Wilhelm Deinert

 


                                                   ..Aber beeil’ dich:

es könnte zu spät sein – und alles

wäre umsonst: dies werde-

ringen der jahrmilliarden,

aufblühn der dome aus träumen

und tönen, durchbeten der himmel und urbar-

singen der räume.. Alles

blind stumm taub,

gähnende leere

auf jahrmilliarden wie

zuvor – ein rauchender müllplatz

                              das ende vom lied‹..

 

Das ist es: die linien verlängern, den pfeilschuss

sich selber voran in das namenlose

zu tragen – das heisst, aus dem schönen schein

in das wahre das ungeheure zu münden..

 

Aber hier, da habt ihr's! reisst eure bullaugen auf:

Gottes stirnjuwel, der saphirene talisman

seiner schöpfung dreht seine mysterienspiele

und berge der läuterung durch interstellare

saharen und weltenbrände und fächert die pfeile

des strahlentods in garben der iris und wangenröten – –

 

 

Wir rütteln an den atomen

und schwingen sie ein,

bis zum untersten grundfels der welt..

Der spin, den wir – unser herz,

unsre stimme – den stoffen einjagt,

überlebt die trümmer des doms

und schwängert das samenkorn eines neuen sterns – –

 

                                                                                         *****

 

              Mit opulenten Titeln wie ›Mauerschau. Ein Durchgang‹ (Piper 1982) setzte Wilhelm Deinert wichtige Wegemarken in der deutschen Lyriklandschaft.   (DAS GEDICHT. 11.Jahrgang, Nr.11)

 

              Das poetische Aussenseitertum des Wahl-Schwabingers ist glaubwürdig: Aus dem teils kafkaesken, teils Rilke melosverwandten Geist unseres Jahrhunderts gelingen hier Kunstwerke aus Traum, Vision, aus einer fesselnden Mixtur von Wirklichkeit und Erlebnistransparenz.. für Leser, die nach Spracherlebnissen jenseits von Spielereien und Mode suchen..

(Inge Meidinger-Geise, Die neue Bücherei)

 

..als sei (das Werk) in einer unbekannten Sprache gedacht und geschrieben. Andrerseits merkt man sehr rasch, dass der Schreiber oder der Dichter auf rätselhafte Weise ein grosser Meister sein dürfte..                                                                  (Joachim Günther, Neue Deutsche Hefte)

 

Stilistisch reicht sein Ausdrucksspektrum von müheloser oder satirischer Mimesis der Alltagssprache über prägnante Schilderungen von Natur- oder städtischen Alltagsphänomenen bis hin zum   hohen Ton eines mystagogischen Melos.          Dr. Pia-Elisabeth Leuschner, Literaturvermittlerin

                                                       

*****

Wilhelm Deinert

 

Geboren 1933 in Oldenburg. Kindheit und Jugend am Jadebusen. Studium der klassischen Philologie, Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Freiburg/Bg. und München, mit Promotion über Wolframs von Eschenbach »Parzival«. Daneben Tätigkeit als fliegender Händler, Werkstudent, Helfer in Kinderlagern und Hauslehrer. Von 1958 bis 1963 Lehrbeauftragter für deutsche Sprache und Literatur an der Universität München. Lebt seitdem als freier Schriftsteller in München-Schwabing. Seine Arbeiten umfassen Lyrik, lyrisch-epische Grossformen, Kurzprosa; Essays zur Literatur und Kunst der Moderne, zur Lage. Experimentelle und kinetische Gattungen.–

Einsätze als Rutengänger und Umweltschützer.- Kontakt.

[Foto: Johannes Seyerlein]

 

Auszeichnungen:

Aufenthalt im Rilke-Turm zu Muzot 1981 und öfter;

Stipendium des Palazzo Barbarigo (als erster Schriftsteller) Venedig 1984;

Ehrengabe der Stiftung zur Förderung des Schrifttums 1984;

Ehrengast der Villa Massimo Rom 1986;

Villa-Waldberta-Stipendium der Stadt München 1986;

Stipendium der Casa Baldi in Olevano Romano 1991;

Membre d'Honneur de la Fondation Antonio Machado 1994;

Sieg über namhafte Rapper in einem Münchener Poetry Slam 2000; u.a. –

                   Seit einigen Jahren Empfänger der Künstlerhilfe des Bundespräsidenten.

 

Werke:

Ritter und Kosmos im »Parzival«,1960;

Triadische Wechsel, Zyklus tonalis. Lyrik 1963;

Gedrittschein in Oden, Lyrik 1964;

›Thema Mundi‹ und andere sprachliche Mobile ab 1968;

Der Tausendzüngler, Ein Wortkartenspiel 1970;

Missa Mundana. Epizyklische Gänge (lyrische Grossformen)1972;

Bricklebrit. Ein Lügenmärchenlegespiel (für Kinder)1979;

Die Gnomenstaffel, Ein Steckspielkalender zum Sprücheverwandeln 1979;

Mauerschau, Ein Durchgang (lyrisch-dialogische Grossformen) 1982;

Über den First hinaus, Ein Anstieg (Kurzprosa) 1990;

An den betenden Ufern, Brief aus Benares 1994;

                     Das Silser Brunnenbuch, Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyr. Umgang 1998.                                                                          Das Buch vor Ort. Eine lyrisch-epische Aufrüstung. 2010;

Der tastende Strahl. Antwortende Verse auf Bilder um Einlass.

                     Nahe dran. Im Herzpunkt der Radien. 2012.

Windharfenmusik in Worten. Sprachliche Mobile und weiterlei Dichterisches in

      Bewegung zum Lesen, Anfertigen und Bewegen. [Unverlegt]

Der Gesang der Konturen. Aufsätze zur Sprache der Formen in Literatur und Kunst.                                                                                               [Unverlegt]

Textproben in: Zeitschriften; Anthologien.

Siehe auch: Lesungen, Dichtung am Bau.  Warum in Versen?

 

Auflagenreste beim Verfasser verfügbar.

 

Übersetzungen:

aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Rätoromanischen, Lateinischen, Griechischen und Sanskrit.

 

 

Literatur:

 

Paul Konrad Kurz: Gott und Welt im Gedicht. Missa Mundana (Wilhelm Deinert)

In: Die Neuentdeckung des Poetischen 1975;

Joseph von Westphalen: Ein Besuch beim Poeten.

In: Westermanns Monatshefte 1983/11.

Jürgen Küster: Gespräch mit Wilhelm Deinert.

In: Literatur in Bayern 1985/2.

Ingeborg Reichert: Mauerschau. In: Das Lächeln des Windes 1990.

                     Pia-Elisabeth Leuschner: Unanfechtbare Ambivalenz. Poiesis der neuen Idylle in

          Wilhelm Deinerts Silser Brunnenbuch. In: Arcadia. Internationale Zeitschrift für      

          Literaturwissenschaft Band 39. 2004

         Bernhard Gajek: »Dichtung ist Welt aus Ordnung und Sprache«. Über den Sprach      künstler Wilhelm Deinert. In: Literatur in Bayern 2009/3.    

 

 

ZU EINZELNEN VERÖFFENTLICHUNGEN:

 

MISSA MUNDANA. Epizyklische Gänge

 

Die ›MISSA MUNDANA‹ oder ›WELTLICHE MESSE‹ ist ein Zyklus aus Zyklen. Sprachliche Kompositionen (wie ›Litanei‹, ›Sequenz‹, ›Terzett‹, ›Partita‹, ›Pentagramm‹, ›Antiphon‹, ›Sonate‹) die an liturgische und musikalische Formen anknüpfen, sind durch wiederkehrende Elemente zu einem einzigen Ablauf verflochten und münden in einem zusammenfassenden zweistimmigen ›Doppelkonzert‹. Stoffbereiche der Gegenwart, vom Physisch-Elementaren bis zu Belangen des Einzelmenschen und der Gesellschaft werden in sich erweiternden Durchgängen entfaltet, aufeinander bezogen und einander entgegengesetzt. In ihrer Gestaltung, die auf Analogien zielt, spielen sich Vorgänge der Selbstfindung und Reflexionen des individuellen Gefüges auf gesellschaftliche und naturgesetzliche Ordnungen ab. Alle Einzelteile − bis in die kleinsten Abschnitte von haiku-artiger Selbständigkeit − stehen zugleich in dem Zusammenhang des engeren Zyklus und haben ihren Platz im Verweisungsgefüge des ganzen Buches. So entsteht ein sich fortschreitend selber deutendes Werk, das seinen Inhalten eine vielbezügliche Lesbarkeit abgewinnt, zum Teil in mehrfach ver-knüpfbaren Satzgefügen.

 

Hinsichtlich der Gattung durchkreuzt es die hergebrachten Unterscheidungen, indem es durch lyrische Tonlichkeit der Sprache, durchgehende Bildlichkeit und dialogisch-dramatische Entgegensetzungen an allen drei Grundformen teilhat. So liesse es sich als eine Weiterführung der von Maliarmé, Rimbaud und George begründeten »objektiven Lyrik« bezeichnen, die lyrische Ein- und Umtönungen in stofflich-gegenständlicher Repräsentation zu konzertierenden Positionen anordnet. Im Sinne des Titels legen sie dialogische Positionen an, die in wiederholten Wechseln des Standorts die Spanne der Gegenwart abzustecken und auf eine über ihnen erstellte Totalität des Bewusstseins hin zu vollziehen suchen.

 

 

Stimmen zur Missa Mundana

 

Bereits bei der ersten Annäherung an die ›MISSA‹ habe ich die Überzeugung gewonnen, daß es dem Verfasser gelungen ist, den Formenbestand, den Wörter- und Bilderfundus der deutschen Literatur erheblich zu bereichern.

                  Univ.-Prof. Dr. Klaus Lazarowicz, Institut für Theatergeschichte, München

 

Ihr Buch ist nicht so sehr im gewöhnlichen Sinn schwierig wie unverständlich, als sei es in einer unbekannten Sprache gedacht und geschrieben. Andrerseits merkt man sehr rasch, daß der Schreiber oder der Dichter auf rätselhafte Weise ein großer Meister sein dürfte .. Modernität mischt sich mit Altertümlichkeiten. Eine ziemlich beträchtliche Ernte überraschender, meistens auch einleuchtender Wortneuerungen liesse sich ausziehen .. Es kommt hinzu, daß auch die Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht einfach leer ausgeht. Sie wissen im Einzelnen viel kleine Faszination auszustreuen für den, der dem Ganzen nicht gewachsen ist .. Ihr Buch ist nichts für das gewöhnliche literaturkritische Geschäft. Man müßte arrogant und töricht sein, wenn man es aburteilen wollte .. Andrerseits kann man oder kann ich es aber auch nicht beurteilen, sondern nur von ihm Kenntnis nehmen wie von einem bunten Vogel oder einer phantastischen Pflanze aus anderen Kontinenten.    

                            Joachim Günther, Herausgeber der »NEUEN DEUTSCHEN HEFTE«

 

Wilhelm Deinerts ›MISSA MUNDANA‹ ist ein verbales Architektur-Werk hohen Ranges. Es verbindet in seiner großangelegten Komposition einmal Gefühl für weitesten poetischen, sinnlichen und intelligiblen Zusammenhang, zum anderen hat es ein breites Beziehungs-System von Sensitivität. Ein Werk, das man als umfassenden ›Entwurf‹, als riesige ›Skizze‹ gegen das Unscharfe, Ungefähre ansehen darf. Die arbeitende Intelligenz bringt etwas zustande, das m e h r ist als Freske, m e h r als Panorama: poetisches Welt- und Daseins-Bezugs-System, in dem untergebracht und verwandelt worden ist, was heute poetisch >fühlbar< und einrichtbar ist.                                                                                                                                              Karl Krolow, Autor

 

Hier tritt ein noch junger Dichter schon mit der Autorität eines Lebenswerkes auf. Aus Urlandschaften und seelischen Grundsituationen steigen diese strenggebauten Gesänge in durchaus unverbrauchten Wörtern, aus denen eine gewisse lexikologische Besessenheit abzulesen ist, zu Echogedichten und Formresponsorien auf. Eine typographische Kostbarkeit, ein BUCH.         Prof. Dr. Werner Vordtriede, Universität München

 

Das Buch hat mich überrascht, besser: betroffen gemacht durch die fast überbordende Fülle seines Gehalts und die kaum glaubliche Zucht der Form. Die Ausgewogenheit ist freilich das Ergebnis einer Bändigung, die in unserer derzeitigen Literatur wenig Vergleichbares hat. Man muß wohl das Wort „Kosmos" bemühen, um die Ordnung des scheinbar Disparaten zu bezeichnen, hat aber die Virtuosität und Strenge in der Verarbeitung so vieler Metren, Formen, Motive und Themen damit noch nicht genannt, und sie prägen das Ganze. Vom Leser wird allerdings viel verlangt: er muß die Zitate, die Anspielungen, die sprachlichen wie formalen Experimente sehen und erkennen und das Bekannte gegen das Eigenständige halten. Ohne den ausdauernden Willen, etwas zu verstehen, geht es also nicht, wohl auch nicht ohne ein gehöriges Vorwissen und immer wieder unternommene Anläufe. Aber die Lesergruppe, die auf diese Texte anspricht, wird größer werden: was heute esoterisch und hermetisch scheint, kann sich morgen als das erweisen, wovon viele zehren.                                                                                                                                     Prof. Dr. B. Gajek, Universität Regensburg

 

Eine lyrische Summe von außerordentlichem Formbewußtsein, die an große >Unzeitgemäße< erinnert.                          Paul Konrad Kurz in der »Süddeutschen Zeitung«

 

Überzeugend an dem Autor ist seine Konsequenz. Er hat die Sprache, s e i n e spezifische Sprachfindung, nie.. als verquere Gestalt hinter der Form hergeschleppt, oder umgekehrt, Sprachinhalte mit einer Form verschnitten. Für Deinert ist Sprache ein Ereignis, das aus Eigenleben entsteht und nach eigenem Ermessen Welten, Worte, Wortwelt schafft.. Der Dichter tritt als Beobachter auf, als Mittler, der die − für den normalen Menschenverstand absurden − Botschaften aufspürt und sie in Schriftzeichen, in Protokollen, in kompositorischen Chiffren festhält.. Dichter wie Wilhelm Deinert sind darauf angewiesen, daß ihnen Leser begegnen, die, wie er selbst, im Bann von Geheimnissen stehen.  Wolf Peter Schnetz, Schriftsteller und Kulturdezernent i. R.

 

Ein Bergwerk mit unzähligen Schächten und Verästelungen. . Ein Lied von der unendlichen Fülle und Vielfalt der Schöpfung. Mit immer neuen, gewaltigen wie subtilsten Neu- und Umschöpfungen. Wo ich auch ansetze, immer bin ich gleich mitten im Strom.. Und welche Musik entsteht aus Laut und Wort! Nie banal. Immer neu. Extremste Begriffsbildungen formen sich zu Vertrautem. Vertrautes wird fremd. Worte bekommen einen neuen Sinn. Unaussprechbares sprechen sie aus. Nie geahnte Bilder, Gedanken treten ins Bewußtsein.. Traum, Vision und Wirklichkeit mengen sich. Lautloses spricht. Sprache wird stumm. Unendliche Stille wird laut. Dabei ist der Ablauf, die Aufeinanderfolge der Bilder, Vorstellungen ganz ausserhalb, ganz ortlos. Das ist das grösste Rätsel. Wo ist der Standpunkt, von dem aus solches gedacht, gesehen ist? Kein Fixpunkt. Alles sphärisch. Keine Dominanz, weder von Menschen noch Dingen. Alles gleich eingereiht, kosmisch. Fülle und Leere. Beides zugleich. Das Wort wurde autonom. Und schafft von sich aus neue Klänge, Berührungen, Bilde... Eine erstaunliche Tat. Der Verfasser: Lauscher und Schreiber zugleich. Ein Dichter.

                Max Hermann, Maler und Dozent der Pädagogischen Hochschule Oldenburg

 

TEXTPROBEN:

 

Aus der ›SEQUENZ‹

 

Durch eislicht

nüchternde nadelluft

stiegen wir anwärts: über der schattensenke

noch ohne wind

stand wie ein atembausch vorm mund

ein lichtball wolkiges und brach

einen perlweissbewimperten

duftsaum der morgenlücke

vor eine gegenwand

ihn hinternachtendes

und traten eingeholt von dem

in ihn hinein: die frühe schien

milchige augenlider wieder zuzuschlagen — es ging durch einsämiges rieselmeer, dämpfendes wattelicht langsam geteilt, in tälerkerben

zog über die weidemulden,

ein feuchtgraues glitzerwatt, das in den augen wehtat − farntang am grund und ein belag

verwitterung wie dünner schlick

war um die hütten

gegen die scheitelstunde

in lockerung

seitlich oktoberlich beschienen:

steigende ballen

aus lichtrauch

in mandelformen

gaben die sockel ab

für eine mövenrast

der augen

durch sie hindurch

war noch ein gegenhang dunstübersponnenes

zu sehn: ein wackliges

gerüst aus pfaden und

gewannen, umwegig in den wind

gestückt — die kriechende wurzelschrift der zäune

und wettertannen

 

Aus dem ›PENTAGRAMM‹

 

Ein runzelgesicht rümpft sich im wachs der kinderhand −

>DAS IST DER DAUM< − die krähenfüsse krakeln den pass

und eine route in das blatt − >DER SCHLÄGT DEN SCHAUM< −

Der wetterwulst steht um ein karrenfeld geballt −

>DER SCHAUFELT DAS GRAB< − ein knäul aus wegegarn

marlt seine klatten vor die stirn − >DER STÖSST DICH HINAB< −

Risse und schummerungen schieben die riegel vor −

>DOCH DER ZWINKERNDE WICHT< − fussangeln in der schwiele

in viperschlingen sind gerollt − >SCHLÜPFT HINTER DAS LICHT< −

Das fadenspiel, um einen griff verwickelter

Ist weitergereicht: wer dröselt es auf?

Aus der ›ANTIPHON‹

 

Mütterchen Sonne, freundliche Trachtenalte

unter der rüschenhaube, die hinterm laden nickte ..        

War's nicht ein wetterhäuschen, wo gedämpft

von den tapeten eine stubenuhr

die sphären tickte oder ein glockenspiel

im ländlerton, kuhreigendudelig

den tierkreis der äonen antrieb −

Sie und der poltergreis, je nach

wer vor die türe trat,

das zaungespräch der welt-

und wettergeschichten unterhielt? − −

Es stinkt nach horn

 von pferdefüssen: stickluft und gelber rauch

 schmodet vom kehrrichthaufen

Der alten schränke .. Ein nachspuk von geisslerstürmen

wimmert ein fieberbimmeln in

 den lüften sich zu ende − schon

 atmet die stille auf.

Das schöne beet, vierströmebeet                                    in schmuck- und hegesäumen um                                           den viererklee der erde

schläft einen winterschlaf wie nie

noch unterm schwarzen harsch ..

In dem es blasen treibt: verbotenes licht

von neugierflügen

hrabgespiegelt, zündet den gletscherbrand;

siderische wuchersaatnn

nistet in finnen (kleine

gerollte geisseln, im wettschlaf

unter der zeit, den aufbruch erwartend)

›Die luft ist voll käfer −

Wer dreht sich herum?

Der Mannwolf geht um:

der Wolf ist der Schäfer,

hält die herde im zaun,

hürden aus angst und graun

(Sei froh, dass es sie gibt:

der beste Hirt ist der Dieb)

›Tretet auf die kette,

dass die kette klingt:

Sind sieben jahr, sind tausend jahr,

der Baas nährt seine Brüderschar;

er macht die welt zu gift und geld,

für sie das gift, für sich das geld;

er macht's, bis es ihn selber trifft −

Sie machens besser: geld und gift.

Die erde büsst und bucht es stumm,

die tausend Jahr sind bald herum −

die eile, die weile,

die unverkehrte säule‹ − −

 

 

Aus der ›KANZONE‹

 

›Torenauge, mühsam bewehrt in viel

zu offener mulde − der wind

streut sand − und immer wund

gerieben, immer ein äderchen

geplatzt: halt besser haus, ruf deine fliegenden

röten zurück! Wenn schon Bacchant,

es heimlicher sein: aus zügeln

ohne ein viergespann

nur aus dem handgelenk geseilt

den wohlstrom und windrausch

einzusaugen − den zuwurf

und fangball seiner selbst

nicht aus der hand − an der federnden halteschnur

zu sucher-, besucherflügen

kurz vor den griff gelassen

...

um ein in der sonne stehn,

eine farbe des aufscheins in

sein abendbuch geheimst − −

Flimmkäfer siebenpunkt

an wessen zeigefinger: weiter

und weiter aufgelangt − was dann?

Den seiltanz, ins weitergedachte

über den first hinaus?

Schwerlich zurück, wie man dich kennt.

Also denn, Säulenbewohner, dich eingerichtet:

Den windstern eingestrichen, am längeren hebel

des umblicks, wie die speichen des trockenschirms

am herdplatz eingelegt; alle radien

Bei fuss, im fahnenschuh und

nabel des abakus. Den feldherrnstab

der die zacken des horizonts

überstreicht und abhakt, angewinkelt −

zum abdank oder gruss. Ein mützenschirm

Ist die sichel ›Sie schatte den feierabend

Auf dich und leuchte über dir‹ − −

Im luftmeer ein winziger

zückender geisselschlag

von einem samentier

gab das signal: den wurfschwung der achsel

der die tenne fegte, eine sasse aus bodenwellen

wie in das steppengras gedreht ..

