Wilhelm Deinert

 


                                                   ..Aber beeil’ dich:

es könnte zu spät sein – und alles

wäre umsonst: dies werde-

ringen der jahrmilliarden,

aufblühn der dome aus träumen

und tönen, durchbeten der himmel und urbar-

singen der räume.. Alles

blind stumm taub,

gähnende leere

auf jahrmilliarden wie

zuvor – ein rauchender müllplatz

                              das ende vom lied‹..

 

Das ist es: die linien verlängern, den pfeilschuss

sich selber voran in das namenlose

zu tragen – das heisst, aus dem schönen schein

in das wahre das ungeheure zu münden..

 

Aber hier, da habt ihr's! reisst eure bullaugen auf:

Gottes stirnjuwel, der saphirene talisman

seiner schöpfung dreht seine mysterienspiele

und berge der läuterung durch interstellare

saharen und weltenbrände und fächert die pfeile

des strahlentods in garben der iris und wangenröten – –

 

 

Wir rütteln an den atomen

und schwingen sie ein,

bis zum untersten grundfels der welt..

Der spin, den wir – unser herz,

unsre stimme – den stoffen einjagt,

überlebt die trümmer des doms

und schwängert das samenkorn eines neuen sterns – –

 

                                                                                         *****

 

              Mit opulenten Titeln wie ›Mauerschau. Ein Durchgang‹ (Piper 1982) setzte Wilhelm Deinert wichtige Wegemarken in der deutschen Lyriklandschaft.   (DAS GEDICHT. 11.Jahrgang, Nr.11)

 

              Das poetische Aussenseitertum des Wahl-Schwabingers ist glaubwürdig: Aus dem teils kafkaesken, teils Rilke melosverwandten Geist unseres Jahrhunderts gelingen hier Kunstwerke aus Traum, Vision, aus einer fesselnden Mixtur von Wirklichkeit und Erlebnistransparenz.. für Leser, die nach Spracherlebnissen jenseits von Spielereien und Mode suchen..

(Inge Meidinger-Geise, Die neue Bücherei)

 

Mit seiner zu strengster Form gebändigten Sprache ist dieser Wilhelm Deinert eine ziemlich singuläre Erscheinung in der zeitgenössischen Literatur.

                            (Hans Krieger, Bayerische Staatszeitung)

 

..als sei (das Werk) in einer unbekannten Sprache gedacht und geschrieben. Andrerseits merkt man sehr rasch, dass der Schreiber oder der Dichter auf rätselhafte Weise ein grosser Meister sein dürfte..                                                                  (Joachim Günther, Neue Deutsche Hefte)

                                                       

*****

Wilhelm Deinert

 

Geboren 1933 in Oldenburg. Kindheit und Jugend am Jadebusen. Studium der klassischen Philologie, Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Freiburg/Bg. und München, mit Promotion über Wolframs von Eschenbach »Parzival«. Daneben Tätigkeit als fliegender Händler, Werkstudent, Helfer in Kinderlagern und Hauslehrer. Von 1958 bis 1963 Lehrbeauftragter für deutsche Sprache und Literatur an der Universität München. Lebt seitdem als freier Schriftsteller in München-Schwabing. Seine Arbeiten umfassen Lyrik, lyrisch-epische Grossformen, Kurzprosa; Essays zur Literatur und Kunst der Moderne, zur Lage. Experimentelle und kinetische Gattungen.–

Einsätze als Rutengänger und Umweltschützer.- Kontakt.

[Foto: Johannes Seyerlein]

 

Auszeichnungen:

Aufenthalt im Rilke-Turm zu Muzot 1981 und öfter;

Stipendium des Palazzo Barbarigo (als erster Schriftsteller) Venedig 1984;

Ehrengabe der Stiftung zur Förderung des Schrifttums 1984;

Ehrengast der Villa Massimo Rom 1986;

Villa-Waldberta-Stipendium der Stadt München 1986;

Stipendium der Casa Baldi in Olevano Romano 1991;

Membre d'Honneur de la Fondation Antonio Machado 1994;

Sieg über namhafte Rapper in einem Münchener Poetry Slam 2000; u.a. –

                   Seit einigen Jahren Empfänger der Künstlerhilfe des Bundespräsidenten.

 

Werke:

Ritter und Kosmos im »Parzival«,1960;

Triadische Wechsel, Zyklus tonalis. Lyrik 1963;

Gedrittschein in Oden, Lyrik 1964;

›Thema Mundi‹ und andere sprachliche Mobile ab 1968;

Der Tausendzüngler, Ein Wortkartenspiel 1970;

Missa Mundana. Epizyklische Gänge (lyrische Grossformen)1972;

Bricklebrit. Ein Lügenmärchenlegespiel (für Kinder)1979;

Die Gnomenstaffel, Ein Steckspielkalender zum Sprücheverwandeln 1979;

Mauerschau, Ein Durchgang (lyrisch-dialogische Grossformen) 1982;

Über den First hinaus, Ein Anstieg (Kurzprosa) 1990;

An den betenden Ufern, Brief aus Benares 1994;

Das Silser Brunnenbuch, Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyr. Umgang 1998. Sandelholz und Petersilie, Eine Umkehr. Lyrisch-epische Stationen 2002.

                     Almrausch und Schwerbeton. Eine Betrauung.                                                 

                             [= Fortsetzungsband zu: Sandelholz und Petersilie. Unverlegt].

                     Lichtbögen über der Stunde. Im Herzpunkt der Radien. [Unverlegt).

Der tastende Strahl. Antwortende Verse auf Bilder um Einlass. [Unver-                                                                                                   legt]

Windharfenmusik in Worten. Sprachliche Mobile und weiterlei Dichterisches in

                           Bewegung zum Lesen, Anfertigen und Bewegen. [Unverlegt]

Der Gesang der Konturen. Aufsätze zur Sprache der Formen in Literatur und Kunst.                                                                                               [Unverlegt]

Textproben in: Zeitschriften; Anthologien.

Siehe auch: Lesungen, Dichtung am Bau.  Warum in Versen?

 

Auflagenreste beim Verfasser verfügbar.

 

Übersetzungen:

aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Rätoromanischen, Lateinischen, Griechischen und Sanskrit.

 

 

Literatur:

 

Paul Konrad Kurz: Gott und Welt im Gedicht. Missa Mundana (Wilhelm Deinert)

In: Die Neuentdeckung des Poetischen 1975;

Joseph von Westphalen: Ein Besuch beim Poeten.

In: Westermanns Monatshefte 1983/11.

Jürgen Küster: Gespräch mit Wilhelm Deinert.

In: Literatur in Bayern 1985/2.

Ingeborg Reichert: Mauerschau. In: Das Lächeln des Windes 1990.

                     Pia-Elisabeth Leuschner: Unanfechtbare Ambivalenz. Poiesis der neuen Idylle in

          Wilhelm Deinerts Silser Brunnenbuch. In: Arcadia. Internationale Zeitschrift für      

          Literaturwissenschaft Band 39. 2004

 

 

HAUPTWERKE:

 

ÜBER DEN FIRST HINAUS. Ein Anstieg

 

LESEPROBEN

 

..Aber schon ist die zeit zur abfahrt gekommen. Ich kehre zum bahnhof zurück. Beiläufig fragt der schaffner, der die sperre versieht, wie mein leben gewesen sei. - ›Mein leben?‹ - »Ja wussten Sie nicht, dass es Ihr leben war?«

                                               *

 

Mitternacht muss vorüber sein.  Die tür zum bad leistet widerstand, wie von einem gegenwind.  Als ich ihn überwinde, strömt es vom spiegel her mir entgegen und hebt mich vom boden ab.  Waagerecht schwebend flute ich in der leise brausenden luft und in ihn hinein.  Draussen bemerke ich, dass die gegend meereshoch überflutet ist, und ich gewahre menschen in fischartiger schwimmbewegung..

 

             *

 

Ich sehe lange Clochards, die aufstehen, sich den staub von den kleidern schlagen und fortgehen. ›Wohin gehst du?‹ frage ich den nächsten. ›Nach osten!‹ antwortet er mit geisterhaft aufgerissenen augen.  Zwinkernd fügt er hinzu: ›Der Dalai Lama hat uns ein kloster mit einer weinbrennerei bauen lassen. Kommst du mit?‹ – ›Noch nicht. Ich habe hier noch nach ein paar dingen zu sehen.‹  Mit verächtlichem lachen hebt er ein lumpiges bündel auf und strolcht, die abfalltonnen am strassenrand musternd, davon.

*

 

Für die eine sekunde meines vorübergehens an ihrem stuhl trifft mich aus den augen des mädchens ein blick von nie erfahrener anteilnahme.. Ich merke, dass sie gelähmt ist und den kopf nicht wenden kann.  Mit meiner hand streife ich einen knöchel der ihren, aus welchem ein strom wie ein funken aus Gottes finger in mich schlägt..

 

*

Noch hielten die hände, doch in den fingern spürte er es voraus, wie das erdreich sich lockerte und den ballen freigab. Schon glitt er, noch an der schräge verlangsamt und mit wahllosen griffen nach jedem büschel oder höcker haschend. Nichts hielt – und die eine überdehnte sekunde kam, die wie ein prismatischer splitter aus anderem stoff als zeit seine welt und sein leben in hundert facetten drehte. ›So ist das also - so kommt das also - so einfach und schnell - und ich dachte - ich wollte doch - wie schade‹ – –

 

                                               *

 

Und nicht mehr die rose – der sonnentau würde blühen mit den klebrigen drüsenhaaren und diesen geruch verströmen, von dem sie zu meinen schienen, wunder was für ein lockzauber er sei, uns für tiere haltend.  Ein etwas wie genugtuung, beinahe schadenfreude würde durch ihre scheinbar verträumten lider lauern, wann und wie es seinen fang in den betäubenden blütengrund zöge, der sich nach und nach über ihm schlösse..

 

*

 

Als ein blinder Mystagoge mit seherhänden, der niegelichtete seelenwege durch eine tönende wildnis bahnte, führte er sie von vorhalt zu vorhalt einer immer verzögerten, immer abgewendeten auflösung durch immer schrillere zugespitztere kadenzen zu – lenkte er sie an den fingerspitzen in eine gezeiten und räumlichkeiten vertauschende Polonaise und gab sie an ein treiben undurchsichtiger verwechslungen und verschlingungen ab..

 

*      

ÜBER DAS WERK:

 

Der Band umfasst kurze Prosastücke, die von illusionären Verfassungen ausgehen und sie ›Über den First hinaus‹ zu Momenten des Erwachens hinführen. Immer andere Vorstösse in neuerfahrene Wirklichkeiten stecken einen unausgesprochenen Zusammenhang – einen Anstieg – ab. Der reicht von der Bewältigung eines Drogenversuchs (›Welt in der Pastille‹) bis zu einer Art Unio mystica mit der Erde, die ein Todgeweihter erfährt (von längeren Aufenthalten in Rilkes Muzoter ›Turm‹ angeregt).  In immer wechselnden Tonarten und Darstellungsweisen  vom Prosagedicht französischer und deutscher Symbolisten bis zur experimentellen Prosa klingt eine Art »Mikrokosmos« oder »Ludus Tonalis« des Prosaschreibens an. Die gebundene Sprache ohne Versform gestaltet Sätze zu syntaktischen Gleisbauten, die das Lesen durch wechselnde Tönungen, Kursänderungen, ausfahrende und einlenkende Wege steuert.

Die Aktualität der Stoffe und Themen ist nicht die des gesellschaftlichen Tagesgeschehens.  Sie bewältigen Angstträume dieser Zeit und zielen auf eine Vertiefung des Umgangs mit Ausschnitten von Welt und Kultur. Insgesamt öffnen sie Horizonte und setzen zu Gehversuchen im Unbegangenen an. –

Wesentliche Stücke des Werks wurden in ersten Fassungen von der »Neuen Zürcher Zeitung« abgedruckt.

 

 

Stimmen zu »Über den First hinaus«

 

Ungeheuer stark und eindrucksvoll wirken.. die Capriccios, die sehr merkwürdige, oft unheimliche Ereignisse in der Grauzone zwischen Einschlafen, Erwachen, Nachtwandeln und Tagträumen situieren.. Scheinbar belanglose und alltägliche Sätze führen in aufregende Prosastücke hinein.  Von kleinen, sensiblen Wahrnehmungen ist es nur ein Schritt zu unerhörten Ereignissen..                Lutz Hagestedt, Süddeutsche Zeitung

 

                                               

Die Texte heben die Grenze zwischen faßbarer Wirklichkeit und einer durch Sprache erzeugten Welt auf.  Die Menschen werden nicht nur zum anderen Ich des Autors, sondern bewegen sich als neue Wesen zwischen Welt und Kosmos.  Oder Haus und Mensch gehen eine arealistische, fruchtbare Vereinigung ein.. Und das Wort wird zum Mittel, Musik wiederzugeben und neu zu erschaffen. . Mitunter denkt man an die expressionistische und surrealistisehe Aufhebung der Empirie oder an Georges machtvolle Handhabung von Rhythmus und Metapher.  Doch selbständig ist Deinerts Stil allemal, und er ist ebenso eigenwillig wie originell.  Sein Buch bringt in die Prosa dieser Zeit

einen neuen Akzent.                    Bernhard Gajek, Neue Zürcher Zeitung

 

Wer Texte von Wilhelm Deinert liest, hat Mut.. Wer sich von dem Zwang normativer Denk- und Verstehensmuster befreien kann, wird sich.. an dem

erlesenen Reiz so mancher Sprachpassagen genugsam erfreuen.. der kraft unerschöpflichen Wortreichtums selbst Banalitäten erst verführerisch macht.  Gleichwohl stehen neben Rausch und Traum, sich gegenseitig bedingend, auch Ängste und Leeren.  Etliche kafkaeske Denkbilder schlagen hier zu Buch wie die nur erahnbare Struktur unfaßbarer Über-Ich-Hierachien.  Man sollte Deinerts Büchlein selber erlesen schon um einmal aus der eigenen gewohnten Perspektive herauszukommen.         Uwe Stamer, Stuttgarter Zeitung

 

..Wie eine Billardkugel durch einen einzigen Anstoß eine Vielzahl (unkontrollierbarer) Kollisionen verursacht, so werden hier mit äußerst klaren und präzisen Worten ganze Reihen von Bildern des Unbewußten in Bewegung gesetzt. 

                                                Gabriele Mayer, MittelbayerischeZeitung

 

Eine Prosa, die den Lesenden in sich einsaugt, auf eine völlig unverhersehbare Weise sich fortzubewegen nötigt, schreitend, gleitend, taumelnd, schwebend in Gegenden, die ihm fremd und bekannt zugleich erscheinen, bis er unversehens sich wieder im Freien befindet.  Eine Fahrt in der Geisterbahn!               Dr.  EImar Hertrich, Bibliotheksdirektor

 

Sie nehmen Starre mit sich fort, sie machen aufmerksam und wach. Ein Buch .. aus Not und Gefährdung, aber auch aus dem Glück gelungener Entwürfe und Augenblicke gemacht, das auf geheimnisvolle Weise in eine rätselhafte Freiheit führt..

