Wilhelm
Deinert

..Aber
beeil’ dich:
es könnte zu spät
sein – und alles
wäre umsonst:
dies werde-
ringen der
jahrmilliarden,
aufblühn der dome
aus träumen
und tönen,
durchbeten der himmel und urbar-
singen der
räume.. Alles
blind stumm taub,
gähnende leere
auf
jahrmilliarden wie
zuvor – ein
rauchender müllplatz
das
ende vom lied‹..
Das ist es: die
linien verlängern, den pfeilschuss
sich selber voran
in das namenlose
zu tragen – das
heisst, aus dem schönen schein
in das wahre das
ungeheure zu münden..
Aber hier, da habt ihr's! reisst eure bullaugen auf:
Gottes stirnjuwel, der saphirene talisman
seiner schöpfung dreht seine mysterienspiele
und berge der läuterung durch interstellare
saharen und weltenbrände und fächert die pfeile
des strahlentods in garben der iris und wangenröten – –
Wir rütteln an den atomen
und schwingen sie ein,
bis zum untersten grundfels der welt..
Der spin,
den wir – unser herz,
unsre stimme – den stoffen einjagt,
überlebt die trümmer des doms
und schwängert das samenkorn eines neuen
sterns – –
*****
Mit opulenten Titeln wie ›Mauerschau. Ein Durchgang‹ (Piper 1982)
setzte Wilhelm Deinert wichtige Wegemarken in der deutschen Lyriklandschaft. (DAS GEDICHT. 11.Jahrgang, Nr.11)
Das poetische
Aussenseitertum des Wahl-Schwabingers ist glaubwürdig: Aus dem teils
kafkaesken, teils Rilke melosverwandten Geist unseres Jahrhunderts gelingen
hier Kunstwerke aus Traum, Vision, aus einer fesselnden Mixtur von Wirklichkeit
und Erlebnistransparenz.. für Leser, die nach Spracherlebnissen jenseits von
Spielereien und Mode suchen..
(Inge Meidinger-Geise, Die neue Bücherei)
..als sei (das
Werk) in einer unbekannten Sprache gedacht und geschrieben. Andrerseits merkt
man sehr rasch, dass der Schreiber oder der Dichter auf rätselhafte Weise ein
grosser Meister sein dürfte.. (Joachim
Günther, Neue Deutsche Hefte)
Stilistisch reicht sein
Ausdrucksspektrum von müheloser oder satirischer Mimesis der Alltagssprache
über prägnante Schilderungen von Natur- oder städtischen Alltagsphänomenen bis
hin zum hohen Ton eines mystagogischen
Melos. Dr. Pia-Elisabeth
Leuschner, Literaturvermittlerin
*****
Wilhelm
Deinert
Geboren 1933
in Oldenburg. Kindheit und Jugend am Jadebusen. Studium der klassischen Philologie,
Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Freiburg/Bg. und München, mit
Promotion über Wolframs von Eschenbach »Parzival«. Daneben Tätigkeit als
fliegender Händler, Werkstudent, Helfer in Kinderlagern und Hauslehrer. Von
1958 bis 1963 Lehrbeauftragter für deutsche Sprache und Literatur an der
Universität München. Lebt seitdem als freier Schriftsteller in München-Schwabing.
Seine Arbeiten umfassen Lyrik, lyrisch-epische Grossformen, Kurzprosa; Essays
zur Literatur und Kunst der Moderne, zur Lage. Experimentelle und kinetische Gattungen.–
Einsätze als Rutengänger und Umweltschützer.-
Kontakt.
[Foto: Johannes
Seyerlein]
Auszeichnungen:
Aufenthalt im Rilke-Turm zu Muzot 1981 und öfter;
Stipendium des Palazzo Barbarigo (als erster Schriftsteller)
Venedig 1984;
Ehrengabe der Stiftung zur Förderung des Schrifttums 1984;
Ehrengast der Villa Massimo Rom 1986;
Villa-Waldberta-Stipendium der Stadt München 1986;
Stipendium der Casa Baldi in Olevano Romano
1991;
Membre d'Honneur de la Fondation Antonio
Machado 1994;
Sieg über namhafte Rapper in einem Münchener
Poetry Slam 2000; u.a. –
Seit
einigen Jahren Empfänger der Künstlerhilfe des Bundespräsidenten.
Werke:
Ritter und Kosmos im »Parzival«,1960;
Triadische Wechsel, Zyklus tonalis. Lyrik 1963;
Gedrittschein in Oden, Lyrik 1964;
›Thema Mundi‹ und andere sprachliche Mobile ab 1968;
Der Tausendzüngler, Ein Wortkartenspiel 1970;
Missa Mundana. Epizyklische Gänge (lyrische
Grossformen)1972;
Bricklebrit.
Ein Lügenmärchenlegespiel (für Kinder)1979;
Die Gnomenstaffel, Ein Steckspielkalender zum Sprücheverwandeln
1979;
Mauerschau,
Ein Durchgang (lyrisch-dialogische Grossformen) 1982;
Über den First
hinaus, Ein Anstieg (Kurzprosa) 1990;
An den betenden Ufern, Brief aus Benares 1994;
Das Silser Brunnenbuch,
Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyr. Umgang 1998. Das
Buch vor Ort. Eine lyrisch-epische Aufrüstung. 2010;
Der tastende Strahl.
Antwortende Verse auf Bilder um Einlass.
Lichtbögen über der Stunde. Im Herzpunkt der
Radien. [Unverlegt).
Windharfenmusik in Worten. Sprachliche Mobile und weiterlei
Dichterisches in
Bewegung − zum Lesen, Anfertigen und
Bewegen. [Unverlegt]
Der Gesang der Konturen. Aufsätze zur Sprache der Formen in
Literatur und Kunst. [Unverlegt]
Textproben in: Zeitschriften; Anthologien.
Siehe auch: Lesungen, Dichtung am Bau.
Warum in Versen?
Auflagenreste beim Verfasser
verfügbar.
Übersetzungen:
aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen,
Rätoromanischen, Lateinischen, Griechischen und Sanskrit.