Für eine frühlingsgleiche

stand überm hegering

der bänke (mahdzeilenweise

in den bergrand gefräst)

die himmelnde diskusscheibe

elliptisch überleitend und

hat nach und nach sich abgehoben über

die stufen des höhenzugs

in einen wolkenrand fortab

aus hellerem getreten,

keimförmig in ein dunkelfeld

ober der mitternacht geschweift − eine silberne

mintönig von der ausgespannten

Membran des zwischenraums

schrillende quint

aus mond und eis − −

 

 

Aus dem ›BALLETT‹

...

Wenn du von flüsterwort zu wort

Weissagende pausen spinnst,

Ein summlaut der zustimmt ohne >ja<

In dein verstehen lullt

Und jeden frageton

Der auf sein echo lauscht

In windstille buchten der erhörung nimmt −

 

 

Wo du verschwandest, gehn silhouetten aus der wand

         Hervor und ähneln die züge

In allen rahmen um. Das wünschellicht

Der kerzen schattet aus dir

Das mienenspiel der rückwärts

Blätternden sage ab — >Die spielerin<

Der schlummerflöten<

Dämongesichtig übernah

>Im efeukranz des todes<

Für eine nacht zu gast .. Wer aber war

Die Miterstandene

Mit roten zigeunerbeeren und violett

Geschecktem tuch dir um das haar von einem

Wunschtraum der verwegenheit gebunden (in eine

Spreizhand voll winkelzüge

Vertieft, sich in ein wegegarn

Vor augen ausgesponnen)?

Und hast die Andere in dir

Die schmal zur seite geht

Und in die wasserspiegel

Von den geländern sieht —

Der über die werdestunden weit voraus

Der vortraum seine farben nennt:

..

Und von dem hergeneigten

Prüfenden ohr den mitgesang

Der Schlafenden in dir

Errät, die du verhältst noch unterm eis

Der kinderaugen für den tag wo sie

Im brautschmuck unter das tor

         Der brauen tritt.

 

Stufen und aberstufen

Die büsserstiege an den stuhl

Der Hohen priesterin

Hervorgestampft ..

Die waage über dir geschwungen

Misst eine prise

Salz der begnadigung

Auf feiner kippe zu — —

 

                   >Der Andere kommt, mir vor die tür, legt sträusse hin, E

                   Einer von süden, braungebrannt,

Stärker als du, steht nächte durch

Und zielt sein wort. Er schlägt deinen namen in den wind

Und lacht; er sagt er braucht mich, alle

Reden mir zu, ich tät' ihm gut — was rätst du selber?

 Lern ab: sphinx wider sphinx — den schlüssel unterm fuss.

 Lass keinen wunsch mehr aus dem spalt —

Stell dein verhör, das kerbholz in der hand

Stell deine proben an, lies alle winkelzüge

Und zacken mit, buch' jeden schmoll und schmu

                                     Den du zutage schweigst!

 

DU WARST EIN MAAR, EIN WUNSCHGESICHT

               Das in sein schlafendes oval

Alle die omen nahm

Und keinen namen widersprach:

Ein unaufhörlicher

Orakelzug stieg aus den mienen auf

Und spielte die tiefen durch.

Und hattest die Andere

In dir, ein wassergrab

Im efeurand und stummer mund

Der tiefe, in die der hang mich zog ..

Die taufe rinnt

Mir von der schulter ab

Und nimmt die asche mit —

Und einen ring,

Der sich in dir erfiel

Und dich mit mir verlobt.

Die Salamanderbraut tritt in den saal: ein aal

Ist ein chamäleon ein mondkalb ein polyp

Und quillt durch jeden fingerspalt ..

Isis, dein schleier ist

Verschossen: die schleiereule

Pludert sich auf dem ast —

Wo steckst du selber unterm flausch und bausch?

 

                                      Sumserin Simse, was summt die binse?

                                      Die Windsbraut humpelt um den teich:

                                      Hier ist ein fingernagel eis,

  Wahrleuchtende nüchterbäume aus kristall —

  Was tanzt du nicht? Der stöberwind

  Krempelt die hosentaschen um:

                                      Fang deine schmugglermünze wieder auf!

 

Den wortstahl, der die klinge fasst

Und aufdeckt durch benennen,

In der durchwohlten hand .. Nicht untertauchen,

Nicht dich hinab versinnen, an den mast geschnallt —

Chiron im bund, hilfreicher Schenk von innen,

Dreh deine spünde zu!

Im halben schlaf, blutsaugendes gelall am ohr

›Ich wollte dich, hinter der nückenstirn, nur immer ganz —

Ich tat dir weh, um mich dir einzuglühn und lag

Gleich unterm horn, wund wie ein nagelbett, dir preis.

Du musstest stärker sein, nicht schonen, von der Mutter fort

Mich zu dir rauben: ich und das himmelreich wollten gewalt<

 

Kummerlos allein — den weg zurück — die doppelspur ein stück-

­weit von der tür — drei linnen tief — schweig sie in dich hinab —

Den schlüssel unterm fuss — rück nichts heraus, kein blatt — lass sie spuken

Um das eigene grab .. Zerpflückte himmelsbriefe in den wind —

Schneeluft voll weisser enden — geben die aschenbahn

Der ferne frei..

 

WANN WENN NICHT DANN UND DANN? — Das geistertuch

Ist eine saalwand tanzender paareschatten und

Zerreisst: tritt aus den ascherwochen, Wiedergänger an

Die buntgemachten borten. Die prismen des blicks,

Flimmrig und ungewöhnt, an mohnrot hinterglühte kelche

Gelegt, von tisch zu tisch

Werfen die bänderschlangen,

Ein netzendes streulicht, an wimpersellen

Lichtschwer und beuteschwer eingeholt ..

 

Ein leuchterding

Das die kristalle dreht, schleudert ein namenhundert

In jeden blick — mich oder dich in eine reigenwand

Vermischt verwischt — in einen einzigen

Schallraum der singdröhnt in übertausend

Stimmen, durch die du selber klingst.

BLEIB NOCH, SOLANG DIE GEISTERSTUNDE

Ringe und scheidewege mischt — lass es

Geschehn — kein platz ist ungesehn —

Vielaugiges lichtspiel unter sich — denn es will dich,

Durch dich sich selber sehn ..

Tritt in den wahrkristall —

Blinke und schal! — falschgrün bis rosmarin —

Blinke die weiterziehn — ein oder aus

Wimpern- und maskenspalt — geh nicht nach haus —

Wer mitspielt ist nicht alt..

 

Aus dem ›DOPPELKONZERT‹

 

Dem Orchesterpart entsprechen die jeweils linken Seiten; sie enthalten die Sachverhalte, die überpersönlichen Gegebenheiten. Ihnen steht der Dialog zweier Stimmen gegenüber, einer mehr naiven und einer nachdenklichen, eher skeptischen, die aus ihrer subjektiven Sicht und Erfahrung sprechen. Da die Gegenüberstellung sich nur in der Buchform wiedergeben lässt, folgen hier kennzeichnende Stellen ohne weitere Kennzeichnung, ob aus rechts- oder linksseitigen Ablauf:

 

   EIN ZIRPEN, EIN

   Zikadenton, der irgendwo aufsprang

   Nichts als sich selber meldend

   Und seine etüden übt

   Im feilstrich

   An der eigenen schale,

   Der die sekunden — nadelstiche

   In einen schlaf — versprüht;

   Deren jede ein treffer ist

   Der um sich her die scheibe zieht:

   Ein federndes trichterfeld

   Aus wellenschlägen, um aufgeworfene

   Bläschen aus drall -

   Verpufft in weiterstösse;

   Kleinste oasen

   Mit fächerpalmen aus schrapnell —

   Und in ein stachellicht

   Zerstrahlt — von seidenen pricken, etwa

   In einer augenbraue, irisiert..

 

                                   *

 

     Schnurrträumerin auf meinen knien,

     Du presst die augen zu und in

     Ein zwiegespräch von haut zu haut —

     So geht ein ruhestrom

     In breiter aufspur zwischen dir und mir  

     Hervor .. Flüsternde funken

     Als wimpel der sekunde standen

     Für einen wimpersch lag im raum —

     Winzige liebesfackeln —

  Dem lockstrich der hand

  Erwidernde rötewellen..

 

                         *

Wo immerhin

In das gerodete (eine tonsur des walds)

Das richtscheit von der wand der zelle

Ein pergament voll maasswerk übertrug,

Arme in jeden angelwind und ein geviert

Windstiller luft voll brunnenlaute

Aus bogenfries gefälbelt, in seine achsel nahm.. 

  

                               *

 

 Aus ihrer zellentür: die andere Wetterbraut —

 Bändigerin des sturms

 In blasebälgen tummelt ein viergespann

In tönen, von tupfenden zehen

Gespornt und mischt die zügel

Mit geisternder hand .. Eine himmelfahrt

Über schallende brücken, schleudert die dielen

Und gräberplatten der tastatur auf — —

 

                            *

   

Der Nöck, der aus dem wasser singt

Legt seine hände um den mund und bläst

Stiebende funken aus dem rost —

Wasserläufer, ziefernde kügelchen

Aus nässe, die unterschlüpfen

Und in die glättung gehn,

Dies blankfeld aus wasserstille

Das in der gabel liegt, aus wellenhoch und -tief

Geschlichtet .. Blattgold der abendröte, kaum gewellt

 Ist um den herd

 Und läuft in kupferfarben an ..

 

                            *

 

  ERDSPALT ORAKELSPALT DAS BUCH

  Kerbe und schooss

 Für eine phönixpalme, schattend mit

 Langsamen flügelschlägen in ein befiedertes

  Dach überm stamm der lehne ..

  Lauden aus kupfergold der sonne

  Vom gongschlag der abende gereiht

 Blättern das stundenbuch der vesper fort:

 Jemandes abendmahl

 Mit einem vers

 Voll spätwein, lesewein

  Muldet und wärmt

 Sein fliessgefäss (den einbaum und flösserbaum

 Mir angeschmiegt, der die strömung der unterwelt befährt

Voll des hinabgespülten

Um die vergessenheit)

 

                        *

     LILITH, NÄCHTIGERIN

Die ihre lagerstatt

In deine träume schlug —

Du weisst noch wohl: es war

Ein unerleuchtetes abteil, wo sie

Von einem streif der haut

Die salbe nahm

Und in die augen rieb —

       Wollte verwunschen sein, auf dass

Ein Aufbild in der scheibe, das

Der tag, eines das andere durchschien

   Beim augenaufgang, der

den vorhang beiseite riss und jene

Hinter die lider tat,

Im milchglas der frühe,

Aus dem vermuten träte und

   Rede und anblick stünde ..

 

                                  *

  

   EIN GITTERKRISTALL

   Und riesenmolekül

   Aus schädelknorren (oder

   Ein langhaus voll roter togen und

Tonsuren) auf einen eingereichten

   Lot- oder fragestrahl geschürfte

Quanten erinnertes

In übersprüngen

Über ein chorgestühl auf stufen

Aus einwurf und gegenwurf

  Gesprächiger funken

  Über die scheitel hin,

  Würfeln den überschuss,

  Eine ballung von voten,

  Die von der waage schnellt

   aus block und gegenblock

   und aus der kerbe fährt, hervor ..

 

                               *

 ADAM, WO BIST DU — GILGAMESCH − ULYSS?

 Urhans ist tot —

Du sollst nach hause kommen<

Triefender Täufling aus dem zauberteich gefischt,

Der Nöck klopft mit dem zapfen an:

'Hast deine stippfahrt

Klug gedreht — der lichtstrahl hat

 Geschoben, den zeiger angehalten —

 Bist tausend jahr zurück

 Und tausend Jahr voraus

 geflogen — bist weit herumgekommen — dein kopf

 War tief ins fass gedippt,

 Hast hinterm mond

Geblödelt, alle haben gelacht —

Die drüben auch< —

 

     Heilfroh zurück: Zuchtmeisterin Sonnenuhr

     Droht mit dem stock —

     Häute dich, kapselwurm, nimm deinen schnorchel ab,

     pack aus dein hasenbrot,  sag was du sahst:

 >Der sockel sank, ein ballast vom ballon

 Mir von den füssen ab und blieb

Ein schwimmendes schaukelbrett zurück; ich war

Der Glockenschwinger auf einem schwebebalken

Ohne gestühl: ein läutender kraterrand

 Mit wetterscharten

Schwang unterhalb und wieder über mir;

Weiter hinaus, war es ein bohrerkranz

Härtester zinnen, der zyklen schrob:

Der inkreis der menhire

Unterster Toter in gestalt

Der minerale, durch einen meerestausch gewälzt ..

 

                                      *

 

Das ungemauerte kastell

Bezieht den wüstenrand (kriechender sand,

Fremdsprachiges lüfteschrillen voll

Irrlichternder spiegelungen) —

Eine ringfront von inselposten

Die von innen belagert

Ufert ein infeld aus reinem bezirk —

reine geschiedenheit der fronten —

die eigene ächtung um dies asyl ertrotzt ..

Dein zweiter leib —

Ein rückhalt von aussenseele und wurzelleib

Angeschlossener sinne, die für dich sehn — zusamt

Das sonnengeflecht durch diesen erdklooss und koloss —

 

                                      *

 

      DENN DAS, WONACH —

Was war noch das, wonach

Die reise, kauffahrt um die weit

Vom boden ab und in das blaue stiess

(Nur um ein korn von nachgewürz

Von wo der pfeffer wächst)? Die Argo schob

Das ufer vor sich her — ein seegesicht

   Vom Nirgendland, das stillehielt

   Sobald sie anker warfen ..

Irgendein uferstück,

Das immer nahe war — am Walchensee

   In dem geliehenen boot, du selbst

   Das grüne licht verfolgend, dich

   Hinabversinnend, die unterwasserfelsen

   abwärts und eingesponnen

Vom schwalbenziehn, das sich versammelte

Nachsommertags —

 

B: Wo jemandes seele sich, leise angetan

    Mit ihrem grab versöhnte —

Welches zu wem geworden: federgewölk

    Und südlicht im bering der hänge

    Verlangsamte minuten lang

Aus kreisung der luft

Und von der kahnspur unterwellten laubs

Im nachtraum des sommerwinds

      Ohne wohin ...

 

Die augen

legten die hände um den mund

Und sangen den augenpurpur —

Ein zwiegespräch in farben

Das eine lichte weite  in

ein flammeninneres verschmolz —

Einen träumenden augbal

zum tiegel des augenblicks:

 

Lautloses voreinanderübergleiten

Und schwenken weisser vögel

Durch rückendes streifengewölk, in ruderspannen

Ins neuland der sekunden, auge vor auge

Auf den fersen der eingeholten zeit

Ein abspiel aus veränderungen

Auf nichtmehrwiederkommen
Zeile um zeile mitzulesen —

  

 Seltsame heiligenscheine

Der brechung um deine ruderschatten

Sind immer mitgefolgt und leihn

Einem schatten der wiedergrüsst

Die geschulterte diskusscheibe — —

A: Schäm dich, Narziss — Sammle die fäden ein:

Spinndüse weberschiff das boot, dich weitertreidelnd

Auf einer mittelspur

Richtet ein abendrot

Sich bräunendes segel auf,

Am lichtseil des sonnenstands

Fortwährend mitgewendet

Am steigenden schattenarm gerefft —

Ein helles segment,

Eine durchsonnte webe

Im aufriss der wimperzone

Aus flügelspuren einer libelle

Die von der stelle rückt

in zickzackzügen und tremoliert — — —

 

                                                        *

 

Format: 21 x 25 cm, 324 Seiten, Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.

Delp Verlag München [ISBN 3-7689-0102-5]  13.80 €.

 

ÜBER DEN FIRST HINAUS. Ein Anstieg

 

Der Band umfasst kurze Prosastücke, die von illusionären Verfassungen ausgehen und sie ›Über den First hinaus‹ zu Momenten des Erwachens hinführen. Immer andere Vorstösse in neuerfahrene Wirklichkeiten stecken einen unausgesprochenen Zusammenhang – einen Anstieg – ab. Der reicht von der Bewältigung eines Drogenversuchs (›Welt in der Pastille‹) bis zu einer Art Unio mystica mit der Erde, die ein Todgeweihter erfährt (von längeren Aufenthalten in Rilkes Muzoter ›Turm‹ angeregt).  In immer wechselnden Tonarten und Darstellungsweisen  vom Prosagedicht französischer und deutscher Symbolisten bis zur experimentellen Prosa klingt eine Art »Mikrokosmos« oder »Ludus Tonalis« des Prosaschreibens an. Die gebundene Sprache ohne Versform gestaltet Sätze zu syntaktischen Gleisbauten, die das Lesen durch wechselnde Tönungen, Kursänderungen, ausfahrende und einlenkende Wege steuert.

Die Aktualität der Stoffe und Themen ist nicht die des gesellschaftlichen Tagesgeschehens.  Sie bewältigen Angstträume dieser Zeit und zielen auf eine Vertiefung des Umgangs mit Ausschnitten von Welt und Kultur. Insgesamt öffnen sie Horizonte und setzen zu Gehversuchen im Unbegangenen an. –

Wesentliche Stücke des Werks wurden in ersten Fassungen von der »Neuen Zürcher Zeitung« abgedruckt.

 

 

Stimmen zu »Über den First hinaus«

 

Ungeheuer stark und eindrucksvoll wirken.. die Capriccios, die sehr merkwürdige, oft unheimliche Ereignisse in der Grauzone zwischen Einschlafen, Erwachen, Nachtwandeln und Tagträumen situieren.. Scheinbar belanglose und alltägliche Sätze führen in aufregende Prosastücke hinein.  Von kleinen, sensiblen Wahrnehmungen ist es nur ein Schritt zu unerhörten Ereignissen..                                        Lutz Hagestedt, Süddeutsche Zeitung

 

                                               

Die Texte heben die Grenze zwischen faßbarer Wirklichkeit und einer durch Sprache erzeugten Welt auf.  Die Menschen werden nicht nur zum anderen Ich des Autors, sondern bewegen sich als neue Wesen zwischen Welt und Kosmos.  Oder Haus und Mensch gehen eine arealistische, fruchtbare Vereinigung ein.. Und das Wort wird zum Mittel, Musik wiederzugeben und neu zu erschaffen. . Mitunter denkt man an die expressionistische und surrealistisehe Aufhebung der Empirie oder an Georges machtvolle Handhabung von Rhythmus und Metapher.  Doch selbständig ist Deinerts Stil allemal, und er ist ebenso eigenwillig wie originell.  Sein Buch bringt in die Prosa dieser Zeit

einen neuen Akzent.                                          Bernhard Gajek, Neue Zürcher Zeitung

 

Wer Texte von Wilhelm Deinert liest, hat Mut.. Wer sich von dem Zwang normativer Denk- und Verstehensmuster befreien kann, wird sich.. an dem

erlesenen Reiz so mancher Sprachpassagen genugsam erfreuen.. der kraft unerschöpflichen Wortreichtums selbst Banalitäten erst verführerisch macht.  Gleichwohl stehen neben Rausch und Traum, sich gegenseitig bedingend, auch Ängste und Leeren.  Etliche kafkaeske Denkbilder schlagen hier zu Buch wie die nur erahnbare Struktur unfaßbarer Über-Ich-Hierachien.  Man sollte Deinerts Büchlein selber erlesen schon um einmal aus der eigenen gewohnten Perspektive herauszukommen.                   Uwe Stamer, Stuttgarter Zeitung

 

..Wie eine Billardkugel durch einen einzigen Anstoß eine Vielzahl (unkontrollierbarer) Kollisionen verursacht, so werden hier mit äußerst klaren und präzisen Worten ganze Reihen von Bildern des Unbewußten in Bewegung gesetzt. 

                                                                    Gabriele Mayer, MittelbayerischeZeitung

 

Eine Prosa, die den Lesenden in sich einsaugt, auf eine völlig unverhersehbare Weise sich fortzubewegen nötigt, schreitend, gleitend, taumelnd, schwebend in Gegenden, die ihm fremd und bekannt zugleich erscheinen, bis er unversehens sich wieder im Freien befindet.  Eine Fahrt in der Geisterbahn!               Dr.  EImar Hertrich, Bibliotheksdirektor

 

Sie nehmen Starre mit sich fort, sie machen aufmerksam und wach. Ein Buch .. aus Not und Gefährdung, aber auch aus dem Glück gelungener Entwürfe und Augenblicke gemacht, das auf geheimnisvolle Weise in eine rätselhafte Freiheit führt..

                                                          Dr. Ingeborg Reichert,in der Zeitschrift » Heilen«

                            

 

Ich saß gestern auf dem roten Sofa [im Rilke-Turm] und las mit aller Seelenruhe die Seiten über Muzot.  Ich hatte dabei ein so wunderbares Gefühl, wie soll ich es beschreiben, wie wenn ich Mozart höre.                                                             Nanni Reinhart, Muzot

 

..diese zu Prosagedichten geronnenen, vielleicht nur poetischen Seelen nachvollziehbaren Alltagsgeschichten, diese sprachliche Synthese aus kafkaeskem Getriebensein und barlachscher Seinsbehauptung, die Vertrautheit mit dem Dämon Sprache, das wortgroße, den abgründigen Rest des Schweigens überbrückende Verständnis für Licht, für Musik, für Gegenstände, die im Filter der Selbst- und Fremdbeobachtung ein eigenartiges Leben führen - -

                             Joachim Bähr, Spielleiter, Opernhaus Mönchen-Gladbach

 

Mir gefällt die ruhige, beruhigte tastende und innerlich hochgespannte Sprache, ich mag die Geschichten. . weil sie, ihren Gegenständen scheinbar zum Trotz, fesseln und - im besten Sinne - unterhalten, es bleibt Raum für die Phantasie des Lesers, besser: wird Raum geschaffen, und nie wirkt die Prosa angestrengt, so kunstvoll sie auch ist.