                                                Dr.  Ingeborg Reichert, Heilen

                            

 

Ich saß gestern auf dem roten Sofa [im Rilke-Turm] und las mit aller Seelenruhe die Seiten über Muzot.  Ich hatte dabei ein so wunderbares Gefühl, wie soll ich es beschreiben, wie wenn ich Mozart höre.             Nanni Reinhart, Muzot

 

..diese zu Prosagedichten geronnenen, vielleicht nur poetischen Seelen nachvollziehbaren Alltagsgeschichten, diese sprachliche Synthese aus kafkaeskem Getriebensein und barlachscher Seinsbehauptung, die Vertrautheit mit dem Dämon Sprache, das wortgroße, den abgründigen Rest des Schweigens überbrückende Verständnis für Licht, für Musik, für Gegenstände, die im Filter der Selbst- und Fremdbeobachtung ein eigenartiges Leben führen - -

                             Joachim Bähr, Spielleiter, Opernhaus Mönchen-Gladbach

 

Mir gefällt die ruhige, beruhigte tastende und innerlich hochgespannte Sprache, ich mag die Geschichten. . weil sie, ihren Gegenständen scheinbar zum Trotz, fesseln und - im besten Sinne - unterhalten, es bleibt Raum für die Phantasie des Lesers, besser: wird Raum geschaffen, und nie wirkt die Prosa angestrengt, so kunstvoll sie auch ist.

                                                Rainer Weiss, Lektor                        

  

                                                                   *

 

ÜBER DEN FIRST HINAUS.  EIN ANSTIEG

Format: 14,5 x 21 cm, 112 Seiten, Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.

Elster Verlag (Auslieferung: Keicher, U.) [ISBN 3-89151-104-3]  14. – € 

 

 

DAS SILSER BRUNNENBUCH.

Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyrischer Umgang

 

TEXTPROBEN:

 

Pack' dich, hinab geht's!  Die Nächsten

kurven die serpentinen herauf –

hast noch was zu melden?

         ›Sehr wohl: ich habe bericht

         zu geben von etwas das hier

         geschah, das mich überstieg und doch

         mich duldete, mir

sich darbot - als wäre wo immer

ich stand, ein platz im gestühl

         eines chors, mein tun

eine rolle im spiel,

dem es sich zu fügen galt..‹                            

                    *

 

Unscheinbar, kaum beachtet steht am dorfplatz von Sils-Baselgia ein steinerner brunnen.  Seine träger für die seitlichen blumentöpfe an der bekrönung des rohrs rosten seit etlichen sommern ungeschmückt.  Hart neben ihm quillt müllgeruch aus einem grell bemalten behälter.  Parkende Fahrzeuge verdecken ihn von jahr zu jahr enger und anhaltender.  Nur wenige schritte von ihm entfernt windet der immer dichtere verkehr sich durch die seit langem zu schmal gewordene strasse und überrollt seine stimme.  Man muss nahe herantreten, um ihre unentwegt wechselnden laute zu hören, die wie die quellen und bäche umher nur mehr für sich selber singen und das murmeln und raunen der erde mit sich selber auch hier unter all diesem treiben aufrechterhalten..

 

                                                *

      Das wasser singt,

      ein schlaflied dir bringt 

 

                       – ich sehe ein strombett, aufdem

                       kommen die tage

                       und nächte geschwommen –

                                     

                                                                             *

 

  Ich sehe ein flimmerndes

  perlchen vom sprudel auf dieser

  verwellenden fläche ein weilchen

  gehoben gewiegt und - wo ist es?

  Ich sehe ein sachtes

  verwellen zum rand

  und zur mitte zurück,

  aus welcher ein perlchen

  vom sprudel gehoben gewiegt

  über perlchen sich abschnellt - -

                                                                                     

                   *

 

     Zu mir kehrt das weltmeer aus kreisender ferne

     ich spiegle den tag und den abgrund der sterne

     ich treibe ins weite aus sehnsucht der quellen

     aus mir singt der friede als schlaflied der wellen

     in mir ist die dauer als ruhender stein

     in mir ist das leben und strömt in dich ein.

 

                                                                             *

 

       SILSER SEE

 

       Hier ist es, hier lege ich

       meine ruder still

       und höre mich ein

       in die wasser, den talwind – oder

       rede mit dir

       (denn da fährt Eine mit

       der du deine züge leihst,

       die das lauschen, verstehen

       das bewahren der einsamen

       stimme ist): ›Schau,

       die Margna im neuschnee

       ist ein hochaltar, der die wund-

       male der erde trägt und den leib des Herrn

       im lautersten lichtweiss empfängt.

       Die quellen und weidenden

       herden am fuss

       sind kelche, in denen die wandlung geschieht..

 

                                             *

 

 

 

ÜBER DAS WERK:

 

Nach seiner Rahmenhandlung ist das ›Silser Brunnenbuch‹ ein Ferien- oder Hüttenbuch, das ein Besucher des Engadins den nachfolgenden Bewohnern seines Quartiers hinterlässt.  Es nennt sich ein ›Glasperlenspiel‹, denn es versucht, der Hesseschen Idee dieses rituellen Zeichenspiels eine literarische Gattung abzugewinnen – nicht in wörtlicher Befolgung, sondern lockerer Anähnelung eines ›lyrischen Umgangs‹.  So fängt es sehr einfach bei der Inschrift eines Silser Brunnens an: es lässt sich von dieser und anderen rätoromanischen Wandsprüchen der Gegend die Augen für das Engadin als lebendige Ganzheit öffnen, das durch sie als ein Lebensraum zu sprechen beginnt.  Im folgenden greift es die Poesie dieser Spruchgedichte auf und nimmt sie zum Ausgang eines eigenen lyrischen Zyklus.

Ein venezianisches Zwischenspiel entdeckt die merkwürdige atmosphärische Verwandtschaft der Lagunenstadt mit der Felsen- und Wasserwelt des Hochtals. 

Aus dem Vorrat der Eindrücke und Erfahrungen umreisst der Schlussteil ein Gesamtbild der ›symphonischen Landschaft‹ des Engadins; es wendet Nietzsches Vision der ›heroischen Idylle‹ in eine heutige Sicht, die das zeitlos Erhaltene, aber auch seine Gefährdung durch zerstörende Einbrüche einbegreift.  Der Leser wird zum Mitvollziehenden einer poetischen Aneignung, die in einem einzigen Vorgang die Lebens- und Sprachwelt eines Raumes wie seine Naturerscheinungen durch stellvertretende, nach und nach entfaltete Bilder in ein Netz von Verknüpfungen einfängt und vergegenwärtigt.  In ansteigenden Stufen, die von herkömmlich einfachen Dichtformen zur entwickelten heutigen Lyrik anheben, entsteht ein Sinngebäude, das Züge einer aus einem einzigen Thema sich aufbauenden musikalischen Komposition aufweist.

Angesprochen sind Freunde des Engadins, Sprecher und Kenner seiner Sprache, Leser der heutigen Dichtung und Liebhaber einer musisch-meditativen Vertiefung in das Hervorgehen eines sprachlich-poetischen Mikrokosmos.

 

Siehe auch  oben im Literaturverzeichnis die Arbeit von Pia-Elisabeth Leuschner.

 

 

STIMMEN ZUM ›SILSER BRUNNENBUCH‹:

 

Sein Schreiben umkreist das Geheimnis der Wörter: ihrer Chromatik, ihren Rhythmen lauscht er verborgene Botschaften ab, und im Puls der Silben, im Melos der Vokal-

folgen ertastet er eine magische Leiblichkeit der Sprache. Solche Sensibilität mani-

festiert sich auch im jüngsten Werk Wilhelm Deinerts.. das in lyrischen Beschwörungen, und reflektierender Prosa den Genius loci feiert.. [Hier] geht es ihm um eine vergewissernde Aneignung, um ein assoziatives Fortspinnen des Vorgefundenen in der eigenen Sprache.. [So] fixiert er im Niemandsland zwischen Klang und Bedeutung der Wörter Koordinaten, die den Umriß des Unbenennbaren als phonetische Sternbildgestalt aufleuchten lassen.. [und] in ihrer spielerischen Beiläufigkeit, in der heiteren Musikalität der Gesamtkomposition selbst von romanischer Grazie und tänzerischer Anmut infiziert scheinen.                                         Alexander Altmann. Bayerische Staatszeitung

 

Deinert nimmt die Laute und Worte wie Perlen in die schreibende Hand und reiht sie zu einer neuen lyrischen Sprache auf.. [Er] dringt zu den Elementen der Sprache vor..

Eine umgrenzte, doch wirkliche Welt ist so entstanden.. Die Heiterkeit, die das Buch ausströmt, wirkt wie ein schönes, humanes Ziel.

Prof. Dr. Bernhard Gajek. Neue Zürcher Zeitung und brieflich.

 

Ein sprach- und wirkungserfahrener Schriftsteller legt eine kleine sprachkundlich-poetische Kostbarkeit vor. Mir hat das schön gestaltete Buch sehr gefallen und ich finde es auch schön zu verschenken.            Ingeborg Reichert. In: Heilen.

 

Das herrliche Oberengadin stand mir [beim Lesen] vor Augen.. und man bekommt grosse Lust, wieder einmal dorthin zu fahren, und mit eigenen Augen zu entdecken,was Sie in grossartiger künstlerischer Form einem nahe bringen.    Harald Genzmer. Komponist

 

                                                                   -1

Es drängt mich, Ihnen zu sagen, wie sehr mich diese schlichten, dem ursprünglichen

Leben so nahen Worte berührt haben. Vieles von Ihren Seiten hat einen Horaz'schen Ton. so spürt man noch im Wort die Düfte, die sonnige Atmosphäre und das beschwingte Leben Italiens.. So fliesst hier ein heiteres, einladendes Lebensgefühl, das inspiriert und unwiderstehliche Fröhlichkeit ausstrahlt.         Dr. Rudolf G. Adam, Diplomat. Berlin

 

 

DAS SILSER BRUNNENBUCH. Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyrischer Umgang.

Format: 18,5 x 21 cm. 107 Seiten. Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.

Verlag Desertina, Chur. [ISBN 3 85637 244 X]. 17,8o €. 34,80 SFr.

                                               *

 

MAUERSCHAU. Ein Durchgang

 

 

PROBESTROPHEN:

 

ES POCHT - wer ist - UND POCHT - das oder der -

WAS POCHT - am ohr - EIN POCH-GESPRÄCH - das auf

sich selber lauscht - DIE SCHLÄFE POCHT - wer da

in der muschel rauscht - ES POCHT VOR ORT - 

ein herz das wen - ERPOCHT - schlägt oder wem

die stunde schlägt - -

                       

Deinen götzen und geistern:

 >Tanzt ihr derweil

 oder ruht euch aus - erholt euch

 von unsereinem!

 Wir gehn für ein stündchen –

 sag: in die ewigkeit‹

 es stimmt allemal - -

 Also: wir gingen los -

 zwei ecken weiter nur

 von der gläsernen haustür,

 wo die pappeln zu ende gehn (die letzte

 ist schon aus metall.

 Dort gib auf die zeichen acht,

 einen mast mit dem blauen ›U‹

 das die Untern  bedeutet..

           

  Warten - das warten verwarten - nichts

  als das warten gewärtigen -

  das warten zerwarten, ehe

  das warten uns zerwartet - -

   ›Wer ist der Warter? komm

   herein! du kennst uns -

   du bist unser mann - man sieht es

   dir an: was hast du gewartet!

         Komm setz dich, wir helfen dir warten -

         ob du weisst oder nicht mehr,

   worauf du wartest.

   Erzähle uns, was du erwartet

   und was du gefunden hast.‹

                                              

»Münzen, medaillen! umständehalber -

alte noten und notgeld - abzugeben -

eichenlaub rnit schwertern, für versenkte und ab-

geschossene feinde - entschuldigung: freunde -

schicke broschen daraus!

(Euer talisman, wenn er helfen soll,

 muss geschenkt - wo nicht geschenkt,

 muss gefunden - wo nicht

 gefunden, gestohlen sein)«

                

 

Was siehst du noch sagst du?

 Wandelnde wunschgebete,

 leibgewordene

 namen des vorgeträumten glücks -

 die umgehn, in saris und seidentüchern

 die für ihre seele werben.

 Sie halten sich farben an

 und spielen sich selber durch

 in arten aus fliessglanz und schleierspielen..

                         

 

   Es hügelt sich hinter den ersten auf

   mit immer ferneren

   stirnen und schädelkuppen

   in unendlicher steigung.. Dies hier

   ist der letzte überlauf,

   wo sie stehn wie am landesteg,

   um geholt zu werden

   oder jemanden abzuholen..

   Wer sie sieht, meint sich angesehn

   und zieht einen fragesog

   aus verhunderten augen

   auf sich herab;

   der dich zerfragen wird,

   wenn du nicht das schweigen brichst -

   der dich zerschweigen wird,

   wenn du sie nicht zum reden bringst.

   Aber was du auch sagen,

   was du sie fragen wirst:

   das war es nicht, was sie hören wollten.

 

  

     Und sie tritt in die sichtbarkeit  flimmerweiss

     und so schmal

     wie ein totenhernd

     und sie nimmt eine farbe an

     von einem sommerkleid,

     das du wiederkennst,

     in ein nachwehn der anmut

     wie einen birkenwind

     gelehnt, die das herz zerreisst..

     Da ist sie vollends

     mit kenntlichen zügen:

     die ›Kennst-du-mich-nicht-mehr?‹

      

Und leise, langsam,

halber schuh vor den schuh

 fiel es ab

 vor den augen, sank

 von den füssen ab

 der kloben erde.

 Ich der erdenwurm

 kroch aus dem bodenspalt - und sah

 in den schwebenden saal,

 wo die silbernen stühle

 und tische gerichtet waren,

 in das verbotene licht.

 Und das zornige licht

 krellte die sengspur,

einen strichblitz und zackenriss

 wie von einem engelssturz

 in die schmerzenden gloser..

 

 

   »Wo wir sind, edler Herr?

   Eben das ist die frage: du bist,

   wo du bist - je nachdern,

   was du bist! in der unterwelt,

   solang du ein toter - der hölle, sobald

   du ein teufel bist - eben dann und dort

   ist der himmel, wo du

   oder wann du ein Seliger,

   noch besser ein Engel bist.

   Und die welt ist die ewigkeit,

   wofern du ein Geist bist!« - -

 

                                                                 Still doch!  Schäfer Schlaf

 zieht sein asyl; wo er weide hält

 weht der heilige atem -

 wo der atern weht,

 kehrt die weit zu sich selber ein..

                       

     Frühstück auf dem balkon:

     Kühlender herglanz

     von beglänzten flächen

     frischte die stirn an.

     Zwischen mir und der sonne

     spielte ein aufsprühn betauter

     nadeln im tonrand..

     ›Auf jeder der nadelspitzen

     schien ein winziger lotosteich

     voll entspringender blüten,

     auf jeder derwelchen

     ein Erleuchteter sass,

     dem ein lichtstrahl aus jeder

     pore drang, und durchstrahlte die welt

     mondweiss und saphiren

     mit strahlen, die wieder teiche trugen -

     und auf jedem der teiche..

     Und ein winziger seitenstrahl

     hielt mich am farbenspiel

     seiner splissen hinaus‹ - -

                       

  Die toccata des himmels

  mit hundert registern braust

  von ehe- zu immerdar.

