor mich hin, erwartend −
solang ich
ein wort weiss. Sobald es verstummt,
nicht haftet,
sie hält: holt sie der graue
nebel vom
meer ein..
Sie lassen ein leck
in meiner herzwand:
ein urnenfach
an das -fach,
das ein name (vielleicht
ein bild, das
eingebrannt ist) verschliesst.
um wieder aus
ihm zu erscheinen, sich an-
zumahnen: den
loskauf? ein larenopfer?
VII. BIST DU’S? – SEI DU’S – WER BIST
DU?
In Gegenbildern zur Pop-Erotik wird ein lyrisch-naiv eröffnetes Verhältnis aus der Ich-Befangenheit der Partner durch Krisen zur unverstellten wechselseitigen Wahrnehmung und in ein robustes Miteinander übergeführt. Als neues Darstellungsmittel tritt an die Stelle des klassischen Briefgedichts der Austausch von fernschriftlichen Kurzmitteilungen [SMS].
Sei Mein Südwind
Sende Mir Sommer
Sonne Mondnacht Sternklar!
›Komm
wieder − komm in mein raumschiff!‹
»Sag'
erst: wohin geht’s?«
›Zum Mond – zur Venus.. Wohin du
möchtest!‹
»Nur
bis dort, wo die schwere aufhört!«
›Also in die sphäre des leichten –
des leichtsinns?‹
»
− des ausruhns von allem was schwer war«
›Und dann, wenn du ausgeruht bist?‹
»Nur
dasein: für dich und mich − das unsre!«
›Nicht auch zu wanderflügen um unsre
stelle?‹
»−
in schleifen der rückkehr wie ein blattkranz«
› − bis uns der vollkreis der
rose aufblüht?‹
»
− und uns genug ist!«
*
SCHREIBEND
SPIELT MEINE HAND durch deine haare,
streift
um deine züge mit fingern zu deinem empfang
von
sonnegereiften dingen getränkt:
denn
sie haben auf felsen im bachbett, mauern
und
sommerfarbigen früchten geruht –
haben ein wohltun aus vasen und
marmorformen
gesogen und für dich verspart. Wann
kommst du?‹
...
Hab'
an mich gehalten: zwei arme voll leidens-
ertrag
ganzer jahre. Ich öffne sie, habe
zu
bieten: magst du, so nimm – komm wieder!‹
Schlaflose
nacht wird zur heiseren muschel am ohr − −
*
WIR ÜBEN UNS EIN
Die alten gegenden, zweisam betreten,
mulden den hohlweg verjüngter pfade.
Er wölbt den gemeinsamen augball
um unsere blicke. Wir trugen den ablauf der bilder
auf seinen wänden voran, im gleichfall der schritte −
dass jeder des Anderen herzraum betrat − −
Mit
verstossenen zehen in halbschuhen ohne halt
die
kuppen anwärts und holprige steige hinunter
bist
du mir nachgestapft. Und ungetrübt unbemüht,
sooft
ich zurücksah, erschien mir ein almwiesenblühn
an
deiner stelle – trank ich den enzianblauen
bergquell
in wimpern gefasst.. Mein dank gab den vorfrühlings-
blüten
am weg das wort – das wandernde pansrohr bei fuss
wurde
zum sommerstecken in deiner hand.
...
*
Nicht in die leere nische
starren: hoch steht ein portal, dir offen −
ein schatzhaus voll wohlverwahrter
reichtümer des lebens in ihrer
gestalt!
Was du deinen sternen
zurufst, wenn das aus ihrem
wald nicht zurückschallt:
hören, was aus ihren kammern,
von ihren wegen, besuchen,
dir aufgeschlagenen
büchern dir zudringt − den herzklang der lieben stimme!
REQUIEM
SIE SIND UM UNS
Alles ist denkbar:dass Sie's sind
− dies flutende um uns
im luftmeer in feinster stoffloser verflüchtigung,
vielleicht zu musik geworden: sei es in drohend
nachgrollenden untertönen, ruhig-
prächtigen adlerkreisen und
trillernden kolibristimmen.
Blas in eine flöte, ein horn: es könnte ihr klage-
rufen in unser herz sein, was da auf dem luftstrom
in unser gehör fährt. Trag töne ins notenblatt:
sind Sie's nicht in dichten
gewölken um unser lauschen −
worauf schon? als ihren einzug in unsre symphonien,
oratorien und kantilenen...