Literatur:
Paul Konrad Kurz: Gott und
Welt im Gedicht. Missa Mundana (Wilhelm Deinert)
In: Die Neuentdeckung des Poetischen 1975;
Joseph von Westphalen: Ein Besuch
beim Poeten.
In: Westermanns Monatshefte 1983/11.
Jürgen Küster: Gespräch mit Wilhelm Deinert.
In: Literatur in Bayern 1985/2.
Ingeborg Reichert: Mauerschau.
In: Das Lächeln des Windes 1990.
Pia-Elisabeth
Leuschner: Unanfechtbare Ambivalenz. Poiesis der neuen Idylle in
Wilhelm Deinerts Silser Brunnenbuch. In: Arcadia.
Internationale Zeitschrift für
Literaturwissenschaft Band 39. 2004
Bernhard Gajek:
»Dichtung ist Welt aus Ordnung und
Sprache«. Über den
Sprach künstler Wilhelm Deinert. In:
Literatur in Bayern 2009/3.
ZU
EINZELNEN VERÖFFENTLICHUNGEN:
MISSA
MUNDANA. Epizyklische Gänge
Die ›MISSA MUNDANA‹ oder ›WELTLICHE MESSE‹ ist ein Zyklus aus
Zyklen. Sprachliche Kompositionen (wie ›Litanei‹, ›Sequenz‹, ›Terzett‹,
›Partita‹, ›Pentagramm‹, ›Antiphon‹, ›Sonate‹) die an liturgische und
musikalische Formen anknüpfen, sind durch wiederkehrende Elemente zu einem einzigen
Ablauf verflochten und münden in einem zusammenfassenden zweistimmigen ›Doppelkonzert‹.
Stoffbereiche der Gegenwart, vom Physisch-Elementaren bis zu Belangen des
Einzelmenschen und der Gesellschaft werden in sich erweiternden Durchgängen
entfaltet, aufeinander bezogen und einander entgegengesetzt. In ihrer
Gestaltung, die auf Analogien zielt, spielen sich Vorgänge der Selbstfindung
und Reflexionen des individuellen Gefüges auf gesellschaftliche und
naturgesetzliche Ordnungen ab. Alle Einzelteile − bis in die kleinsten
Abschnitte von haiku-artiger Selbständigkeit − stehen zugleich in dem
Zusammenhang des engeren Zyklus und haben ihren Platz im Verweisungsgefüge des
ganzen Buches. So entsteht ein sich fortschreitend selber deutendes Werk, das
seinen Inhalten eine vielbezügliche Lesbarkeit abgewinnt, zum Teil in mehrfach
ver-knüpfbaren Satzgefügen.
Hinsichtlich der Gattung durchkreuzt es die hergebrachten
Unterscheidungen, indem es durch lyrische Tonlichkeit der Sprache, durchgehende
Bildlichkeit und dialogisch-dramatische Entgegensetzungen an allen drei
Grundformen teilhat. So liesse es sich als eine Weiterführung der von Maliarmé,
Rimbaud und George begründeten »objektiven Lyrik« bezeichnen, die lyrische Ein-
und Umtönungen in stofflich-gegenständlicher Repräsentation zu konzertierenden
Positionen anordnet. Im Sinne des Titels legen sie dialogische Positionen an,
die in wiederholten Wechseln des Standorts die Spanne der Gegenwart abzustecken
und auf eine über ihnen erstellte Totalität des Bewusstseins hin zu vollziehen
suchen.
Stimmen zur Missa Mundana
Bereits bei der ersten Annäherung an die ›MISSA‹ habe ich die
Überzeugung gewonnen, daß es dem Verfasser gelungen ist, den Formenbestand, den
Wörter- und Bilderfundus der deutschen Literatur erheblich zu bereichern.
Univ.-Prof.
Dr. Klaus Lazarowicz, Institut für Theatergeschichte, München
Ihr Buch ist nicht so sehr im gewöhnlichen Sinn schwierig wie
unverständlich, als sei es in einer unbekannten Sprache gedacht und
geschrieben. Andrerseits merkt man sehr rasch, daß der Schreiber oder der
Dichter auf rätselhafte Weise ein großer Meister sein dürfte .. Modernität
mischt sich mit Altertümlichkeiten. Eine ziemlich beträchtliche Ernte
überraschender, meistens auch einleuchtender Wortneuerungen liesse sich
ausziehen .. Es kommt hinzu, daß auch die Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht
einfach leer ausgeht. Sie wissen im Einzelnen viel kleine Faszination auszustreuen
für den, der dem Ganzen nicht gewachsen ist .. Ihr Buch ist nichts für das
gewöhnliche literaturkritische Geschäft. Man müßte arrogant und töricht sein,
wenn man es aburteilen wollte .. Andrerseits kann man oder kann ich es aber
auch nicht beurteilen, sondern nur von ihm Kenntnis nehmen wie von einem bunten
Vogel oder einer phantastischen Pflanze aus anderen Kontinenten.
Joachim
Günther, Herausgeber der »NEUEN DEUTSCHEN HEFTE«
Wilhelm Deinerts ›MISSA MUNDANA‹ ist ein verbales Architektur-Werk
hohen Ranges. Es verbindet in seiner großangelegten Komposition einmal Gefühl
für weitesten poetischen, sinnlichen und intelligiblen Zusammenhang, zum
anderen hat es ein breites Beziehungs-System von Sensitivität. Ein Werk, das
man als umfassenden ›Entwurf‹, als riesige ›Skizze‹ gegen das Unscharfe,
Ungefähre ansehen darf. Die arbeitende Intelligenz bringt etwas zustande, das m
e h r ist als Freske, m e h r als Panorama: poetisches Welt- und
Daseins-Bezugs-System, in dem untergebracht und verwandelt worden ist, was
heute poetisch >fühlbar< und einrichtbar ist. Karl
Krolow, Autor
Hier tritt ein noch junger Dichter schon mit der Autorität eines
Lebenswerkes auf. Aus Urlandschaften und seelischen Grundsituationen steigen
diese strenggebauten Gesänge in durchaus unverbrauchten Wörtern, aus denen eine
gewisse lexikologische Besessenheit abzulesen ist, zu Echogedichten und
Formresponsorien auf. Eine typographische Kostbarkeit, ein BUCH. Prof. Dr. Werner Vordtriede,
Universität München
Das Buch hat mich überrascht, besser: betroffen gemacht durch die
fast überbordende Fülle seines Gehalts und die kaum glaubliche Zucht der Form.