  Du ein zünglein im windstrom,

  schwinge mit, deinen lob-

  oder notgesang - dein ›Nah ist,

 mit augen zu fassen das licht‹

 dein ›Rettet und helft -

  ihr dort, ich auf meine art!‹

 

 

*********

 

Es sind keine Gedichte, denn es  gibt einen epischen Vorgang; es ist kein Epos, denn es besteht in szenischen Dialogen; es ist kein Drama, denn es spricht eine lyrische Sprache. Nach einem Vorspiel äusserster Zurückgezogenheit auf sich selbst, die sich selbst erkundet, beginnt der Hauptteil mit dem Hinaustritt eines ›Ichs‹ in die Grosstadt. Der Zusammenprall der verfeinerten Wahrnehmung  mit ihr kann nicht schroffer sein. Ein Fluchtversuch scheitert an ihrer Allgegenwärtigkeit. In einem ›Durchgang‹, der an einem ›Tag der offenen Türen‹ eine Reihe von Stationen durchläuft, wird sie zum einen von ihrer infernalischen Seite erfahren; aber ungeahnte Freiräume und Möglichkeiten des Menschlichen werden entdeckt. In szenischen Begegnungen und Gesprächen mit einem ironischen Lotsen wird ein Für und Wider der Zeit ausgetragen, das die Haltung und Standort des Ichs in Frage stellt und korrigiert. Auf einer Fahrt mit der Untergrundbahn, die einem Gang durch die Unterwelt angeähnelt ist, gelangt der Ich zu einer Grenze; der Blick in die andere ›Zone‹ –die eigentliche ›Mauerschau‹ – wird zu einer Begegnung mit seinen Toten. Ein Ausflug in die völlig entgegengesetzte Welt des Hochgebirges ergänzt die Eindrücke um die Erfahrung zeitloser Vorgänge und Gegebenheiten. Der Wanderer sucht sich zu all dem ins Rechte zu setzen.  Auf dem Rückweg werden alle Stationen, die sich nach je eigenen Formerfindungen gestalten, erneut durchlaufen und mit verwandelten Augen gesehen. Das Buch kehrt an seinen Ausgang zurück und schliesst mit dem Beginn eines neuen Tages und erweiterten Lebens, das zum vollen Eintritt in die Zeit entschlossen ist.

Das Werk zieht in sich mitverwandelndner Sprechweise von zunächst angestrengten und verwickelten zu immer freieren und gelösteren Formen eine Summe unserer Zeit, deren Formen und Unformen es dichterisch sichtbar zu machen sucht - all das im Werdegang eines Ichs, der zu sich selber kommt.  Im Ganzen entsteht ein dichtes Gefüge von Vor- und Zurückverweisungen, Aufgriffen und Abwandlungen.  Es transzendiert die herkömmlichen literarischen Gattungen und verschmilzt sie zu etwas Neuem, das gleichwohl weit zurückreichende Überlieferungen fortsetzt und sich anverwandelt.

 

                                                        *

STIMMEN ZUR ›MAUERSCHAU‹:

 

Es ist der verwegene Versuch einer szenisch-lyrischen Bestandsaufnahme dessen, was gedacht, gelebt, erfahren wurde und wird, die Welt- und »Mauerschau« eines Beteiligten, eines Denkenden, Nachdenkenden, Fragenden. Das Ergebnis überrascht durch eine bildhafte, disziplinierte Sprache, die von der traditionellen Formbindung bis zum modernen, ironisch gebrochenen Lakonismus reicht. Den stärksten Eindruck vermitteln die letzten, zeitnahen und sprachlich gelösteren Teile des Werks, dieses eigenwilligen erratischen Blocks aus Wörtern und Bildern, der die Mühe des Aufbrechens und Sich-Einlassens lohnt.

                                                             Eberhard Horst, Schriftsteller

 

Die geistige und sprachliche Grundhaltung seines ungewöhnlichen, außerordentlichen neuen Werkes ist iErfahrung der Wirklichkeit über Trennendes (Mauer) hinweg, Weltbewältigung und Neuschaffung einer iin sich bestehenden Welt durch Gliederung und Ordnung (bis in das graphische Bild). Von dem Leser und Hörerwird erwartet, daß er mit den die Handlung tragenden Gestalten den im sprachlichen ›Durchgang‹ verborgenen Sinn entdeckt.

In einer überzeugenden Lesung hat D. einen Einblick in diese vom Leser zu begreifende Verwandlung von Hiesigem, Bedrängendem, Einmaligem ins Innere, Allgemeine und Dauernde gegeben.  Ein vortrefflicher ›Lotse‹ in das Reich der Bedeutung, der nach dem Hinführen still und unauffällig hinter dem Werk verschwindet. «                                            

                                                                         Univ. Prof. Dr. Hermann Kunisch

 

Eine weltliche Liturgie des Erwachens breitet sich aus bis zur Teilnahme am Tanz aus Wahrnehmungen, Worten, Licht.. Tagebuchartige Verseinträge notieren zuletzt ein neues Verhältnis zu sich selbst, ein gelöstes zu der ihn umgebenden Stadt.. Deinerts ›Mauerschau‹ ist in den Formen, derAussage, der episch-szenischen Großform ein singuläres Unternehmen. DerAutor hat in jahrelanger Konzentration an seinem Werk gearbeitet.. Antike Mythen und deutsche Märchen, nicht zuletzt strenge liturgische Formen und Meditationspraxen sind mit ihren Gestalten, Wegmustern und Gegenwartsbekundungen in das nicht auszuschöpfende, mit Variationen, Verweisen und Rückverweisen arbeitende Textmuster geknüpft.. Ohne Frage erwartet der mit sprachgeschichtlichem und rhetorischem Bewußtsein ausgestattete Autor, daß der Leser die Mauererkundung auch als Spracherkundung lese. Und hier gibt es in der Tat mehr als Kleinodien.. Ohne Zeigefinger und ohne Botschaftsanspruch leuchtet aus Deinerts Gesprächen und Gesängen die mystische Spur.                        

                                                                        Paul Konrad Kurz (Süddeutsche Zeitung)

 

Deinert versammelt die unendliche Vielfalt des Sagbaren in einen Zyklus gedichtartiger Strophen und Folgen, und man bewundert das strenge und dennoch bewegte Sprachgebäude.. Was in Wirklichkeit die Einsicht eines Lebens ist, faßt Deinert in die Bilder einer Tagesfahrt, die der ›Pendler‹ als ›Mauerbesuch‹ unternimmt.  Vom Stadtrand in das Zentrum und vom flachen Land auf einen Gipfel fährt und drängt ›Der Ich‹ und sucht, ohne zu wissen, was; das Ziel - die Mauerschau - zieht ihn an.  Der Blick über die Mauern des Ichs umfaßt dann das innen und außen, das Schöne und Häßliche, das Gute und Böse und erkennt es an. Wie in einem Welttheater führt der Autor die Figuren heran und macht sie als Sprache lebendig. In zahllosen und doch typischen Szenen konzentriert Deinert, was Menschen erfahren können. Und daran sollte der Leser sich halten: j e genauer er auf den tatsächlichen Kern der Bilder achtet, desto einleuchtender werden sie.. Die Orte sind zu ›Strecken‹ einer Lebensfahrt geworden, die der Leser sprachlich mitvollziehen kann. Deinert geht über das Gewohnte weit hinaus oder greift hinter es zurück. Was er an eingängigen oder gewagten, bekannten, wieder entdeckten oder neu geschöpften Ausdrücken, Metaphern und Rhythmen zum - wohlüberlegten - Druck gebracht hat, könnte die Lexika und Sprachlehrbücher bereichern... In dieser Art, Welt als Sprache hervorzubringen, hat er unter den derzeitigen deutschen Autoren schwerlich seinesgleichen.

                                          

                                           Univ.Prof. Dr. Bernhard Gaj ek (Neue Zürcher Zeitung)

 

 

Wilhelm Deinert

Mauerschau. Ein Durchgang. Piper Verlag. (Auslieferung: Keicher, U) 

ISBN 3-924316-30-9 20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A]

 

                                                                     

*

 

 

 

                  

 

DAS BUCH VOR ORT. Lyrisch-epische Stationen.

 

Erster Band:

SANDELHOLZ UND PETERSILIE. Eine Umkehr.

 

Zweiter Band:

             ALMRAUSCH UND SCHWERBETON. Eine Betrauung.

 

 

Erster Band: SANDELHOLZ UND PETERSILIE. Eine Umkehr.

 

Abriss mit Textproben:

 

Ein exemplarisches Schicksal unserer Zeit, das in der Tradition der Parzival- und Faust-Aventiuren steht: Ein junger Mensch wird in den Strudel der maßlosen Ausweitung aller menschlichen Möglichkeiten gezogen.

 

Das erste Buch: VER SACRUM

umreisst die Kindheit und frühe Jugend des Hauptdarstellers in ländlich zeitlosen Verhältnissen. Die Entbehrungen der Vor- und Nachkriegsjahre legen einen unbändigen Bildungs- und Erlebnishunger an.

 

 

 

1. Sturzgeburt

 

Hurli tohu

wa – was?

burli bohu

da – das!

Rumpelpumm,

dreh’ dich um:

du bist dran,

stirn-voran

aus der furt

auf die wurt –

rolle vorwärts

in die

geburt! – –

Mit dem urknall

in den ohren:

es spiralt,

strudelt, zischt –

hier erstrahlt,

dort verlischt – –

Dahinein:

mitgeknufft

mitgemischt

mitverpufft –

mitgeboren

ist mit-

verloren..

 

Nimm vorlieb, wenn es nicht

die bananenwälder Hawaiis, nicht die palmen-

küsten von Birma

und Śri Lanka sind – wenn die rüpel-

winde von hinterm polarkreis dich an-

rempeln, kaltschnäuzige fröste

dich bläuen! Auch hier

erwarten dich inseln und jahres-

zeiten befristeter seligkeit!‹

                       ...

Sie ducken ihn tiefer hinab

ins karge – bis wo es nicht flacher,

nicht meeres- und grundwasserspiegel-

näher hinabgeht.. Also da:

auf dem neuesten neuland,

wo es beinah mit dir

im fettglanz der schollen

zwischen prielen der abflut enttaucht –

wo die ewigkeit

vor den augen am werk ist..

 

..Da sitzt er:

zwischen kammer und sparren –

honiggold

tanzt der staub. Eine wärmende lichtbahn fällt

in das buch,

das von drachen und helden,

das von burgen und bräuten sagt,

auf seinen knien. Es riecht

nach dem starennest, mit den jiepern darin,

zum geräucherten speck in der mausefalle.

Ein weltall durchsonnter gespinste

umstellt ihn; ein schluchtwerk spiralen

überspinnt die gebälke

und winkeltiefen

mit versilberten scheiben,

die die warmluft bewegt,

voll verfangener fliegen..

 

                            ..Eben dann

sprang der rasende Dämon aufs dach

und schwang das heulrohr

und heultöne auf und ab.. Und schon

rollt und rumort es an

in eisernen drohnenschwärmen

übers meer und die küstenwehr

mit schächten voll tod in schatullen –

sprangen die scheren auf

mit den klingen aus lichtstrahl den himmel

scherend, und nahmen ein pünktchen,

ein fliegendes silberfischchen in das kreuz..

...

»Steht ein lichterbaum über dem land –

gilt er mir oder gilt er dir?

Gilt er Hamburg und Bremen

oder gilt er uns hier?« –

        Gloria in excelsis – wem?

        Für einen triumphzug, ein nieder-

beugendes sich-enthüllen

trat die Furchtbare aus

dem brennenden vorhang

mit der krone aus brandbomben um die stirn,

dreifachen patronengurten um

die metallenen brüste

und dem rollenden gürtel aus totenschädeln,

die geschwader von bombern

und raketen

aus der phospornen mähne schleudert,

mit vervielfachten armen

in puffen aus rauchpilz

flammenwerfer und brennende türme schwingt,

kastagnetten aus vierlingsgeschützen

und maschinengewehren schlägt – und tanzte,

sturmläutende schellen am fuss,

       und stampfte das menschenwerk in den grund – –

 

                                               ..Was dann?  »Da wäre

ein Alter, der braucht – das heisst: ein alter

Meister, der wünscht – nämlich ein Künstler,

der sucht – « ›Was sucht er?‹

»Keinen Lehrling – das nicht! der wünscht

einen Famulus« – ›Was?‹ – »Der braucht einen jungen

menschen, der ihm – er weiss schon

von dir – der könnte dir weiter- « – – Mit dem klooss im hals

und dem schluck-auf hinein – springvergnügt

heraus!.. 

 

                                               velims wipfelgesang

                   

›A-hoi!

aa-hooi!

Mann a-hoooi!

 

Hier bin ich!

toi-toi,

toi-toi-tooi!

 

Und Du? wo bist Du?

wo und wer bist Du?

und was weisst Du denn schon von mir?

..

Wenn du eine geige machst,

so musst du auch spielen –

wenn du einen pfeil machst,

so musst du auch zielen!

 

Und bin ich ein lumpen,

so binde mich an einen mast 

und nicht an diesen pfahl –

so spanne mich vor deine winde! – –

..

Aber nimm dich in acht:

ich werf’ dir mein herz zu: ein rotes

schandmal an deiner tür,

wenn du sie nicht aufmachst –

 

ein rubin

in deiner krypta –

in deinen stollen –

in deinem gestein?‹

 

 Zweites Buch: ERSATZDIENST

Den Einbruch der Moderne stellt eine Meister-Schüler-Episode bei einem alten Künstler dar, der dem Jüngeren das Abenteuer der Neuzeit als fortgesetzten Aufbruch in geistiges Neuland mit ungestümem pädagogischem Eros auferlegt. Aus der notwendigen Trennung von dem Meister geht ein Zauberlehrling hervor, der mit einer Mitgift unausgereifter Lehren und Injektionen ein Studium antritt.

 

AM TOR

..Da ist er – und nickt

im gehäuse und schaut

aus dem rahmen und winkt

dich herein ohne wort:

grau wahrhaftig!

ein gewrinkel das durch

alle runen spielt,

verzieht die geschlängelten

(ist es lächeln? ist es

empfindlichkeit?)

die verlängerten, über-

schmalen, an denen

du hängen und lesen,

dich versinnen und rätseln

wirst..

Es gestikuliert

von den wänden gang-ein

ein geschweife in farben,

das deutende ärmel

ohne hände regt,

ansehende blicke

ohne augen hebt

und redende lippen

ohne münder bewegt –

dich nach hinten und vorne,

dich nach unten und oben,

dich nach aussen und innen

verweist (und sagt

kein wort, aber scheint

was zu meinen – aber

was? aber wen?)..

 

»Wenn du noch lesen

wolltest, da wäre so manches:

für unsere wikinger-

fahrt in die hochsee der welten –

steigst du ein, fährst du mit?«

Er greift in die tasten seines

regals: auf braust

Des Erhabenen Sang, frohlockt

Zarathustras ruf –

er zieht die register OM

mani padme hum

und reicht einen palmwald in klein,

der nach östlichen schreinen

und stupen riecht (denn »Gottes

ist der orient«)..