*
DAS ALBUM
Sind
schichten zu blättern, von einer vergriffenen
kordel
gebündelt. Umgewendete
seite
um seite trägt mich zu Ihrem vergilbten
oval. Da ist Sie – beinahe Kind noch:
›Was hast du für halbverhängte
verschattete
augen?‹ – »Ich sehe dein leben
voraus!«
– ›Was hast du für kräftig gewölbte
backen?‹
– »Ich soll deine Mutter sein!« – ›Für zäh
geschlängelte
lippen?‹ – »Ich muss die verschlagne
Marketenderin
werden, die euch durchbringt!«
...
AM SARKOPHAG ANTONIO MACHADOS
›Manche
pfade hab’ ich gespurt,
manche
furche hat meine hand gepflügt:
verwischt
und verschüttet sie alle.
Manche
rose hab’ ich gezogen,
mancher
tag war ein weinkelch, ein rausch:
sie
alle verdorrt und verflogen.
Mein
ertrag – mein verdienst? Mit versunkenen
träumen
das nachtmeer getränkt –
um
ein verstummen das schweigen vertieft – – ‹
EINGEÜBT IN DAS HINÜBERSEIN
NACHTSEITE
Eismond
− stillstand der atem-
züge
in kristalliner
erstarrung.
Verpochender
herzschlag
− der stumpfe
einfall
der eispickelhiebe
in
die gefrorene
schwärze.
Der rauhreif
treibt
seine fasern in
die
weisse abwesenheit.
Im
ostwind sirren die drähte − −
DRUM
Schliesst mir die augen verlässlich,
faltet mir nicht die hände −
setzt mir kein lächeln auf,
schminkt mir kein morgenrot auf die backen!
RÜCKBLICK
Wir
schlugen die rose im wasser auf,
von
den sommern gewiegt, von den stürmen gezerrt –
und
haben mit sonnesüchtigen lidern
die
wurzel im seegrund genährt, die keiner sieht − −
*
SHAKER media
Hardcover. 250 Seiten, 26,90 €.-
ISBN 978-3-86858-693-0
***
Der groteske Umstand besteht, dass die Versform vielfach als
Behinderung und Erschwerung des Lesens verstanden wird, obgleich sie die
Mitteilsamkeit und Eindringlichkeit der Sprache erhöht.
An drei Beispielen aus dem >Buch vor Ort< möchte ich diese
Leistungen aufzeigen.
1. Gegen Schluss
des zweiten Bandes heisst es:
Sing vom machandelbaum das lied: Kommt
vögel
und plündert mich, dank habt – ihr tragt
meine saat aus!
Wenn man nur zwei
Wörter der Verse umstellt und sie durchgehend liest, werden sie zur Prosa:
Sing das lied vom machandelbaum: Kommt vögel und plündert mich, habt dank – ihr tragt
meine saat aus!«
Der auffälligste
Unterschied der beiden Fassungen ist: Die zweite spricht über das Lied,
die erste macht es in Andeutungen hörbar, macht es sinnlich erfahrbar. Denn:
Die Versform ist eine Vertonung mit spracheigenen Mitteln. Sie setzt
rhythmische Akzente und nutzt die Satzmelodie, um den semantischen Bedeutungen
der Wörter musikalische Möglichkeiten hinzuzufügen.
2. Der erste Band
beginnt mit einer
STurzgeburt
..
Rumpelpumm,
dreh’
dich um:
du
bist dran,
stirn-voran
aus
der furt
auf
die wurt –
rolle
vorwärts
in
die
geburt!
– –
Mit
dem urknall
in
den ohren:
Es
spiralt,
strudelt,
zischt –
hier
erstrahlt,
dort
verlischt..
Der stoffliche Inhalt dieser Verse liesse sich auch in Prosa darstellen.
Aber der konzentrierte Ablauf würde alsdann episch zerlegt: ein Erzähler würde
als externe Stimme zwischen dem Stoff und den Hörern vermitteln, der in den
Versen gewissermaßen sich selbst präsentiert, als Sprachgeschehen vor den Augen
und Ohren in den Raum gestellt wird.
Verse sind
unmittelbare Vergegenwärtigung eines Geschehens. Damit sind sie zu
grösserer Straffheit und Eindringlichkeit der Sprache fähig.
3. Ehe der jugendliche Hauptdarsteller
des Werkes sein Dorf verlässt, rebelliert er gegen seinen unfreien und
verhinderten Zustand:
...
Ich
soll graben und bin doch kein maulwurf –
apportieren
und bin doch kein hund!
Und
– und?
Wenn
du eine geige machst,
so
musst du auch spielen –
wenn
du einen pfeil machst,
so
musst du auch zielen!
Und
bin ich ein lumpen,
so
binde mich an einen mast
und
nicht an diesen pfahl –
so
spanne mich vor deine winde!