Die Ausgewogenheit ist freilich das Ergebnis einer Bändigung, die in unserer
derzeitigen Literatur wenig Vergleichbares hat. Man muß wohl das Wort
„Kosmos" bemühen, um die Ordnung des scheinbar Disparaten zu bezeichnen,
hat aber die Virtuosität und Strenge in der Verarbeitung so vieler Metren,
Formen, Motive und Themen damit noch nicht genannt, und sie prägen das Ganze.
Vom Leser wird allerdings viel verlangt: er muß die Zitate, die Anspielungen,
die sprachlichen wie formalen Experimente sehen und erkennen und das Bekannte gegen
das Eigenständige halten. Ohne den ausdauernden Willen, etwas zu verstehen,
geht es also nicht, wohl auch nicht ohne ein gehöriges Vorwissen und immer
wieder unternommene Anläufe. Aber die Lesergruppe, die auf diese Texte anspricht,
wird größer werden: was heute esoterisch und hermetisch scheint, kann sich
morgen als das erweisen, wovon viele zehren.
Prof. Dr. B. Gajek, Universität Regensburg
Eine lyrische Summe von außerordentlichem Formbewußtsein, die an
große >Unzeitgemäße< erinnert. Paul Konrad Kurz in
der »Süddeutschen Zeitung«
Überzeugend an dem Autor ist seine Konsequenz. Er hat die Sprache,
s e i n e spezifische Sprachfindung, nie.. als verquere Gestalt hinter der Form
hergeschleppt, oder umgekehrt, Sprachinhalte mit einer Form verschnitten. Für
Deinert ist Sprache ein Ereignis, das aus Eigenleben entsteht und nach eigenem
Ermessen Welten, Worte, Wortwelt schafft.. Der Dichter tritt als Beobachter
auf, als Mittler, der die − für den normalen Menschenverstand absurden −
Botschaften aufspürt und sie in Schriftzeichen, in Protokollen, in
kompositorischen Chiffren festhält.. Dichter wie Wilhelm Deinert sind darauf angewiesen,
daß ihnen Leser begegnen, die, wie er selbst, im Bann von Geheimnissen
stehen. Wolf Peter Schnetz,
Schriftsteller und Kulturdezernent i. R.
Ein Bergwerk mit unzähligen Schächten und Verästelungen. . Ein Lied
von der unendlichen Fülle und Vielfalt der Schöpfung. Mit immer neuen,
gewaltigen wie subtilsten Neu- und Umschöpfungen. Wo ich auch ansetze, immer
bin ich gleich mitten im Strom.. Und welche Musik entsteht aus Laut und Wort!
Nie banal. Immer neu. Extremste Begriffsbildungen formen sich zu Vertrautem.
Vertrautes wird fremd. Worte bekommen einen neuen Sinn. Unaussprechbares
sprechen sie aus. Nie geahnte Bilder, Gedanken treten ins Bewußtsein.. Traum,
Vision und Wirklichkeit mengen sich. Lautloses spricht. Sprache wird stumm.
Unendliche Stille wird laut. Dabei ist der Ablauf, die Aufeinanderfolge der
Bilder, Vorstellungen ganz ausserhalb, ganz ortlos. Das ist das grösste Rätsel.
Wo ist der Standpunkt, von dem aus solches gedacht, gesehen ist? Kein Fixpunkt.
Alles sphärisch. Keine Dominanz, weder von Menschen noch Dingen. Alles gleich
eingereiht, kosmisch. Fülle und Leere. Beides zugleich. Das Wort wurde autonom.
Und schafft von sich aus neue Klänge, Berührungen, Bilde... Eine erstaunliche
Tat. Der Verfasser: Lauscher und Schreiber zugleich. Ein Dichter.
Max Hermann,
Maler und Dozent der Pädagogischen Hochschule Oldenburg
Aus der
›SEQUENZ‹
Durch eislicht
nüchternde nadelluft
stiegen wir anwärts: über der schattensenke
noch ohne wind
stand wie ein atembausch vorm mund
ein lichtball wolkiges und brach
einen perlweissbewimperten
duftsaum der morgenlücke
vor eine gegenwand
ihn hinternachtendes
und traten eingeholt von dem
in ihn hinein: die frühe schien
milchige augenlider wieder zuzuschlagen — es ging durch
einsämiges rieselmeer, dämpfendes wattelicht langsam geteilt, in tälerkerben
zog über die weidemulden,
ein feuchtgraues glitzerwatt, das in den augen wehtat −
farntang am grund und ein belag
verwitterung wie dünner schlick
war um die hütten
gegen die scheitelstunde
in lockerung
seitlich oktoberlich beschienen:
steigende ballen
aus lichtrauch
in mandelformen
gaben die sockel ab
für eine mövenrast
der augen
durch sie hindurch
war noch ein gegenhang dunstübersponnenes
zu sehn: ein wackliges
gerüst aus pfaden und
gewannen, umwegig in den wind
gestückt — die kriechende wurzelschrift der zäune
und wettertannen
Aus
dem ›PENTAGRAMM‹
Ein runzelgesicht rümpft sich im wachs
der kinderhand −
>DAS IST DER DAUM< − die
krähenfüsse krakeln den pass
und eine route in das blatt − >DER SCHLÄGT DEN
SCHAUM< −
Der wetterwulst steht um ein karrenfeld geballt −
>DER SCHAUFELT DAS GRAB< − ein knäul aus wegegarn
marlt seine klatten vor die stirn − >DER STÖSST DICH
HINAB< −
Risse und schummerungen schieben die riegel vor −
>DOCH DER ZWINKERNDE WICHT< − fussangeln in der schwiele
in viperschlingen sind gerollt −
>SCHLÜPFT HINTER DAS LICHT< −
Das fadenspiel, um einen griff
verwickelter
Ist weitergereicht: wer dröselt es auf?