 

Nicht genug: (»Gottes ist

der okzident«)

entfesselt die blasebälge

des abendlands:

Pindarische hymnen und Dantesche

sphärengesänge,

Trilogien der leidenschaft

und tragischer unter-

gänge.. Ein wackliger turmbau

sturzbereit wächst

auf den händen und lehnt sich schwer

an die brust –

wie für eine reise nach übersee..

 

»Auf den kopf! deinen kübel herum-

gestülpt, in der stunde vor tag,

die die reinste der stunden ist;

allen muff aus der lunge geschnaubt

und das reine herein; seinen bauch

in die zwinge genommen – vor

und zurück, aus und ein – den verschrumpelten

pressack auf taille getrimmt;

eine spritze salz in den schlauch.

Deinen ast, den verholzten krummstock

in dir, musst du drillen und drehn,

bis er durchschwingt und schnellt – bis dein gang

wie ein federnder bogen ist, der

auf der spitze tanzt..«

 

 

»..Der fegt den kehricht vom gehsteig, der legt

eine himmelsbahn – mit dem selben besen, dem gleichen strich!

Der kippt den müll fort, der schüttet ein weltall von samen aus –

Den ödet sein abwusch an, zu dem steigt die Ganga herab –

Der schaufelt den schnee, der bricht mit den augen das himmelsbrot,

dem rauschen die flügel der Seraphim – Der räumt das besteck fort,

dem schlagen die geister den schellenbaum – – «

 

               

»..In den strom

der zeit? labyrinthe aus strömen! die durch-, mit- und gegeneinander

treiben: aus mitzeit und abzeit, inzeit und umzeit, über-

und unterzeit, unzeit und obzeit, wenn- oder aberzeiten, hinter-

und gegenzeit.. Als da sind: malgründe von lichtweiss zu nachtweiss,

die sich tönen in meere und abermeere von lila- zu purpur-

spektren bis ultramarin und verdichten zu wetterkarten

terrestrischer oder stellarer flüsse von schwefel- zu duftgelb,

adern aus opferröten und lichtwein in immer andern

sequenzen und schichtungen oder erstarrt sind: nun architekturen,

dort kubisch und kristallin; dort profile, atmende skulpturen

die osmotische keimlinge unseres werdens, schwingende membranen

der gemeinsamen seele sind.. Das wäre ein fischzug, eine

kreuzfahrt durch meinen ozean – segelst du mit, bist du seeklar,

gerüstet? ..«

 

VELIMS OHRENKLINGEN

›Selig sind die Aufbrechenden, denn sie sind in das offne, das freie – mithin

in die wahrheit getreten; denn sie haben den tempel verlassen, der sie von Sei-

atem getrennt hat und haben sich anvertraut seinen winden und seinem    [nem

strom, seiner hochsee und sind aus den ausgeweideten pfaden geschritten,

die in sicheren zäunen den trott um die stickige hürde gängeln und haben

sich aufgemacht, Ihn im ungebahnten zu suchen – Den der die wildnis,

die fremde, die einsamkeit ist. Die also ihn suchen gingen in seiner

wahren gestalt..‹                   

 

Drittes Buch: BUDENZAUBER

Die studentische Episode führt eine nun vollends verwirrende Überflutung mit Bildungsstoffen und Erlebnisangeboten der Zeit herauf. Aufgewogen wird das einstweilen durch ein ebenso unbedachtes Auskosten erotischer Freiheiten. Aber die Freundin verfolgt mit feministischer Unbedingtheit ihre Selbstverwirklichung und bricht zu undurchsichtigen Abenteuern nach Indien auf.

 

STUDENTENFUTTER

Zum aufstehn?

»Wulthus in hauhistjam guda, ana airthai gawairthi!«

Sein frühsport?

»Biugu, biugis, biugit, bouc, gibogan«

Zum frühstück?

»Tristan, Isôt – aller edelen herzen brôt«

In der tram?

»Das Rollwagenbuch – glückhafte Schiff – und Gianozzos«

Das kolleg?

»Die Stürmer – romantik: vor-, nach- oder neu- wenn nicht -märz«

Seminar?

»Das werk: immanent – intentional – struktural«

Referat?

»Thematik der liebe – motivik der transzendenz«

(Antrag

auf gebührenerlass: »Ziel des Studiums?« ›Unbekannt‹)

 

»Kommst du mit,

Kandidat?« Wehmutblick in das buch:

›Eine seite

noch!‹ (Sie trällert und kämmt

ihm die langen

gewellten vor – in den linden-

duft,

mövenschrei fenster-ein – jede zeile

tanzt).

»Dein roman läuft dir nicht davon,

du Streber,

aber die sonne! Wenn du

nicht willst – «

                          ...

Abgekühlt –

im hechtsprung ihr nach vor die arme

getaucht,

du auf-, sie hinab. Und so fort:

Gallions-

figur einer woge, die dich

überspült,

schnellt sie auf und ab, hände-nah

wieder auf

und ab mit den triefenden brüsten,

sonne-

fliessender haut bis zum nabel

heraus

und strudelt ein wassergrünes

geperle

um deine hüften. Sie lockt dich

aufs hohe

meer..

 

     ›Warum spielst du nicht mit?‹

(Wer bist du –

biest du – bis du –)

»Pst, du!« – –

Stummes auftun

der tiefe –

stummer wogengang –

stummes

versinken darein –

zuckt und pocht

auf dem grund, ob es wieder-

pocht..

Hauchlaute, kose-

namen

aus mondlicht und halbtraum

händemulden-

weich umflüstern

die schultern

die hüften das haar –

blauer mantel

um einen roten

kern – –

 

 

»Da ist eine stelle, unfern

von Benares ob du

es verstehst?

(wir verkraften auch das!) da gibt es ein heim,

ein lager es ist für ein jahr

oder mehr« (Alten muff

und papiere

wirbelt es auf und schmeisst dir den winkel-

staub in die augen und wölkt

eine fernsicht auf

was siehst du?)

»Da trifft sich ein kreis Der da lehrt, war hier

(von dem später mehr!) Sie kommen

aus aller welt

vielleicht

kommst du nach!« (Ein dschungelrand rückt heran

tut sich auf: abgründe nach oben

und unten! Was schwankt

auf dich zu?)...

 

Wir haben

verzichtet jahrtausendelang

und gedient ihr konntet

und durftet.

Versteh uns: jahrtausende dürsten

in uns durch uns

will es nach-

geholt sein. Dies hier du selbst,

so vergraben die bücher,

es ist nicht

das leben...

 

 

Viertes Buch: DIE BELAGERUNG

 

Der Alleingelassene gerät in ein asketisches Arbeiten an sich selbst, das die Anregungen des alten Künstlers zu einer äussersten Leistungs- und Bewusstseinssteigerung weiterverfolgt:

 

Aus ›VELIMS TAGELIED‹

 

Die sonne ist meine esse: ich schleife mein herz zum brennglas. Du hast

deinen kunstgriff verheimlicht:

wie man seine zeit zur retorte

verschliesst und verdichtet

bis ihr nu an nu wie ein honigfliessendes

reifgold in schweren

karaten entrinnt – wie man seinen körper (es ist nicht

vergessen, auch das)

zu dem bogen spannt, der pfeil auf unfehlbaren pfeil nach seiner

bestimmung (sei es

ein herz, ein wild, ein Tellschuss, die Zwölf, sei’s ein flug um zu fliegen) abschnellt!‹

 

 

In Fortsetzung seines Studiums geht das einher mit der versuchten Aneignung des geistig-musischen Universums nicht nur des Abendlandes:

 

..›Auch hier sind Götter. Göttinnen!‹ Durch den gasmulm der altstadt – Einer trägt

seinen trotzigen tunnelbau um die schläfen voran, sie unterwandernd..

An seinen tempelbezirk: Ein rosettenberädertes himmelsgefährt,

das speichen Fortunas bewegt, archivolten voll Büsser und Engel

um schwingende bronzeflügel zu wölbungen auftut. Er schweift sie

hinan, überfliegt bebilderte sprossen aus buntglas wie zeilen eines legenden-

und weltbuchs – schwingt sich zu konsolen aus dienstbaren nacken auf –

fluchtlinien, die sich spinngrau verzweigen  verschlingen verlieren, nach..

Wo tempel, sind schätze: ein schatzhaus an -haus der alten Piraten,             

tun säle voll schaugold und hofprunk: grabkammern aus rahmen

zu schächten voll ausblick ins nichtzubetretende nicht-mehr auf.. Er treibt

landnehmende späherblicke in die moscheen und stupen,

in den pagodendunst und blinzt durch den nebel de zeit...

 

 All das geschieht im rivalisierenden Briefwechsel mit der indischen Korrespondentin:

 

›Ihr dort – was tut es? –

ich hier. Mir voraus: unterm hohen

licht, aber spätlicht!

Wir mit dem flachen lichtwind der frühe

Im rücken. So tag

wie die nacht als mein augenlid um den ball holt dich ein

und unterlings schafft dich

zu mir – mich zu dir: meine schwelle ist nichts als die unterste, aber

die nächste der ufer-

treppen Benares’! So gehe ich um, triffst du mich an den brunnen und 

                                                tempelstufen..‹

 

Indem sie sich die Rolle einer esoterischen Diotima zulegt, nimmt all das die Züge eines feministisch zugespitzten »Geschlechterkampfes« an:

 

 

 

 

 GISMA AN VELIM:

  »Bisweilen, mein sehr Gestrenger,

ist liebe ein fernkurs – ich vertraue und rate zu!

Deine skrupel

und gründlichkeiten:

wie fremd liegt dergleichen und spinngrau zurück! Es war            

meine welt:

eine stubenmoral

hinter dichten gardinen (verzeih)! Wenn du Einen die tabla

mit blitzenden

zähnen in diesem

licht und halbnacktem körper schlagend sich wiegen

sähest..

Und ich trinke dies licht

mit allen gefässen und will dein krug sein – ein sinnes-

organ

deiner seele, du sagst es! –

und lauschen wie eine Diebin für dich auf jedes

wort,

jeden weckruf, der dich

befreien möchte. Denn ich sehe dein werdebild

nicht so ferne

von diesen; es steckt

auch in dir!..«

 

Esoterische Praktiken, die mit einer fahrlässigen Lebensweise und schleichenden Schädigungen durch eine belastete Umgebung einhergehen, beschleunigen den Zusammenbruch aufgrund all dieser Selbstüberforderungen:

 

Es war ein Halbnarrder wollte

sich selber allwissend, allmächtig

halb Narr, halb Dichter – ›Wenn du

dich selbst, deinen atem zum flugraum

aus weltall nach innen vertiefst‹ – der hatte sich einer

magie – ›Wenn du die ätherischen

stoffe der erde in dir

vereinst‹ – der blauen magie

ergeben – ›so wird dich der prâna,

das mana das pneuma des höchsten wesens mit seinen

kräften durchdringen‹der wollte

sich selbst zum gefäss der arkane

läuternBlau blau blüht der mohn

vom Himâlayazum dom

dessen krypta sein schädel wäre, erweiternAuf seiner

matte von säulen aus atmender

stille gewiegt, ersteht

ein tempelbezirk zwei ellen

auf dreie um einen nackten

ziegelstein von altar das weltmeer in seine schale

fassen Es glimmt aus durchbrochener

wandung in bronzefarben

und dreigefusst überm docht

Der ging auf die suchevon schlagwort

»Magie« zu »Pansophie«, »Geisterbeschwörer«

zu »Dämonenvertreibung« zog aus..

..

Zu bittrem erwachen, schroffer

und unwillkommner mit jedem

malefür einen riss im gewölk, das zurück-

mit schwerbraunen massen zusammen-

schlägt über dir.. Ausgebrannt,

leer der schädel, das haus. Einer trägt

einen nimbus benommenheit

durch den tag. Der ist ein verkohltes gebälk um die stirn.

 

..Denn wir sind das feuerschiff, einsam bemannt,

das die mündung zur grossen ausfahrt bezeugt.. Diesige

nacht fällt – schwer auf die lider. Lass gut sein, bezeugen

so sternklar es wolle, so schläfrig so trüb! Doch nein,

in das schreckbad: am eis seinen mattglanz gefrischt – nachgehärtet

zugleich das ermüdete schwert, seinen hohlschliff gewetzt,

(und schmiedewarm in die scheide so kuschelnah,

federweich?) Nun, der stahl geht so lange zu amboss,

bis – geht so lange zu wasser, bis.. Löser Schlaf,

löse du was du lösen kannst: überliste, erlöse

den der nicht los, der nicht locker lässt von sich selbst – –

 

Die singende säule aus siedendem phosphor steigt            

und züngelt zum dachstuhl – nein pulverturm! Ein stichbrand,

blitzschlag von innerhalb springt auf – durchschlägt

die kalotte. Und: Feuer! Grossbrand! Unfall! Alarm!

Helft – rettet – löscht! – –

                                               Klettermax am verbotenen mast,

du hast mit dem scheitel den hochdraht berührt – starkstrom

ganz besonderer herkunft. Eindrucksvoll wie das herausfuhr:

prasselnd ein feueraal dastand für einen

gleissenden einguss! Alle lichter sind aus – alle kabel

versengt. Du selbst: im schamanischen wirbel rasender

sinne, der dich am boden weiterrollt,

durch flackernde schluchten gerädert – und dich einen aus-

gewrungenen mantel aus seiner schleuder wirft. –

Bekömmliche nacht – ruh’ dich aus! bis du dich wieder-

kennst, hast du zeit.. Sei grosszügig, freundlicher Schlaf,

erfahrner Therapeut – hände- und augen-

ringend umworbener Gast wachstarrender nächte –

in diese ausgebrannten steinkohlenschächte

von himmel. Darunter: ein foltergewölbe geschwungener

zeiger wie keulenschläge und lautlos zermalmender

speichen, das ihn in sein getriebe nimmt – –  

 

Auf dem nun folgenden Leidensweg aller gelähmten Kräfte bahnt sich die Ahnung eines nicht mehr an sich raffenden Verhaltens an – zunächst in Gestalt einer Selbstfindung, eines Lebens in Fühlung mit sich selber:

 

..›Mein Dämon, Foltergeist der mich

umlurt und – schere ich aus: mich mit der einen

fuchtel vor seine andre scheucht. Wärst du

kein fluch, verhängnis – wärst der schreckschuss oder

stromschlag des übertritts, der den schutzkreis zäunt -

die stimme wissender als ich? Erziehst

du mich, übst du mich ein, dass ich die winke,

leisesten stimmen meiner selbst befolge?

Soll ich dir traun, dir in das pfadlos offene

folgen als meinem pol, der meine nadel

nach keiner seite will als zu sich selbst?

Bin ich es selber: meine grenze, mein

femegericht, das sich selber ahndet – du

der Unbekannte, der sich selber an mir

vollstreckt?..‹

...

»Geh heim – dein wund- ist dein wochenbett, Wöchner deiner

selbst! Frag’ nicht: was not, war gut – wird gut.

Sorg’ nicht: dein ohr – ein fittich wenn du so willst

der wind – wird es dir rauschen. Er wacht am kopf

des betts und lässt geschehn – dich selbst geschehn.

Er richtet den atemstrom auf dein gesicht

die brust den schooss, wie segnend ohne wort –

wenn du so willst: atmet in dir, aus dir.

Folg’ ihm, schwing ein – dich in dich selber ein!