Die Sprachenergie dieser Verse vermittelt zusätzlich zum
wörtlichen Sinn emotionale Informationen. Die Umsetzung in Prosa müsste sie
in verbal-semantische Aussagen übersetzen, also umschreiben. Sobald sie diese
durch die Intonation und Erregung der Sprache wiedergeben wollte, hätte sie
Anleihen bei der Lyrik gemacht, die mithin zu ungleich grösserer Knappheit
befähigt ist.
Summe: Die Verssprache
erweitert die Informatik der prosaischen Sprache um wesentliche Mitteilungen. Sie ergänzt sie um eine Welt von
Tönen, die die Musik machen - das heißt: um die Ausdrucksmöglichkeiten
einer averbalen stimmlich-phonetischen Gestik. Als eine Art Trägerströmung
überträgt sie zugleich mit dem Wortsinn ihn verstärkende, auch verdeutlichende
und erweiternde vorsprachliche Botschaften, die als elementar-menschliche
Äusserungen nicht selten von gleichem Belang wie die wörtlich artikulierten sind.
Die Spanne äusserst differenzierter lautlicher Signale, die ihrer Melodik und
Rhythmik zu Gebote steht, erweist sich als unerschöpflich.
*****
Erreichbar unter:
mailto:
einschlupfzu@wilhelmdeinert.de
Anschrift: Wilhelmstr. 18. 80801
München
****
Die fünf Jahrzehnte, die uns trennen und
verbinden, meine jungen Nachfolger und Nachfolgerinnen, sind in der gesamten
uns überschaubaren Geschichte der Menschheit ohne Zweifel dasjenige halbe
Jahrhundert, das die ungeheuersten Veränderungen nicht nur der menschlichen
Verhältnisse sondern der Erde selber mit sich gebracht hat, wie sie vor unserer
Zeit ganze Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende erfordert hätten. Es gab wohl
keine zwei aufeinanderfolgende Generationen, die so völlig verschiedenen Welten
angehörten wie die eure von der unseren, aus der wir kommen. Wo immer man euch
zuhört und zuschaut, tritt es zu Tage, dass die Mehrzahl von euch andere
Interessen und Vorstellungen vom Leben, andere Sorgen und Vergnügen hat – ja
eine andere Sprache spricht als wir. Und doch hatten keine zwei Generationen
einander so viele und so bedrängend wichtige Dinge zu sagen – hatten so nötig,
jede sich in der anderen zu erkennen und zu verstehen.
Ich habe noch meinen Grossvater die Tenne
seines Bauernhofes stampfen, seine Körbe flechten und seine Schafe für das
Spinnrad meiner Grossmutter scheren sehen – wie es seit etlichen tausend Jahren
mit geringfügigen Veränderungen geschehen war. Die Erde selber war in weitesten
Bereichen gleich unverändert geblieben. Ihre Vorräte an Rohstoffen und
Lebensräumen schienen für den Fortbestand einer
menschlichen Kultur unerschöpflich und unbegrenzt zu reichen.
Aber die Entdeckungen waren schon
gemacht, die es ermöglichen sollten, die Bodenschätze dem Wohlstand der
Industriestaaten kurzfristig und scheinbar unbegrenzt zuzuführen. Das kam
zunächst dem Wiederaufbau unseres vom Krieg schwer verwüsteten Landes zugute.
In einem von der ganzen Welt bewunderten Aufschwung wurde binnen wenigen Jahren
erreicht, dass wir nicht nur menschenwürdig, sondern so gut und behaglich wie
nie zuvor leben konnten.
Dann wiederholte sich der offenbar
unvermeidliche Sündenfall: die Wohlhabenden wollten nicht gut, sondern besser –
und immer noch besser! – leben. Und wir alle wurden mehr oder weniger weit in
diesen unbedachten Wohlstandstaumel hineingezogen. In einer vorher
unvorstellbaren Explosion des gesamten Verbrauchs und Aufwands zum täglichen
Leben maasste ein privilegierter Teil der Weltbevölkerung – und zwar der
weitaus kleinere, zu dem wir ohne irgendein Verdienst gehörten – sich an, zu
seiner immer grösseren Bequemlichkeit, seinen immer ausschweifenderen Vergnügen
schrankenlos über das Naturgut aller Menschen zu verfügen. Es war unsere
Generation, der es zukam, sich selber Halt zu gebieten, um der Zukunft der
Menschheit und der Erde willen sich selber Grenzen zu setzen – nicht
alles zu tun, was man tun kann! Aber sie hat wie seit eh und je unsere
Artgenossen mit wenigen Ausnahmen peinlich versagt und durch eine wahnwitzige
Verschwendung, eine von Jahr zu Jahr sich steigernde Ausbeutung und Missachtung
der Natur wichtigste Energiequellen weitgehend verschleudert.