Aus
der ›ANTIPHON‹
Mütterchen Sonne, freundliche Trachtenalte
unter der rüschenhaube, die hinterm laden nickte ..
War's nicht ein wetterhäuschen, wo gedämpft
von den tapeten eine stubenuhr
die sphären tickte oder ein glockenspiel
im ländlerton, kuhreigendudelig
den tierkreis der äonen antrieb −
Sie und der poltergreis, je nach
wer vor die türe trat,
das zaungespräch der welt-
und wettergeschichten unterhielt? − −
Es stinkt nach horn
von pferdefüssen: stickluft
und gelber rauch
schmodet vom kehrrichthaufen
Der alten schränke .. Ein nachspuk von geisslerstürmen
wimmert ein fieberbimmeln in
den lüften sich zu ende −
schon
atmet die stille auf.
Das schöne
beet, vierströmebeet in schmuck-
und hegesäumen um den viererklee der erde
schläft einen
winterschlaf wie nie
noch unterm
schwarzen harsch ..
In dem es
blasen treibt: verbotenes licht
von
neugierflügen
hrabgespiegelt,
zündet den gletscherbrand;
siderische
wuchersaatnn
nistet in
finnen (kleine
gerollte geisseln, im
wettschlaf
unter der
zeit, den aufbruch erwartend)
›Die luft ist
voll käfer −
Wer dreht sich herum?
Der Mannwolf
geht um:
der Wolf ist der
Schäfer,
hält die herde im
zaun,
hürden aus
angst und graun
(Sei froh,
dass es sie gibt:
der beste
Hirt ist der Dieb)‹
›Tretet auf die kette,
dass die kette klingt:
Sind sieben jahr,
sind tausend jahr,
der Baas nährt seine
Brüderschar;
er macht die welt zu
gift und geld,
für sie das gift,
für sich das geld;
er macht's, bis es
ihn selber trifft −
Sie machens besser:
geld und gift.
Die erde büsst und
bucht es stumm,
die tausend Jahr
sind bald herum −
die eile, die weile,
die unverkehrte säule‹ − −
Aus
der ›KANZONE‹
›Torenauge, mühsam bewehrt in viel
zu offener mulde − der wind
streut sand − und immer wund
gerieben, immer ein äderchen
geplatzt: halt besser haus, ruf deine fliegenden
röten zurück! Wenn schon Bacchant,
es heimlicher sein: aus zügeln
ohne ein viergespann
nur aus dem handgelenk geseilt
den wohlstrom und windrausch
einzusaugen − den zuwurf
und fangball seiner selbst
nicht aus der hand − an der federnden halteschnur
zu sucher-, besucherflügen
kurz vor den griff gelassen −
...
um ein in der sonne stehn,
eine farbe des aufscheins in
sein abendbuch geheimst − −
Flimmkäfer siebenpunkt
an wessen zeigefinger: weiter
und weiter aufgelangt − was dann?
Den seiltanz, ins weitergedachte
über den first hinaus?
Schwerlich zurück, wie man dich kennt.
Also denn, Säulenbewohner, dich
eingerichtet:
Den windstern eingestrichen, am längeren
hebel
des umblicks, wie die speichen des
trockenschirms
am herdplatz eingelegt; alle radien
Bei fuss, im fahnenschuh und
nabel des abakus. Den feldherrnstab
der die zacken des horizonts
überstreicht und abhakt, angewinkelt −
zum abdank oder gruss. Ein mützenschirm
Ist die sichel ›Sie schatte den
feierabend
Auf dich und leuchte über dir‹ − −
Im luftmeer ein winziger
zückender geisselschlag
von einem samentier
gab das signal: den wurfschwung der achsel
der die tenne fegte, eine sasse aus bodenwellen
wie in das steppengras gedreht ..
Für eine frühlingsgleiche
stand überm hegering
der bänke (mahdzeilenweise
in den bergrand gefräst)
die himmelnde diskusscheibe
elliptisch überleitend und
hat nach und nach sich abgehoben über
die stufen des höhenzugs
in einen wolkenrand fortab
aus hellerem getreten,
keimförmig in ein dunkelfeld
ober der mitternacht geschweift − eine silberne
mintönig von der ausgespannten
Membran des zwischenraums
schrillende quint
aus mond und eis − −
Aus dem ›BALLETT‹
...
Wenn du von flüsterwort zu wort
Weissagende pausen spinnst,
Ein summlaut der zustimmt ohne >ja<
In dein verstehen lullt
Und jeden frageton
Der auf sein echo lauscht
In windstille buchten der erhörung nimmt −
Wo du verschwandest, gehn silhouetten aus der wand
Hervor und ähneln die
züge
In allen rahmen um. Das wünschellicht
Der kerzen schattet aus dir
Das mienenspiel der rückwärts
Blätternden sage ab — >Die spielerin<
Der schlummerflöten<
Dämongesichtig übernah
>Im efeukranz des todes<
Für eine nacht zu gast .. Wer aber war
Die Miterstandene
Mit roten zigeunerbeeren und violett
Geschecktem tuch dir um das haar von einem
Wunschtraum der verwegenheit gebunden (in eine
Spreizhand voll winkelzüge
Vertieft, sich in ein wegegarn
Vor augen ausgesponnen)?
Und hast die Andere in dir
Die
schmal zur seite geht
Und
in die wasserspiegel
Von
den geländern sieht —
Der über die werdestunden weit voraus
Der vortraum seine farben nennt:
..
Und
von dem hergeneigten
Prüfenden
ohr den mitgesang
Der
Schlafenden in dir
Errät,
die du verhältst noch unterm eis
Der
kinderaugen für den tag wo sie
Im
brautschmuck unter das tor
Der brauen tritt.
Stufen und
aberstufen
Die büsserstiege an den stuhl
Der Hohen
priesterin
Hervorgestampft ..