Die sonne steigt, steigt wo nicht hier so drüben

und unterm eis rinnen die wasser fort« –  

 

Die thematische Selbstfindung wird durch eine Form- und Sprachfindung von naiven und jugendlich emphatischen über ironische Lagen zu kargeren und gestrafften realisiert. Europäische, aber auch östliche Traditionen klingen an und werden ins Heutige übergeführt.

 

 

STIMMEN ZU ›SANDELHOLZ UND PETERSILIE‹

 

Ein grosses, in der deutschen Gegenwart einzigartiges Werk, sprühend vor Leben und ein Vulkan an kühner und neuer Sprache. Die durchdachte Vielfalt und Differenzierung der Komposition helfen dem Leser zur Über- und Einsicht – eine wirklich bewunderungswürdige Leistung und mit ausdauernder Leidenschaft ausgeführt.                                                                                               (Prof. Dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg)        

                                                                          

Einmal mehr hat Wilhelm Deinert einen großen, mitreißenden Gesang voller  "unbegangener Worte" geschaffen.. Wie er rhythmisch die Risse im Gefüge der Welt nachzeichnet, die in seiner Dichtung plötzlich als Struktur aus lauter Sollbruchstellen aufleuchtet, das ist immer wieder faszinierend und in seiner widerständigen Eindringlichkeit unerhört modern.

 (Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung)

 

Ihre Seiten sind durchaus lyrisch und haben mich in ihrer Geschlossenheit und ihrer ganz wunderbaren Sprache tief beeindruckt. Dieser lyrische Zyklus war in seiner Gesamtheit ein Leseerlebnis.. Ganz sicher werden diese Gedanken ihr Publikum finden und ganz sicher – wie ja fast immer bei Lyrik – eine kleine aber auserlesene Leserschaft.                                                                                              (Roswitha TH. Heiderhoff, Verlegerin)

 

Leider komme ich nirgends an, wo ich Ihren Projekten nützen könnte. Sie ragen etwas heraus aus Ihrer Zeit, so wie die Formate, die sich Lektoren immer auf der Vertreterkonferenz wünschen, aber im starren Regal der Sortimentsbuchhändler keinen Unterschlupf finden.

                                                        (Hans Jürgen Balnes, Lektor im S. Fischer Verlag)

 

Ich habe "Sandelholz und Petersilie" gelesen. In viel kürzerer Zeit als ursprünglich veranschlagt, denn mit einem hatte ich nicht gerechnet: Daß die Lektüre bei aller dichterischen Höhe so spannend sein würde! Ich sehe mit vorauseilender Begeisterung deren Fortsetzung entgegen.                                                     (Michael Haussmann, Maler und Bildhauer)

 

Dieser "Wipfelgesang" hat schon einige Gemüter erfreut, denen ich ihn vorlas. Ihre Verse bewegen vieles, tippen an, und schon ist man auf großer Fahrt – zu Brunnen in der Wüste..

                                                        (Dr. med. Ingeborg Tönjes, Psychotherapeutin)

 

Bewundernswert, was da an Welthaltigkeit, an stilistisch wie inhaltlich unterschiedlichen Partien, Erkenntnissen, Mitteilungen, Erlebtem usf. bei unglaublich hoher Qualität des ganzen Wurfs zusammenkommt. Ich wüßte keinen annähernd ähnlichen Vergleich mit dem hier Entworfenen, Ausgeführten zu nennen.                     (Dr. Eberhard Horst, Schriftsteller)

 

                                                        *

 

Der Band ist in niedriger Auflage einzeln vorab erschienen unter dem Titel:

Wilhelm Deinert, Sandelholz und Petersilie. Eine Umkehr. Lyrisch-epische Stationen.

241Seiten. € 17,8o. – ISBN 3-89846-115-7. HAAG + HERCHEN Verlag GmbH, Frankfurt am Main. (Erschienen 2002! Nicht, wie das Impressum sagt, 2001).

 

                                                        *

Die in diesem Band postulierte und angelegte Fortsetzung liegt in druckfertiger Fassung vor:

 

ZWEITER BAND:  ›ALMRAUSCH UND SCHWERBETON. Eine Betrauung‹.

 

Abriss mit Textproben:

 

Der erste Teil – ›DAS BUCH DER GENESUNG‹ – liefert die vom ersten Band postulierte Kurskorrektur aller Lebensbereiche. Der Gescheiterte befindet sich im empfindlichsten Abwehrzustand zerrütteter Nerven. Dargestellt ist das allmähliche sich Wiederfinden im Umgang mit den einfachen Dingen und Erfordernissen des Alltags. Eine Art Selbsttherapie des Genesenden in exemplarischen Situationen läuft ab. Sein Haustier und Lehrmeisterin der Lebensweisheit wird eine Schildkröte. In zunehmenden Ausgriffen – auf Schlendergängen, Markt- und Kirchenbesuchen, Anknüpfungen an seinen früheren Umgang – übt er sich in das menschliche Miteinander ein. Wo technokratische Auswüchse dies vereiteln und seiner Verwundbarkeit zusetzen, bahnt sich seine Entschlossenheit zum Widerstand gegen derartige Entwicklungen, zum Einsatz für das Bedrohte an. Auch ein Klosteraufenthalt wird zu einer wichtigen Station seiner Selbstfindung.

 

»Elí, Elí«

eine wunde schrie:

 

»Leg' die hand auf den mund,

wirst nie mehr gesund!«

 

Eine fuchtel aus

geschundenen nerven

schlägt zu –

 

durchkreuzt was du tust,

ob du gehst oder ruhst..

 

Es jubelt: »Ho he,

steh auf und geh –

bist gesünder als je!

 

 

     Also was tun – wie packst du

es an? Er kramt sein rüstzeug

hervor, richtet den werkelplatz..

Also wie gehabt? soll's weiter-

gehen: erprobt der Galeeren-

sklave die ruderbank –

Stemmt der Titan die achsel

unter den berg und schultert den Ätna?

 

»Nicht so, Ritter Ganz-oder-Garnicht,

Nun-oder-Nie: mit der falte der stirn

als der eingelegten

lanze auf Gott und die welt zu!

Du musst nicht, du brauchst nicht – du sollst nicht!«

Ist frieden? Bricht der Belagerer

seiner selbst die blockade ab?

 

Die dinge

schweben an ihren ort –

und ich bin es nicht,

der sie stellt. Meine hände

begleiten sie nur – sie hatten

den gleichen weg..

 

   Die schürze ab – gut war's! Da fehlt was: singen

   im ohr meldet das auferstandene buch

   zu wort und läutet die vesper ein. Setz' dich:

   der flüsternde geist schlägt seine flügel auf

   und schattet über dir – hält dir das pult!

 

 

                       Alles

ist neu zu sehen

zu lernen, zu leben. Herrlich

zugleich und erschreckend – weil fremd.

Auch das unsre! Ich kenne dich nicht –

und du? was wusstest du, weisst du von mir?

 

 

Das folgende ›BUCH DER BETRAUUNG‹ führt von dem früheren ichbezogenen und an sich raffenden Verhalten zum Eintritt in Verantwortungen. Das spielt sich als die Rückkehr zu dem alten Künstler ab, dem er als seinem väterlichen Freund eine unermessliche Förderung verdankt, der aber  auch bedenkliche Impulse zu seiner Selbstüberforderung gegeben hatte. Am Sterbebett des Alten findet  das unterschwellige Kräftemessen eines Vater-Sohn-Konflikts statt, das zu einem Rollenwechsel, eben der Übernahme von Verantwortungen führt. Der Jüngere wird zum Betreuer des Nachlasses und leistet mit der Erledigung dieses Auftrags, ein künstlerisches Werk in die Einrichtungen der Gegenwart einzubringen, seinen eigenen Eintritt in ihre Bedingtheiten. Er erfährt in zugespitzten Auseinandersetzungen die Chancen und Grenzen, Geistiges in die Gesellschaft einzuflössen und eigene Ansprüche aufrechtzuerhalten. Nach all dem eröffnet er seine vollends befreite und genesene Vita Nova mit einer ausgedehnten, zugleich berauschenden und ernüchternden Vorfrühlingswanderung. Die hellwache Erfahrung der Erde in ihrer bedrohten Kostbarkeit hinterlässt die Beunruhigung, die ihn zu den späteren unbedingten Einsätzen zu ihrer Erhaltung antreiben wird.

 

    »Bist du's also doch? Der heilige ungehorsam,

    wenn es der denn ist – und war.. Alsdann,

    solange die alte nuss noch klappert – «

 

› – solange das meer aus der  muschel rauscht:

sei es aus deinem mund,

sei es an meinem ohr – in meine seele!‹

 

»Riechst du's: Formalin, brühwürfel und sagrotan –

das sind die flüsse der unterwelt.. Charons kahn

ist ein knarrendes stellbett mit schwenkarm und hebebaum«

 

›Malströme in erntefarben von deiner hand

sind die flüsse der oberwelt, ihre leinen die segel

am augenkahn unsrer erdumseglung!‹

 

»Wie ging's dann? Erzähl' – wo will es hinaus?

Es hören die lerchen nicht auf zu rühmen –

die krähen hören nicht auf zu schmähn«

 

›Es hören die gipfel nicht auf zu rufen,

die blitze nicht auf zu schlagen –

nach hier wie dort reisst der abgrund den rachen auf‹

 

 

Da lag er, im feingenähten wie von einer mutterhand

oder schwester gestärkten und hochgeknöpften weisshemd:

 

Ich sah einen Wandermönch

der hintritt vor unsichtbare

throne am ziel – und sah einen Lehrenden im talar

unterm südlichen zeltbaum – sah die geschliffenen züge

des Sherpas vom frost des Himalayas versteint –

 

Urvater grub mir sein Dennoch und Vorwärts

in gestalt einer knochigen rune ein, einer stirn

vom klöppelschlag eines bronzenen willens gewölbt

und geschmeidigt, ein feuer in feingeglühten

höhlen bezeugend das ohne schlacken verglomm..

 

 

Nun Meisterschüler und Debütant

auf strategischer bühne, nimm dich zusammen:

sei klug wie die vorderste zungenspitze

der vipern und rein wie der frischgespannte

malgrund seiner leinwand! –

 

›Damen und Herren! Im namen Derer die uns voraus

gelitten, die hölle durchwandert – ihr dies unser festland entrissen

haben – für die der so hörbar wie sichtbar uns Nahe

mir steht – ohne die kein weg und kein wort, wir selber ein nichts

wären – will ich meinen dank

meine sorge und obhut ihm erweisen.

 

 

               Kastellane der kunsthallen und museen, der aulen

und musentempel, festsäle und philharmonien:

Herein, seht euch um! Hier wäre ein sprengstoff, der eure wände

in lichtjahre aufreisst, neuräume des weltalls ohne

kostspielige teleskope eröffnet. Paneele

zu schwebenden auditorien warten auf ihren ort.

Der geist ist ein wandernder Märtyrer – macht eure fenster

auf: er wirft seine goldenen kugeln ein!

 

Geld habt ihr für landebahnen und transrapide,

rollbleche für jedermann: Hier steht ein geschwader

raumschiffe nach innen bereit.

Rafft eure pompösen brokate: dies hier

wie das glück ist geliehn, solange ihr's nicht

in die sammelgrüfte verdammt. Auch ihr,

Drahtzieher und Börsenmakler der szene: riecht ihr kein geschäft?

Gold ist götterkot, den ihr erdenparcours hinterlässt.

 

 

›Springerin löwengemähnte, über den hochfirst

schüttle die flammen und winke den südwind

von drüben herein, lass flutende wärme

und südlicht sein!‹ Ein neuleib von schmiegsamem umriss

biegt sich in botenwinden des frühlings und wirft seiner Leuchterin

die heimliche kusshand zu..

 

Mit der drachenfahne der schnauflust vorm mund,

lungen voll herzdank und überschuss in schriftband

verflüchtender segenswünsche an dürstende kaltluft

erbietend – gleise voll hohleis in spriessenden dolchen

das kracht unter jedem tritt..

 

Es streicht um den wimperbug: der blick

tut zittrige kindertritte – das stolpernde herz

ist ein hinausgelassenes hündchen und tollt

voraus. In blassgrauen prielen ablaufender nachtgewölke

ziehen die träumsel, der schlick aus den winkeln ab.

Die hände am riemenpaar

wie der hirte sein kalb trägt, geht es voran.

 

 

Der dritte Teil – ›DAS BUCH DER FEHDEN‹  – beginnt mit einer Selbsterkundung, einem Erproben der wiedergewonnenen Kräfte. Der Stellenlose, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, hält Umschau, wo Bedarf nach ihm wäre und tritt den Umweltschützern bei. Zugleich lebt das Liebesverhältnis auf, das an der eigenen Ichbefangenheit, aber auch an feministischen Unbedingtheiten gescheitert war. Die verfeinerte Resonanzfähigkeit Beider führt zur erotisch vertieften  wechselseitigen Wahrnehmung.  Es findet eine Möglichkeit des gelebten Miteinanders in einer gemeinsamen Aufgabe. Hier spielt die Szene der Protest- und Friedensbewegungen mit sehr aktuellen Kampagnen herein. Die Freundin kommt bei einem Brandanschlag auf Asylanten ums Leben, als sie ein Kind retttet. So gerät der Hauptdarsteller in eine neuerliche Vereinsamung, aber auch in eine wachsende Unbedingtheit seiner Opposition zu alarmierenden Entwicklungen seiner Umgebung. Ein Kreis sammelt sich um ihn, er tritt den Grünen bei und scheitert als Abgeordneter eines Landtags. Auf sich selbst zurückgeworfen, schlägt er sich mit Kursen und Führungen durch – in einem Wechsel zwischen meditativer Besinnung und suchender Zeiterkundung.

 

                                        ..Mein gläsernes konterfei,

 

zeige mir an, wer ich bin: wär' ich der Bildhauer

meiner selbst, der an seiner statue meisselt

und feilt? Viel zu offene äuger und lauscher nach ringsum!

 

Bin ich der Eigenheimer, Kakteenbegiesser

und Gassigänger mit Struppi dem hündchen, der Unkraut-

zupfer? Viel zu gebuckelte stirn drüberhin!

 

Sprecher der Zeitgenossen, stimme des Mannes,

der Frau auf der strasse, Wortführer ihrer begehren –

Brüllsänger auf podien, Schmettrer am mikrophon?..

 

›An die Schützer der Umwelt: Stellenloser  beantragt

    baldmöglichste mitgliedschaft zu ermässigtem beitrag –

    ersatzweise bietet bereitschaft zu einsätzen in

    erreichbarer nähe. Berichte von laufenden wie 

    geplanten aktivitäten gleichfalls erwünscht!‹

 

 

Geehrte Versammlung! es gibt ein geschehen vor unseren

türen, in unseren strassen – auch das riecht nach einem

tödlichen gas: kein ägyptischer Pharao,

triumphierender Maharaja und Grossmoghul

am tag seiner krönung kam mit den pferdestärken

geprunkt wie jeder Lusche und jede Strunze

von heut! Und sie malen den satansrauch ihrer spur

in die lüfte – und fragen nicht, wen er verkümmert, vergiftet.

 

 

›Kannst kommen: ein nagelbett

für die Büsserin, halber schrank

samt stuhl am wackligen tisch

stehn bereit! Nur sei vor der enge

und meinen marotten in küche

und kultus gewarnt. Auf wunsch

wird geräumigeres, auch getrenntes

baldmöglichst für dich beschafft.