Der alte dummdreiste Turmbau von Babel
wurde ein weiteres Mal unter dem Namen des unbegrenzten Wirtschaftswachstums in
Angriff genommen. Und wir sind die Zeugen, wie er vor unseren Augen wankt. Die
Lebensbedingungen selber – das in Jahrtausenden hergestellte Gleichgewicht der
Naturelemente – sind so verheerend gestört, dass Wälder und Korallenbänke
sterben, fast ein Drittel aller Anbauflächen in Wüsten verwandelt ist, unser
lebenswichtiges Grundwasser absinkt oder verunreinigt wird, Südseeatolle durch
das Abschmelzen der Eiskappen ertrinken, und mit jedem Jahr ein Stück
Landschaft von der zweifachen Grösse der Schweiz verloren geht. All das nimmt
mit einer solchen Blindwütigkeit seinen Lauf, dass selbst die zunehmenden
Unwetterkatastrophen und immer düsterer ausfallenden Prognosen keine
wesentliche Besinnung und Umkehr bewirken. Im Gegenteil: durch eine abgefeimte,
aus jedem Hinterhalt euch überrumpelnde Werbung sucht man euch zu der gleichen
besinnungslosen Vergeudung anzustiften – suchen die Banken euch schon während
der Schulzeit zu skrupellosen Börsenspekulanten, das heisst Teilhabern dieser
Wirtschaft zu erziehen. Mit grosser Beklommenheit denken wir Ältere an die
Bedrohungen, die euch nach aller Voraussicht bevorstehen; und mancher von uns
flüchtet sich in den billigen Trost, all das nicht mehr erleben zu müssen.
Und meine Zeitgenossen waren gewarnt; es
gab Einsichtige, die sie beschworen haben: ›Jeder von euch Wohlstandsbürgern
vergeudet Energien, als ob er sechzig Arbeitskräfte – Energiesklaven – für sich
werken liesse. Und wenn er seinen Hundertspänner besteigt, sind es
siebenhundert weitere Sklaven! 1
Kein römischer Imperator kam mit solchen Pferdestärken dahergeprunkt wie jeder
Protz oder Luftikus, jedes Flitscherl von heute. Binnen kurzem habt ihr die
Erde ruiniert – denkt an eure Kinder! Wie wäre es, wenn ihr euch jeder mit
sechs Sklaven begnügtet? Das würde unser Globus verkraften; und ihr brauchtet
noch lange nicht in Sack und Asche zu leben. Milliarden himmelschreiend
Benachteiligter sind aus unvorstellbaren Elendsvierteln im Aufbruch, euer
Schlaraffenland mit euch zu teilen. Sie haben nicht einmal gesundes
Trinkwasser, und ihr habt Eisbahnen im Sommer, geheizte Freiluftbäder im
Winter, Abfahrten auf künstlichem Schnee, dies alles aus reinstem Wasser! Wenn
sie hier und heute einträfen, bräche unsere Spass- und Freizeitgesellschaft in
einer unabsehlichen Katastrophe zusammen. Kommt ihnen zuvor!‹
Wofern unsere Grossverbraucher zugehört
haben, zucken sie mit der Achsel: ›Ob ich mich einschränke oder nicht, ändert
gar nichts, solange die Kolossalverbrechen etwa der USA oder Chinas an der
Umwelt nicht aufhören, sondern immer noch zunehmen. Lasst mir mein bisschen
Glück – lasst mich in Ruhe!‹ So beschwichtigt und verharmlost man das
abgestumpfte Gewissen, an das allerdings nie so hohe Anforderungen gestellt
wurden wie heute. Aber jedes entschiedene Beispiel von Rücksicht und Verzichtbereitschaft
könnte zahllose andere nach sich ziehen! Und so rast die Katastrophe weiter,
nimmt der Geschwindigkeitsrausch, der Heisshunger nach Gewinnmaximierung und
Hebung des Lebensstandards seinen Lauf. So hinterlassen sie euch einen weithin
verwüsteten und verseuchten Planeten,
eine so düstere Aussicht wie sie noch keine jungen Menschen vor Augen hatten.