Die waage über dir geschwungen
Misst eine prise
Salz der
begnadigung
Auf feiner
kippe zu — —
>Der
Andere kommt, mir vor die tür, legt sträusse hin, E
Einer von
süden, braungebrannt,
Stärker als
du, steht nächte durch
Und
zielt sein wort. Er schlägt deinen namen in den wind
Und
lacht; er sagt er braucht mich, alle
Reden mir zu, ich tät' ihm gut — was rätst du selber?
Lern ab: sphinx wider sphinx —
den schlüssel unterm fuss.
Lass keinen wunsch mehr aus dem
spalt —
Stell dein verhör, das
kerbholz in der hand
Stell deine proben an,
lies alle winkelzüge
Und zacken mit, buch'
jeden schmoll und schmu
Den du zutage schweigst!
DU WARST EIN MAAR, EIN WUNSCHGESICHT
Das
in sein schlafendes oval
Alle die omen nahm
Und keinen namen widersprach:
Ein unaufhörlicher
Orakelzug stieg aus den mienen auf
Und spielte die tiefen durch.
Und hattest die Andere
In dir, ein wassergrab
Im efeurand und stummer mund
Der tiefe, in die der hang mich zog ..
Die taufe rinnt
Mir von der schulter ab
Und nimmt die asche mit —
Und einen ring,
Der sich in dir erfiel
Und dich mit mir verlobt.
Die Salamanderbraut tritt in den saal: ein aal
Ist ein chamäleon ein mondkalb ein polyp
Und quillt durch jeden fingerspalt ..
Isis, dein schleier ist
Verschossen: die schleiereule
Pludert sich auf dem ast —
Wo steckst du selber unterm flausch und bausch?
Sumserin
Simse, was summt die binse?
Die
Windsbraut humpelt um den teich:
Hier
ist ein fingernagel eis,
Wahrleuchtende nüchterbäume aus kristall —
Was tanzt du nicht? Der stöberwind
Krempelt die hosentaschen um:
Fang deine schmugglermünze wieder auf!
Den wortstahl, der die klinge fasst
Und aufdeckt durch benennen,
In
der durchwohlten hand .. Nicht untertauchen,
Nicht
dich hinab versinnen, an den mast geschnallt —
Chiron
im bund, hilfreicher Schenk von innen,
Dreh deine spünde zu!
Im halben schlaf, blutsaugendes gelall am ohr
›Ich wollte dich, hinter der nückenstirn, nur immer ganz —
Ich tat dir weh, um mich dir einzuglühn und lag
Gleich unterm horn, wund wie ein nagelbett, dir preis.
Du musstest stärker sein, nicht schonen, von der Mutter fort
Mich zu dir rauben: ich und das himmelreich wollten
gewalt<
Kummerlos allein — den weg zurück — die doppelspur ein stück-
weit von der tür — drei linnen tief — schweig sie in dich hinab —
Den schlüssel unterm fuss — rück nichts
heraus, kein blatt — lass sie spuken
Um das eigene grab .. Zerpflückte
himmelsbriefe in den wind —
Schneeluft voll weisser enden — geben
die aschenbahn
Der ferne frei..
WANN WENN NICHT DANN UND DANN? — Das
geistertuch
Ist eine saalwand tanzender paareschatten
und
Zerreisst: tritt aus den ascherwochen, Wiedergänger an
Die buntgemachten borten. Die prismen des blicks,
Flimmrig und ungewöhnt, an mohnrot hinterglühte kelche
Gelegt, von tisch zu tisch
Werfen die bänderschlangen,
Ein netzendes streulicht, an wimpersellen
Lichtschwer und beuteschwer eingeholt ..
Ein leuchterding
Das die kristalle dreht, schleudert ein namenhundert
In jeden blick — mich oder dich in
eine reigenwand
Vermischt verwischt — in einen
einzigen
Schallraum der singdröhnt in übertausend
Stimmen, durch die du selber klingst.
BLEIB NOCH, SOLANG DIE GEISTERSTUNDE
Ringe und scheidewege mischt — lass es
Geschehn — kein platz ist ungesehn —
Vielaugiges lichtspiel unter sich — denn
es will dich,
Durch dich sich selber sehn ..
Tritt in den wahrkristall —
Blinke und schal! — falschgrün bis rosmarin —
Blinke die weiterziehn — ein oder aus
Wimpern- und maskenspalt — geh nicht
nach haus —
Wer mitspielt ist nicht alt..
Aus dem ›DOPPELKONZERT‹
Dem Orchesterpart
entsprechen die jeweils linken Seiten; sie enthalten die Sachverhalte, die überpersönlichen
Gegebenheiten. Ihnen steht der Dialog zweier Stimmen gegenüber, einer mehr
naiven und einer nachdenklichen, eher skeptischen, die aus ihrer subjektiven
Sicht und Erfahrung sprechen. Da die Gegenüberstellung sich nur in der Buchform
wiedergeben lässt, folgen hier kennzeichnende Stellen ohne weitere
Kennzeichnung, ob aus rechts- oder linksseitigen Ablauf:
EIN ZIRPEN, EIN
Zikadenton, der irgendwo
aufsprang
Nichts als sich selber
meldend
Und seine etüden übt
Im feilstrich
An der eigenen schale,
Der die sekunden —
nadelstiche
In einen schlaf —
versprüht;
Deren jede ein treffer ist
Der um sich her die
scheibe zieht:
Ein federndes trichterfeld
Aus wellenschlägen, um
aufgeworfene
Bläschen aus drall -
Verpufft in weiterstösse;
Kleinste oasen
Mit fächerpalmen aus
schrapnell —
Und in ein stachellicht
Zerstrahlt — von seidenen
pricken, etwa
In einer augenbraue,
irisiert..
*
Schnurrträumerin auf meinen knien,
Du presst die augen zu
und in
Ein zwiegespräch von
haut zu haut —
So geht ein ruhestrom
In breiter aufspur
zwischen dir und mir
Hervor
.. Flüsternde funken
Als wimpel der sekunde
standen
Für einen wimpersch lag
im raum —
Winzige liebesfackeln —
Dem lockstrich der hand
Erwidernde rötewellen..