 

›Kennst du das schneefeld der einsamen

spuren von weltraum zu leerem raum – dies starren

ins graue da vorn, das die deine verschlingt? Kannst du

das wunder ermessen, wenn aus einer helleren stelle

von gleichen gefällen bewegt eine zweite entspringt

die deiner beilenkt – und über den beiden eine

wandernde lichtung das triefgraue schleppgewölk

erhellt, die ihr schweifen und nahen vereint?..‹

 

 

                                                   ..Vergebens, ist alles

gesagt: Verteile ein flugblatt – es landet im abfall;

umwirb einen sender: sie schalten ihn ab; eine zeitung:

sie lesen den börsenbericht, reportagen vom fussball! –

Die linde blüht, streut winde voll samen im weitflug:

kaum einer geht auf – doch sommer um sommer weht

der saum einer Göttin aus ahnung und heilduft um sie..

 

 

Orgelmusik – aus der hutzelkirche am weg:

sang eine totenklage aus brechenden röhren –

wimmerte mit verstimmten registern – sang

einen untergang. War es der ihre – der unsre? Ich sah

eine sinkende insel: schwarze wasser aus schlaf

und vergessenheit krochen die strände an. Tonfluten

aus silbernen mündern schlugen die schwärze zurück.

Vergebens. Ein letztes aufgebot schutzflehender

stimmen sang rote sturzseen aus offenen adern –

sang einen schutzwall. Wir wussten: wenn ihr verstummt, wenn ihr

euer tönendes blut verströmt habt, sind wir verloren!

 

Siehst du's, meine rosenfingrige Muse

ist zur grünen Hostesse auf dem streifengang mit sprechfunk

und mahnblock geworden. Das haus – nein die erde brennt!

Erst müssen die quellen – auch der kastalische es löschen..

 

    Ein krug, ein paar matten und gläser, ein brotkorb – genug!

›Also kommt, bringt eure Freunde mit  – euren zorn,

euren kummer desgleichen! Erzählt eure neuigkeiten,

von eurem woher und wohin, euren liebhabereien!

Die gemeinheiten lasst uns hinunterspülen – sorgen

bricht man am besten mit dem geteilten brot.‹

 

 

Verschleudert – was für sonnen, herzstürme, worte..

Stirb zur probe: was brächtest du mit? Nichts als

 

dich selbst: die verschrammte stirn von berannten wänden,

verbundene hände von nicht geschaffter steilwand.

 

 

                     Schaffe ich das nicht, so wirke ich dieses!  Nütze

ich dort nicht, so helfe ich hüben..

 

Leer stehn in wettern verfallend die häuser der Hirten –

von wohnhorst zu einsiedelei wehn sendefäden

 

den gastruf.. Ein fernkreis ersteht – und nichts ist vereitelt.

Sende: nun wirbelströme, nun glättende grüsse!

 

Eines das käme: Hilfst du mir? und gediehe

in deiner obhut, liebe – was wolltest du mehr?

 

Sing vom machandelbaum das lied: Kommt vögel

und plündert mich, dank habt – ihr tragt meine saat aus!

 

 

Der Schlußteil – ›DAS HÜTTENBUCH‹ – setzt im reiferen Alter Velims ein (so heisst sein Akteur). Es probt den Ernstfall – GAU  des sich anbahnenden totalen Wirtschaftsimperialismus à la ›Bushlusconi‹ durch, der zu immer skrupelloserer Unterwerfung aller Natur- und Lebensbereiche unter die Interessen der immer mächtigeren Kartelle bei immer weiter eingeschränkter Meinungs- und Demonstrationsfreiheit führt. Velims Exil ist in die Rolle eines Hüttenwarts von Naturschützern in der Südschweiz eingekleidet. In Verbindung mit rebellischen jungen Leuten werden Möglichkeiten des Widerstands entworfen, die Velim beschwörend zu mässigen sucht. Stellvertretend für diese nimmt ein junger Freund am Hüttenleben des Älteren teil. In ihrem Umgang geht es zugleich um die Erhaltung der Lebenskultur, aus der sie kommen, in einer für die  überstürzten Veränderungen der Zeit aufgerüsteten Form. Ihr Alltag wird zum beinahe kultischen Dienst an der misshandelten Erde und nimmt Züge einer Abschiedsfeier von ihrer Schönheit an.

Überschattet wird das von der Aids-Krankheit des Jüngeren; eine verhängnisvolle Peregrina-Liebe spielt da herein. Sie zieht ihn in die Heimat zurück, aus der er von bedrohlichen Entwicklungen zum Polizeistaat berichtet. Mit seinem verzweifelten Lebensrest sprengt er die Vorbereitungen einer Transrapidbahn in die Luft, ohne ein anderes Menschenleben zu gefährden.

Velim wird aufgrund seiner Briefe als Anstifter zum Terrorismus verklagt und bei seiner Bemühung um die Freunde verhaftet. Er tritt in einen Hungerstreik. In den letzten Kapiteln wechseln Unheilsbotschaften, aber auch Lichtblicke bis zu einem weltweiten Aufstand gegen all das vergeblich Bekämpfte – teils realer, teils halluzinatorischer Art – mit dem Auf und Ab seiner Lebensbilanz und der Bewältigung seines Todes. Zugleich reift sein meditatives Vermögen, den winzigsten Wahrnehmungen in seiner Zelle ein Maximum an Daseinserfahrung zu entnehmen. In welchem Sinne seine abschliessende Befreiung zu verstehen ist, bleibt offen.

 

         ›Denk' dir

ein javanisches palmen-

         idyll:

am südhang der Alpen

         im schoossknick

steilwandiger ufer-

         berge

ein leidlich erhaltenes

         almhaus

mit steinernen tischen

         auf tropisch

verwilderten garten-

         terrassen..

 

Sind Helfer gekommen, mit sorgeverstummten

gesichtern umschweigen den tisch – –

 

                                                                  Frühwach –

                                                        grellblau aus gestochenem

                                                                  umriss

                                               umflimmert.. Mit linsen und messgerät,

                                                                  filter

                                      und sonden schwärmen sie aus. Schwül weht es.

                                                                  Wirrwinde

                            entspringen – die windfahne tuselt und steht in das unwetter-

                                                                  tor..

                                              

                                               Feuchtjammernde augen schweigen

                                                        es aus: Da habt ihr's –

                                      wir haben euch gewarnt! Keine lampe

                                                        brennt, nur ein notlicht.

                            Noch melden die sender: von wasserständen bedrohte

                                                        dörfer, verschüttete

                   strassen, bahndämme unterspült – ganze häuser sind

                                                        in die seen geschwemmt –

                                                       

      Unser reichster Mann greift nach der macht –

      lies deine Apokalypse nach!  Der Drache

      der tausend köpfe erwacht: in alle türen

      und briefkästen steckt er sie dreist – von allen bildschirmen

      lächelt er feist!  Alle sender und blätter sind schon

      sein – schon reden und melden sie überein:

      sie pauken und posaunen für seine Partei der freien

        Wirtschaft – lies: Raserei!  Alle Bonzen und Grossbosse

      sind dabei – sie werben mit treibstoff und steuer-

      erlassen: Wählt uns, wir bieten euch stellen in massen –

      euer glück ruht so sichrer je voller in unseren kassen!

      Und wo du hinsiehst, siehst du sie verprassen, konzerne

      paktieren und Leute entlassen.. Weisst du keinen psalm,

      keinen toast darauf?  Ein künstlicher jubel und applaus

      johlt durch alle strassen und säle, in jedes haus!

 

Wer die erde zerstört, wer die formen und grenzen sprengt:

zerstört auch mich, sprengt auch die meinen.

Der giftige atem streicht um den erdball. Ob du dein zelt

in der wüste webst, die hinterste dohlenklippe beziehst:

der teuflische opferrauch an das Goldene Kalb

ätzt deine lungen..

 

Mit schach nach der regel und zug um zug

kommst du denen nicht bei –

sie haben das spielbrett vom tisch gefegt – –

 

     

             Er sagt's nicht, aber: wie er hinunter zur täglich

giftgrauer verrauchten ebene starrt, gibt er den planeten –

unseren kampf, wohl das ganze menschliche zwischenspiel

in der johlenden hölle des weltraums – verloren. Eine

leidensfurche um seine lippen

gräbt sich verfolgbar herber und härter ein..

 

Dann wieder spielt eine heiterkeit

um seinen mund, sein tun als könne sie nichts mehr

verzerren und trüben, als wäre sein grundfels unter den füssen

auf anderen sternen – er zu einem solchen (von dem er bisweilen

munkelt, dem unser bemühen zugute

käme) auf wegen, die man durch sich selbst ertaucht,

unterwegs. Sein abschied von allem geliebten, erweisen

der letzten ehre ist nun sein tagewerk..

 

 

Ein zeichen sein,

es setzen:

das ist es – du tust es!

Die Unsren von berg zu berg

zünden die lichterkette: brennen

in die gewissen das brandmal, den warnruf –

alarm.

 

Ob sie der letzte

Kärrner ihres betons,

ihrer brennelemente und schützenpanzer

befolgt – die schaufel den schlüssel die flinte hinwirft:

ist nicht unsre sorge.

Wir hätten das uns gebotne

                 getan – was darüber ist nicht zu wollen..

 

Nicht hass sän:

unser merkmal

ist nicht die gewalt, nicht die trümmer-

spur – ist sühnezeichen! Der wimpel

 muss stehn, bezeugen – wenn's angeht: weit sichtbar. Und wir sind

entbunden.

Es wäre die andre

nicht kriegs- sondern siegeskunst

                 der weissen Rose die aus dem grab blüht..

 

 

..Da musste krieg sein:

stahlgraue ungetüme

rückten in breitem aufmarsch über

die äcker; sie walzten die raine und saaten nieder.

In schutzloser reihe standen die Einwohner gegen sie über.

 

Sie schickten

ihr liebstes Kind vor:

ein kleines Mädchen in weiss

mit blumen im engelsgelock, ein körbchen

am arm. Es streute blüten, soweit sie reichten,

sah auf mit angstweiten augen – ein zaghaftes händchen winkte.

 

Und stille –

   das weltgericht hielt

seinen atem an. Da fiel

ein schuss – und spie eine hölle von schwärzen

in das gesicht der sonne. Ein schreigemisch –

der satansschrei der kommandostimme, heulsturm von motoren –

entsetzens-

aufschrei der Mütter

(sie stürzten vor) zerriss

meine herzwand. Sturmgeläut toste..

 

...

Es prahlt von den ständen und ständern – sie schlachten es aus,

schleudern es in die antennen:  Erster Selbstmord-

anschlag in Deutschland – aidskranker Student

sprengt erste Joche des Transrapidviadukts

mit sich selbst in die Luft – Menschenleben

umsichtig verschont – neue Formen des Widerstands

gegen den Wirtschaftsimperialismus – Kränze und Kerzen

am Tatort polizeilich entfernt – wer sie erneut, wird verhaftet –

Nachfolgetäter befürchtet – Fortbau einstweilen gestoppt –

Bedrohter Naturpark vorläufig ausser Gefahr –

Hintermann der Tat aufgrund gefundener

Briefe im Schweizer Asyl vermutet – die Auslieferung

wegen fraglicher Rechtsstaatlichkeit des Antrags verweigert! – –

 

 

DER WÄRTER:

Kopf hoch – nach oben ist platz

für eine tiara! Kein Häuptling von Altamira,

heiliger Franz in der eremitage

hatte es besser. Richte dich ein

und schmolle dich aus – die zeiten sind schlecht,

wir wissen's (schwamm drüber!) Wenn du was brauchst:

mehr decken, bücher schreibzeug papier

(man sieht es dir an) dann sag's – man lässt mit sich reden.

Vor allem ausruhn, im voraus – uns blüht

so manches.. Die nächte, zum glück, sind länger

hier als da draussen.. Ansonsten: geniesse den ausblick!

 

Mutter Erde, Hier liegt ein Verlorener, stärk' ihn –

ein Winzling tritt gegen die drachensaat einer welt an:

Leg' ihm deine hand auf die augen, schliess ihre brennende wunde

mit schlafmull in wimperform..

 

 

             Neues vom Tage,  Die Weltpost:

 Aufruf von terra mater zum sturm auf gen-

technisch gefälschte saaten weltweit befolgt!

Humangenetisches klonlabor des konzerns

provitaglobal durch bombenanschlag verwüstet!

            Rodung des tropischen regenwalds von Helfern

    aus aller welt und Eingebornen mit pfeilgift

    von langzeitbetäubender wirkung vorerst gestoppt!

Havariegefährdete tanker von Hafenarbeitern

und Küstenbewohnern nach löschung der ölfracht versenkt –

kutter von illegalen Walfischfängern desgleichen!

            Gewerkschaften rufen europaweit zum streik

gegen bau von atomkraftwerken, weiteren seil-

oder landebahnen und schnellverkehrtrassen auf!

Gefängnisse ähnlich betroffener länder vornehmlich

von Jugendlichen seit monaten überfüllt –

von der bevölkerung mit girlanden geschmückt!

            Wirtschaftskartelle rüsten ein söldnerheer

      zur durchsetzung ihrer programme und interessen!

'Umweltverbrechen sind kriegsverbrechen –

verhindrung ist notwehr!'  Der Weltstrafgerichtshof,

wo unersetzliche werte der menschheit

bedroht sind, sofortigen einsatz erfordern,

erkennt ein widerstandsrecht am ort

der bedrohung an..

 

        »Wer nichts tut, wird mitschuld.. Sich nicht verschludern, so teuer

wie möglich verpfänden – es wäre der würdigste schlußsatz

unserer passion: An einer stelle der erde genugtun,

dem einen schützling alles empfangne von quellen und morgen-

röten, beeren am waldsaum und badestränden

erwidern. Der meine wäre ein lindenbaum..

 

 

                                Es läutet in bronzeschlägen

        am hoftor – schweigender nachhall

aus hallraum gewordnen gehören

pocht echolotende klafter in

den untersten auffang der stimmen

des immer Einen – am hebel am zündknopf

im kommandoturm – hinunter, pocht ihn

hervor.. Da keimt was, schwillt auf:

ist es der wutschwall aus stierblut in

den daumen nach abwärts? ist es

der wink mit dem ölzweig, das leise

auftun der flügel? Es rauscht

durch die gänge und sprengt

verschwimmende türen – es senkt

fliegende wolkenfetzen in weissen

fahnen auf einen schlaf – –

                               *

 

Das Ganze stellt sich als eine Abfolge markanter Momente und Stationen dar, die ihrerseits eine jeweils andere Kontrapunktik in Gegenbildern oder Dialogen austragen. Die vielfach konträren Wechsel geben dem Buch ein dramatisches Element; nicht minder die Bewegung zwischen den Polen der Einkehr und des Engagements, des Stillstands der Zeit und der zügigen Handlungsschritte. Schon der Vorläufer wurde von Lesern und Kritikern als »spannend« bezeichnet. Der epische Ablauf trägt der lyrischen Sprache eine vermehrte Lesbarkeit ein.