Ich bin zutiefst beschämt, als Sprecher einer Generation vor
euch zu stehen, die sich wie keine frühere an ihren Nachkommen vergangen hat,
der so völlig wie keiner früheren das Maass dessen verloren gegangen ist, was
einem einzelnen Menschen unter heute sechs und bald zehn Milliarden Weltbürgern
zusteht. Wenn es euch nicht gelingt, die rettende Wendung herbeizuführen, wird es
nach aller Voraussicht ein für alle Male zu spät sein.
Aber ich würde euch euren heutigen
Festtag nicht durch solche Erinnerungen verdüstern, wenn wir euch nicht noch
andere Dinge von gleichfalls weltverändernder Wirkung – nur in einem besseren
Sinne – hinterliessen, auf die hin ihr hoffen und euer neues Leben mit einiger
Zuversicht beginnen dürft. Denn es sind Einrichtungen, die noch keiner
Generation vor euch zur Verfügung standen.
Ich nenne an erster Stelle – ihr werdet
überrascht sein – das vereinte Europa und die Vereinten Nationen. Der
ungeheuerste Wahnwitz der Kriege, etwa mit unseren Nachbarvölkern, von denen
unsere Geschichtsbücher voll sind, ist dank ihnen binnen wenigen Jahrzehnten
undenkbar geworden. Nur wer wie wir noch durch lange Kriegsjahre dieses
tägliche, alles Leben lähmende und vereitelnde Entsetzen erfahren hat, kann
ermessen, wovon ihr befreit seid. Der mit Recht verabscheute Kriegsdienst ist
zum Einsatz in einer Friedenstruppe aller freien Völker geworden, der unser
aller Achtung verdient. So weiss nur derjenige, der eine Gewaltherrschaft
erfahren hat, es voll zu würdigen, dass wir an euch einen Rechtsstaat
weitergeben, der euch die Freiheit des Geistes und der Lebensführung zusichert
und jedem Menschen – gleich welcher Herkunft, Hautfarbe und Religion – die
gleichen Rechte gewährt; lauter immer noch bedrohte Dinge, die auch euren
wachsamen Einsatz zu ihrer Erhaltung und ständigen Nachbesserung erfordern
werden. Durch all die genannten Einrichtungen ist nicht nur der politische
Friede aller Völker, auch die befriedete Natur – die Rettung der vom Missbrauch
der Menschen so verheerend heimgesuchten Erde – als Fernziel ins Auge gefasst,
ist denkbar geworden, so kläglich und beschämend stümperhaft die bisherigen
Maassnahmen sich noch ausnehmen. Vielleicht ist es die lebenswerteste, sinnvollste
und schönste Aufgabe, die sich eurer Generation anbietet, an irgendeiner Stelle
all dies so aussichtsreich Angefangene zu verbessern und fortzusetzen.
Denn die scheinbar beseitigten Kriege
setzen sich unter dem Namen „Globalisierung“ als das skrupellose An-sich-Raffen
der Märkte und Gewinne durch die Riesenkonzerne, Wirtschaftsimperien und
Monopole fort, das vor unseren Augen
Jahr für Jahr Hunderttausende und mehr in die Armut und Arbeitslosigkeit
verdrängt, um die Reichen noch reicher zu machen. Sie wird umso mehr eure äusserste
Wachsamkeit erfordern, als ihre Betreiber unverhohlen das Ziel verfolgen, auch
die politische Macht zu ergreifen.
Neu und erstmalig in der Geschichte ist
eine weitere Hinterlassenschaft: denn über alle Kontinente verteilt gibt es
eine wachsende Gemeinschaft von Menschen, die der gewaltlose Kampf um die Erhaltung
unseres Planeten verbindet. Nachdem sich der Mensch zum skrupellosen und
blindwütigen Ausbeuter der Natur entwickelt hatte, bahnt sich hier ein neues
vertieftes Selbstverständnis seiner Rolle und Bestimmung an, nämlich der Heger
und Bewahrer dieses uns anvertrauten, so unermesslich kostbaren Kleinods zu
sein, das man die Erde nennt. In örtlichen oder weltumspannenden Verbänden
bietet sich eine Lebensaufgabe, ja ein Lebenssinn an, der unserer und eurer
ganzen Zuwendung würdig ist.