*
Wo immerhin
In das gerodete (eine tonsur des walds)
Das richtscheit von der wand der zelle
Ein pergament voll maasswerk übertrug,
Arme in jeden angelwind und ein geviert
Windstiller luft voll brunnenlaute
Aus bogenfries gefälbelt, in seine achsel nahm..
*
Aus ihrer zellentür: die
andere Wetterbraut —
Bändigerin des sturms
In blasebälgen tummelt ein
viergespann
In tönen, von tupfenden zehen
Gespornt und mischt die zügel
Mit geisternder hand .. Eine himmelfahrt
Über schallende brücken, schleudert die dielen
Und gräberplatten der tastatur auf — —
*
Der Nöck, der aus dem wasser singt
Legt seine hände um den mund und bläst
Stiebende funken aus dem rost —
Wasserläufer, ziefernde kügelchen
Aus nässe, die unterschlüpfen
Und in die glättung gehn,
Dies blankfeld aus wasserstille
Das in der gabel liegt, aus wellenhoch und -tief
Geschlichtet .. Blattgold der abendröte, kaum gewellt
Ist um den herd
Und läuft in kupferfarben an
..
*
ERDSPALT ORAKELSPALT DAS
BUCH
Kerbe und schooss
Für eine phönixpalme,
schattend mit
Langsamen flügelschlägen in
ein befiedertes
Dach überm stamm der lehne
..
Lauden aus kupfergold der
sonne
Vom gongschlag der abende
gereiht
Blättern das stundenbuch der
vesper fort:
Jemandes abendmahl
Mit einem vers
Voll spätwein, lesewein
Muldet und wärmt
Sein fliessgefäss (den
einbaum und flösserbaum
Mir angeschmiegt, der die
strömung der unterwelt befährt
Voll des hinabgespülten
Um die vergessenheit)
*
LILITH,
NÄCHTIGERIN
Die ihre lagerstatt
In deine träume schlug —
Du weisst noch wohl: es war
Ein unerleuchtetes abteil, wo sie
Von einem streif der haut
Die salbe nahm
Und in die augen rieb —
Wollte verwunschen sein, auf dass
Ein Aufbild in der
scheibe, das
Der tag, eines das andere durchschien
Beim augenaufgang,
der
den vorhang beiseite riss und jene
Hinter die lider tat,
Im milchglas der frühe,
Aus dem vermuten träte und
Rede
und anblick stünde ..
*
EIN GITTERKRISTALL
Und riesenmolekül
Aus schädelknorren
(oder
Ein langhaus voll
roter togen und
Tonsuren) auf einen eingereichten
Lot- oder
fragestrahl geschürfte
Quanten erinnertes
In übersprüngen
Über ein chorgestühl auf stufen
Aus einwurf und gegenwurf
Gesprächiger funken
Über die scheitel hin,
Würfeln
den überschuss,
Eine ballung von voten,
Die von der waage schnellt
aus block und gegenblock
und aus der kerbe fährt, hervor ..
*
ADAM, WO BIST DU —
GILGAMESCH − ULYSS?
Urhans ist tot —
Du sollst nach hause kommen<
Triefender Täufling aus dem zauberteich gefischt,
Der Nöck klopft mit dem zapfen an:
'Hast deine stippfahrt
Klug gedreht — der lichtstrahl hat
Geschoben, den zeiger
angehalten —
Bist tausend jahr zurück
Und tausend Jahr voraus
geflogen — bist weit herumgekommen
— dein kopf
War tief ins fass gedippt,
Hast hinterm mond
Geblödelt, alle haben gelacht —
Die drüben auch< —
Heilfroh zurück:
Zuchtmeisterin Sonnenuhr
Droht mit dem stock —
Häute dich, kapselwurm,
nimm deinen schnorchel ab,
pack aus dein hasenbrot, sag was du sahst:
>Der sockel sank, ein
ballast vom ballon
Mir von den füssen ab und
blieb
Ein schwimmendes schaukelbrett zurück; ich war
Der Glockenschwinger auf einem schwebebalken
Ohne gestühl: ein läutender kraterrand
Mit wetterscharten
Schwang unterhalb und wieder über mir;
Weiter hinaus, war es ein bohrerkranz
Härtester zinnen, der zyklen schrob:
Der inkreis der menhire
Unterster Toter in gestalt
Der minerale, durch einen meerestausch gewälzt ..
*
Das ungemauerte kastell
Bezieht den wüstenrand (kriechender sand,
Fremdsprachiges lüfteschrillen voll
Irrlichternder spiegelungen) —
Eine ringfront von inselposten
Die von innen belagert
Ufert ein infeld aus reinem bezirk —
reine geschiedenheit der fronten —
die eigene ächtung um dies asyl ertrotzt ..
Dein zweiter leib —
Ein rückhalt von aussenseele und wurzelleib
Angeschlossener sinne, die für dich sehn — zusamt
Das sonnengeflecht durch diesen erdklooss und koloss —
*
DENN DAS, WONACH
—
Was war noch
das, wonach
Die reise, kauffahrt um die weit
Vom boden ab und in das blaue stiess
(Nur um ein korn von nachgewürz
Von wo der pfeffer wächst)? Die Argo schob
Das ufer vor sich her — ein seegesicht
Vom Nirgendland, das stillehielt
Sobald sie anker warfen ..
Irgendein uferstück,
Das immer nahe war — am Walchensee
In dem geliehenen boot, du selbst
Das grüne licht verfolgend, dich
Hinabversinnend, die unterwasserfelsen
abwärts und eingesponnen
Vom schwalbenziehn, das sich
versammelte
Nachsommertags —
B: Wo jemandes seele sich, leise angetan
Mit ihrem
grab versöhnte —
Welches zu wem
geworden: federgewölk
Und südlicht im bering der hänge
Verlangsamte minuten lang
Aus kreisung der luft
Und von der kahnspur unterwellten laubs
Im nachtraum des sommerwinds
Ohne wohin ...