                                                                                                Rainer Weiss, Lektor                        

  

                                                                  

LESEPROBEN

 

..Aber schon ist die zeit zur abfahrt gekommen. Ich kehre zum bahnhof zurück. Beiläufig fragt der schaffner, der die sperre versieht, wie mein leben gewesen sei. - ›Mein leben?‹ - »Ja wussten Sie nicht, dass es Ihr leben war?«

                                               *

 

Mitternacht muss vorüber sein.  Die tür zum bad leistet widerstand, wie von einem gegenwind.  Als ich ihn überwinde, strömt es vom spiegel her mir entgegen und hebt mich vom boden ab.  Waagerecht schwebend flute ich in der leise brausenden luft und in ihn hinein.  Draussen bemerke ich, dass die gegend meereshoch überflutet ist, und ich gewahre menschen in fischartiger schwimmbewegung..

 

             *

 

Ich sehe lange Clochards, die aufstehen, sich den staub von den kleidern schlagen und fortgehen. ›Wohin gehst du?‹ frage ich den nächsten. ›Nach osten!‹ antwortet er mit geisterhaft aufgerissenen augen.  Zwinkernd fügt er hinzu: ›Der Dalai Lama hat uns ein kloster mit einer weinbrennerei bauen lassen. Kommst du mit?‹ – ›Noch nicht. Ich habe hier noch nach ein paar dingen zu sehen.‹  Mit verächtlichem lachen hebt er ein lumpiges bündel auf und strolcht, die abfalltonnen am strassenrand musternd, davon.

*

 

Für die eine sekunde meines vorübergehens an ihrem stuhl trifft mich aus den augen des mädchens ein blick von nie erfahrener anteilnahme.. Ich merke, dass sie gelähmt ist und den kopf nicht wenden kann.  Mit meiner hand streife ich einen knöchel der ihren, aus welchem ein strom wie ein funken aus Gottes finger in mich schlägt..

 

*

Noch hielten die hände, doch in den fingern spürte er es voraus, wie das erdreich sich lockerte und den ballen freigab. Schon glitt er, noch an der schräge verlangsamt und mit wahllosen griffen nach jedem büschel oder höcker haschend. Nichts hielt – und die eine überdehnte sekunde kam, die wie ein prismatischer splitter aus anderem stoff als zeit seine welt und sein leben in hundert facetten drehte. ›So ist das also - so kommt das also - so einfach und schnell - und ich dachte - ich wollte doch - wie schade‹ – –

 

                                               *

 

Und nicht mehr die rose – der sonnentau würde blühen mit den klebrigen drüsenhaaren und diesen geruch verströmen, von dem sie zu meinen schienen, wunder was für ein lockzauber er sei, uns für tiere haltend.  Ein etwas wie genugtuung, beinahe schadenfreude würde durch ihre scheinbar verträumten lider lauern, wann und wie es seinen fang in den betäubenden blütengrund zöge, der sich nach und nach über ihm schlösse..

 

*

 

Als ein blinder Mystagoge mit seherhänden, der niegelichtete seelenwege durch eine tönende wildnis bahnte, führte er sie von vorhalt zu vorhalt einer immer verzögerten, immer abgewendeten auflösung durch immer schrillere zugespitztere kadenzen zu – lenkte er sie an den fingerspitzen in eine gezeiten und räumlichkeiten vertauschende Polonaise und gab sie an ein treiben undurchsichtiger verwechslungen und verschlingungen ab..

 

                                               *

ÜBER DEN FIRST HINAUS.  EIN ANSTIEG

Format: 14,5 x 21 cm, 112 Seiten, Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.

Elster Verlag (Auslieferung: Keicher, U.) [ISBN 3-89151-104-3]  14. – € 

        

 

MAUERSCHAU. Ein Durchgang

 

 

PROBESTROPHEN:

 

ES POCHT - wer ist - UND POCHT - das oder der -

WAS POCHT - am ohr - EIN POCH-GESPRÄCH - das auf

sich selber lauscht - DIE SCHLÄFE POCHT - wer da

in der muschel rauscht - ES POCHT VOR ORT - 

ein herz das wen - ERPOCHT - schlägt oder wem

die stunde schlägt - -

                       

Deinen götzen und geistern:

 >Tanzt ihr derweil

 oder ruht euch aus - erholt euch

 von unsereinem!

 Wir gehn für ein stündchen –

 sag: in die ewigkeit‹

 es stimmt allemal - -

 Also: wir gingen los -

 zwei ecken weiter nur

 von der gläsernen haustür,

 wo die pappeln zu ende gehn (die letzte

 ist schon aus metall.

 Dort gib auf die zeichen acht,

 einen mast mit dem blauen ›U‹

 das die Untern  bedeutet..

           

  Warten - das warten verwarten - nichts

  als das warten gewärtigen -

  das warten zerwarten, ehe

  das warten uns zerwartet - -

   ›Wer ist der Warter? komm

   herein! du kennst uns -

   du bist unser mann - man sieht es

   dir an: was hast du gewartet!

         Komm setz dich, wir helfen dir warten -

         ob du weisst oder nicht mehr,

   worauf du wartest.

   Erzähle uns, was du erwartet

   und was du gefunden hast.‹

                                              

»Münzen, medaillen! umständehalber -

alte noten und notgeld - abzugeben -

eichenlaub rnit schwertern, für versenkte und ab-

geschossene feinde - entschuldigung: freunde -

schicke broschen daraus!

(Euer talisman, wenn er helfen soll,

 muss geschenkt - wo nicht geschenkt,

 muss gefunden - wo nicht

 gefunden, gestohlen sein)«

                

 

Was siehst du noch sagst du?

 Wandelnde wunschgebete,

 leibgewordene

 namen des vorgeträumten glücks -

 die umgehn, in saris und seidentüchern

 die für ihre seele werben.

 Sie halten sich farben an

 und spielen sich selber durch

 in arten aus fliessglanz und schleierspielen..

                         

 

   Es hügelt sich hinter den ersten auf

   mit immer ferneren

   stirnen und schädelkuppen

   in unendlicher steigung.. Dies hier

   ist der letzte überlauf,

   wo sie stehn wie am landesteg,

   um geholt zu werden

   oder jemanden abzuholen..

   Wer sie sieht, meint sich angesehn

   und zieht einen fragesog

   aus verhunderten augen

   auf sich herab;

   der dich zerfragen wird,

   wenn du nicht das schweigen brichst -

   der dich zerschweigen wird,

   wenn du sie nicht zum reden bringst.

   Aber was du auch sagen,

   was du sie fragen wirst:

   das war es nicht, was sie hören wollten.

 

  

     Und sie tritt in die sichtbarkeit  flimmerweiss

     und so schmal

     wie ein totenhernd

     und sie nimmt eine farbe an

     von einem sommerkleid,

     das du wiederkennst,

     in ein nachwehn der anmut

     wie einen birkenwind

     gelehnt, die das herz zerreisst..

     Da ist sie vollends

     mit kenntlichen zügen:

     die ›Kennst-du-mich-nicht-mehr?‹

      

Und leise, langsam,

halber schuh vor den schuh

 fiel es ab

 vor den augen, sank

 von den füssen ab

 der kloben erde.

 Ich der erdenwurm

 kroch aus dem bodenspalt - und sah

 in den schwebenden saal,

 wo die silbernen stühle

 und tische gerichtet waren,

 in das verbotene licht.

 Und das zornige licht

 krellte die sengspur,

einen strichblitz und zackenriss

 wie von einem engelssturz

 in die schmerzenden gloser..

 

 

   »Wo wir sind, edler Herr?

   Eben das ist die frage: du bist,

   wo du bist - je nachdern,

   was du bist! in der unterwelt,

   solang du ein toter - der hölle, sobald

   du ein teufel bist - eben dann und dort

   ist der himmel, wo du

   oder wann du ein Seliger,

   noch besser ein Engel bist.

   Und die welt ist die ewigkeit,

   wofern du ein Geist bist!« - -

 

                                                                 Still doch!  Schäfer Schlaf

 zieht sein asyl; wo er weide hält

 weht der heilige atem -

 wo der atern weht,

 kehrt die weit zu sich selber ein..

                       

     Frühstück auf dem balkon:

     Kühlender herglanz

     von beglänzten flächen

     frischte die stirn an.

     Zwischen mir und der sonne

     spielte ein aufsprühn betauter

     nadeln im tonrand..

     ›Auf jeder der nadelspitzen

     schien ein winziger lotosteich

     voll entspringender blüten,

     auf jeder derwelchen

     ein Erleuchteter sass,

     dem ein lichtstrahl aus jeder

     pore drang, und durchstrahlte die welt

     mondweiss und saphiren

     mit strahlen, die wieder teiche trugen -

     und auf jedem der teiche..

     Und ein winziger seitenstrahl

     hielt mich am farbenspiel

     seiner splissen hinaus‹ - -

                       

  Die toccata des himmels

  mit hundert registern braust

  von ehe- zu immerdar.

  Du ein zünglein im windstrom,

  schwinge mit, deinen lob-

  oder notgesang - dein ›Nah ist,

 mit augen zu fassen das licht‹

 dein ›Rettet und helft -

  ihr dort, ich auf meine art!‹

 

 

*********

 

Es sind keine Gedichte, denn es  gibt einen epischen Vorgang; es ist kein Epos, denn es besteht in szenischen Dialogen; es ist kein Drama, denn es spricht eine lyrische Sprache. Nach einem Vorspiel äusserster Zurückgezogenheit auf sich selbst, die sich selbst erkundet, beginnt der Hauptteil mit dem Hinaustritt eines ›Ichs‹ in die Grosstadt. Der Zusammenprall der verfeinerten Wahrnehmung  mit ihr kann nicht schroffer sein. Ein Fluchtversuch scheitert an ihrer Allgegenwärtigkeit. In einem ›Durchgang‹, der an einem ›Tag der offenen Türen‹ eine Reihe von Stationen durchläuft, wird sie zum einen von ihrer infernalischen Seite erfahren; aber ungeahnte Freiräume und Möglichkeiten des Menschlichen werden entdeckt. In szenischen Begegnungen und Gesprächen mit einem ironischen Lotsen wird ein Für und Wider der Zeit ausgetragen, das die Haltung und Standort des Ichs in Frage stellt und korrigiert. Auf einer Fahrt mit der Untergrundbahn, die einem Gang durch die Unterwelt angeähnelt ist, gelangt der Ich zu einer Grenze; der Blick in die andere ›Zone‹ –die eigentliche ›Mauerschau‹ – wird zu einer Begegnung mit seinen Toten. Ein Ausflug in die völlig entgegengesetzte Welt des Hochgebirges ergänzt die Eindrücke um die Erfahrung zeitloser Vorgänge und Gegebenheiten. Der Wanderer sucht sich zu all dem ins Rechte zu setzen.  Auf dem Rückweg werden alle Stationen, die sich nach je eigenen Formerfindungen gestalten, erneut durchlaufen und mit verwandelten Augen gesehen. Das Buch kehrt an seinen Ausgang zurück und schliesst mit dem Beginn eines neuen Tages und erweiterten Lebens, das zum vollen Eintritt in die Zeit entschlossen ist.

Das Werk zieht in sich mitverwandelndner Sprechweise von zunächst angestrengten und verwickelten zu immer freieren und gelösteren Formen eine Summe unserer Zeit, deren Formen und Unformen es dichterisch sichtbar zu machen sucht - all das im Werdegang eines Ichs, der zu sich selber kommt.  Im Ganzen entsteht ein dichtes Gefüge von Vor- und Zurückverweisungen, Aufgriffen und Abwandlungen.  Es transzendiert die herkömmlichen literarischen Gattungen und verschmilzt sie zu etwas Neuem, das gleichwohl weit zurückreichende Überlieferungen fortsetzt und sich anverwandelt.

 

                                                        *

STIMMEN ZUR ›MAUERSCHAU‹:

 

Es ist der verwegene Versuch einer szenisch-lyrischen Bestandsaufnahme dessen, was gedacht, gelebt, erfahren wurde und wird, die Welt- und »Mauerschau« eines Beteiligten, eines Denkenden, Nachdenkenden, Fragenden. Das Ergebnis überrascht durch eine bildhafte, disziplinierte Sprache, die von der traditionellen Formbindung bis zum modernen, ironisch gebrochenen Lakonismus reicht. Den stärksten Eindruck vermitteln die letzten, zeitnahen und sprachlich gelösteren Teile des Werks, dieses eigenwilligen erratischen Blocks aus Wörtern und Bildern, der die Mühe des Aufbrechens und Sich-Einlassens lohnt.

                                                             Eberhard Horst, Schriftsteller

 

Die geistige und sprachliche Grundhaltung seines ungewöhnlichen, außerordentlichen neuen Werkes ist iErfahrung der Wirklichkeit über Trennendes (Mauer) hinweg, Weltbewältigung und Neuschaffung einer iin sich bestehenden Welt durch Gliederung und Ordnung (bis in das graphische Bild). Von dem Leser und Hörerwird erwartet, daß er mit den die Handlung tragenden Gestalten den im sprachlichen ›Durchgang‹ verborgenen Sinn entdeckt.

In einer überzeugenden Lesung hat D. einen Einblick in diese vom Leser zu begreifende Verwandlung von Hiesigem, Bedrängendem, Einmaligem ins Innere, Allgemeine und Dauernde gegeben.  Ein vortrefflicher ›Lotse‹ in das Reich der Bedeutung, der nach dem Hinführen still und unauffällig hinter dem Werk verschwindet. «                                            

                                                                         Univ. Prof. Dr. Hermann Kunisch

 

Eine weltliche Liturgie des Erwachens breitet sich aus bis zur Teilnahme am Tanz aus Wahrnehmungen, Worten, Licht.. Tagebuchartige Verseinträge notieren zuletzt ein neues Verhältnis zu sich selbst, ein gelöstes zu der ihn umgebenden Stadt.. Deinerts ›Mauerschau‹ ist in den Formen, derAussage, der episch-szenischen Großform ein singuläres Unternehmen. DerAutor hat in jahrelanger Konzentration an seinem Werk gearbeitet.. Antike Mythen und deutsche Märchen, nicht zuletzt strenge liturgische Formen und Meditationspraxen sind mit ihren Gestalten, Wegmustern und Gegenwartsbekundungen in das nicht auszuschöpfende, mit Variationen, Verweisen und Rückverweisen arbeitende Textmuster geknüpft.. Ohne Frage erwartet der mit sprachgeschichtlichem und rhetorischem Bewußtsein ausgestattete Autor, daß der Leser die Mauererkundung auch als Spracherkundung lese. Und hier gibt es in der Tat mehr als Kleinodien.. Ohne Zeigefinger und ohne Botschaftsanspruch leuchtet aus Deinerts Gesprächen und Gesängen die mystische Spur.                        

                                                                        Paul Konrad Kurz (Süddeutsche Zeitung)

 

Deinert versammelt die unendliche Vielfalt des Sagbaren in einen Zyklus gedichtartiger Strophen und Folgen, und man bewundert das strenge und dennoch bewegte Sprachgebäude.. Was in Wirklichkeit die Einsicht eines Lebens ist, faßt Deinert in die Bilder einer Tagesfahrt, die der ›Pendler‹ als ›Mauerbesuch‹ unternimmt.  Vom Stadtrand in das Zentrum und vom flachen Land auf einen Gipfel fährt und drängt ›Der Ich‹ und sucht, ohne zu wissen, was; das Ziel - die Mauerschau - zieht ihn an.  Der Blick über die Mauern des Ichs umfaßt dann das innen und außen, das Schöne und Häßliche, das Gute und Böse und erkennt es an. Wie in einem Welttheater führt der Autor die Figuren heran und macht sie als Sprache lebendig. In zahllosen und doch typischen Szenen konzentriert Deinert, was Menschen erfahren können. Und daran sollte der Leser sich halten: j e genauer er auf den tatsächlichen Kern der Bilder achtet, desto einleuchtender werden sie.. Die Orte sind zu ›Strecken‹ einer Lebensfahrt geworden, die der Leser sprachlich mitvollziehen kann. Deinert geht über das Gewohnte weit hinaus oder greift hinter es zurück. Was er an eingängigen oder gewagten, bekannten, wieder entdeckten oder neu geschöpften Ausdrücken, Metaphern und Rhythmen zum - wohlüberlegten - Druck gebracht hat, könnte die Lexika und Sprachlehrbücher bereichern... In dieser Art, Welt als Sprache hervorzubringen, hat er unter den derzeitigen deutschen Autoren schwerlich seinesgleichen.

                                          

                                           Univ.Prof. Dr. Bernhard Gaj ek (Neue Zürcher Zeitung)

 

 

Wilhelm Deinert

Mauerschau. Ein Durchgang. Piper Verlag. (Auslieferung: Keicher, U) 

ISBN 3-924316-30-9 20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A]

 

 

 

DAS SILSER BRUNNENBUCH. Ein Engadiner Glasperlenspiel         und lyrischer Umgang

 

Nach seiner Rahmenhandlung ist das ›Silser Brunnenbuch‹ ein Ferien- oder Hüttenbuch, das ein Besucher des Engadins den nachfolgenden Bewohnern seines Quartiers hinterlässt.  Es nennt sich ein ›Glasperlenspiel‹, denn es versucht, der Hesseschen Idee dieses rituellen Zeichenspiels eine literarische Gattung abzugewinnen – nicht in wörtlicher Befolgung, sondern lockerer Anähnelung eines ›lyrischen Umgangs‹.  So fängt es sehr einfach bei der Inschrift eines Silser Brunnens an: es lässt sich von dieser und anderen rätoromanischen Wandsprüchen der Gegend die Augen für das Engadin als lebendige Ganzheit öffnen, das durch sie als ein Lebensraum zu sprechen beginnt.  Im folgenden greift es die Poesie dieser Spruchgedichte auf und nimmt sie zum Ausgang eines eigenen lyrischen Zyklus.

Ein venezianisches Zwischenspiel entdeckt die merkwürdige atmosphärische Verwandtschaft der Lagunenstadt mit der Felsen- und Wasserwelt des Hochtals. 

Aus dem Vorrat der Eindrücke und Erfahrungen umreisst der Schlussteil ein Gesamtbild der ›symphonischen Landschaft‹ des Engadins; es wendet Nietzsches Vision der ›heroischen Idylle‹ in eine heutige Sicht, die das zeitlos Erhaltene, aber auch seine Gefährdung durch zerstörende Einbrüche einbegreift.  Der Leser wird zum Mitvollziehenden einer poetischen Aneignung, die in einem einzigen Vorgang die Lebens- und Sprachwelt eines Raumes wie seine Naturerscheinungen durch stellvertretende, nach und nach entfaltete Bilder in ein Netz von Verknüpfungen einfängt und vergegenwärtigt.  In ansteigenden Stufen, die von herkömmlich einfachen Dichtformen zur entwickelten heutigen Lyrik anheben, entsteht ein Sinngebäude, das Züge einer aus einem einzigen Thema sich aufbauenden musikalischen Komposition aufweist.

Angesprochen sind Freunde des Engadins, Sprecher und Kenner seiner Sprache, Leser der heutigen Dichtung und Liebhaber einer musisch-meditativen Vertiefung in das Hervorgehen eines sprachlich-poetischen Mikrokosmos.

 

Siehe auch  oben im Literaturverzeichnis die Arbeit von Pia-Elisabeth Leuschner.

 

 

STIMMEN ZUM ›SILSER BRUNNENBUCH‹:

 

Sein Schreiben umkreist das Geheimnis der Wörter: ihrer Chromatik, ihren Rhythmen lauscht er verborgene Botschaften ab, und im Puls der Silben, im Melos der Vokal-

folgen ertastet er eine magische Leiblichkeit der Sprache. Solche Sensibilität mani-

festiert sich auch im jüngsten Werk Wilhelm Deinerts.. das in lyrischen Beschwörungen, und reflektierender Prosa den Genius loci feiert.. [Hier] geht es ihm um eine vergewissernde Aneignung, um ein assoziatives Fortspinnen des Vorgefundenen in der eigenen Sprache.. [So] fixiert er im Niemandsland zwischen Klang und Bedeutung der Wörter Koordinaten, die den Umriß des Unbenennbaren als phonetische Sternbildgestalt aufleuchten lassen.. [und] in ihrer spielerischen Beiläufigkeit, in der heiteren Musikalität der Gesamtkomposition selbst von romanischer Grazie und tänzerischer Anmut infiziert scheinen.                                                            Alexander Altmann. Bayerische Staatszeitung

 

Deinert nimmt die Laute und Worte wie Perlen in die schreibende Hand und reiht sie zu einer neuen lyrischen Sprache auf.. [Er] dringt zu den Elementen der Sprache vor..

Eine umgrenzte, doch wirkliche Welt ist so entstanden.. Die Heiterkeit, die das Buch ausströmt, wirkt wie ein schönes, humanes Ziel.

         Prof. Dr. Bernhard Gajek. Neue Zürcher Zeitung

 

Ein sprach- und wirkungserfahrener Schriftsteller legt eine kleine sprachkundlich-poetische Kostbarkeit vor. Mir hat das schön gestaltete Buch sehr gefallen und ich finde es auch schön zu verschenken.                                         Ingeborg Reichert. In: Heilen.