Beinahe
gleichbedeutend mit dieser Bereitschaft zum Einsatz ist der Mut zum Widerstand,
den wir euch ans Herz legen. Das heisst in unserem Fall, den unbestechlich
wachsamen und kritischen Geist – nicht den gewaltsamen und zerstörerischen! –
der achtundsechziger Jahre, also der heilsamen Unruhestifter einer bewegten
Zeit. Mit ihm stellt sich die sehr ernste
Gewissensfrage: ob nicht dann, wenn die friedfertigen Proteste rein gar nichts
mehr bewirken, es geboten sein könnte, mit Bedacht und Entschlossenheit Fuss
vor Fuss zur tätigen Verhinderung eines drohenden Unheils überzugehen –
jedenfalls sich den Machenschaften zu verweigern, die es heraufführen. Denn die
Gefahr wächst zusehends, dass alles Tagesgeschehen von einer gewissenlosen,
immer mächtigeren Wirtschaft beherrscht wird, der gegenüber selbst Regierungen
machtlos zu werden drohen, weil sie von ihr fortwährend abhängiger, wenn nicht
gar besetzt werden. Schon jetzt sind sie ausserstande, dringendste
Entscheidungen gegen brutale wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Selbst
der verbrecherische Terrorismus – etwa des 11. Septembers vorigen Jahres – hat
seine Wurzeln in einer Verletzung der Menschenwürde und gleichen Lebensrechte
für alle. Hätte man die ungeheuren Summen, die der Westen zu seiner
kriegerischen Bekämpfung aufbietet, den Ländern der Unruhherde zu ihrer
Entwicklung angeboten – mit der Einschränkung, für jeden Terroranschlag so oder
so viele Millionen abzuziehen – er wäre vielleicht schon besiegt!
Zu allem Genannten überlassen wir
euch ein Hilfsmittel von unabsehlichen, unser gesamtes Leben verwandelnden
Möglichkeiten, aber auch ebenso vielen Gefahren: ich meine die digitale Informatik
samt ihrem kaum noch beherrschbaren Instrumentarium. Dank diesem hat fast schon
der unterste Schulanfänger einen Klügelkasten auf seinem Tisch, der fähig ist,
ihm wie der Geist Ariel das gesamte Wissen der Menschheit zuzutragen, ihn mit
jeder Einrichtung und jedem Geschehen der Zeitgeschichte zu verbinden und in
sie einzutreten. Ein weiterer Wunschtraum der Menschheit ist mit dieser
Erfindung während unserer Schaffenszeit in Erfüllung gegangen. Ihr habt die
Wahl, dieses Ding zu eurem Zeitgewinn zu nutzen oder euer kostbarstes Gut mit
ihm zu verzetteln, euer Gehirn durch dasselbe mit einem wüsten Geröll und dem
minderwertigsten Ramsch vollschütten zu lassen – das heisst, euer Gedächtnis
und eure besten Geisteskräfte mit ihm zu ruinieren. Es könnte ein unschätzbares Instrument eurer
Mitwirkung zum Besten der Erde und der Menschheit werden. Wieder ist von euch
schon jetzt eine Disziplin des Umgangs mit ihm verlangt, in die wir mehr Zeit
hatten hineinzuwachsen.
Wenn es eurer Generation mit den
von uns hinterlassenen Hilfsmitteln, ökologischen Einsichten und Lebensformen
gelingen sollte, das von unserer Zeit angerichtete Unheil abzuwenden, werden
wir uns aus dem Jenseits vor euch verneigen. Unsere Jahrgänge waren die
Erstverführten und Erstberauschten durch all das Neue; ihr könntet fähiger
sein, kritischen Abstand einzunehmen. Wie ihr im Gebrauch der genannten Dinge,
mit denen ihr aufgewachsen seid, gewandter als wir seid. Heute schon sind es
die wenig älteren Jahrgänge als ihr, aus denen die eifrigsten Umweltschützer
hervorgehen. Ihr versteht euch müheloser als wir mit der Jugend der ganzen
Welt: ein einziges „Hallo!“ genügt und ihr seid warm und auf Du miteinander. So
vertrauen wir euch, offen für jedes Wunder, unsere schwerverwundete Erde an!
Noch seid ihr nicht alleine: die Zahl meiner Altersgenossen wächst, deren
dringendster Wille und Vorsatz ist, zu retten was noch zu retten ist, solange
wir leben.