Die sehr abwechslungsreichen Vers- und Strophenformen entsprechen den jeweiligen Stoffen und Vorgängen. Sie knüpfen an die Metren des vorhergehenden Bandes an und führen sie in die Erfordernisse des zweiten über. Den dritten Teil kennzeichnen die Vorstösse der freien Verse auf den klassischen Blankvers zu, den der Schlussteil weiter umspielt. So ist die Sprache auf sinnlichstmögliche Vergegenwärtigung ihrer Gegenstände, das heißt auf rhythmisch-dynamische Übertragung und Mitvollzüge angelegt.

 

Der Typus des lyrischen Epos hat andernorts längst neue Anerkennung gefunden: Wo er wie in  Walcotts "Homeros" mit kolonialer Exotik daherkommt und sich mit Terzinen von Dante und Homerischen Namen schmückt, ist er sogar mit dem Nobelpreis als zeitgemäß deklariert worden. Nicht weniger Aufsehen hat der "Roman in Versen" von der Carson erregt.

Die Resonanz auf eine ganze Reihe von Abdrucken und Lesungen aus dem beschriebenen Band hat seine Lebensfähigkeit und Daseinsberechtigung erwiesen.

 

                                               *

 

Stimmen zum »BUCH VOR ORT«

 

Ich glaube, die Sache überfordert mich in ihrer Wucht.. Mir und den Kollegen, die involviert waren, fehlt dazu vielleicht der Mut. [Lektorat des Suhrkamp Verlags]

 

Wir sind voll der Bewunderung für Ihr ambitioniertes Buchprojekt, sehen aber bedauerlicher Weise keine ausreichend große Leserschaft dafür. [Lektorat des Residenz Verlags]

 

In einen Autor Ihres Kalibers kann ich mich nicht mehr hineinfinden. Ich gehe auf die 60 zu.. jetzt fächre ich nur noch auf. [Rimbaud Verlag]

 

Ist [die Arbeit, die] mich durchaus nicht „mit ihrer Wucht überfordert“, nicht eher ein Aufführungs/Vortragswerk? Denn dass der Text in dieser Form wirken muss, steht für mich ausser Zweifel [Lektorat des Wallstein Verlags].

 

»Es ist beeindruckend, welche Wanderschaft durch die Verlagslandschaft Sie mit Ihrem Opus schon hinter sich haben und welche staunenden Urteile die Kollegen für Ihre Texte gefunden haben. Ich kann die Bewunderung anhand der zugeschickten Textproben teilen.. Es hat vermutlich im Moment kaum jemand die Kraft, ein so sprödes, sprachspielerisches und zugleich philosophisch tieflotendes Werkauf dem Markt durchzubringen. Die Zeiten sind nicht danach.«

                                                                  [Verlag Faber & Faber]

LICHTBÖGEN ÜBER DER STUNDE. Im Herzpunkt der Radien

 

Der Band vereinigt poetische Texte geringen Umfangs, die aus unterschiedlichen Anlässen neben der Entstehung seiner umfangreichen Vorgänger verfasst wurden.

Den verschiedenartigen Gegenständen entspricht eine Vielfalt an Formen − von Einzelstrophen über metrisch sehr variable Gedichte zu Sequenzen in Vers oder Prosa, die entsprechend mannigfaltige Tonarten und Rhythmen anschlagen.

Bislang ungenutzte Gelegenheiten − von Texten für den Anrufbeantworter bis zu vertraulichen Dialogen  in Gestalt von Fensterln  −lies: SMS − werden wahrgenommen.

 

Sie ergaben insgesamt einen wieder anderen, ganz eigenen zyklischen Ablauf:

radial aufgefächerte Lebensbereiche treten zu einem Vollkreis zusammen, der durchgehende Überformung der früheren Fassungen verlangte. Leerstrecken liessen sich mit gegenwärtigen Anregungen schliessen. In fremden Sprachen Entstandenes (Altgriechisch, Italienisch, Französisch, Englisch) erscheint zweisprachig mit deutscher Übersetzung.

 

 

TEXTPROBEN

 

I. AM WEGE

 

AUFBRUCH

Das lederne schlangenmaul vorm bett bleckt dich an –

schlüpfe hinein! Der schlauch der unendlichkeit

fängt in den schuhen an..

Dass du als Derselbe zum selben tor,

durch das du hinausgehst, nicht wieder einziehst - umkehr

auf der Rom- oder Morgenlandfahrt ist verrat, ist die schande!

Also wohin des winds - du Binnen-

länder, am einbruch des meeres geboren,

den es sich geholt hat?  Es wiedererkennen: der weg

springt als sein wildbach entgegen!

Wandern ist Brustschwimmer sein in passaten des luftmeers −

...

 

HINAUSTRITT

Waldvolk, in rinden gemantelt mit ausgefransten

ärmeln, zieht am weg auf. Aus jedem

astloch mit hohen brauen sieht mich ein blick an –

stumm stumm.. Und mit meinem weitergehen

wendet sich ab – im schreittanz sich gegeneinander

bewegender reihen. Immer neue

im undurchdringlichen vormarsch kreisen mich ein,

bald mürrisch, beinahe drohend – verkreisen zur seite

und rotten sich hinterm rücken zusammen.

...

 

 

 

WINTERNACHT ÜBER FLORENZ

...

Im beinahe vollmond

treten die weissen

zierate des doms

unter das eisige glitzern Orions.

Auffasernde marmorformen

heben sich von ihren sockeln

zum flimmernden rauhreif zerdehnt - -

 

 

 

II. PILGERBÜCHLEIN

 

Gewisse Orte konnte man als Ziele weltlicher Wallfahrten verstehen. Bisweilen bestand der Ertrag in umfangreicheren Stücken, auch mit erzählerisch-balladeskem Einschlag.

 

 

 LEBENDE KRIPPE AUF ISCHIA

...

So also, im zwingenden schreitmaass unseres Kantors

geleiteten wir unsren Schatz, unsre himmelblaue

Madonna samt Ungeborenem unter dem umhang

auf einem steinigen saumpfad bergan.

Hangabwärts zur seite durch kahlende kronen ging

das letzte verbrämen der reben im restlaub

unterm verlangsamten sinkflug der sonne mit.

Kräuselnder windglanz durch wachsend gerötete

risse im streifengewölk über schäumende ufer

wehte vom sichtbar-unsichtbar gewärtigen meer herauf...

 

CUMA. Sibyllinischer Prozessionsweg

...

Halt! Sperrzaun – erleg' deinen obolus:

es geht ins Andere ohne

Acheron ohne boot! Verengte passagen

im anschnitt erstarrter laven

streifen was du nicht selber bist von dir ab.

Vorhöfe: weiten den brustkorb, dass du es einsaugst

bis in den untersten zipfel der lungen. Ein strömt es

in seeglanz vom durchstich meerauswärts –

und stellt deine augen auf fernsicht, unendlichkeit.

Alles ist offen von hier ab, steht frei –

und will dich bergeinwärts die gangflucht zur seite.

...

 

 

 

DELPHI

 

Schlagende zungen

des orts, zypressengeflammt

im fallwind der hochklamm.. Er wirbelt den rauch

von zerriebenen schottern unterm geroll

der beräderten hydra beiseit und schärft

nachwachsende pfeile des lichtstrahlbesaiteten

bogens.. Wahrsagende bläue

spannt glänzende sehnen von kulm zu kulm,

die schwalben und weissgoldverfliegende

kühle versendet. Zikadenhell

schwirren die nadeln an federnden schäften – –

...

 

III. ZU GAST

 

Die hier vereinten Kleinformen umspielen das Grundmuster eines Gästebucheintrags.

 

 

Durch eisernes stabwerk im ranken-

geflecht der aufgefelderte

vollkreis der blütenuhr

aus beeten und jahreszeiten unter-

legte ein pfadegeschlängel durch rasen

und baumgruppen meinen wieder-

besuchen im mitzug der sommerschatten.

...

                *

Es kennt sie nicht, wer ihre vasen

nicht kennt: Fahr ihrem umriss

mit deinen augen nach,

so gehn ihre hände aus

der wandung hervor

und modeln den abdruck in

die unform der tage – –

                *

Unter quadern in steinrot und nachtigallen

zwischen blüten und pergament:

haben wir auf die goldene biene gelauscht,

haben wir mit dem Rumpelstilzchen gelacht –

unser fernrohr nach neuen sternen geschwenkt - -

        *

 

 

 

IV. DICHTERISCH BEHAUST

 

An Orten, wo man sich längere Zeit aufhielt − als Feriengast oder Stipendiat − entstanden neben Einzelgedichten auch zusammenhängende Sequenzen, bisweilen in Prosa.

 

 

                 MÜNCHEN – SICH SELBER DICHTEND

 

Spät ist’s – über gärten von Schwabing brennt noch

ein licht. Da wacht, von aufgeschlagnen

gedichten umblättert

Eine, die scheint ein orchester

getrennter stimmen zu hören,

die ihre passagen üben. Sie lauscht akkorde

hervor und denkt ihnen plätze

in einem zwanglosen stellkreis um unsere stadt zu...

Flugbahnen der worte von mund zu ohr

wurden gewölberippen des saals –

ein wehendes hochzelt über der steigluft

ihrer konzerte, das sie durch rastlose

zufuhr musischer stimmen

in atmender schwebe erhält.

 

 

            WO DIE ERDE IN VERSEN SPRICHT – RONCO SOPRA ASCONA

 

ANKUNFT

 

Ranken umwehen,

umschatten ein plankentor..

Ich sah durch die fugen

und schlürfte die rasenkühle

eines vorhofs in sonnegetränkten

mauern. Ruhe der innenräume

quoll durch die weissen

bögen, vom nachduft der vasen

getränkt. Die atemzüge

der säulen und drinnen geahnter

gedichte durchwehten die stille..

Ich hörte das brunnengeräusch

der sekunden ein zwiegespräch

aller dinge mit meinem eintritt eröffnen – –

              *

WO GUT MALEN UND DICHTEN WAR – Olevano Romano

 

Dieses gewoge von höhenrissen um uns auf mehreren seiten zeichnet ein melos vor, das musische tage unterstellt. Von ganz besonderem zustrom: unbegrenzt ist die sicht in die lichttiefen über der römischen Campagna, die an den wellenlinien der Albaner Berge ausschwingt. Derzeit mischt der himmel darüber stündlich wechselnde amazonenschlachten aus der kaltluft über den immer noch weissen gipfeln, den einflüssen der unfernen küste und der vom offenen süden einströmenden wärme.

                           

                                      *

 KORBTRÄGERINNEN, DIE LETZTEN – greise

Karyatiden – tragen den hausschatz

durch ausgestorbene

gassen, ratlos wohin..

Sie zögern am stadttor,

schaun zu den  endlos

rollenden strassen hinüber

und kehren sich ab –

tragen ihn weiter durch ausgestorbene

gassen, ratlos wohin – –            

                        *

DIE MARMORNE PASSION. Venezianisches Mosaik

...

Sobald der tau von den pflastern verdampft, zieht auch die stille sich in den stein zurück, aus dem sie über nacht getreten war – von den knörenden lastkähnen beiseite gerempelt. Aber du brauchst nur vor einer heiligennische oder wandmalerei anzuhalten, und sie schlägt einen schutzmantel auf und hüllt ihn als eine glockenwand um deine stelle. Mitten im plärrenden fremdenbetrieb spürst du das nachgesumm einer allmächtigen ruhe und erfährst dich in die schweigende sammlung einer klosterzelle versetzt.

...

 

Wie die paläste dem meer vertraut Venedig seine feinsten hervorbringungen dem zerbrechlichsten stoff an. Nie wurde mir so atemanhaltend ängstlich, so vorsorglich erschrocken zumute wie beim heben und drehen eines wunderdings von blauer schale in meinen händen. Aber nichts flösst auch den fingern eine solche behutsamkeit ein wie dieses sich preisgeben einer feinstmöglichen form, die nur um die hinnahme der äussersten verletzlichkeit hervorgehen konnte. Nichts fordert die fingerspitzen zur feinfühligsten wachsamkeit heraus wie eine solche schutzflehende zartheit der wandung, der man ihr geisterhaftes wachsen und schwellen vorm mund des Bläsers ansieht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TURMGELÄUT ÜBER MUZOT

 

Es geht auf mehrere Aufenthalt im dortigen Rilke-Turm zurück.

 

NACHKLANG

 

›Da stieg ein turm!‹ – er bot seine lichte

weite zum hallraum an..

Sprachloser atem der seine kehle,

rühmender klangstrom der seine tuba,

sommerwind der seine harfe fand,

durchschwang den gemauerten fels..

Wehender schwingrauch in steigenden

ringen stand über den giebeln

und schlug in wetter-

zeichen und versen aus – –

 

                        *

 

Unbeirrte musik,

selig leis (ob die staub-

fäden der blumen ihre

stimmbänder sind?)

schwärmt um die geschosse, in immer engeren

schlingen an ihn geschmiegt,

und vertont ein ungeschriebenes

gedicht in schaukelzeilen

des talwinds: von rosen im knospenschlaf

zu amselruf aus dem kirschblütenweiss,

pappeln im keimgrün zu mittags-

knistern im mauergebälk,

von bienenumtaumeltem

südhang zu – ist es ein stehender silber-

blitz gletschergrün aus dem felsen-

riss bis herab, weinberge begrünend und

die schleppe der gärten – ist es

ein eis- und sonnegetränkter

vers von der sehne des wasserfalls?

 

 

 

 

 

»UM GESELLIG ZU SEIN«

 

Also Texte, die zur Geselligkeit beitrugen oder von geselligen Aufenthalten und Teilnahmen angeregt wurden. Sie werden mit einer Folge von möglichen Ansagen für den Anrufbeantworter eröffnet.

 

› – ich rufe zurück!‹

 

›Sie sind im gehörgang eines empfangsbereiten gehörs

auf halbem wege stecken geblieben.

Geben Sie nicht auf: eine meldesonde

wird zu Ihnen hinabgelassen –

sprechen Sie namen und befindlichkeit auf!

Nach empfang derselben wird ein rettungs-

einsatz in die wege geleitet

der Sie mit notproviant versorgen wird!‹

                *

 

STERNBILDLICHE VORSCHAU. Zur römischen Hochzeit von C.F. + S.F.

 

Kommt mit: es geht eine wendelstiege

hinan. Wir sind unterm kuppeldach

einer warte. Ein knopfdruck – und schon

schwingt das metallene lid sich auf. Astrale punktur

bietet den wahrgrund, aus dem ein vorausbild

an fäden aus lichtcharme unserer wahl

hervortritt. Glanzlichter des weltraums

stecken ein Mannsbild mit ausgebreiteten

schultern, antiker statur ab. Ein flügeln von geist

umhellt seine schläfen. Er senkt einen stab,

schreitet behutsam – also:

ein Spurensucher! Und fegt von verschütteten rissen

den staubfall, zeichnet sie nach.

...

                *

 

MUMMENVERBRENNGESANG

Zum Faschingskehraus im Haus Amo-Rettenbach*

 

Krick krack und schuhuu - was da brennt

das bist du, was da schmaucht

das bin ich! Erkennt ihr mich nicht?

Da verschmort eine fratze, erscheint

eine glatze, verpufft eine seifen-

blase - vielmehr eine rote

nase. Da wimmert mein grössen-

wahn, meine narretei -

süsser dünkel, vorbei vorbei..