Die augen
legten die hände um den mund
Und sangen den augenpurpur —
Ein zwiegespräch in farben
Das eine lichte weite in
ein flammeninneres verschmolz —
Einen träumenden augbal
zum tiegel des augenblicks:
Lautloses voreinanderübergleiten
Und schwenken weisser vögel
Durch rückendes streifengewölk, in ruderspannen
Ins neuland der sekunden, auge vor auge
Auf den fersen der eingeholten zeit
Ein abspiel aus veränderungen
Auf nichtmehrwiederkommen
Zeile um zeile mitzulesen —
Seltsame heiligenscheine
Der brechung um deine ruderschatten
Sind immer mitgefolgt und leihn
Einem schatten der wiedergrüsst
Die geschulterte diskusscheibe — —
A: Schäm dich, Narziss — Sammle die fäden ein:
Spinndüse weberschiff das boot, dich weitertreidelnd
Auf einer mittelspur
Richtet ein abendrot
Sich bräunendes segel auf,
Am lichtseil des sonnenstands
Fortwährend mitgewendet
Am steigenden schattenarm gerefft —
Ein helles segment,
Eine durchsonnte webe
Im aufriss der wimperzone
Aus flügelspuren einer libelle
Die von der stelle rückt
in zickzackzügen und tremoliert — — —
*
Format: 21 x 25 cm, 324 Seiten,
Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Delp Verlag München [ISBN 3-7689-0102-5] 13.80 €.
Der Band umfasst kurze Prosastücke, die von illusionären
Verfassungen ausgehen und sie ݆ber den
First hinaus‹ zu Momenten des Erwachens hinführen. Immer andere Vorstösse
in neuerfahrene Wirklichkeiten stecken einen unausgesprochenen Zusammenhang –
einen Anstieg – ab. Der reicht von der Bewältigung eines Drogenversuchs (›Welt in der Pastille‹) bis zu einer
Art Unio mystica mit der Erde, die ein Todgeweihter erfährt (von längeren
Aufenthalten in Rilkes Muzoter ›Turm‹
angeregt). In immer wechselnden Tonarten
und Darstellungsweisen vom Prosagedicht
französischer und deutscher Symbolisten bis zur experimentellen Prosa klingt
eine Art »Mikrokosmos« oder »Ludus Tonalis« des Prosaschreibens an.
Die gebundene Sprache ohne Versform gestaltet Sätze zu syntaktischen
Gleisbauten, die das Lesen durch wechselnde Tönungen, Kursänderungen,
ausfahrende und einlenkende Wege steuert.
Die Aktualität der Stoffe und Themen ist nicht die des
gesellschaftlichen Tagesgeschehens. Sie
bewältigen Angstträume dieser Zeit und zielen auf eine Vertiefung des Umgangs
mit Ausschnitten von Welt und Kultur. Insgesamt öffnen sie Horizonte und setzen
zu Gehversuchen im Unbegangenen an. –
Wesentliche Stücke des Werks wurden in ersten Fassungen von der
»Neuen Zürcher Zeitung« abgedruckt.
Stimmen zu »Über den First hinaus«
Ungeheuer stark und eindrucksvoll wirken.. die Capriccios, die sehr
merkwürdige, oft unheimliche Ereignisse in der Grauzone zwischen Einschlafen,
Erwachen, Nachtwandeln und Tagträumen situieren.. Scheinbar belanglose und
alltägliche Sätze führen in aufregende Prosastücke hinein. Von kleinen, sensiblen Wahrnehmungen ist es
nur ein Schritt zu unerhörten Ereignissen.. Lutz Hagestedt, Süddeutsche Zeitung
Die Texte heben die Grenze zwischen faßbarer Wirklichkeit und einer
durch Sprache erzeugten Welt auf. Die
Menschen werden nicht nur zum anderen Ich des Autors, sondern bewegen sich als
neue Wesen zwischen Welt und Kosmos.
Oder Haus und Mensch gehen eine arealistische, fruchtbare Vereinigung
ein.. Und das Wort wird zum Mittel, Musik wiederzugeben und neu zu erschaffen.
. Mitunter denkt man an die expressionistische und surrealistisehe
Aufhebung der Empirie oder an Georges machtvolle Handhabung von Rhythmus und
Metapher. Doch selbständig ist Deinerts
Stil allemal, und er ist ebenso eigenwillig wie originell. Sein Buch bringt in die Prosa dieser Zeit
einen neuen Akzent. Bernhard Gajek, Neue Zürcher Zeitung
Wer Texte von Wilhelm Deinert liest, hat Mut.. Wer sich von dem
Zwang normativer Denk- und Verstehensmuster
befreien kann, wird sich.. an dem
erlesenen Reiz so mancher Sprachpassagen genugsam erfreuen.. der
kraft unerschöpflichen Wortreichtums selbst Banalitäten erst verführerisch
macht. Gleichwohl stehen neben Rausch
und Traum, sich gegenseitig bedingend, auch Ängste und Leeren. Etliche kafkaeske Denkbilder schlagen hier zu
Buch wie die nur erahnbare Struktur unfaßbarer Über-Ich-Hierachien. Man sollte Deinerts Büchlein selber erlesen
schon um einmal aus der eigenen gewohnten Perspektive herauszukommen. Uwe Stamer, Stuttgarter Zeitung
..Wie eine Billardkugel durch einen einzigen Anstoß eine Vielzahl
(unkontrollierbarer) Kollisionen verursacht, so werden hier mit äußerst klaren
und präzisen Worten ganze Reihen von Bildern des Unbewußten in Bewegung
gesetzt.
Gabriele Mayer, MittelbayerischeZeitung
Eine Prosa, die den Lesenden in sich einsaugt, auf eine völlig
unverhersehbare Weise sich fortzubewegen nötigt, schreitend, gleitend,
taumelnd, schwebend in Gegenden, die ihm fremd und bekannt zugleich erscheinen,
bis er unversehens sich wieder im Freien befindet. Eine Fahrt in der Geisterbahn! Dr. EImar Hertrich, Bibliotheksdirektor
Sie nehmen Starre mit sich fort, sie machen aufmerksam und wach.