Aber je
umfassender und ausgreifender die Mittel werden, deren wir uns bedienen, umso
wichtiger wird die Besinnung, wer oder was wir
selber sind, sein könnten und sollten – umso mehr wächst die
Gefahr, zwar allmächtig durch unsere Rechner, aber als Menschen verkümmert und
womöglich verroht dazustehen – wie die erschreckenden Gewalttaten von Erfurt
und andernorts es androhen. Denn ihr seid nur das, meine lieben Mausklicker und
Weltraumsurfer, was von euch bleibt, wenn man euch eure elektronischen
Klugscheisser, eure flimmernde Guckkastenbühne, euren mobilen Schnackerwat in
der Jackentasche und eure Diskotheken im Kopfhörerstopfen nimmt. Was uns zu Menschen
macht, sind nicht unsere noch so gescheiten Hilfsmittel und Erfindungen – auch
nicht unsere Gene, wie man uns neuerdings weismachen will – sondern unsere
Werte. Das heisst: die Summe all dessen, was der Mensch im Laufe seines Werdegangs
aus sich gemacht hat. Wir nennen das seine Überlieferung, wie sie durch die
Jahrhunderte weitergegeben wurde und in
Gestalt von Literatur- und Kunstwerken oder anderen Kulturgütern niedergelegt
und zugänglich ist. Sie ist das gemeinsame Gedächtnis der Menschheit. Jeder
Einzelne ist nur insoweit Mensch, wie er an diesem Gedächtnis teilhat. Und
schon durch seine Sprache hat er mächtigen Anteil an ihr; denn mit dieser
empfängt er Wort für Wort ein Stück irgendwann errungener und mit aller
Sorgfalt bewahrter Menschlichkeit. Es steht bei jedem, sein übriges Gedächtnis
mit Nichtigkeiten zu füllen oder aus dem jahrtausendalten Strom menschlicher
Errungenschaften weitere Reichtümer aufzunehmen – jeder das ihm Gemässe und
Förderliche sich anzueignen.
Das sind keine toten Lernstoffe sondern Wirkstoffe, Lebensstoffe,
die uns um unschätzbare Möglichkeiten, unser Leben zu führen, erweitern. Denn
es gibt einen unabsehlichen Spielraum, entweder stumpfsinnig durch vorgegebne
Kanäle und Programme geschleust zu werden oder auf Schritt und Tritt das
Wunder, das Geheimnis, das Abenteuer der Erde und unseres Daseins mit allen
Sinnen zu erleben. Wenn wir Ältere uns fragen: was hat uns die Augen und Ohren
geöffnet? So war das entweder ein lebender Mensch – etwa ein guter Lehrer, wie
wir sie an unserer Schule hatten, der uns nicht nur Stoffe vermittelte, sondern
mit ihnen seine Achtsamkeit, den menschlichen Belang, den die Gegenstände für
ihn besassen, auf uns übertrug (lauter Dinge,die kein Computer ersetzen kann!)
Oder es war ein Gedicht, eine Musik, das Bild eines Malers – also das Werk
eines Menschen, der die Wirklichkeit ursprünglich und in ganzer Tiefe erfahren
hatte. Denn indem ich mit einem solchen Werk umgehe – in seine Sehweise, seine
Teihabe und sein Erleiden eintrete, es möglichst in mein Gedächtnis aufnehme –
erweitere ich meine Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit. Wie etwa eine Yogastellung, in die ich eintrete, die Beweglichkeit meines
Körpers erweitert. Nicht das höhere Einkommen, der schnellere Wagen verbessert
die Qualität meines Lebens, sondern meine Öffnung für das Geheimnis der
einfachen Dinge, die mich umgeben.
All die genannten Verwüstungen der Erde
wären nicht eingetreten, wenn die volle und unmittelbare Wahrnehmung und
Würdigung dieser Gegebenheiten nicht abhanden gekommen wäre. Denn mit ihr erwächst allemal die Achtung vor
ihnen. Und ohne ihre Wertschätzung ist keine heile Natur wiederherzustellen und
zu erhalten. Das ist es, warum uns die Vergangenheit – die Überlieferung all
dessen, was in Jahrtausenden an Menschlichkeit herangereift ist – nicht
verlorengehen darf.
Aber sie ist so sehr gefährdet wie unsere
Wälder, unsere Meere – der ganze
Erdball. Nicht die Gegenwart droht uns verloren zu gehen – denn sie war nie so
laut und aufdringlich wie die heutige – wohl aber unsre Vergangenheit mit all
ihren Gütern, auf denen unser geistiges Dasein beruht. Ablesbar ist das an
Vorgängen in unserer Sprache, die nicht weniger von merkantilen Planierraupen
und Betonierwalzen überrollt wird. Eurer Generation wird nachgesagt, dass sie
nicht mehr liest. Ich weigere mich, das zu glauben; denn damit ginge ihr ein
unermesslicher Zustrom von Sprache gewordener Überlieferung verloren, der uns
tagtäglich gespeist hat – der aus unserem Leben nicht fortzudenken ist. Die
heutige Umgangssprache kann ihn euch nicht ersetzen – denn wir alle sind Zeugen
bedenklicher Veränderungen des Sprechens. An die Stelle unserer Muttersprache
mit ihren gewachsenen, vielfach angereicherten Wörtern, die den ganzen Menschen
beteiligt, ihn in seiner vollen Spanne ausdrückt und anspricht, tritt zunehmend
ein schneller und praktischer Sprachersatz aus Abkürzungen, kunst- und
fremdsprachlichen Schlagwörtern vornehmlich aus den Bereichen des Handels, Verkehrs
und der Werbung. Er soll oft nur den Sprecher als flott und fortschrittlich
ausgeben. Aber mit ihm dringt die technische Informatik der abstrakten Formeln
in unseren Umgang ein, der es um nichts als einen Klick auf der äussersten
Oberfläche unseres Bewusstseins geht. Neben der Vollsprache mit all ihren
Anklängen nimmt sie sich wie chemische Ernährung oder „fast food“ von McDonald’s
aus. Wenn darunter ein deutsches Wort laut wird, schmeckt das wie Vollwertkost
aus dem eigenen Garten.