Du neckisches Frätzchen aus meiner rippe,

das hüpfende flämmchen da war deine schnippe!

Wirf hinzu deine künstliche mähne,

spuck' aus deine vampirzähne -

du deine migräne und ihr eure grippe!

Hinweg mit den stelzen kothurnen und krücken

samt euren korsetten, toupets und perücken!

Da steigt was in wolkenballen:

Damen mit eingesunkenen blusen

das waren wohl eure busen,

die eben noch runden stolzen und prallen.

Halbgöttin, verklärte durch pasten und puder,

sei wieder das alte vertraute Luder!

Utensilien sündhafter abenteuer

büssen für euch im fegefeuer..

 

 

VI. DIE LANDLOSE KOLONIE

 

Das ist die verteilte Gemeinschaft der Freunde und näheren Bekannten, in der man lebt. Die ihr gewidmeten Gedichte sind nach ganz eigenen Bereichen, Vorkommnissen und Einrichtungen dieser imaginären Stadt oder Provinz angeordnet. Die Kleinkunst herrscht vor.

 

STADTGRÜNDUNGSFEST

Strassen, von buden für kost und krempel

gesäumt. Von tribünen so hier wie dort

bläst es aus messing und mischbatterien. Applaus

um Jongleure und Puppenspieler, Fakire

und Querpfeifer lärmt aus gedrängen. Durch all das

flaniert die Freizeitmode mit chips oder eisbechern

vor den mündern. Die Stillen, Getreuen im lande

mit einer schwermut in den gesichtern

üben ihr todgeweihtes handwerk.

Von jahr zu jahr ingrimmiger schräger

aus tuben und spritzpistolen der farbenchemie

in schrott oder scherben mucken die Nicht-mehr-

Maler-Bildhauer für  ein paar stunden

gegen den markt auf, der morgen schon all das

in sechsfacher spur beiseitschwemmt - -

                        *

Zwei hände - als seien sie um den hals

einer geige gelegt – fingern lautlose musik

in den nassgrauen lehm. Sie heben ein wachstum

von knospen in gross. Ein stehender glockenton

in gestalt eines kruges greift in den raum aus 

und hüllt seinen wohlklang um

die Zwei, die ihr lauschen wie in einer

brunnenkapelle vereint - -

                        *

 

DAS ÄRZTEHAUS

 

Wie das guttat, in seinem sorgen-

versenkstuhl mit Ihm von Venedig

und der Bernina zu schwärmen, indessen die neue

Sierra Nevada mir unter seinen

geschäftigen händen aus den ruinen wuchs –

mehr noch als er einen dank

der auf versfüssen kam zum entgelt nahm!

 

Lachen ist zähnezeigen – aber

durch ihre lücken grinste der Tod..

Sein Gegenspieler hat sie geschlossen –

dank sei ihm! Wenn's aber nun das Nirvana,

der äther wäre, der unsre fenster aufreisst?

...

 

 

DER KÜNSTLERHOF

 

Geht leises vor hier oben, ist

ein schattenhain skulpturen:

ein schreittanz von güssen und weissen

torsen tritt aus der zeit –

wo der Meister die runde um

seine bronzenen tiere, marmornen Söhne

und Töchter und mit gereifteren in den ton

greifenden händen, sehender ihnen voraus

sie weiterentwerfenden augen hervorgeht – –

                        *

Der malende taktstock in seiner hand –

nicht um den farbensturm zu entfesseln,

ihn anzuhalten  gab den einsatz..

Er lenkt die gegenstände aus ihrer stunde:

freischwebende fensterkreuze

und giebelformen von wandungen blauer gläser

gewölbt  betreten die bühne der leinwand.

Phantome aus licht, in einer dämmerung

vertiefter azure stehn die scharade,

die nichts als sich selber, die sphinxgestalt

der vertrauten dinge meint. Eine goldene litze

im windspiel erstarrt, verewigt den lichtwink der stunde – –

                        *

MALTESERDIENSTE

 

SCHLAG AN, MEINE WÜNSCHELRUTE, FEGE DEN RAUM:

Finstere adern der erde, weicht aus –

strömt eine schützende mandel um diese stelle!

Kristalle in lindgrün und lichtweiss, sammelt

die freundlichen strahlen des himmels

auf diesen ort: schliesst sie zum verdeck über ihm

zusammen (es lauert so finster am horizont)!

Denn ein Johannisblümchen

schaut hier aus der knospe...

 

                        *

 

DER KONZERTSAAL

 

Das licht lässt den schmetterlingen, der mond

dem meer keine ruh – uns selbst

nicht der sturm der akkorde, der leiseste

anschlag von Sylvias händen..

 

Ich werde zum leib, über den

ihre saiten gespannt sind –

werde zum aufflug der möve

der seine kehren nach ihren läufen,

tümmler im meer der in ihrer strömung

ohne zu wissen wohin zieht. Dann wieder holt

ein panther zum sprung aus, braut ein gewitter in mir

aus einem schwarzgewölk seine blitze –

um nichts als ein blühwillig keimendes beet

von sonnen, die ihre hände entwölkten,

strahlengetränkt zu hinterlassen – –

 

                        *

                                    ...Flötenmusik

aus der passage – von rückflut in über-

kippenden schwällen verschwankt –

ringt um gehör.. Ich lehne am lichtpfahl

und in mein gehör biegt ein folgsames segel, das

der tönende atem über ein leichtes

gewell um unbetretbare inseln

im farbenspiel einer niedrigen sonne

wendet. Und ich – für ein sachtes versinken des tags –

lag als der Träumer im boot – –

                        *

DIE STREUOBSTWIESE [= Widmungen in verschenkte Werke]

...

Unter den bogengängen von Sankt Bonifaz,

die soviele tore zu innenräumen

wie schleusen der ausfahrt ins hochmeer

auswandernder Herzen bis hinter die sterne sind:

für eine stunde im wellenschlag seiner räume

von mund zu ohr, herzmerk zu dank,

wurde das mauerwerk seiner apsis, meine

stimme ummantelnd zum hallenden gaumen ihrer

worte – ohrmuschel zugleich des empfangs

sprachloser erwiderungen – –

 

                        *

Hier läutet ein Türmer die glocke zum nachhall

verwundend und heilender, zartestmöglich

und schwungvoll-energisch gerührter saiten

und bietet ein zwiegespräch

für flöte und einsamkeit zum dank an!

                        *

DER AUSSICHTSTURM

...                    

Dann vorm ausguck lag Maloja,

von Maloja stieg ein duft auf:

aus dem duft trat die Regine.

 

Zu den seiten schwangen die arven,

durch die arven sangen die winde:

von den winden sang ihre gitarre.

 

Aus der dämmerung tauchte ein stern auf,

um den stern entsprang ein nachrot:

aus dem nachrot wehte ein flüstern.

 

Windgeflüster nimmt kein wort an,

bleibt ein heisergrauer hauchton –

in dem grauen verliert mein blick sich – –

...

 

ABENDREVUE

 

Die stunde des vorschlafs ist ihr bevorzugter

auftritt; die bühne ist in die binnenwand

meiner stirn getieft. Szenerien einer ungelösten

begegnung ziehen mit ihnen auf –

ziehen vorüber. Denn

sie treten nur auf, um eins mit der ferne,

die eines das andre in sich nimmt, vorüberzugleiten...

 

                        *

Nur durch ein weinglas,

ein laken getrennt –

und einsamer niemals.

 

Mehr als vereiste gebirge,

monde des nichtsehns inmitten –

und näher denn jemals – –

 

 

VII. BIST DU’S? – SEI DU’S – WER BIST DU?

 

In Gegenbildern zur Pop-Erotik wird ein lyrisch-naiv eröffnetes Verhältnis aus der Ich-Befangenheit der Partner durch Krisen zur unverstellten wechselseitigen Wahrnehmung und in ein robustes Miteinander übergeführt. Als neues Darstellungsmittel tritt an die Stelle des klassischen Briefgedichts der Austausch von fernschriftlichen Kurzmitteilungen [SMS].

 

 

IM ZUG DER ZEIT

                                               Sie kucken sich nicht in die augen −

                                               sie kucken sich in die hose − −           

 

Die kurve kreischt einen lustschrei –                

und rumpelt die schultern, die schenkel an-

einander. Sie kuppelt mit rippenstössen

in das gewühl. Der anflug der liebesakte

auf werbefächen schneit in die augen.

Ein  spielfilm anstelle der welt läuft ab. Die szene

ist ein abteil: Ich sehe ein frühreif verlebtes Ding –

Groupie mit dem gepierceten bauch –

die schmuddligen sneaker auf den sitz

geflegelt, die ohren verkabelt. Ein lustloser Schlacks

(sie kennen sich alle und keiner keine)

lümmelt sich neben sie: »Was hörst du?« Sie blinzelt

und klaubt den einen pfropf aus dem ohr in das seine.

Da  floaten  sie seite an seite – nach dem gleichen

drumsound (es wummert zu mir herüber)

.. Und wir – wir sahen uns an – wo sind wir?

 

                               »Looking for adventure –

        that’s looking for you –

 

Weisst du’s noch: ein wunder von blüte

war aus der wildnis getaucht.

 

for whatever comes our way.

 

Du kamst des weges – ich fragte:

›Kennst du’s – auch du nicht? Schade!‹

 

                               Don’t care what comes afterward!

 

Du fragtest: »Weisst du keinen namen?« –

Ich: ›Lass uns ihn erfinden!‹

 

                               Yeah Darling make it happen –

 

Du sagtest: »Die blume ‛Geh-nicht-vorbei!’«

Ich: ›Blume ‛Lass-mich-nicht-allein!’‹

 

                               take the world in a love embrace –

 

Sie und unsre blicke gingen

eins in dem anderen auf...

 

                               *

 

..Ein hochmeer aus wellenlängen

umschwimmt uns: es gibt ein ding wie ein zitteraal

in unserer hand. Wir fingern die grüsse

kusshände und zärtlichkeiten in seine schuppen –

er wellt sie in die geführigen glätten..

Unsere liebespfeile sind sommer-

fäden aus schriftband und

durchblinken den luftraum:

 

 

Sei      Mein       Südwind

Sende  Mir         Sommer

Sonne  Mondlicht Sternklar!

 

 

Komm in mein raumschiff!‹

        »Wohin geht’s?«

›Zum Mond – zur Venus.. Wohin du möchtest!‹

        »Nur bis dort, wo die schwere aufhört!«

›Also in die sphäre des leichten – des leichtsinns?‹

...

                               *

MIT VERSTOSSENEN ZEHEN IN HALBSCHUHEN OHNE HALT

die kuppen anwärts und holprige steige hinunter

bist du mir nachgestapft. Und ungetrübt unbemüht,

sooft ich zurücksah, erschien mir ein almwiesenblühn

an deiner stelle – trank ich aus enzianblauem

bergquell in wimpern gefasst.. Mein dank gab den vorfrühlings-

blüten am weg das wort – das wandernde pansrohr bei fuss

wurde zum sommerstecken in deiner hand – –

...

 

SIND STÖRTRUPPS ZUGANGE: ein wühlschwarm von ausgeburten

haucht trübende viren in das sehklar – es dickt und verschliert.

Und du drüberhin beschlägst mir mit nebelworten

die scheiben.. Was treibst du dahinter?       

...

                        *

Es fährt in die schreibende faust:

pochworte an ihre türe, raben-

schreie um ihre ohren.. Aber

vom hintersten kleinhirn, wo das gewissen

kauert, schwillt es herauf: ‛Da war doch

ein aufblühn der ihren in deine augen –

ein aufruhn der unsichtbaren

krone um stirn an stirn – war die geduldige

Mitträgerin der lasten, Mitwandrerin

mit blasen am fuss über holprige steige, gerölle..

Hielt nicht ihr picknick zu jedem an- oder abstieg

ein schmanckerl, mehr: eine notration für dich bereit?’

...

                               *

                ›Meine Igelin bleibt sich treu, die auf ihren stacheln

                erdbeeren oliven und Mozart-

                kugeln befördert!‹

 

»Verjünge mich vollends:

nimm deine brille ab!«

 

 

 

 

REQUIEM

 

Es vereinigt alles um den Tod Entstandene unter den Überschriften: SIE SIND UM UNS − VON GRAB ZU GRÄBERN − DEN VERSTUMMTEN ABGELAUSCHT − DIE HINTERBLIEBENEN.

 

SCHRITTE IM TREPPENHAUS –

das aber die wendeltreppe

in meinem gehör ist –

kommen gestiegen, hinab und herauf.

 

Säulen aus mondlicht

durchgleiten mein zimmer –

das aber die dunkelkammer

in meinen augen ist.

...

                        *

Setzt mir kein lächeln auf,

faltet mir nicht die hände −

schminkt mir kein morgenrot auf die backen!

 

›WIR SCHLUGEN DIE ROSE IM WASSER AUF

von den sommern gewiegt, von den stürmen gezerrt –

und haben die wurzel im seegrund, die keiner sieht,

mit sonnesüchtigen lidern genährt – – ‹

 

EPIKUREISCH

»Wir waren wie du auf der sause –

geniess sie: das leben ist eine jause.

Nur unsertwegen kein Weh und Ach!

Leer’ deinen humpen und folge uns nach –

und wir trinken die lange die selige pause – – «

                *

AM SARKOPHAG ANTONIO MACHADOS

 

›Manche pfade hab’ ich gespurt,

meine hand manche furche gerillt:

verwischt und verschüttet sie alle.

 

Manche rose hab’ ich gezogen,

mancher tag war ein weinkelch, ein rausch:

sie alle verdorrt und verflogen.

 

Mein ertrag – mein verdienst? Mit versunkenen

träumen das nachtmeer getränkt –

um ein verstummen das schweigen vertieft – – ‹

                        *

 

 

 

 

 

 

WARUM IN VERSEN?

 

Der groteske Umstand besteht, dass die Versform vielfach als Behinderung und Erschwerung des Lesens verstanden wird, obgleich sie die Mitteilsamkeit und Eindringlichkeit der Sprache erhöht.

An drei Beispielen aus dem >Buch vor Ort< möchte ich diese Leistungen  aufzeigen.

 

1. Gegen Schluss des zweiten Bandes heisst es:

              

              Sing vom machandelbaum das lied: Kommt vögel

              und plündert mich, dank habt – ihr tragt meine saat aus!

 

Wenn man nur zwei Wörter der Verse umstellt und sie durchgehend liest, werden sie zur Prosa:

 

Sing das lied vom machandelbaum: Kommt vögel  und plündert mich, habt dank – ihr tragt meine saat aus!«

 

Der auffälligste Unterschied der beiden Fassungen ist: Die zweite spricht über das Lied, die erste macht es in Andeutungen hörbar, macht es sinnlich erfahrbar. Denn:

 

Die Versform ist eine Vertonung mit spracheigenen Mitteln. Sie setzt rhythmische Akzente und nutzt die Satzmelodie, um den semantischen Bedeutungen der Wörter musikalische Möglichkeiten hinzuzufügen.

 

2. Der erste Band beginnt mit einer

 

           

            STurzgeburt

..

Rumpelpumm,

dreh’ dich um:

du bist dran,

stirn-voran

aus der furt

auf die wurt –

rolle vorwärts

in die

geburt! – –