 

Das herrliche Oberengadin stand mir [beim Lesen] vor Augen.. und man bekommt grosse Lust, wieder einmal dorthin zu fahren, und mit eigenen Augen zu entdecken,was Sie in grossartiger künstlerischer Form einem nahe bringen.    Harald Genzmer. Komponist

 

 

 

TEXTPROBEN:     

          

Unscheinbar, kaum beachtet steht am dorfplatz von Sils-Baselgia ein steinerner brunnen.  Seine träger für die seitlichen blumentöpfe an der bekrönung des rohrs rosten seit etlichen sommern ungeschmückt.  Hart neben ihm quillt müllgeruch aus einem grell bemalten behälter.  Parkende Fahrzeuge verdecken ihn von jahr zu jahr enger und anhaltender.  Nur wenige schritte von ihm entfernt windet der immer dichtere verkehr sich durch die seit langem zu schmal gewordene strasse und überrollt seine stimme.  Man muss nahe herantreten, um ihre unentwegt wechselnden laute zu hören, die wie die quellen und bäche umher nur mehr für sich selber singen und das murmeln und raunen der erde mit sich selber auch hier unter all diesem treiben aufrechterhalten..

 

                                                *

      Das wasser singt,

      ein schlaflied dir bringt 

 

                       – ich sehe ein strombett, aufdem

                       kommen die tage

                       und nächte geschwommen –

                                     

                                                                             *

 

  Ich sehe ein flimmerndes

  perlchen vom sprudel auf dieser

  verwellenden fläche ein weilchen

  gehoben gewiegt und - wo ist es?

  Ich sehe ein sachtes

  verwellen zum rand

  und zur mitte zurück,

  aus welcher ein perlchen

  vom sprudel gehoben gewiegt

  über perlchen sich abschnellt - -

                                                                                     

                   *

 

     Zu mir kehrt das weltmeer aus kreisender ferne

     ich spiegle den tag und den abgrund der sterne

     ich treibe ins weite aus sehnsucht der quellen

     aus mir singt der friede als schlaflied der wellen

     in mir ist die dauer als ruhender stein

     in mir ist das leben und strömt in dich ein.

 

                                                                             *

 

       SILSER SEE

 

       Hier ist es, hier lege ich

       meine ruder still

       und höre mich ein

       in die wasser, den talwind – oder

       rede mit dir

       (denn da fährt Eine mit

       der du deine züge leihst,

       die das lauschen, verstehen

       das bewahren der einsamen

       stimme ist): ›Schau,

       die Margna im neuschnee

       ist ein hochaltar, der die wund-

       male der erde trägt und den leib des Herrn

       im lautersten lichtweiss empfängt.

       Die quellen und weidenden

       herden am fuss

       sind kelche, in denen die wandlung geschieht..

 

                                             *

 

Pack' dich, hinab geht's!  Die Nächsten

kurven die serpentinen herauf –

hast noch was zu melden?

         ›Sehr wohl: ich habe bericht

         zu geben von etwas das hier

         geschah, das mich überstieg und doch

         mich duldete, mir

sich darbot - als wäre wo immer

ich stand, ein platz im gestühl

         eines chors, mein tun

eine rolle im spiel,

                                                                dem es sich zu fügen galt..‹                

 

                                                                        *

 

DAS SILSER BRUNNENBUCH. Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyrischer Umgang.

Format: 18,5 x 21 cm. 107 Seiten. Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.

Verlag Desertina, Chur. [ISBN 3 85637 244 X]. 17,8o €. 34,80 SFr.

                                               *

DER TASTENDE STRAHL

Antwortende Verse auf Bilder um Einlass

 

Der Band vereinigt Gedichte, die aus einem langjährigen Umgang mit bildenden Künstlern − namhaften und noch zu entdeckenden − hervorgegangen sind. Sie antworten sehr unterschiedlich auf die Kunstwerke, die etwa zur Hälfte der ungegenständlichen Kunst angehören. Insofern Bilder und Skulpturen schon ihrerseits die Wirklichkeit ins Bildliche umsetzen, können durch die abermalige, nun sprachliche Verbildlichung Gedichte von potenzierter Bildlichkeit entstehen. Es ist der ganz eigene Typus der seit der Antike geschätzten Bildgedichte.

 

Zusätzlich zu ihrer rein poetischen Bestimmung kann die Sammlung als eine Hinführung zu recht unterschiedlichen Bereichen der modernen Kunst gelten. Zugleich stellt das Werk eine Art Exerzitium des Umgangs mit Bildern dar, das Möglichkeiten des künstlerischen Sehens an die Augen gibt.

 

Ein PRÄLUDIUM beschreibt die Vorgänge zwischen Betrachter und Kunstwerk als eine hin- und herüberwirkende Strahlung und weist nach, dass die angemessenste Antwort auf ein Bild in einem Gedicht besteht. Daran schliessen sich zwölf Gruppen von je fünf Bildern wie LICHTBLICKE − BEDROHUNGEN − GESTALTEN − RÄUME − FENSTER NACH INNEN. Die abschliessende STAFETTE bietet ein sich weiterspiegelndes Gespräch in Bildern und Gedichten − hier wohl zum ersten Mal zustande. Das schafft einen Zyklus von ganz eigener Bauart und kann die Lektüre zu einem Meditationsweg durch weiterführende Stationen machen. Ein Anhang gibt die nötigsten Auskünfte zu Grösse und Technik der Kunstwerke wie zu den Künstlern.

 

 

STIMMEN ZU DER TASTENDE STRAHL‹:

 

Die Vorherrschaft der Ökonomie hat auch den ganzen Rezensions- und Feuilletonbetrieb miterfaßt, so dass heute praktisch nicht mehr möglich ist.. die Würdigung eines wirklichen Kunstwerks hineinzuschmuggeln. So erklärt sich auch, warum ich Ihr wunderbares Bändchen Der tastende Strahl‹ nirgends besprechen konnte, obwohl ich es natürlich gerne getan hätte.                    Alexander Altmann, Journalist

 

Das Buch ist zu bewundern, und es enthält viel hoch-beachtliche Bilder und Figuren. Hoch-beachtlich sind auch die Verse.. Umschlag und Einband sind schön. Bilder um Einass‹ ist sehr schön gesagt.                                             Kristof Wachinger, Verleger

 

Die Idee ist grandios, geradezu kulturhistorisch für das Verhältnis der Künste, ebenso auch ihre Ausführung: Wie sich Text und Bild im Nachzeichnen voneinander immer wieder zu Neuem anregen gerade da sie sich nicht ineinander überbsetzen lassen, und damit eine Sequenz erzeugen das hat mich wirklich teif bewegt!

                                                                  Dr. Kai Merten, Universitäsdozent

 

Ein Dialog kommt in Gang, der die Differenz zwischen Bild und Text zum Thema hat − und so schnell nicht enden wird. Denn was Deinert sieht, hätte man ohne ihn womöglich niemals gesehen und wirkt − als ein interaktives Moment zwischen Bild und Text − noch lange fort in Ohr und Auge.

                        Katrin Schuster, in: Klappentext. Das Literaturprogrammheft für München

 

Es gelingt ihm, das Abstrakte zurück zu übersetzen in ein mit subjektiver Bedeutung aufgeladenes Zeichenfeld; das seinerseits Musikalität entfaltet, aufgrund seiner Rhythmik und das Klangs.. Das Wunder des Einleuchtens, des Plausibel-Werdens vollzieht sich. Und mehr noch: ein geheimer Magnetismus scheint von diesen Gebilden auszugehen, die sich aufs engste ihren Bildgeschwistern verschrieben haben.                                                                Peter Geiger, »Der neue Tag«

 

Ich beglückwünsche den Verfasser zu diesem beeindruckenden Werk, das − wie alle seine Gedichtbände − einzigartig in der lyrischen deutschen Landschaft steht. Die Versprachlichung der Bilder, Plastiken und Keramiken eröffnet eine neue Welt, nicht nur für die hier angesprochenen Werke, sondern auch für die Sprache selbst. Der Plan, die Zusammenstellung und die zwölf Stationen wirken nicht ausgeklügelt, sondern gelebt, geschaut und empfangen. Deinert ist in der Sprache und im Raum der sichtbaren Kunst zuhause und nimmt darin Künstler auf, die nun bleiben − auch dank der kundigen und mitlebenden Anmerkungen. Die erfahrene Hand des Gestalters vollendet das Ganze zu einem Buch, das ich zu den schönsten zähle, die im vergangenen Jahr gedruckt wurden. Es ist ein Glück, dass es erscheinen konnte.

                                                           Professor dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg

 

 

AUS DEM INHALTSVERZEICHNIS

 

I. URSPRÜNGE 9

AZURNE TRIGONOMETRIE VON OTTO RITSCHL 11

»FELIZ 1962!« VON FRANZO NONNIS 13

DER QUELLGRUND DER AUGEN VON ANTONIA CORMEAU 15

ENTHÜLLUNG VON ANTJE TESCHE-MENTZEN 17

PIOMBINO VON UTE HARTWIG 19

 

II. BEDROHUNGEN 21

SATURNISCH VON OTTO RITSCHL 23

HADESFAHRT VON SYLVIA ROUBAUD 25

VERGITTERUNG VON HELMUT STURM 27

EINSTURZGEFAHR VON ERHARD PASKUDA 29

»AMERICAN FOOTBALL« VON WOLFGANG KOETHE 31

 

III. LICHTBLICKE 33 

»DE PROFUNDIS« VON IRMGARD VON KIENLIN-MOY 35

AUF DAS ›JAIN‹ VON BRIGITTE JAHN 37

ZEITSCHICHTEN VON AKIRE HERTER 39

SONNENAUFGANG VON ROGER GERSTER 41

LICHTQUELL. VON MARINA SCHREIBER 43

 

XI. ÜBER DIE GRENZE 129

PANSSTUNDE. DER BARBERINISCHE FAUN 131

VERFLÜCHTIGUNG VENEZIANISCH VON A. TESCHE-MENTZEN 133

ABFAHRT VON WILHELM VON HILLERN-FLINSCH 135

KREUZLEGE VON KARL BOHRMANN 137

FEUERWERK VON MAX HERRMANN 139

 

 

BEISPIELE:

 

 

 

 

 

 

 

                        

AZURNE TRIGONOMETRIE

KOMPOSITION  VON OTTO RITSCHL

 

Ein klingenhieb

klüftet die wand: in eine

zone von blauem ozon

stehn keile aus kühle

auf − zur stele

in steiler raute über

der zeile des roten

ins kahle gestellt..

 

Einschrägende kanten

brechen den lichtfall

in stufen der bläue

und meisseln die schwärze

zu eingespannten

trigonen von schnittpunkt

zu anschlag der lineale − −

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

APOLLONIA

BESCHWÖRUNG VON KARL-HEINZ HOFFMANN

 

Durch die wimpern gesehn: ein bronzener

mattganz, fusslos über die tiefe

gleitend, der leib und gewand

einer wendigen säule gewann −

aus errichteter lichtbahn

auf abendgewässern.

Und durch die gestalten wechselt: nun

Oreade aus scheintoter

wurzel entsprungen, eine

knospe voll sonnebereiter

gesichte hebend − nun Jägerin, der

ein pfeil in dein herz von der sehne des knies

in gestalt eines windspiels schnellt − am ende

die Botin des schicksals mit dem gesenkten

stab in der linken, einer

brünne von brüsten und

dem mondfeld von leerem antlitz, durch das

vom spiegel der nacken-

mähne geworfen,

maskenzüge aus mienen ziehn − −

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FLASCHENGEIST

ETRUSKISCHES SALBGEFÄSS

 

Langsamer wirbel aus nachrauch

steigt aus der schattigen mündung.

Der atem der grabkammernächte ist

eine wehende säule überm erstarrten

blattkranz nachträumender strahlen.

Das salböl der Toten

hüllt ihr verwesen in duftgewölke

und nimmt sie in ihr verflüchten..

Ich lege die hände um seine urne,

von sonnen im aufgang nach unterhalb

geschuppt, mit tagen versehen. Dürstende poren

schlürfen mein wärmeopfer in

die kühle der höhlung. Es geht in verengten

ringen, vom sinkenden ölsee gespurt,

dem erblindeten  spiegel nach.

Er saugt meine atemzüge

in die enttauchende, mit ihm

sich weitende halle − unendlichkeit

in meine lidhaut getieft
nimmt mich in ihr verflüchten − −

 

                    *

Geprägtes Leinen mit Schutzumschlag

18 × 21 cm,172 Seiten, 23.- €

ISBN 978-3-86858-103-4

 

 

DAS BUCH VOR ORT. Eine lyrisch-epische Aufrüstung

 

Dargestellt ist ein Lebensweg aus einem noch zeitlos ländlichen Vorkriegsdeutschland bis zur Gegenwart. Insofern die Abfolge markanter, lyrisch erfasster Momente insgesamt einen epischen Ablauf ergibt, tritt hier die Lyrik gegen den Roman an. Nach Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre, beginnend mit einem Zivildienst bei einem Esoteriker und radikalen Vertreter der modernen Kunst, wird ein junger Mensch in den Strudel der maßlosen Ausweitung aller menschlichen Möglichkeiten gezogen und gerät in ein maßloses Aneignen und Ausleben des Überangebots einer unbewältigten Gegenwart. Die fortgesetzte Überforderung seiner selbst, noch vermehrt durch eine Drogenerfahrung, die fahrlässige Lebensweise und schleichende Schädigungen durch eine belastete Umgebung, beschleunigen den Zusammenbruch. Auf dem nun folgenden Leidensweg aller gelähmten Kräfte und durchkreuzten Vorhaben, der durch den untersten Tiefpunkt der Kurve geführt wird, bahnt sich die Ahnung eines nicht mehr an sich raffenden Verhaltens an. Die mühsame Selbsttherapie führt zur vertieften Wahrnehmung des Unversehrten, der Erde in ihrer bedrohten Kostbarkeit. Im täglichen Umgang mit den einfachen Dingen und auf Gebirgswanderungen findet eine Selbstfindung in weitgespannten, auch fernöstlichen Zusammenhängen statt, mit ihr die Reifung zum Eintritt in Verantwortungen und zur Teilnahme an den Erfordernissen der Gegenwart.

 

Die staatlich-sozialen Verhältnisse - Hand in Hand mit Naturkatastrophen und globaler Verelendung − entwickeln sich zu einer mafiosen Wirtschaftsdiktatur und beschleunigen die Verdrängung der abendländischen Bildungskultur durch die manipulierte Vermassung des profitgetriebenen Unterhaltungsbetriebs. Der Stellenlose schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und wirkt in Schutzverbänden mit. All das führt zur Verstrickung in Strafverfolgungen eines aktiven Widerstands. Parallel zu dem: das Auf und Ab der Partnerschaft mit einer feministisch geprägten Freundin, die sich die Rolle einer esoterischen Diotima zulegt und zu gefährlichen yogisch-tantrischen Praktiken verführt. Apokalyptische Ausblicke und weiterführende Perspektiven halten einander die Waage. Der fallenden Linie des äusseren Scheiterns entspricht eine steigende innere, die sich in Momenten der Selbsterfüllung innerhalb weitgespannter Zusammenhänge und eines dichterisch gelebten Exils unter Freunden verwirklicht. Insgesamt rückt dieser Ablauf das Werk in die Tradition des „Quester’s Tale“, also der Parzival- und Faust-Aventiuren. Auch östliche Traditionen klingen an und werden ins Heutige übergeführt.

 

Die Versformen entsprechen den inneren Vorgängen. Die erhöhte Seitenzahl ergibt sich aus den wiederkehrenden Kurzzeilen. Fortlaufend gedruckt entspräche die Textmenge dem Umfang eines Romans von zumutbaren 365 Seiten.

 

 

STIMMEN ZUM ›BUCH VOR ORT‹

 

Ich glaube, die Sache überfordert mich in ihrer Wucht...  Mir und den Kollegen, die involviert waren, fehlt dazu vielleicht der Mut.                                                                            (Lektorin vom Suhrkamp Verlag)

 

Auch ich bin damit überfordert. In einen Autor Ihres Kalibers kann ich mich nicht mehr hineinfinden.                                                                      (Bernhard Albers. Rimbaud Verlag)

 

Ihre Seiten sind durchaus lyrisch und haben mich in ihrer Geschlossenheit und ihrer ganz wunderbaren Sprache tief beeindruckt. Dieser lyrische Zyklus war in seiner Gesamtheit ein Leseerlebnis.. Ganz sicher werden diese Gedanken ihr Publikum finden und ganz sicher – wie ja fast immer bei Lyrik – eine kleine aber auserlesene Leserschaft.

                                                                           (Roswitha TH. Heiderhoff, Verlegerin)

 

Leider komme ich nirgends an, wo ich Ihren Projekten nützen könnte. Sie ragen etwas heraus aus Ihrer Zeit, so wie die Formate, die sich Lektoren immer auf der Vertreterkonferenz wünschen,  aber im starren Regal der Sortimentsbuchhändler keinen Unterschlupf finden.

                                                        (Hans Jürgen Balnes, Lektor im S. Fischer Verlag)

 

Es ist beeindruckend, welche Wanderschaft durch die Verlagslandschaft Sie mit Ihrem Opus schon hinter sich haben und welche staunenden Urteile die Kollegen für Ihre Texte gefunden haben. Ich kann die Bewunderung teilen. Ebenso eindeutig ist aber auch der Entschluß, Ihr Manuskript nicht in unser Programm aufzunehmen. Es hat vermutlich im Moment kaum jemand die Kraft, ein so sprödes, sprachspielerisches und zugleich philosophisch tieflotendes Werk auf dem Markt durchzubringen. Die Zeiten sind nicht danach.                

                                                                                              (Elmar Faber, Verleger)      

Wir sind voll der Bewunderung für Ihr ambitioniertes Buchprojekt, sehen aber bedauerlicher Weise keine ausreichend große Leserschaft dafür.               (Lektorat vom Residenz Verlag)

 

Ist es nicht eher ein Aufführungs/Vortragswerk? Denn das der Text in dieser Form wirken muss, steht für mich außer Zweifel.                                             (Lektorat Wallstein Verlag)

 

Ein grosses, in der deutschen Gegenwart einzigartiges Werk, sprühend vor Leben und ein Vulkan an kühner und neuer Sprache. Die durchdachte Vielfalt und Differenzierung der Komposition helfen dem Leser zur Über- und Einsicht – eine wirklich bewunderungswürdige Leistung und mit ausdauernder Leidenschaft ausgeführt. (Prof. Dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg)        

                                                                          

Einmal mehr hat Wilhelm Deinert einen großen, mitreißenden Gesang voller  "unbegangener Worte" geschaffen.. Wie er rhythmisch die Risse im Gefüge der Welt nachzeichnet, die in seiner Dichtung plötzlich als Struktur aus lauter Sollbruchstellen aufleuchtet, das ist immer wieder faszinierend und in seiner widerständigen Eindringlichkeit unerhört modern.

 (Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung)

 

Bewundernswert, was da an Welthaltigkeit, an stilistisch wie inhaltlich unterschiedlichen Partien, Erkenntnissen, Mitteilungen, Erlebtem usf. bei unglaublich hoher Qualität des ganzen Wurfs zusammenkommt. Ich wüßte keinen annähernd ähnlichen Vergleich mit dem hier Entworfenen, Ausgeführten zu nennen.                                        (Dr. Eberhard Horst, Schriftsteller)

 

Ich habe das Werk gelesen. In viel kürzerer Zeit als ursprünglich veranschlagt, denn mit einem hatte ich nicht gerechnet: Daß die Lektüre bei aller dichterischen Höhe so spannend sein würde!                                                                 (Michael Haussmann, Maler und Bildhauer)

 

Dieses Werk hat schon einige Gemüter erfreut, denen ich daraus vorlas. Ihre Verse bewegen vieles, tippen an, und schon ist man auf großer Fahrt – zu Brunnen in der Wüste..

                                                        (Dr. med. Ingeborg Tönjes, Psychotherapeutin)

 

In einem poetry slam vorgetragene  Stücke aus dem Band brachten dem Verfasser einen Sieg über namhafte Rapper ein.

 

Textproben

 

Erster Teil: SANDELHOLZ UND PETERSILIE. Eine Umkehr.

 

1. Sturzgeburt

 

Hurli tohu

wa – was?

burli bohu

da – das!

Rumpelpumm,

dreh’ dich um:

du bist dran,

stirn-voran

aus der furt

auf die wurt –

rolle vorwärts

in die

geburt! – –

Mit dem urknall

in den ohren:

es spiralt,

strudelt, zischt –

hier erstrahlt,

dort verlischt – –

Dahinein:

mitgeknufft

mitgemischt

mitverpufft –

mitgeboren

ist mit-

verloren..

 

Nimm vorlieb, wenn es nicht

die bananenwälder Hawaiis, nicht die palmen-

küsten von Birma

und Śri Lanka sind – wenn die rüpel-

winde von hinterm polarkreis dich an-

rempeln, kaltschnäuzige fröste

dich bläuen! Auch hier

erwarten dich inseln und jahres-

zeiten befristeter seligkeit!‹

                       ...

Sie ducken ihn tiefer hinab

ins karge – bis wo es nicht flacher,

nicht meeres- und grundwasserspiegel-

näher hinabgeht.. Also da:

auf dem neuesten neuland,

wo es beinah mit dir

im fettglanz der schollen

zwischen prielen der abflut enttaucht –

wo die ewigkeit

vor den augen am werk ist..

 

..Da sitzt er:

zwischen kammer und sparren –

honiggold

tanzt der staub. Eine wärmende lichtbahn fällt

in das buch,

das von drachen und helden,

das von burgen und bräuten sagt,

auf seinen knien. Es riecht

nach dem starennest, mit den jiepern darin,

zum geräucherten speck in der mausefalle.