Die volle und gewichtige Sprache
lässt sich nicht bei jeder flüchtigen Erledigung aufrecht erhalten; aber als
unser kostbarstes und eigenstes Gut haben wir sie zu pflegen und immer von
neuem zu ihr zurückzufinden. Denn sie droht uns allen Ernstes in einem globalen
Mischmasch aus Business-English, Chat-Slang und Polit- oder Wissenschaftsjargon
unterzugehen. Nur dort, wo unsere Sprache versagt, werden wir uns als gute
Europäer mit Vergnügen einer anderen bedienen. Europäer im besten Sinne sind
wir aber nur dann, wenn wir uns sicher und selbstbewusst wie etwa Franzosen,
Engländer oder Italiener im Besitz unserer eigenen Sprache und Kultur bewegen.
Mit jedem Sprachverlust geht ein
Bereich unserer Seele verloren. So scheint es in weiten Bereichen unserer
Gesellschaft den intimsten menschlichen Umgang nur noch als „Sex“, das heisst
als unverbindliche Sport- und Vergnügungsart zu geben. Und er könnte die Mysterienfeier
des Zueinanderfindens von einem Ich und Du sein, das hier ein letztes und tiefstes
Geheimnis erfährt. Ohne ein solches
wären eure gewagten erotischen Freiheiten, die ihr gleichfalls unserer
Generation verdankt, kein Gewinn, sondern wie jede andere Inflation ein
verheerender Wertverlust – Verlust an Kultur der menschlichen Seele,
Verfeinerung und Unterscheidungsvermögen. Denn auch unser Liebesvermögen ist
ein begrenztes Guthaben, von dem mit jedem Missbrauch ein Betrag
unwiderbringlich verschleudert wird. So kann ich euch nur ermuntern, Ansprüche
an einander zu stellen, euch einander nicht zum Lustobjekt zu erniedrigen,
vielmehr euch wechselseitig auf euer Bestes hin zu fördern, denn Liebende haben
eine unermessliche Macht, einander selbst zu erziehen. Nicht nur die Erde, auch
unsere Seele wird asphaltiert – es wäre zum verzweifeln, wenn nicht eine Baumwurzel
oder ein Grashalm genügte, den Asphalt aufzubrechen!
Ich frage mich, meine jungen
Gipfelstürmer und Welteroberer, wie die Erde aussehen mag, wenn ihr fünfzig
Jahre lang auf ihr schalten durftet und Einer oder Eine von euch an meiner
Stelle Rechenschaft über eure Generation ablegen wird, wie ich es versucht
habe. Mein Wunsch kann nur lauten: macht es besser als wir – denn wir haben uns
verrannt, so beschämend dies Eingeständnis ist – und gebt um des Himmels willen
nicht auf!
Das letzte Wort gilt meiner Schule: Wenn
es mir gegeben war, irgendetwas von Belang vorzubringen und für gewisse
Bereiche einer heute gefährdeten Kultur Zeugnis abzulegen, so ist der Grund
dessen – das dauerhafte und tragfähige Fundament –durch ihre unvergessenen
Lehrer gelegt worden. Die ersten Nachkriegsjahre, in die unsere wichtigsten
Schuljahre fielen, waren von der Lust und dem entschiedenen Willen zu einem
Neubeginn erfüllt. Möge dieser Geist unseren Schulen erhalten bleiben oder –
sollte er sich verloren haben – in ihre Räume zurückkehren, denn nichts ist uns
auch heute nötiger als die jugendliche Lust und Entschlossenheit zu einem neuen
Beginn, die das Beste und Hoffnungsvollste an einer jeden neuen Generation sind
oder doch sein sollten.