Ein weltall durchsonnter gespinste

umstellt ihn; ein schluchtwerk spiralen

überspinnt die gebälke

und winkeltiefen

mit versilberten scheiben,

die die warmluft bewegt,

voll verfangener fliegen..

 

                            ..Eben dann

sprang der rasende Dämon aufs dach

und schwang das heulrohr

und heultöne auf und ab.. Und schon

rollt und rumort es an

in eisernen drohnenschwärmen

übers meer und die küstenwehr

mit schächten voll tod in schatullen –

sprangen die scheren auf

mit den klingen aus lichtstrahl den himmel

scherend, und nahmen ein pünktchen,

ein fliegendes silberfischchen in das kreuz..

...

»Steht ein lichterbaum über dem land –

gilt er mir oder gilt er dir?

Gilt er Hamburg und Bremen

oder gilt er uns hier?« –

        Gloria in excelsis – wem?

        Für einen triumphzug, ein nieder-

beugendes sich-enthüllen

trat die Furchtbare aus

dem brennenden vorhang

mit der krone aus brandbomben um die stirn,

dreifachen patronengurten um

die metallenen brüste

und dem rollenden gürtel aus totenschädeln,

die geschwader von bombern

und raketen

aus der phospornen mähne schleudert,

mit vervielfachten armen

in puffen aus rauchpilz

flammenwerfer und brennende türme schwingt,

kastagnetten aus vierlingsgeschützen

und maschinengewehren schlägt – und tanzte,

sturmläutende schellen am fuss,

       und stampfte das menschenwerk in den grund – –

 

                                               ..Was dann?  »Da wäre

ein Alter, der braucht – das heisst: ein alter

Meister, der wünscht – nämlich ein Künstler,

der sucht – « ›Was sucht er?‹

»Keinen Lehrling – das nicht! der wünscht

einen Famulus« – ›Was?‹ – »Der braucht einen jungen

menschen, der ihm – er weiss schon

von dir – der könnte dir weiter- « – – Mit dem klooss im hals

und dem schluck-auf hinein – springvergnügt

heraus!.. 

 

                                               velims wipfelgesang

                   

›A-hoi!

aa-hooi!

Mann a-hoooi!

 

Hier bin ich!

toi-toi,

toi-toi-tooi!

 

Und Du? wo bist Du?

wo und wer bist Du?

und was weisst Du denn schon von mir?

..

Wenn du eine geige machst,

so musst du auch spielen –

wenn du einen pfeil machst,

so musst du auch zielen!

 

Und bin ich ein lumpen,

so binde mich an einen mast 

und nicht an diesen pfahl –

so spanne mich vor deine winde! – –

..

Aber nimm dich in acht:

ich werf’ dir mein herz zu: ein rotes

schandmal an deiner tür,

wenn du sie nicht aufmachst –

 

ein rubin

in deiner krypta –

in deinen stollen –

in deinem gestein?‹

 

 

AM TOR

..Da ist er – und nickt

im gehäuse und schaut

aus dem rahmen und winkt

dich herein ohne wort:

grau wahrhaftig!

ein gewrinkel das durch

alle runen spielt,

verzieht die geschlängelten

(ist es lächeln? ist es

empfindlichkeit?)

die verlängerten, über-

schmalen, an denen

du hängen und lesen,

dich versinnen und rätseln

wirst..

 

Es gestikuliert

von den wänden gang-ein

ein geschweife in farben,

das deutende ärmel

ohne hände regt,

ansehende blicke

ohne augen hebt

und redende lippen

ohne münder bewegt –

dich nach hinten und vorne,

dich nach unten und oben,

dich nach aussen und innen

verweist (und sagt

kein wort, aber scheint

was zu meinen – aber

was? aber wen?)..

 

»Wenn du noch lesen

wolltest, da wäre so manches:

für unsere wikinger-

fahrt in die hochsee der welten –

steigst du ein, fährst du mit?«

Er greift in die tasten seines

regals: auf braust

Des Erhabenen Sang, frohlockt

Zarathustras ruf –

er zieht die register OM

mani padme hum

und reicht einen palmwald in klein,

der nach östlichen schreinen

und stupen riecht (denn »Gottes

ist der orient«)..

 

Nicht genug: (»Gottes ist

der okzident«)

entfesselt die blasebälge

des abendlands:

Pindarische hymnen und Dantesche

sphärengesänge,

Trilogien der leidenschaft

und tragischer unter-

gänge.. Ein wackliger turmbau

sturzbereit wächst

auf den händen und lehnt sich schwer

an die brust –

wie für eine reise nach übersee..

 

»Auf den kopf! deinen kübel herum-

gestülpt, in der stunde vor tag,

die die reinste der stunden ist;

allen muff aus der lunge geschnaubt

und das reine herein; seinen bauch

in die zwinge genommen – vor

und zurück, aus und ein – den verschrumpelten

pressack auf taille getrimmt;

eine spritze salz in den schlauch.

Deinen ast, den verholzten krummstock

in dir, musst du drillen und drehn,

bis er durchschwingt und schnellt – bis dein gang

wie ein federnder bogen ist, der

auf der spitze tanzt..«

 

 

»..Der fegt den kehricht vom gehsteig, der legt

eine himmelsbahn – mit dem selben besen, dem gleichen strich!

Der kippt den müll fort, der schüttet ein weltall von samen aus –

Den ödet sein abwusch an, zu dem steigt die Ganga herab –

Der schaufelt den schnee, der bricht mit den augen das himmelsbrot,

dem rauschen die flügel der Seraphim – Der räumt das besteck fort,

dem schlagen die geister den schellenbaum – – «

 

               

»..In den strom

der zeit? labyrinthe aus strömen! die durch-, mit- und gegeneinander

treiben: aus mitzeit und abzeit, inzeit und umzeit, über-

und unterzeit, unzeit und obzeit, wenn- oder aberzeiten, hinter-

und gegenzeit.. Als da sind: malgründe von lichtweiss zu nachtweiss,

die sich tönen in meere und abermeere von lila- zu purpur-

spektren bis ultramarin und verdichten zu wetterkarten

terrestrischer oder stellarer flüsse von schwefel- zu duftgelb,

adern aus opferröten und lichtwein in immer andern

sequenzen und schichtungen oder erstarrt sind: nun architekturen,

dort kubisch und kristallin; dort profile, atmende skulpturen

die osmotische keimlinge unseres werdens, schwingende membranen

der gemeinsamen seele sind.. Das wäre ein fischzug, eine

kreuzfahrt durch meinen ozean – segelst du mit, bist du seeklar,

gerüstet? ..«

 

VELIMS OHRENKLINGEN

›Selig sind die Aufbrechenden, denn sie sind in das offne, das freie – mithin

in die wahrheit getreten; denn sie haben den tempel verlassen, der sie von Sei-

atem getrennt hat und haben sich anvertraut seinen winden und seinem    [nem

strom, seiner hochsee und sind aus den ausgeweideten pfaden geschritten,

die in sicheren zäunen den trott um die stickige hürde gängeln und haben

sich aufgemacht, Ihn im ungebahnten zu suchen – Den der die wildnis,

die fremde, die einsamkeit ist. Die also ihn suchen gingen in seiner

wahren gestalt..‹                   

 

 

STUDENTENFUTTER

Zum aufstehn?

»Wulthus in hauhistjam guda, ana airthai gawairthi!«

Sein frühsport?

»Biugu, biugis, biugit, bouc, gibogan«

Zum frühstück?

»Tristan, Isôt – aller edelen herzen brôt«

In der tram?

»Das Rollwagenbuch – glückhafte Schiff – und Gianozzos«

Das kolleg?

»Die Stürmer – romantik: vor-, nach- oder neu- wenn nicht -märz«

Seminar?

»Das werk: immanent – intentional – struktural«

Referat?

»Thematik der liebe – motivik der transzendenz«

(Antrag

auf gebührenerlass: »Ziel des Studiums?« ›Unbekannt‹)

 

»Kommst du mit,

Kandidat?« Wehmutblick in das buch:

›Eine seite

noch!‹ (Sie trällert und kämmt

ihm die langen

gewellten vor – in den linden-

duft,

mövenschrei fenster-ein – jede zeile

tanzt).

»Dein roman läuft dir nicht davon,

du Streber,

aber die sonne! Wenn du

nicht willst – «

                          ...

Abgekühlt –

im hechtsprung ihr nach vor die arme

getaucht,

du auf-, sie hinab. Und so fort:

Gallions-

figur einer woge, die dich

überspült,

schnellt sie auf und ab, hände-nah

wieder auf

und ab mit den triefenden brüsten,

sonne-

fliessender haut bis zum nabel

heraus

und strudelt ein wassergrünes

geperle

um deine hüften. Sie lockt dich

aufs hohe

meer..

 

     ›Warum spielst du nicht mit?‹

(Wer bist du –

biest du – bis du –)

»Pst, du!« – –

Stummes auftun

der tiefe –

stummer wogengang –

stummes

versinken darein –

zuckt und pocht

auf dem grund, ob es wieder-

pocht..

Hauchlaute, kose-

namen

aus mondlicht und halbtraum

händemulden-

weich umflüstern

die schultern

die hüften das haar –

blauer mantel

um einen roten

kern – –

 

 

»Da ist eine stelle, unfern

von Benares ob du

es verstehst?

(wir verkraften auch das!) da gibt es ein heim,

ein lager es ist für ein jahr

oder mehr« (Alten muff

und papiere

wirbelt es auf und schmeisst dir den winkel-

staub in die augen und wölkt

eine fernsicht auf

was siehst du?)

»Da trifft sich ein kreis Der da lehrt, war hier

(von dem später mehr!) Sie kommen

aus aller welt

vielleicht

kommst du nach!« (Ein dschungelrand rückt heran

tut sich auf: abgründe nach oben

und unten! Was schwankt

auf dich zu?)...

 

Wir haben

verzichtet jahrtausendelang

und gedient ihr konntet

und durftet.

Versteh uns: jahrtausende dürsten

in uns durch uns

will es nach-

geholt sein. Dies hier du selbst,

so vergraben die bücher,

es ist nicht

das leben...

 

 

 

Aus ›VELIMS TAGELIED‹

 

Die sonne ist meine esse: ich schleife mein herz zum brennglas. Du hast

deinen kunstgriff verheimlicht:

wie man seine zeit zur retorte

verschliesst und verdichtet

bis ihr nu an nu wie ein honigfliessendes

reifgold in schweren

karaten entrinnt – wie man seinen körper (es ist nicht

vergessen, auch das)

zu dem bogen spannt, der pfeil auf unfehlbaren pfeil nach seiner

bestimmung (sei es

ein herz, ein wild, ein Tellschuss, die Zwölf, sei’s ein flug um zu fliegen) abschnellt!‹

 

 

 

..›Auch hier sind Götter. Göttinnen!‹ Durch den gasmulm der altstadt – Einer trägt

seinen trotzigen tunnelbau um die schläfen voran, sie unterwandernd..

An seinen tempelbezirk: Ein rosettenberädertes himmelsgefährt,

das speichen Fortunas bewegt, archivolten voll Büsser und Engel

um schwingende bronzeflügel zu wölbungen auftut. Er schweift sie

hinan, überfliegt bebilderte sprossen aus buntglas wie zeilen eines legenden-

und weltbuchs – schwingt sich zu konsolen aus dienstbaren nacken auf –

fluchtlinien, die sich spinngrau verzweigen  verschlingen verlieren, nach..

Wo tempel, sind schätze: ein schatzhaus an -haus der alten Piraten,             

tun säle voll schaugold und hofprunk: grabkammern aus rahmen

zu schächten voll ausblick ins nichtzubetretende nicht-mehr auf.. Er treibt

landnehmende späherblicke in die moscheen und stupen,

in den pagodendunst und blinzt durch den nebel de zeit...

 

 

›Ihr dort – was tut es? –

ich hier. Mir voraus: unterm hohen

licht, aber spätlicht!

Wir mit dem flachen lichtwind der frühe

Im rücken. So tag

wie die nacht als mein augenlid um den ball holt dich ein

und unterlings schafft dich

zu mir – mich zu dir: meine schwelle ist nichts als die unterste, aber

die nächste der ufer-

treppen Benares’! So gehe ich um, triffst du mich an den brunnen und 

                                                tempelstufen..‹

 

 

  GISMA AN VELIM:

  »Bisweilen, mein sehr Gestrenger,

ist liebe ein fernkurs – ich vertraue und rate zu!

Deine skrupel

und gründlichkeiten:

wie fremd liegt dergleichen und spinngrau zurück! Es war            

meine welt:

eine stubenmoral

hinter dichten gardinen (verzeih)! Wenn du Einen die tabla

mit blitzenden

zähnen in diesem

licht und halbnacktem körper schlagend sich wiegen

sähest..

Und ich trinke dies licht

mit allen gefässen und will dein krug sein – ein sinnes-

organ

deiner seele, du sagst es! –

und lauschen wie eine Diebin für dich auf jedes

wort,

jeden weckruf, der dich

befreien möchte. Denn ich sehe dein werdebild

nicht so ferne

von diesen; es steckt

auch in dir!..«

 

 

Denn wir sind das feuerschiff, einsam bemannt,

das die mündung zur grossen ausfahrt bezeugt.. Diesige

nacht fällt – schwer auf die lider. Lass gut sein, bezeugen

so sternklar es wolle, so schläfrig so trüb! Doch nein,

in das schreckbad: am eis seinen mattglanz gefrischt – nachgehärtet

zugleich das ermüdete schwert, seinen hohlschliff gewetzt,

(und schmiedewarm in die scheide so kuschelnah,

federweich?) Nun, der stahl geht so lange zu amboss,

bis – geht so lange zu wasser, bis.. Löser Schlaf,

löse du was du lösen kannst: überliste, erlöse

den der nicht los, der nicht locker lässt von sich selbst – –

 

Klettermax am verbotenen mast,

du hast mit dem scheitel den hochdraht berührt – starkstrom

ganz besonderer herkunft. Eindrucksvoll wie das herausfuhr:

prasselnd ein feueraal dastand für einen

gleissenden einguss! Alle lichter sind aus – alle kabel

versengt. Du selbst: im schamanischen wirbel rasender

sinne, der dich am boden weiterrollt,

durch flackernde schluchten gerädert – und dich einen aus-

gewrungenen mantel aus seiner schleuder wirft. –

Bekömmliche nacht – ruh’ dich aus! bis du dich wieder-

kennst, hast du zeit.. Sei grosszügig, freundlicher Schlaf,

erfahrner Therapeut – hände- und augen-

ringend umworbener Gast wachstarrender nächte –

in diese ausgebrannten steinkohlenschächte

von himmel. Darunter: ein foltergewölbe geschwungener

zeiger wie keulenschläge und lautlos zermalmender

speichen, das ihn in sein getriebe nimmt – –  

 

 

..›Mein Dämon, Foltergeist der mich

umlurt und – schere ich aus: mich mit der einen

fuchtel vor seine andre scheucht. Wärst du

kein fluch, verhängnis – wärst der schreckschuss oder

stromschlag des übertritts, der den schutzkreis zäunt -

die stimme wissender als ich? Erziehst

du mich, übst du mich ein, dass ich die winke,

leisesten stimmen meiner selbst befolge?

Soll ich dir traun, dir in das pfadlos offene

folgen als meinem pol, der meine nadel

nach keiner seite will als zu sich selbst?

Bin ich es selber: meine grenze, mein

femegericht, das sich selber ahndet – du

der Unbekannte, der sich selber an mir

vollstreckt?..‹

 

 

ZWEITER BAND:  ›ALMRAUSCH UND SCHWERBETON. Eine Betrauung‹.

 

 

»Elí, Elí«

eine wunde schrie:

 

»Leg' die hand auf den mund,

wirst nie mehr gesund!«

 

Eine fuchtel aus

geschundenen nerven

schlägt zu –

 

durchkreuzt was du tust,

ob du gehst oder ruhst..

 

Es jubelt: »Ho he,

steh auf und geh –

bist gesünder als je!

 

 

 Also was tun – wie packst du

es an? Er kramt sein rüstzeug

hervor, richtet den werkelplatz..

Also wie gehabt? soll's weiter-

gehen: erprobt der Galeeren-

sklave die ruderbank –

Stemmt der Titan die achsel

unter den berg und schultert den Ätna?

 

»Nicht so, Ritter Ganz-oder-Garnicht,

Nun-oder-Nie: mit der falte der stirn

als der eingelegten

lanze auf Gott und die welt zu!

Du musst nicht, du brauchst nicht – du sollst nicht!«

Ist frieden? Bricht der Belagerer

seiner selbst die blockade ab?

 

Die dinge

schweben an ihren ort –

und ich bin es nicht,

der sie stellt. Meine hände

begleiten sie nur – sie hatten

den gleichen weg..

 

   Die schürze ab – gut war's! Da fehlt was: singen

   im ohr meldet das auferstandene buch

   zu wort und läutet die vesper ein. Setz' dich:

   der flüsternde geist schlägt seine flügel auf

   und schattet über dir – hält dir das pult!

 

 

                       Alles

ist neu zu sehen

zu lernen, zu leben. Herrlich

zugleich und erschreckend – weil fremd.

Auch das unsre! Ich kenne dich nicht –

und du? was wusstest du, weisst du von mir?

 

 

    »Bist du's also doch? Der heilige ungehorsam,

    wenn es der denn ist – und war.. Alsdann,

    solange die alte nuss noch klappert – «

 

› – solange das meer aus der  muschel rauscht:

sei es aus deinem mund,

sei es an meinem ohr – in meine seele!‹

 

»Riechst du's: Formalin, brühwürfel und sagrotan –

das sind die flüsse der unterwelt.. Charons kahn

ist ein knarrendes stellbett mit schwenkarm und hebebaum«

 

›Malströme in erntefarben von deiner hand

sind die flüsse der oberwelt, ihre leinen die segel

am augenkahn unsrer erdumseglung!‹

 

»Wie ging's dann? Erzähl' – wo will es hinaus?

Es hören die lerchen nicht auf zu rühmen –

die krähen hören nicht auf zu schmähn«

 

›Es hören die gipfel nicht auf zu rufen,

die blitze nicht auf zu schlagen –

nach hier wie dort reisst der abgrund den rachen auf‹

 

 

Da lag er, im feingenähten wie von einer mutterhand

oder schwester gestärkten und hochgeknöpften weisshemd:

 

Ich sah einen Wandermönch

der hintritt vor unsichtbare

throne am ziel – und sah einen Lehrenden im talar

unterm südlichen zeltbaum – sah die geschliffenen züge

des Sherpas vom frost des Himalayas versteint –

 

Urvater grub mir sein Dennoch und Vorwärts

in gestalt einer knochigen rune ein, einer stirn

vom klöppelschlag eines bronzenen willens gewölbt

und geschmeidigt, ein feuer in feingeglühten

höhlen bezeugend das ohne schlacken verglomm..

 

 

Nun Meisterschüler und Debütant

auf strategischer bühne, nimm dich zusammen:

sei klug wie die vorderste zungenspitze

der vipern und rein wie der frischgespannte

malgrund seiner leinwand! –

 

›Damen und Herren! Im namen Derer die uns voraus

gelitten, die hölle durchwandert – ihr dies unser festland entrissen

haben – für die der so hörbar wie sichtbar uns Nahe

mir steht – ohne die kein weg und kein wort, wir selber ein nichts

wären – will ich meinen dank

meine sorge und obhut ihm erweisen.

 

 

             Kastellane der kunsthallen und museen, der aulen

und musentempel, festsäle und philharmonien:

Herein, seht euch um! Hier wäre ein sprengstoff, der eure wände

in lichtjahre aufreisst, neuräume des weltalls ohne

kostspielige teleskope eröffnet. Paneele

zu schwebenden auditorien warten auf ihren ort.

Der geist ist ein wandernder Märtyrer – macht eure fenster

auf: er wirft seine goldenen kugeln ein!

 

Geld habt ihr für landebahnen und transrapide,

rollbleche für jedermann: Hier steht ein geschwader

raumschiffe nach innen bereit.

Rafft eure pompösen brokate: dies hier

wie das glück ist geliehn, solange ihr's nicht

in die sammelgrüfte verdammt. Auch ihr,

Drahtzieher und Börsenmakler der szene: riecht ihr kein geschäft?

Gold ist götterkot, den ihr erdenparcours hinterlässt.

 

 

›Springerin löwengemähnte, über den hochfirst

schüttle die flammen und winke den südwind

von drüben herein, lass flutende wärme

und südlicht sein!‹ Ein neuleib von schmiegsamem umriss

biegt sich in botenwinden des frühlings und wirft seiner Leuchterin

die heimliche kusshand zu..

 

Mit der drachenfahne der schnauflust vorm mund,

lungen voll herzdank und überschuss in schriftband

verflüchtender segenswünsche an dürstende kaltluft

erbietend – gleise voll hohleis in spriessenden dolchen

das kracht unter jedem tritt..

 

Es streicht um den wimperbug: der blick

tut zittrige kindertritte – das stolpernde herz

ist ein hinausgelassenes hündchen und tollt

voraus. In blassgrauen prielen ablaufender nachtgewölke

ziehen die träumsel, der schlick aus den winkeln ab.

Die hände am riemenpaar

wie der hirte sein kalb trägt, geht es voran.

 

 

 

                                        ..Mein gläsernes konterfei,

 

zeige mir an, wer ich bin: wär' ich der Bildhauer

meiner selbst, der an seiner statue meisselt

und feilt? Viel zu offene äuger und lauscher nach ringsum!

 

Bin ich der Eigenheimer, Kakteenbegiesser

und Gassigänger mit Struppi dem hündchen, der Unkraut-

zupfer? Viel zu gebuckelte stirn drüberhin!

 

Sprecher der Zeitgenossen, stimme des Mannes,

der Frau auf der strasse, Wortführer ihrer begehren –

Brüllsänger auf podien, Schmettrer am mikrophon?..

 

›An die Schützer der Umwelt: Stellenloser  beantragt

    baldmöglichste mitgliedschaft zu ermässigtem beitrag –

    ersatzweise bietet bereitschaft zu einsätzen in

    erreichbarer nähe. Berichte von laufenden wie 

    geplanten aktivitäten gleichfalls erwünscht!‹

 

 

Geehrte Versammlung! es gibt ein geschehen vor unseren

türen, in unseren strassen – auch das riecht nach einem

tödlichen gas: kein ägyptischer Pharao,

triumphierender Maharaja und Grossmoghul

am tag seiner krönung kam mit den pferdestärken

geprunkt wie jeder Lusche und jede Strunze

von heut! Und sie malen den satansrauch ihrer spur

in die lüfte – und fragen nicht, wen er verkümmert, vergiftet.

 

 

›Kannst kommen: ein nagelbett

für die Büsserin, halber schrank

samt stuhl am wackligen tisch

stehn bereit! Nur sei vor der enge

und meinen marotten in küche

und kultus gewarnt. Auf wunsch

wird geräumigeres, auch getrenntes

baldmöglichst für dich beschafft.

 

›Kennst du das schneefeld der einsamen

spuren von weltraum zu leerem raum – dies starren

ins graue da vorn, das die deine verschlingt? Kannst du

das wunder ermessen, wenn aus einer helleren stelle

von gleichen gefällen bewegt eine zweite entspringt

die deiner beilenkt – und über den beiden eine

wandernde lichtung das triefgraue schleppgewölk

erhellt, die ihr schweifen und nahen vereint?..‹

 

 

                                                   ..Vergebens, ist alles

gesagt: Verteile ein flugblatt – es landet im abfall;

umwirb einen sender: sie schalten ihn ab; eine zeitung:

sie lesen den börsenbericht, reportagen vom fussball! –

Die linde blüht, streut winde voll samen im weitflug:

kaum einer geht auf – doch sommer um sommer weht

der saum einer Göttin aus ahnung und heilduft um sie..

 

 

Orgelmusik – aus der hutzelkirche am weg:

sang eine totenklage aus brechenden röhren –

wimmerte mit verstimmten registern – sang

einen untergang. War es der ihre – der unsre? Ich sah

eine sinkende insel: schwarze wasser aus schlaf

und vergessenheit krochen die strände an. Tonfluten

aus silbernen mündern schlugen die schwärze zurück.

Vergebens. Ein letztes aufgebot schutzflehender

stimmen sang rote sturzseen aus offenen adern –

sang einen schutzwall. Wir wussten: wenn ihr verstummt, wenn ihr

euer tönendes blut verströmt habt, sind wir verloren!

 

Siehst du's, meine rosenfingrige Muse

ist zur grünen Hostesse auf dem streifengang mit sprechfunk

und mahnblock geworden. Das haus – nein die erde brennt!

Erst müssen die quellen – auch der kastalische es löschen..

 

    Ein krug, ein paar matten und gläser, ein brotkorb – genug!

›Also kommt, bringt eure Freunde mit  – euren zorn,

euren kummer desgleichen! Erzählt eure neuigkeiten,

von eurem woher und wohin, euren liebhabereien!

Die gemeinheiten lasst uns hinunterspülen – sorgen

bricht man am besten mit dem geteilten brot.‹

 

 

Verschleudert – was für sonnen, herzstürme, worte..

Stirb zur probe: was brächtest du mit? Nichts als

 

dich selbst: die verschrammte stirn von berannten wänden,

verbundene hände von nicht geschaffter steilwand.

 

 

                    Schaffe ich das nicht, so wirke ich dieses!  Nütze

ich dort nicht, so helfe ich hüben..

 

Leer stehn in wettern verfallend die häuser der Hirten –

von wohnhorst zu einsiedelei wehn sendefäden

 

den gastruf.. Ein fernkreis ersteht – und nichts ist vereitelt.

Sende: nun wirbelströme, nun glättende grüsse!

 

Eines das käme: Hilfst du mir? und gediehe

in deiner obhut, liebe – was wolltest du mehr?

 

Sing vom machandelbaum das lied: Kommt vögel

und plündert mich, dank habt – ihr tragt meine saat aus!

 

 

         ›Denk' dir

ein javanisches palmen-

         idyll:

am südhang der Alpen

         im schoossknick

steilwandiger ufer-

         berge

ein leidlich erhaltenes

         almhaus

mit steinernen tischen

         auf tropisch

verwilderten garten-

         terrassen..

 

Sind Helfer gekommen, mit sorgeverstummten

gesichtern umschweigen den tisch – –

 

                                                                  Frühwach –

                                                        grellblau aus gestochenem

                                                                  umriss

                                               umflimmert.. Mit linsen und messgerät,

                                                                  filter

                                      und sonden schwärmen sie aus. Schwül weht es.

                                                                  Wirrwinde

                            entspringen – die windfahne tuselt und steht in das unwetter-

                                                                  tor..

                                              

                                               Feuchtjammernde augen schweigen

                                                        es aus: Da habt ihr's –

                                      wir haben euch gewarnt! Keine lampe

                                                        brennt, nur ein notlicht.

                            Noch melden die sender: von wasserständen bedrohte

                                                        dörfer, verschüttete

                   strassen, bahndämme unterspült – ganze häuser sind

                                                        in die seen geschwemmt –

                                                       

      Unser reichster Mann greift nach der macht –

      lies deine Apokalypse nach!  Der Drache

      der tausend köpfe erwacht: in alle türen

      und briefkästen steckt er sie dreist – von allen bildschirmen

      lächelt er feist!  Alle sender und blätter sind schon

      sein – schon reden und melden sie überein:

      sie pauken und posaunen für seine Partei der freien

        Wirtschaft – lies: Raserei!  Alle Bonzen und Grossbosse

      sind dabei – sie werben mit treibstoff und steuer-

      erlassen: Wählt uns, wir bieten euch stellen in massen –

      euer glück ruht so sichrer je voller in unseren kassen!

      Und wo du hinsiehst, siehst du sie verprassen, konzerne

      paktieren und Leute entlassen.. Weisst du keinen psalm,

      keinen toast darauf?  Ein künstlicher jubel und applaus

      johlt durch alle strassen und säle, in jedes haus!

 

Wer die erde zerstört, wer die formen und grenzen sprengt:

zerstört auch mich, sprengt auch die meinen.

Der giftige atem streicht um den erdball. Ob du dein zelt

in der wüste webst, die hinterste dohlenklippe beziehst:

der teuflische opferrauch an das Goldene Kalb

ätzt deine lungen..

 

Mit schach nach der regel und zug um zug

kommst du denen nicht bei –

sie haben das spielbrett vom tisch gefegt – –

 

     

             Er sagt's nicht, aber: wie er hinunter zur täglich

giftgrauer verrauchten ebene starrt, gibt er den planeten –

unseren kampf, wohl das ganze menschliche zwischenspiel

in der johlenden hölle des weltraums – verloren. Eine

leidensfurche um seine lippen

gräbt sich verfolgbar herber und härter ein..

 

Dann wieder spielt eine heiterkeit

um seinen mund, sein tun als könne sie nichts mehr

verzerren und trüben, als wäre sein grundfels unter den füssen

auf anderen sternen – er zu einem solchen (von dem er bisweilen

munkelt, dem unser bemühen zugute

käme) auf wegen, die man durch sich selbst ertaucht,

unterwegs. Sein abschied von allem geliebten, erweisen

der letzten ehre ist nun sein tagewerk..

 

 

Ein zeichen sein,

es setzen:

das ist es – du tust es!

Die Unsren von berg zu berg

zünden die lichterkette: brennen

in die gewissen das brandmal, den warnruf –

alarm.

 

Ob sie der letzte

Kärrner ihres betons,

ihrer brennelemente und schützenpanzer

befolgt – die schaufel den schlüssel die flinte hinwirft:

ist nicht unsre sorge.

Wir hätten das uns gebotne

                 getan – was darüber ist nicht zu wollen..

 

Nicht hass sän:

unser merkmal

ist nicht die gewalt, nicht die trümmer-

spur – ist sühnezeichen! Der wimpel

 muss stehn, bezeugen – wenn's angeht: weit sichtbar. Und wir sind

entbunden.

Es wäre die andre

nicht kriegs- sondern siegeskunst

                 der weissen Rose die aus dem grab blüht..

 

 

..Da musste krieg sein:

stahlgraue ungetüme

rückten in breitem aufmarsch über

die äcker; sie walzten die raine und saaten nieder.

In schutzloser reihe standen die Einwohner gegen sie über.

 

Sie schickten

ihr liebstes Kind vor:

ein kleines Mädchen in weiss

mit blumen im engelsgelock, ein körbchen

am arm. Es streute blüten, soweit sie reichten,

sah auf mit angstweiten augen – ein zaghaftes händchen winkte.

 

Und stille –

   das weltgericht hielt

seinen atem an. Da fiel

ein schuss – und spie eine hölle von schwärzen

in das gesicht der sonne. Ein schreigemisch –

der satansschrei der kommandostimme, heulsturm von motoren –

entsetzens-

aufschrei der Mütter

(sie stürzten vor) zerriss

meine herzwand. Sturmgeläut toste..

 

...

Es prahlt von den ständen und ständern – sie schlachten es aus,

schleudern es in die antennen:  Erster Selbstmord-

anschlag in Deutschland – aidskranker Student

sprengt erste Joche des Transrapidviadukts

mit sich selbst in die Luft – Menschenleben

umsichtig verschont – neue Formen des Widerstands

gegen den Wirtschaftsimperialismus – Kränze und Kerzen

am Tatort polizeilich entfernt – wer sie erneut, wird verhaftet –

Nachfolgetäter befürchtet – Fortbau einstweilen gestoppt –

Bedrohter Naturpark vorläufig ausser Gefahr –

Hintermann der Tat aufgrund gefundener

Briefe im Schweizer Asyl vermutet – die Auslieferung

wegen fraglicher Rechtsstaatlichkeit des Antrags verweigert! – –

 

 

DER WÄRTER:

Kopf hoch – nach oben ist platz

für eine tiara! Kein Häuptling von Altamira,

heiliger Franz in der eremitage

hatte es besser. Richte dich ein

und schmolle dich aus – die zeiten sind schlecht,

wir wissen's (schwamm drüber!) Wenn du was brauchst:

mehr decken, bücher schreibzeug papier

(man sieht es dir an) dann sag's – man lässt mit sich reden.

Vor allem ausruhn, im voraus – uns blüht

so manches.. Die nächte, zum glück, sind länger

hier als da draussen.. Ansonsten: geniesse den ausblick!

 

Mutter Erde, Hier liegt ein Verlorener, stärk' ihn –

ein Winzling tritt gegen die drachensaat einer welt an:

Leg' ihm deine hand auf die augen, schliess ihre brennende wunde

mit schlafmull in wimperform..

 

 

              Neues vom Tage,  Die Weltpost:

 Aufruf von terra mater zum sturm auf gen-

technisch gefälschte saaten weltweit befolgt!

Humangenetisches klonlabor des konzerns

provitaglobal durch bombenanschlag verwüstet!

             Rodung des tropischen regenwalds von Helfern

    aus aller welt und Eingebornen mit pfeilgift

    von langzeitbetäubender wirkung vorerst gestoppt!

Havariegefährdete tanker von Hafenarbeitern

und Küstenbewohnern nach löschung der ölfracht versenkt –

kutter von illegalen Walfischfängern desgleichen!

             Gewerkschaften rufen europaweit zum streik

gegen bau von atomkraftwerken, weiteren seil-

oder landebahnen und schnellverkehrtrassen auf!

Gefängnisse ähnlich betroffener länder vornehmlich

von Jugendlichen seit monaten überfüllt –

von der bevölkerung mit girlanden geschmückt!

             Wirtschaftskartelle rüsten ein söldnerheer

      zur durchsetzung ihrer programme und interessen!

'Umweltverbrechen sind kriegsverbrechen –

verhindrung ist notwehr!'  Der Weltstrafgerichtshof,

wo unersetzliche werte der menschheit

bedroht sind, sofortigen einsatz erfordern,

erkennt ein widerstandsrecht am ort

der bedrohung an..

 

        »Wer nichts tut, wird mitschuld.. Sich nicht verschludern, so teuer

wie möglich verpfänden – es wäre der würdigste schlußsatz

unserer passion: An einer stelle der erde genugtun,

dem einen schützling alles empfangne von quellen und morgen-

röten, beeren am waldsaum und badestränden

erwidern. Der meine wäre ein lindenbaum..

 

 

Es läutet in bronzeschlägen

am hoftor – schweigender nachhall

aus hallraum gewordnen gehören

pocht echolotende klafter in

den untersten auffang der stimmen

des immer Einen – am drücker am zündknopf

im wachtturm – pocht ihn

hervor.. Da keimt was, schwillt auf:

ist es der wutschwall aus stierblut in

den daumen nach abwärts? ist es der finger-

tupf der die tore sprengt?

Brecher von kriegslärm und sieges-

geheul, chorälen und hilferufen

reissen die ferne auf − in ihr verhallen..

Ein luftzug − schwillt an zum orkan:

er rast durch die steigenden

gänge, die felge, das strudelnde rad −

er sprengt die türen,

reisst dich in den trubel

zerstiebender und

entspringender sterne − −

                               *

 

Das Ganze stellt sich als eine Abfolge markanter Momente und Stationen dar, die ihrerseits eine jeweils andere Kontrapunktik in Gegenbildern oder Dialogen austragen. Die vielfach konträren Wechsel geben dem Buch ein dramatisches Element; nicht minder die Bewegung zwischen den Polen der Einkehr und des Engagements, des Stillstands der Zeit und der zügigen Handlungsschritte. Der epische Ablauf trägt der lyrischen Sprache eine vermehrte Lesbarkeit ein.

Die sehr abwechslungsreichen Vers- und Strophenformen entsprechen den jeweiligen Stoffen und Vorgängen, mit kennzeichnenden Rückverweisen und Abwandlungen im zweiten Teil, gegen den Schluss mit Vorstössen der freien Verse auf den klassischen Blankvers zu, der am Ende weiter umspielt wird. So ist die Sprache auf sinnlichstmögliche Vergegenwärtigung ihrer Gegenstände, das heißt auf rhythmisch-dynamische Übertragung und Mitvollzüge angelegt.

 

Der Typus des lyrischen Epos hat andernorts längst neue Anerkennung gefunden: Wo er wie in  Walcotts "Homeros" mit kolonialer Exotik daherkommt und sich mit Terzinen von Dante und Homerischen Namen schmückt, ist er sogar mit dem Nobelpreis als zeitgemäß deklariert worden. Nicht weniger Aufsehen hat der "Roman in Versen" von der Carson erregt.

*

SHAKER media

Hardcover. 622 Seiten, 32,90 €.- €

ISBN 978-3-86858-522-3

 

NAHE DRAN. Im Herzpunkt der Radien

 

Der Band vereinigt poetische Texte geringen Umfangs, die aus unterschiedlichen Anlässen neben der Entstehung seiner umfangreichen Vorgänger verfasst wurden.

Den verschiedenartigen Gegenständen entspricht eine Vielfalt an Formen − von Einzelstrophen über metrisch sehr variable Gedichte zu Sequenzen in Vers oder lyrischer Prosa, die entsprechend mannigfaltige Tonarten und Rhythmen anschlagen.

Bislang ungenutzte Gelegenheiten − von Texten für den Anrufbeantworter bis zu vertraulichen Dialogen  in Gestalt von Fensterln  −lies: SMS − werden wahrgenommen.

 

Sie ergaben insgesamt nachgereift und um Neustes ergänzt einen wieder anderen, ganz eigenen zyklischen Ablauf: radial aufgefächerte Lebensbereiche treten zu einem Vollkreis zusammen. In fremden Sprachen Entstandenes (Altgriechisch, Italienisch, Französisch, Englisch) erscheint zweisprachig mit deutscher Übersetzung.

 

TEXTPROBEN

 

I. AM WEG

 

AUFBRUCH

.. Wandern ist Brustschwimmer sein

in passaten des luftmeers − der weg

springt als sein wildbach entgegen.

Lamellen aus tauglanz wie abgestreifte

riemen von traglast beiseite gebogen!

..

Pfade, weithin verfolgbar, werden zu nerven-

bahnen, an meine sinnesorgane

geschlossen – in atemzügen

führen mir welt zu. Wohin des winds?

Bahnendes auge vor augenhalt,

das einhakt, voran! Wir Steinpicker ohne den hammer

schlagen die fremde an:

ein frischer aufbruch am andren

legt einen schrittstein an stein vor unsere blicke - -

 

 

WINTERNACHT ÜBER FLORENZ

...

Vorm nachtblau

treten die weissen

zierate des doms

unter das eisige glitzern Orions.

Auffasernde marmorformen

heben sich von ihren sockeln

zum flimmernden rauhreif - -

 

 

II. PILGERBÜCHLEIN

 

Gewisse Orte konnte man als Ziele weltlicher Wallfahrten verstehen. Die beiden ersten Proben sind umfangreicheren Abläufen entnommen.

 

 LEBENDE KRIPPE AUF ISCHIA

...

So also, im zwingenden schreitmaass unseres Kantors

geleiteten wir unsren Schatz, unsre himmelblaue

Madonna samt Ungeborenem unter dem umhang

auf einem steinigen saumpfad bergan.

Hangabwärts zur seite durch kahlende kronen ging

das letzte verbrämen der reben im restlaub

unterm verlangsamten sinkflug der sonne mit.

Kräuselnder windglanz durch wachsend gerötete

risse im streifengewölk über schäumende ufer

wehte vom sichtbar-unsichtbar gewärtigen meer herauf...

 

CUMA. Sibyllinischer Prozessionsweg

...

Halt! Sperrzaun – erleg' deinen obolus:

es geht ins Andere ohne

Acheron ohne boot! Verengte passagen

im anschnitt erstarrter laven

streifen was du nicht selber bist von dir ab.

Vorhöfe weiten den brustkorb, dass du

das nie geatmete einsaugst bis in den untersten

zipfel der lungen. Ein strömt es in seeglanz vom durchstich

der felsen meerauswärts – und stellt deine augen

auf fernsicht, unendlichkeit.

Zu der geht's bergeinwärts.. 

 

 

DELPHI

 

Schlagende zungen

des orts, zypressengeflammt

im fallwind der hochklamm.. Er schärft

nachwachsende pfeile des lichtstrahlbesaiteten

bogens. Wahrsagende bläue

spannt glänzende sehnen von kulm zu kulm,

die schwalben und weissgold verfliegende

kühle versendet. Zikadenhell

schwirren die nadeln an federnden schäften...

 

III. LICHTBÖGEN ÜBER DER STUNDE: ZU GAST

 

Die hier vereinten Kleinformen umspielen das Grundmuster eines Gästebucheintrags.

 

Durch eisernes stabwerk, von ranken

begrünt, der aufgefelderte

vollkreis des blütenkalenders

aus beeten und jahreszeiten,

der meinem wiederbesuch ein pfade-

geschlängel um rasen und locker gesellte

gruppen saftstrotzender bäume

im mitzug der sommerschatten,

vorduft mitreifender früchte unterlegte.

                   *

          MALVEN, mauern, mirabellen..

Insel im irgendwo

Ruft die rosen zur rast -

Atem der abende tönt

Bräunende büsche am bach.

Erntende hände

Lesen die früchte, von dankenden

Lippen zu worten entsteint -

Erde und Ernterin,

Nehmt sie von meinem baum!

                   *

Unter quadern in steinrot und nachtigallen

am flussbett in blühende büsche getaucht,

von buchpult zum duftend gedeckten tisch:

haben wir auf die goldene biene gelauscht,

haben wir mit dem Rumpelstilzchen gelacht –

unser fernrohr nach neuen sternen geschwenkt - -

         *

IV. DICHTERISCH BEHAUST

 

An Orten, wo man sich längere Zeit aufhielt − als Feriengast oder Stipendiat − entstanden neben Einzelgedichten auch zusammenhängende Sequenzen, bisweilen in Prosa.

                                                                                         

                    MÜNCHEN – GELIEBTES PHANTOM

 

Spät ist’s – über gärten von Schwabing brennt noch

ein licht. Da wacht, von aufgeschlagnen

gedichten umblättert

Eine, die scheint ein orchester

getrennter stimmen zu hören,

die ihre passagen üben. Sie lauscht akkorde

hervor und denkt ihnen plätze

in einem zwanglosen stellkreis um unsere stadt zu...

Flugbahnen der worte von mund zu ohr

wurden gewölberippen des saals –

ein wehendes hochzelt über der steigluft

ihrer konzerte, das sie

durch rastlose zufuhr musischer stimmen

in atmender schwebe erhält.

 

 

WO DIE ERDE IN VERSEN SPRICHT – RONCO SOPRA ASCONA

 

ANKUNFT

 

Am tor in der hochwand, von ranken

umweht, sah ich durch die fugen

und schlürfte die rasenkühle

des vorhofs in sonnegetränkten

mauern. Ruhe der innenräume

quoll durch die weissen

bögen, vom nachduft der vasen

getränkt. Die atemzüge

der säulen und drinnen geahnter

gedichte durchwehten die stille..

Ich hörte das brunnengeräusch

der sekunden ein zwiegespräch

umgebender dinge mit meinem

anhalten des atems eröffnen...          

 

WO GUT MALEN UND DICHTEN WAR – Olevano Romano

 

Dieses gewoge von höhenrissen auf mehreren seiten zeichnet ein melos vor, das musische tage unterstellt. Unbegrenzt ist die sicht in die lichttiefen über der römischen Campagna, die an den wellenlinien der Albaner Berge ausschwingt. Derzeit mischt der himmel darüber stündlich wechselnde amazonenschlachten aus der kaltluft über den immer noch weissen gipfeln, den einflüssen der unfernen küste und der vom offenen süden einströmenden wärme..

 Es ist nicht wie bei uns das gegeneinander von licht und schatten, sondern von licht und wieder anderem licht, das ihre scheinbar begrenzte spanne zu olympischen erscheinungen steigert.

                           

                                      *

Korbträgerinnen, die letzten – greise

Karyatiden – tragen den hausschatz

durch ausgestorbene gassen, ratlos

wohin.. Sie zögern am stadttor,

schaun zu den endlos rollenden

strassen hinüber und kehren sich ab –

tragen ihn weiter durch ausgestorbene

gassen, ratlos wohin..

                       

TURMGELÄUT ÜBER MUZOT

 

Es geht auf mehrere Aufenthalt im dortigen Rilke-Turm zurück.

 

NACHKLÄNGE

 

‛Da stieg ein turm!’ und bot seine lichte

weite zum hallraum der heimatlos

beherbergten stimme an..

Rühmender klangstrom der seine kehle,

sommerwind der seine harfe fand,

durchschwang den gemauerten fels..

Schwingrauch in versen

stand über den giebeln und griff

in steigenden ringen und wetter-

zeichen über das land aus – –

                           

 

OSTERN IN MUZOT

 

Unbeirrte musik,

selig leis (ob die staub-

fäden der blumen ihre

saiten und stimmbänder sind?)

schwärmt um die geschosse, in immer engeren

schlingen an sie geschmiegt,

und vertont ein ungeschriebnes

gedicht in schaukelzeilen

des talwinds: von rosen im knospenschlaf

zu amselruf aus dem kirschblütenweiss,

pappeln im keimgrün zu mittags-

knistern im mauergebälk,

vom bienenumtaumelten

südhang zu einem – ist es ein stehender silber-

blitz gletschergrün aus dem felsen-

riss bis herab, weinberge begrünend und

die schleppe der gärten – ist es

ein eis- und sonnegetränkter

vers von der sehne des wasserfalls?

 

 

DIE LANDLOSE KOLONIE

 

Es ist der imaginäre Raum der menschlichen Beziehungen. Die Texte dokumentieren eine Gesellschaftskultur, in der Literatur, bildende Kunst und Musik sich als das verbindende Element erweisen. 

 

DAS NETZWERK DER ORTE BLINKT

Wir sind's: ein salzmeer voll rudernder siphonophoren −

unsre tentakeln durchflimmern die strömung.

Sie wiegt uns im gleichen puls der gezeiten −

schliesst mich an das wohl und weh seiner Mit-

bewegten. Ein grüssen, vermelden, erwidern

furcht gassen einer durchfluteten stadt

am boden − hier bahnt sie, drüben verwischt sie − −

 

DER ADERPLAN

 

Ich und der reisewind, wir Zwei

führen ein weberschiff:

das webt an geweben meines

anderen leibes, zum wurzelgeflecht

um meinen wohnsitz verdichtet.

Es treibt seine fasern nach immer dorthin,

von wo es anweht, voran.

 

Der vorhang im hintergrund meiner lider 

bewegt sich: er gibt eine fernsicht nach rückwärts in

durchwanderte räume frei.

Da liegt es zu augen in gestalt

einer karte aus sachte verblassender zeichnung.

Wo du sie andenkst, ein lichtfall sie trifft,

erhellt sich's − nachleuchtende orte

nun hier nun drüben treten hervor...

 

DER KÜNSTLERHOF

 

Geht leise zu hier oben, ist

ein marmorhain skulpturen:

ein schreittanz von güssen und weissen

torsen tritt aus der zeit –

wo der Meister zur lichtscheid die runde um

ihre sockel und, mit gereifteren in den ton

greifenden händen, sehender ihnen voraus

sie weiterentwerfenden augen hervor geht – –

                       

WIR DIE MALTESER NACH BEDARF

 

Schlag an, meine wünschel, fege den raum −

kristalle in lindgrün und lichtweiss befolgt

ihren wink, bezieht eure posten!

Finstere adern der erde, weicht aus:

umfliesst die  schützende mandel um eine wiege!

Sie schliesse die freundlichen strahlen des himmels

zu einem verdeck zusammen − denn

es lauert so finster am horizont!

                       

DER KONZERTSAAL

 

Das licht lässt den schmetterlingen, der mond

dem meer keine ruh – uns selbst nicht der sturm

der akkorde, der leiseste anschlag von Sylvias händen:

ich werde zum leib, über den ihre saiten gespannt sind –

werde zum aufflug der möve der seine kehren

nach ihren läufen, zum tümmler im meer

der in ihrer strömung wo immer zuhause ist.

Dann wieder holt ein panther in mir zum sprung aus,

braut ein gewitter aus einem schwarzgewölk

seine blitze – um nichts als ein blühwillig keimendes beet

von sonnen, die ihre hände entwölkten,

strahlengetränkt nach ihrem verhallen zu sein – –

 

DIE STREUOBSTWIESE

Hier überwiegen die Widmungen eigener Werke an ihre Empfänger..

 

Unter den bogengängen von Sankt Bonifaz,

die soviele tore zu innenräumen

wie schleusen der ausfahrt ins hochmeer

auswandernder Herzen bis hinter die sterne sind:

für eine stunde im wellenschlag seiner räume

wurde das mauerwerk seiner apsis, meine

stimme ummantelnd, zum hallenden gaumen ihrer

worte – ohrmuschel zugleich des empfangs

sprachloser erwiderungen – –                 

 

‛SPASS MUSS SEIN!’ intermezzo scherzoso

 

HIER BIN ICH: ‛ICH RUFE ZURÜCK!’

[Liebe Anruferin, werter Anrufer]

Sie befinden sich am rand eines elektromagnetischen

wellenmeers. Nach dem mövenschrei

können Sie Ihre sorgfältig verschnürte sprechblase

aus einem wellental zu mir herüber schleudern

lassen. Mein auffangnetz ist empfangsbereit ausgespannt!!

                            *

[...] Sie sind im gehörgang eines empfangsbereiten

ohrs auf halbem wege stecken geblieben.

Geben Sie nicht auf: eine meldesonde

wird zu Ihnen hinabgelassen –

sprechen Sie namen und befindlichkeit auf!

Ein rettungseinsatz wird in die wege geleitet,

der Sie mit notproviant versorgen wird.

 

 

 

MUMMENVERBRENNGESANG [Zur Faschingsauskehr]

 

Krick krack und schuhuu - was da brennt

das bist du, was da schmaucht

das bin ich! Erkennt ihr mich nicht?

Da verschmort eine fratze, erscheint

eine glatze, verpufft eine seifen-

blase - vielmehr eine rote

nase. Da wimmert mein grössen-

wahn, meine narretei -

süsser dünkel, vorbei vorbei..

 

Ein sinken die flammen - was schrumpft da zusammen?

Ein fleckchen schmalz, braune aschen und graues salz.

Gott Vaters schnupftabak könnte es sein -

der schmalzler einer kosmischen nase.

Sie schnupfe uns ein, eine kräftige prise -

inhaliere uns tief und niese

ein närrisches weltchen verjüngt wieder aus!

 

 

 

ABENDREVUE

 

Die stunde des vorschlafs ist ihr bevorzugter

auftritt; die bühne, ein dämmriger meeres-

ausschnitt, ist in die binnenwand

meiner stirn getieft. Sie kommen an land geschwommen

und richten sich auf, raffen ein laken vom strand

um ihre schultern und treten so in die kulissen

ihres verschwindens gehüllt vor mich hin, erwartend −

solang ich ein wort weiss. Sobald es verstummt,

nicht haftet, sie hält: holt sie der graue

nebel vom meer ein..

                              Sie lassen ein leck

in meiner herzwand: ein urnenfach

an das -fach, das ein name (vielleicht

ein bild, das eingebrannt ist) verschliesst.

um wieder aus ihm zu erscheinen, sich an-

zumahnen: den loskauf? ein larenopfer?

 

 

VII. BIST DU’S? – SEI DU’S – WER BIST DU?

 

In Gegenbildern zur Pop-Erotik wird ein lyrisch-naiv eröffnetes Verhältnis aus der Ich-Befangenheit der Partner durch Krisen zur unverstellten wechselseitigen Wahrnehmung und in ein robustes Miteinander übergeführt. Als neues Darstellungsmittel tritt an die Stelle des klassischen Briefgedichts der Austausch von fernschriftlichen Kurzmitteilungen [SMS].

 

Sei        Mein          Südwind

Sende   Mir            Sommer

Sonne  Mondnacht Sternklar!

 

Komm wieder − komm in mein raumschiff!‹

                            »Sag' erst: wohin geht’s?«

›Zum Mond – zur Venus.. Wohin du möchtest!‹

                            »Nur bis dort, wo die schwere aufhört!«

›Also in die sphäre des leichten – des leichtsinns?‹

                            » − des ausruhns von allem was schwer war«

›Und dann, wenn du ausgeruht bist?‹

                            »Nur dasein: für dich und mich − das unsre!«

›Nicht auch zu wanderflügen um unsre stelle?‹

                            »− in schleifen der rückkehr wie ein blattkranz«

› − bis uns der vollkreis der rose aufblüht?‹

                            » − und uns genug ist!«

                                      *

SCHREIBEND SPIELT MEINE HAND durch deine haare,

streift um deine züge mit fingern zu deinem empfang

von sonnegereiften dingen getränkt:

denn sie haben auf felsen im bachbett, mauern

und sommerfarbigen früchten geruht –

haben ein wohltun aus vasen und marmorformen

gesogen und für dich verspart. Wann kommst du?‹

...

Hab' an mich gehalten: zwei arme voll leidens-

ertrag ganzer jahre. Ich öffne sie, habe

zu bieten: magst du, so nimm – komm wieder!‹

Schlaflose nacht wird zur heiseren muschel am ohr − −

                       

                        *

WIR ÜBEN UNS EIN

 

Die alten gegenden, zweisam betreten,

mulden den hohlweg verjüngter pfade.

Er wölbt den gemeinsamen augball

um unsere blicke. Wir trugen den ablauf der bilder

auf seinen wänden voran, im gleichfall der schritte −

dass jeder des Anderen herzraum betrat − −

 

Mit verstossenen zehen in halbschuhen ohne halt

die kuppen anwärts und holprige steige hinunter

bist du mir nachgestapft. Und ungetrübt unbemüht,

sooft ich zurücksah, erschien mir ein almwiesenblühn

an deiner stelle – trank ich den enzianblauen

bergquell in wimpern gefasst.. Mein dank gab den vorfrühlings-

blüten am weg das wort – das wandernde pansrohr bei fuss

wurde zum sommerstecken in deiner hand.

...

                               *

Nicht in die leere nische

starren: hoch steht ein portal, dir offen −

ein schatzhaus voll wohlverwahrter

reichtümer des lebens in ihrer gestalt!

 

Was du deinen sternen zurufst, wenn das aus ihrem

wald nicht zurückschallt: hören, was aus ihren kammern,

von ihren wegen, besuchen, dir aufgeschlagenen

büchern dir zudringt − den herzklang der lieben stimme!

 

REQUIEM

 

SIE SIND UM UNS

 

Alles ist denkbar:dass Sie's sind − dies flutende um uns

im luftmeer in feinster stoffloser verflüchtigung,

vielleicht zu musik geworden: sei es in drohend

nachgrollenden untertönen, ruhig-

prächtigen adlerkreisen und trillernden kolibristimmen.

 

Blas in eine flöte, ein horn: es könnte ihr klage-

rufen in unser herz sein, was da auf dem luftstrom

in unser gehör fährt. Trag töne ins notenblatt:

sind Sie's nicht in dichten gewölken um unser lauschen −

worauf schon? als ihren einzug in unsre symphonien,

oratorien und kantilenen...

 

                        *

DAS ALBUM

 

Sind schichten zu blättern, von einer vergriffenen

kordel gebündelt. Umgewendete

seite um seite trägt mich zu Ihrem vergilbten

oval. Da ist Sie – beinahe Kind noch:

         ›Was hast du für halbverhängte

verschattete augen?‹ – »Ich sehe dein leben

voraus!« – ›Was hast du für kräftig gewölbte

backen?‹ – »Ich soll deine Mutter sein!« – ›Für zäh

geschlängelte lippen?‹ – »Ich muss die verschlagne

Marketenderin werden, die euch durchbringt!«

...

 

AM SARKOPHAG ANTONIO MACHADOS

 

›Manche pfade hab’ ich gespurt,

manche furche hat meine hand gepflügt:

verwischt und verschüttet sie alle.

 

Manche rose hab’ ich gezogen,

mancher tag war ein weinkelch, ein rausch:

sie alle verdorrt und verflogen.

 

Mein ertrag – mein verdienst? Mit versunkenen

träumen das nachtmeer getränkt –

um ein verstummen das schweigen vertieft – – ‹

 

 

EINGEÜBT IN DAS HINÜBERSEIN

 

NACHTSEITE

Eismond − stillstand der atem-

züge in kristalliner

erstarrung. Verpochender

herzschlag − der stumpfe

einfall der eispickelhiebe

in die gefrorene

schwärze. Der rauhreif

treibt seine fasern in

die weisse abwesenheit.

Im ostwind sirren die drähte − −

 

DRUM

Schliesst mir die augen verlässlich,

faltet mir nicht die hände −

setzt mir kein lächeln auf,

schminkt mir kein morgenrot auf die backen!

 

RÜCKBLICK

Wir schlugen die rose im wasser auf,

von den sommern gewiegt, von den stürmen gezerrt –

und haben mit sonnesüchtigen lidern

die wurzel im seegrund genährt, die keiner sieht − −

                       

                        *

SHAKER media

Hardcover. 250 Seiten, 26,90 €.-

ISBN 978-3-86858-693-0

 

                       ***

 

WARUM IN VERSEN?

 

Der groteske Umstand besteht, dass die Versform vielfach als Behinderung und Erschwerung des Lesens verstanden wird, obgleich sie die Mitteilsamkeit und Eindringlichkeit der Sprache erhöht.

An drei Beispielen aus dem >Buch vor Ort< möchte ich diese Leistungen  aufzeigen.

 

1. Gegen Schluss des zweiten Bandes heisst es:

              

              Sing vom machandelbaum das lied: Kommt vögel

              und plündert mich, dank habt – ihr tragt meine saat aus!

 

Wenn man nur zwei Wörter der Verse umstellt und sie durchgehend liest, werden sie zur Prosa:

 

Sing das lied vom machandelbaum: Kommt vögel  und plündert mich, habt dank – ihr tragt meine saat aus!«

 

Der auffälligste Unterschied der beiden Fassungen ist: Die zweite spricht über das Lied, die erste macht es in Andeutungen hörbar, macht es sinnlich erfahrbar. Denn:

 

Die Versform ist eine Vertonung mit spracheigenen Mitteln. Sie setzt rhythmische Akzente und nutzt die Satzmelodie, um den semantischen Bedeutungen der Wörter musikalische Möglichkeiten hinzuzufügen.

 

2. Der erste Band beginnt mit einer

 

           

            STurzgeburt

..

Rumpelpumm,

dreh’ dich um:

du bist dran,

stirn-voran

aus der furt

auf die wurt –

rolle vorwärts

in die

geburt! – –

Mit dem urknall

in den ohren:

Es spiralt,

strudelt, zischt –

hier erstrahlt,

dort verlischt..

 

 

Der stoffliche Inhalt dieser Verse liesse sich auch in Prosa darstellen. Aber der konzentrierte Ablauf würde alsdann episch zerlegt: ein Erzähler würde als externe Stimme zwischen dem Stoff und den Hörern vermitteln, der in den Versen gewissermaßen sich selbst präsentiert, als Sprachgeschehen vor den Augen und Ohren in den Raum gestellt wird.

Verse sind unmittelbare Vergegenwärtigung eines Geschehens. Damit sind sie zu grösserer Straffheit und Eindringlichkeit der Sprache fähig.

 

3. Ehe der jugendliche Hauptdarsteller des Werkes sein Dorf verlässt, rebelliert er gegen seinen unfreien und verhinderten Zustand:

                   ...

Ich soll graben und bin doch kein maulwurf –

apportieren und bin doch kein hund!

Und – und?

 

Wenn du eine geige machst,

so musst du auch spielen –

wenn du einen pfeil machst,

so musst du auch zielen!

 

Und bin ich ein lumpen,

so binde mich an einen mast 

und nicht an diesen pfahl –

so spanne mich vor deine winde!

 

Die Sprachenergie dieser Verse vermittelt zusätzlich zum wörtlichen Sinn emotionale Informationen. Die Umsetzung in Prosa müsste sie in verbal-semantische Aussagen übersetzen, also umschreiben. Sobald sie diese durch die Intonation und Erregung der Sprache wiedergeben wollte, hätte sie Anleihen bei der Lyrik gemacht, die mithin zu ungleich grösserer Knappheit befähigt ist.

 

Summe: Die Verssprache erweitert die Informatik der prosaischen Sprache um wesentliche Mitteilungen. Sie ergänzt sie um eine Welt von Tönen, die die Musik machen - das heißt: um die Ausdrucksmöglichkeiten einer averbalen stimmlich-phonetischen Gestik. Als eine Art Trägerströmung überträgt sie zugleich mit dem Wortsinn ihn verstärkende, auch verdeutlichende und erweiternde vorsprachliche Botschaften, die als elementar-menschliche Äusserungen nicht selten von gleichem Belang wie die wörtlich artikulierten sind. Die Spanne äusserst differenzierter lautlicher Signale, die ihrer Melodik und Rhythmik zu Gebote steht, erweist sich als unerschöpflich.

 

                                                                      *****

 

 

Erreichbar unter:

 

mailto: einschlupfzu@wilhelmdeinert.de

 

Anschrift: Wilhelmstr. 18. 80801 München

 

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WER WENN NICHT IHR?

Lagebericht zum ›Goldenen Abitur‹ an die Absolventen von heute

 

Die fünf Jahrzehnte, die uns trennen und verbinden, meine jungen Nachfolger und Nachfolgerinnen, sind in der gesamten uns überschaubaren Geschichte der Menschheit ohne Zweifel dasjenige halbe Jahrhundert, das die ungeheuersten Veränderungen nicht nur der menschlichen Verhältnisse sondern der Erde selber mit sich gebracht hat, wie sie vor unserer Zeit ganze Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende erfordert hätten. Es gab wohl keine zwei aufeinanderfolgende Generationen, die so völlig verschiedenen Welten angehörten wie die eure von der unseren, aus der wir kommen. Wo immer man euch zuhört und zuschaut, tritt es zu Tage, dass die Mehrzahl von euch andere Interessen und Vorstellungen vom Leben, andere Sorgen und Vergnügen hat – ja eine andere Sprache spricht als wir. Und doch hatten keine zwei Generationen einander so viele und so bedrängend wichtige Dinge zu sagen – hatten so nötig, jede sich in der anderen zu erkennen und zu verstehen.

Ich habe noch meinen Grossvater die Tenne seines Bauernhofes stampfen, seine Körbe flechten und seine Schafe für das Spinnrad meiner Grossmutter scheren sehen – wie es seit etlichen tausend Jahren mit geringfügigen Veränderungen geschehen war. Die Erde selber war in weitesten Bereichen gleich unverändert geblieben. Ihre Vorräte an Rohstoffen und Lebensräumen schienen für den Fortbestand einer  menschlichen Kultur unerschöpflich und unbegrenzt zu reichen.

Aber die Entdeckungen waren schon gemacht, die es ermöglichen sollten, die Bodenschätze dem Wohlstand der Industriestaaten kurzfristig und scheinbar unbegrenzt zuzuführen. Das kam zunächst dem Wiederaufbau unseres vom Krieg schwer verwüsteten Landes zugute. In einem von der ganzen Welt bewunderten Aufschwung wurde binnen wenigen Jahren erreicht, dass wir nicht nur menschenwürdig, sondern so gut und behaglich wie nie zuvor leben konnten.

Dann wiederholte sich der offenbar unvermeidliche Sündenfall: die Wohlhabenden wollten nicht gut, sondern besser – und immer noch besser! – leben. Und wir alle wurden mehr oder weniger weit in diesen unbedachten Wohlstandstaumel hineingezogen. In einer vorher unvorstellbaren Explosion des gesamten Verbrauchs und Aufwands zum täglichen Leben maasste ein privilegierter Teil der Weltbevölkerung – und zwar der weitaus kleinere, zu dem wir ohne irgendein Verdienst gehörten – sich an, zu seiner immer grösseren Bequemlichkeit, seinen immer ausschweifenderen Vergnügen schrankenlos über das Naturgut aller Menschen zu verfügen. Es war unsere Generation, der es zukam, sich selber Halt zu gebieten, um der Zukunft der Menschheit und der Erde willen sich selber Grenzen zu setzen – nicht alles zu tun, was man tun kann! Aber sie hat wie seit eh und je unsere Artgenossen mit wenigen Ausnahmen peinlich versagt und durch eine wahnwitzige Verschwendung, eine von Jahr zu Jahr sich steigernde Ausbeutung und Missachtung der Natur wichtigste Energiequellen weitgehend verschleudert.

Der alte dummdreiste Turmbau von Babel wurde ein weiteres Mal unter dem Namen des unbegrenzten Wirtschaftswachstums in Angriff genommen. Und wir sind die Zeugen, wie er vor unseren Augen wankt. Die Lebensbedingungen selber – das in Jahrtausenden hergestellte Gleichgewicht der Naturelemente – sind so verheerend gestört, dass Wälder und Korallenbänke sterben, fast ein Drittel aller Anbauflächen in Wüsten verwandelt ist, unser lebenswichtiges Grundwasser absinkt oder verunreinigt wird, Südseeatolle durch das Abschmelzen der Eiskappen ertrinken, und mit jedem Jahr ein Stück Landschaft von der zweifachen Grösse der Schweiz verloren geht. All das nimmt mit einer solchen Blindwütigkeit seinen Lauf, dass selbst die zunehmenden Unwetterkatastrophen und immer düsterer ausfallenden Prognosen keine wesentliche Besinnung und Umkehr bewirken. Im Gegenteil: durch eine abgefeimte, aus jedem Hinterhalt euch überrumpelnde Werbung sucht man euch zu der gleichen besinnungslosen Vergeudung anzustiften – suchen die Banken euch schon während der Schulzeit zu skrupellosen Börsenspekulanten, das heisst Teilhabern dieser Wirtschaft zu erziehen. Mit grosser Beklommenheit denken wir Ältere an die Bedrohungen, die euch nach aller Voraussicht bevorstehen; und mancher von uns flüchtet sich in den billigen Trost, all das nicht mehr erleben zu müssen.

Und meine Zeitgenossen waren gewarnt; es gab Einsichtige, die sie beschworen haben: ›Jeder von euch Wohlstandsbürgern vergeudet Energien, als ob er sechzig Arbeitskräfte – Energiesklaven – für sich werken liesse. Und wenn er seinen Hundertspänner besteigt, sind es siebenhundert weitere Sklaven! 1 Kein römischer Imperator kam mit solchen Pferdestärken dahergeprunkt wie jeder Protz oder Luftikus, jedes Flitscherl von heute. Binnen kurzem habt ihr die Erde ruiniert – denkt an eure Kinder! Wie wäre es, wenn ihr euch jeder mit sechs Sklaven begnügtet? Das würde unser Globus verkraften; und ihr brauchtet noch lange nicht in Sack und Asche zu leben. Milliarden himmelschreiend Benachteiligter sind aus unvorstellbaren Elendsvierteln im Aufbruch, euer Schlaraffenland mit euch zu teilen. Sie haben nicht einmal gesundes Trinkwasser, und ihr habt Eisbahnen im Sommer, geheizte Freiluftbäder im Winter, Abfahrten auf künstlichem Schnee, dies alles aus reinstem Wasser! Wenn sie hier und heute einträfen, bräche unsere Spass- und Freizeitgesellschaft in einer unabsehlichen Katastrophe zusammen. Kommt ihnen zuvor!‹

Wofern unsere Grossverbraucher zugehört haben, zucken sie mit der Achsel: ›Ob ich mich einschränke oder nicht, ändert gar nichts, solange die Kolossalverbrechen etwa der USA oder Chinas an der Umwelt nicht aufhören, sondern immer noch zunehmen. Lasst mir mein bisschen Glück – lasst mich in Ruhe!‹ So beschwichtigt und verharmlost man das abgestumpfte Gewissen, an das allerdings nie so hohe Anforderungen gestellt wurden wie heute. Aber jedes entschiedene Beispiel von Rücksicht und Verzichtbereitschaft könnte zahllose andere nach sich ziehen! Und so rast die Katastrophe weiter, nimmt der Geschwindigkeitsrausch, der Heisshunger nach Gewinnmaximierung und Hebung des Lebensstandards seinen Lauf. So hinterlassen sie euch einen weithin verwüsteten  und verseuchten Planeten, eine so düstere Aussicht wie sie noch keine jungen Menschen vor Augen hatten.

Ich bin zutiefst  beschämt, als Sprecher einer Generation vor euch zu stehen, die sich wie keine frühere an ihren Nachkommen vergangen hat, der so völlig wie keiner früheren das Maass dessen verloren gegangen ist, was einem einzelnen Menschen unter heute sechs und bald zehn Milliarden Weltbürgern zusteht. Wenn es euch nicht gelingt, die rettende Wendung herbeizuführen, wird es nach aller Voraussicht ein für alle Male zu spät sein.

Aber ich würde euch euren heutigen Festtag nicht durch solche Erinnerungen verdüstern, wenn wir euch nicht noch andere Dinge von gleichfalls weltverändernder Wirkung – nur in einem besseren Sinne – hinterliessen, auf die hin ihr hoffen und euer neues Leben mit einiger Zuversicht beginnen dürft. Denn es sind Einrichtungen, die noch keiner Generation vor euch zur Verfügung standen.

Ich nenne an erster Stelle – ihr werdet überrascht sein – das vereinte Europa und die Vereinten Nationen. Der ungeheuerste Wahnwitz der Kriege, etwa mit unseren Nachbarvölkern, von denen unsere Geschichtsbücher voll sind, ist dank ihnen binnen wenigen Jahrzehnten undenkbar geworden. Nur wer wie wir noch durch lange Kriegsjahre dieses tägliche, alles Leben lähmende und vereitelnde Entsetzen erfahren hat, kann ermessen, wovon ihr befreit seid. Der mit Recht verabscheute Kriegsdienst ist zum Einsatz in einer Friedenstruppe aller freien Völker geworden, der unser aller Achtung verdient. So weiss nur derjenige, der eine Gewaltherrschaft erfahren hat, es voll zu würdigen, dass wir an euch einen Rechtsstaat weitergeben, der euch die Freiheit des Geistes und der Lebensführung zusichert und jedem Menschen – gleich welcher Herkunft, Hautfarbe und Religion – die gleichen Rechte gewährt; lauter immer noch bedrohte Dinge, die auch euren wachsamen Einsatz zu ihrer Erhaltung und ständigen Nachbesserung erfordern werden. Durch all die genannten Einrichtungen ist nicht nur der politische Friede aller Völker, auch die befriedete Natur – die Rettung der vom Missbrauch der Menschen so verheerend heimgesuchten Erde – als Fernziel ins Auge gefasst, ist denkbar geworden, so kläglich und beschämend stümperhaft die bisherigen Maassnahmen sich noch ausnehmen. Vielleicht ist es die lebenswerteste, sinnvollste und schönste Aufgabe, die sich eurer Generation anbietet, an irgendeiner Stelle all dies so aussichtsreich Angefangene zu verbessern und fortzusetzen.

Denn die scheinbar beseitigten Kriege setzen sich unter dem Namen „Globalisierung“ als das skrupellose An-sich-Raffen der Märkte und Gewinne durch die Riesenkonzerne, Wirtschaftsimperien und Monopole fort, das vor unseren Augen  Jahr für Jahr Hunderttausende und mehr in die Armut und Arbeitslosigkeit verdrängt, um die Reichen noch reicher zu machen. Sie wird umso mehr eure äusserste Wachsamkeit erfordern, als ihre Betreiber unverhohlen das Ziel verfolgen, auch die politische Macht zu ergreifen.

Neu und erstmalig in der Geschichte ist eine weitere Hinterlassenschaft: denn über alle Kontinente verteilt gibt es eine wachsende Gemeinschaft von Menschen, die der gewaltlose Kampf um die Erhaltung unseres Planeten verbindet. Nachdem sich der Mensch zum skrupellosen und blindwütigen Ausbeuter der Natur entwickelt hatte, bahnt sich hier ein neues vertieftes Selbstverständnis seiner Rolle und Bestimmung an, nämlich der Heger und Bewahrer dieses uns anvertrauten, so unermesslich kostbaren Kleinods zu sein, das man die Erde nennt. In örtlichen oder weltumspannenden Verbänden bietet sich eine Lebensaufgabe, ja ein Lebenssinn an, der unserer und eurer ganzen Zuwendung würdig ist. 

Beinahe gleichbedeutend mit dieser Bereitschaft zum Einsatz ist der Mut zum Widerstand, den wir euch ans Herz legen. Das heisst in unserem Fall, den unbestechlich wachsamen und kritischen Geist – nicht den gewaltsamen und zerstörerischen! – der achtundsechziger Jahre, also der heilsamen Unruhestifter einer bewegten Zeit.  Mit ihm stellt sich die sehr ernste Gewissensfrage: ob nicht dann, wenn die friedfertigen Proteste rein gar nichts mehr bewirken, es geboten sein könnte, mit Bedacht und Entschlossenheit Fuss vor Fuss zur tätigen Verhinderung eines drohenden Unheils überzugehen – jedenfalls sich den Machenschaften zu verweigern, die es heraufführen. Denn die Gefahr wächst zusehends, dass alles Tagesgeschehen von einer gewissenlosen, immer mächtigeren Wirtschaft beherrscht wird, der gegenüber selbst Regierungen machtlos zu werden drohen, weil sie von ihr fortwährend abhängiger, wenn nicht gar besetzt werden. Schon jetzt sind sie ausserstande, dringendste Entscheidungen gegen brutale wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Selbst der verbrecherische Terrorismus – etwa des 11. Septembers vorigen Jahres – hat seine Wurzeln in einer Verletzung der Menschenwürde und gleichen Lebensrechte für alle. Hätte man die ungeheuren Summen, die der Westen zu seiner kriegerischen Bekämpfung aufbietet, den Ländern der Unruhherde zu ihrer Entwicklung angeboten – mit der Einschränkung, für jeden Terroranschlag so oder so viele Millionen abzuziehen – er wäre vielleicht schon besiegt!

Zu allem Genannten überlassen wir euch ein Hilfsmittel von unabsehlichen, unser gesamtes Leben verwandelnden Möglichkeiten, aber auch ebenso vielen Gefahren: ich meine die digitale Informatik samt ihrem kaum noch beherrschbaren Instrumentarium. Dank diesem hat fast schon der unterste Schulanfänger einen Klügelkasten auf seinem Tisch, der fähig ist, ihm wie der Geist Ariel das gesamte Wissen der Menschheit zuzutragen, ihn mit jeder Einrichtung und jedem Geschehen der Zeitgeschichte zu verbinden und in sie einzutreten. Ein weiterer Wunschtraum der Menschheit ist mit dieser Erfindung während unserer Schaffenszeit in Erfüllung gegangen. Ihr habt die Wahl, dieses Ding zu eurem Zeitgewinn zu nutzen oder euer kostbarstes Gut mit ihm zu verzetteln, euer Gehirn durch dasselbe mit einem wüsten Geröll und dem minderwertigsten Ramsch vollschütten zu lassen – das heisst, euer Gedächtnis und eure besten Geisteskräfte mit ihm zu ruinieren.  Es könnte ein unschätzbares Instrument eurer Mitwirkung zum Besten der Erde und der Menschheit werden. Wieder ist von euch schon jetzt eine Disziplin des Umgangs mit ihm verlangt, in die wir mehr Zeit hatten hineinzuwachsen.

Wenn es eurer Generation mit den von uns hinterlassenen Hilfsmitteln, ökologischen Einsichten und Lebensformen gelingen sollte, das von unserer Zeit angerichtete Unheil abzuwenden, werden wir uns aus dem Jenseits vor euch verneigen. Unsere Jahrgänge waren die Erstverführten und Erstberauschten durch all das Neue; ihr könntet fähiger sein, kritischen Abstand einzunehmen. Wie ihr im Gebrauch der genannten Dinge, mit denen ihr aufgewachsen seid, gewandter als wir seid. Heute schon sind es die wenig älteren Jahrgänge als ihr, aus denen die eifrigsten Umweltschützer hervorgehen. Ihr versteht euch müheloser als wir mit der Jugend der ganzen Welt: ein einziges „Hallo!“ genügt und ihr seid warm und auf Du miteinander. So vertrauen wir euch, offen für jedes Wunder, unsere schwerverwundete Erde an! Noch seid ihr nicht alleine: die Zahl meiner Altersgenossen wächst, deren dringendster Wille und Vorsatz ist, zu retten was noch zu retten ist, solange wir leben.

Aber je umfassender und ausgreifender die Mittel werden, deren wir uns bedienen, umso wichtiger wird die Besinnung, wer oder was wir  selber sind, sein könnten und sollten – umso mehr wächst die Gefahr, zwar allmächtig durch unsere Rechner, aber als Menschen verkümmert und womöglich verroht dazustehen – wie die erschreckenden Gewalttaten von Erfurt und andernorts es androhen. Denn ihr seid nur das, meine lieben Mausklicker und Weltraumsurfer, was von euch bleibt, wenn man euch eure elektronischen Klugscheisser, eure flimmernde Guckkastenbühne, euren mobilen Schnackerwat in der Jackentasche und eure Diskotheken im Kopfhörerstopfen nimmt. Was uns zu Menschen macht, sind nicht unsere noch so gescheiten Hilfsmittel und Erfindungen – auch nicht unsere Gene, wie man uns neuerdings weismachen will – sondern unsere Werte. Das heisst: die Summe all dessen, was der Mensch im Laufe seines Werdegangs aus sich gemacht hat. Wir nennen das seine Überlieferung, wie sie durch die Jahrhunderte weitergegeben wurde und  in Gestalt von Literatur- und Kunstwerken oder anderen Kulturgütern niedergelegt und zugänglich ist. Sie ist das gemeinsame Gedächtnis der Menschheit. Jeder Einzelne ist nur insoweit Mensch, wie er an diesem Gedächtnis teilhat. Und schon durch seine Sprache hat er mächtigen Anteil an ihr; denn mit dieser empfängt er Wort für Wort ein Stück irgendwann errungener und mit aller Sorgfalt bewahrter Menschlichkeit. Es steht bei jedem, sein übriges Gedächtnis mit Nichtigkeiten zu füllen oder aus dem jahrtausendalten Strom menschlicher Errungenschaften weitere Reichtümer aufzunehmen – jeder das ihm Gemässe und Förderliche sich anzueignen.

Das sind keine toten Lernstoffe sondern Wirkstoffe, Lebensstoffe, die uns um unschätzbare Möglichkeiten, unser Leben zu führen, erweitern. Denn es gibt einen unabsehlichen Spielraum, entweder stumpfsinnig durch vorgegebne Kanäle und Programme geschleust zu werden oder auf Schritt und Tritt das Wunder, das Geheimnis, das Abenteuer der Erde und unseres Daseins mit allen Sinnen zu erleben. Wenn wir Ältere uns fragen: was hat uns die Augen und Ohren geöffnet? So war das entweder ein lebender Mensch – etwa ein guter Lehrer, wie wir sie an unserer Schule hatten, der uns nicht nur Stoffe vermittelte, sondern mit ihnen seine Achtsamkeit, den menschlichen Belang, den die Gegenstände für ihn besassen, auf uns übertrug (lauter Dinge,die kein Computer ersetzen kann!) Oder es war ein Gedicht, eine Musik, das Bild eines Malers – also das Werk eines Menschen, der die Wirklichkeit ursprünglich und in ganzer Tiefe erfahren hatte. Denn indem ich mit einem solchen Werk umgehe – in seine Sehweise, seine Teihabe und sein Erleiden eintrete, es möglichst in mein Gedächtnis aufnehme – erweitere ich meine Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit. Wie etwa eine Yogastellung,  in die ich eintrete, die Beweglichkeit meines Körpers erweitert. Nicht das höhere Einkommen, der schnellere Wagen verbessert die Qualität meines Lebens, sondern meine Öffnung für das Geheimnis der einfachen Dinge, die mich umgeben.

 

All die genannten Verwüstungen der Erde wären nicht eingetreten, wenn die volle und unmittelbare Wahrnehmung und Würdigung dieser Gegebenheiten nicht abhanden gekommen wäre. Denn  mit ihr erwächst allemal die Achtung vor ihnen. Und ohne ihre Wertschätzung ist keine heile Natur wiederherzustellen und zu erhalten. Das ist es, warum uns die Vergangenheit – die Überlieferung all dessen, was in Jahrtausenden an Menschlichkeit herangereift ist – nicht verlorengehen darf.

Aber sie ist so sehr gefährdet wie unsere Wälder, unsere Meere  – der ganze Erdball. Nicht die Gegenwart droht uns verloren zu gehen – denn sie war nie so laut und aufdringlich wie die heutige – wohl aber unsre Vergangenheit mit all ihren Gütern, auf denen unser geistiges Dasein beruht. Ablesbar ist das an Vorgängen in unserer Sprache, die nicht weniger von merkantilen Planierraupen und Betonierwalzen überrollt wird. Eurer Generation wird nachgesagt, dass sie nicht mehr liest. Ich weigere mich, das zu glauben; denn damit ginge ihr ein unermesslicher Zustrom von Sprache gewordener Überlieferung verloren, der uns tagtäglich gespeist hat – der aus unserem Leben nicht fortzudenken ist. Die heutige Umgangssprache kann ihn euch nicht ersetzen – denn wir alle sind Zeugen bedenklicher Veränderungen des Sprechens. An die Stelle unserer Muttersprache mit ihren gewachsenen, vielfach angereicherten Wörtern, die den ganzen Menschen beteiligt, ihn in seiner vollen Spanne ausdrückt und anspricht, tritt zunehmend ein schneller und praktischer Sprachersatz aus Abkürzungen, kunst- und fremdsprachlichen Schlagwörtern vornehmlich aus den Bereichen des Handels, Verkehrs und der Werbung. Er soll oft nur den Sprecher als flott und fortschrittlich ausgeben. Aber mit ihm dringt die technische Informatik der abstrakten Formeln in unseren Umgang ein, der es um nichts als einen Klick auf der äussersten Oberfläche unseres Bewusstseins geht. Neben der Vollsprache mit all ihren Anklängen nimmt sie sich wie chemische Ernährung oder „fast food“ von McDonald’s aus. Wenn darunter ein deutsches Wort laut wird, schmeckt das wie Vollwertkost aus dem eigenen Garten.

Die volle und gewichtige Sprache lässt sich nicht bei jeder flüchtigen Erledigung aufrecht erhalten; aber als unser kostbarstes und eigenstes Gut haben wir sie zu pflegen und immer von neuem zu ihr zurückzufinden. Denn sie droht uns allen Ernstes in einem globalen Mischmasch aus Business-English, Chat-Slang und Polit- oder Wissenschaftsjargon unterzugehen. Nur dort, wo unsere Sprache versagt, werden wir uns als gute Europäer mit Vergnügen einer anderen bedienen. Europäer im besten Sinne sind wir aber nur dann, wenn wir uns sicher und selbstbewusst wie etwa Franzosen, Engländer oder Italiener im Besitz unserer eigenen Sprache und Kultur bewegen.

Mit jedem Sprachverlust geht ein Bereich unserer Seele verloren. So scheint es in weiten Bereichen unserer Gesellschaft den intimsten menschlichen Umgang nur noch als „Sex“, das heisst als unverbindliche Sport- und Vergnügungsart zu geben. Und er könnte die Mysterienfeier des Zueinanderfindens von einem Ich und Du sein, das hier ein letztes und tiefstes Geheimnis erfährt.  Ohne ein solches wären eure gewagten erotischen Freiheiten, die ihr gleichfalls unserer Generation verdankt, kein Gewinn, sondern wie jede andere Inflation ein verheerender Wertverlust – Verlust an Kultur der menschlichen Seele, Verfeinerung und Unterscheidungsvermögen. Denn auch unser Liebesvermögen ist ein begrenztes Guthaben, von dem mit jedem Missbrauch ein Betrag unwiderbringlich verschleudert wird. So kann ich euch nur ermuntern, Ansprüche an einander zu stellen, euch einander nicht zum Lustobjekt zu erniedrigen, vielmehr euch wechselseitig auf euer Bestes hin zu fördern, denn Liebende haben eine unermessliche Macht, einander selbst zu erziehen. Nicht nur die Erde, auch unsere Seele wird asphaltiert – es wäre zum verzweifeln, wenn nicht eine Baumwurzel oder ein Grashalm genügte, den Asphalt aufzubrechen!

Ich frage mich, meine jungen Gipfelstürmer und Welteroberer, wie die Erde aussehen mag, wenn ihr fünfzig Jahre lang auf ihr schalten durftet und Einer oder Eine von euch an meiner Stelle Rechenschaft über eure Generation ablegen wird, wie ich es versucht habe. Mein Wunsch kann nur lauten: macht es besser als wir – denn wir haben uns verrannt, so beschämend dies Eingeständnis ist – und gebt um des Himmels willen nicht auf!

Das letzte Wort gilt meiner Schule: Wenn es mir gegeben war, irgendetwas von Belang vorzubringen und für gewisse Bereiche einer heute gefährdeten Kultur Zeugnis abzulegen, so ist der Grund dessen – das dauerhafte und tragfähige Fundament –durch ihre unvergessenen Lehrer gelegt worden. Die ersten Nachkriegsjahre, in die unsere wichtigsten Schuljahre fielen, waren von der Lust und dem entschiedenen Willen zu einem Neubeginn erfüllt. Möge dieser Geist unseren Schulen erhalten bleiben oder – sollte er sich verloren haben – in ihre Räume zurückkehren, denn nichts ist uns auch heute nötiger als die jugendliche Lust und Entschlossenheit zu einem neuen Beginn, die das Beste und Hoffnungsvollste an einer jeden neuen Generation sind oder doch sein sollten.

 



1 Ich verwende Vorträge des Physikers und alternativen Nobelpreisträgers Hans-Peter Dürr.