Ein Buch .. aus Not und Gefährdung, aber auch aus dem Glück gelungener Entwürfe
und Augenblicke gemacht, das auf geheimnisvolle Weise in eine rätselhafte
Freiheit führt..
Dr. Ingeborg Reichert,in der Zeitschrift » Heilen«
Ich saß gestern auf dem roten Sofa [im Rilke-Turm] und las mit
aller Seelenruhe die Seiten über Muzot.
Ich hatte dabei ein so wunderbares Gefühl, wie soll ich es beschreiben,
wie wenn ich Mozart höre. Nanni Reinhart, Muzot
..diese zu Prosagedichten geronnenen, vielleicht nur poetischen
Seelen nachvollziehbaren Alltagsgeschichten, diese sprachliche Synthese aus
kafkaeskem Getriebensein und barlachscher Seinsbehauptung, die Vertrautheit mit
dem Dämon Sprache, das wortgroße, den abgründigen Rest des Schweigens
überbrückende Verständnis für Licht, für Musik, für Gegenstände, die im Filter
der Selbst- und Fremdbeobachtung ein eigenartiges Leben führen - -
Joachim Bähr,
Spielleiter, Opernhaus Mönchen-Gladbach
Mir gefällt die ruhige, beruhigte tastende und innerlich
hochgespannte Sprache, ich mag die Geschichten. . weil sie, ihren Gegenständen scheinbar
zum Trotz, fesseln und - im besten Sinne - unterhalten, es bleibt Raum für die
Phantasie des Lesers, besser: wird Raum geschaffen, und nie wirkt die Prosa
angestrengt, so kunstvoll sie auch ist.
Rainer Weiss, Lektor
LESEPROBEN
..Aber schon ist die zeit zur abfahrt gekommen. Ich kehre zum
bahnhof zurück. Beiläufig fragt der schaffner, der die sperre versieht, wie
mein leben gewesen sei. - ›Mein leben?‹ - »Ja wussten Sie nicht, dass es Ihr
leben war?«
*
Mitternacht muss vorüber sein.
Die tür zum bad leistet widerstand, wie von einem gegenwind. Als ich ihn überwinde, strömt es vom spiegel
her mir entgegen und hebt mich vom boden ab.
Waagerecht schwebend flute ich in der leise brausenden luft und in ihn hinein. Draussen bemerke ich, dass die gegend
meereshoch überflutet ist, und ich gewahre menschen in fischartiger
schwimmbewegung..
*
Ich sehe lange Clochards, die aufstehen, sich den staub von den kleidern
schlagen und fortgehen. ›Wohin gehst du?‹ frage ich den nächsten. ›Nach osten!‹
antwortet er mit geisterhaft aufgerissenen augen. Zwinkernd fügt er hinzu: ›Der Dalai Lama hat
uns ein kloster mit einer weinbrennerei bauen lassen. Kommst du mit?‹ – ›Noch
nicht. Ich habe hier noch nach ein paar dingen zu sehen.‹ Mit verächtlichem lachen hebt er ein lumpiges
bündel auf und strolcht, die abfalltonnen am strassenrand musternd, davon.
*
Für die eine sekunde meines vorübergehens an ihrem stuhl trifft
mich aus den augen des mädchens ein blick von nie erfahrener anteilnahme.. Ich
merke, dass sie gelähmt ist und den kopf nicht wenden kann. Mit meiner hand streife ich einen knöchel der
ihren, aus welchem ein strom wie ein funken aus Gottes finger in mich schlägt..
*
Noch hielten die hände, doch in den fingern spürte er es voraus,
wie das erdreich sich lockerte und den ballen freigab. Schon glitt er, noch an
der schräge verlangsamt und mit wahllosen griffen nach jedem büschel oder
höcker haschend. Nichts hielt – und die eine überdehnte sekunde kam, die wie
ein prismatischer splitter aus anderem stoff als zeit seine welt und sein leben
in hundert facetten drehte. ›So ist das also - so kommt das also - so einfach
und schnell - und ich dachte - ich wollte doch - wie schade‹ – –
*
Und nicht mehr die rose – der sonnentau würde blühen mit den klebrigen
drüsenhaaren und diesen geruch verströmen, von dem sie zu meinen schienen,
wunder was für ein lockzauber er sei, uns für tiere haltend. Ein etwas wie genugtuung, beinahe
schadenfreude würde durch ihre scheinbar verträumten lider lauern, wann und wie
es seinen fang in den betäubenden blütengrund zöge, der sich nach und nach über
ihm schlösse..
*
Als ein blinder Mystagoge mit seherhänden, der niegelichtete seelenwege
durch eine tönende wildnis bahnte, führte er sie von vorhalt zu vorhalt einer
immer verzögerten, immer abgewendeten auflösung durch immer schrillere
zugespitztere kadenzen zu – lenkte er sie an den fingerspitzen in eine gezeiten
und räumlichkeiten vertauschende Polonaise und gab sie an ein treiben
undurchsichtiger verwechslungen und verschlingungen ab..
*
ÜBER DEN FIRST HINAUS. EIN
ANSTIEG
Format: 14,5 x 21 cm, 112 Seiten,
Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Elster Verlag (Auslieferung: Keicher, U.) [ISBN 3-89151-104-3] 14. – €
PROBESTROPHEN:
ES POCHT - wer ist - UND POCHT - das oder der -
WAS POCHT - am ohr -
EIN POCH-GESPRÄCH - das auf
sich selber lauscht -
DIE SCHLÄFE POCHT - wer da
in der muschel rauscht
- ES POCHT VOR ORT -
ein herz das wen -
ERPOCHT - schlägt oder wem
die stunde schlägt - -
Deinen götzen und geistern:
>Tanzt ihr derweil
oder ruht euch aus - erholt
euch
von unsereinem!
Wir gehn für ein stündchen –
sag: in die ewigkeit‹
es stimmt allemal - -
Also: wir gingen los -
zwei ecken weiter nur
von der gläsernen haustür,
wo die pappeln zu ende gehn
(die letzte
ist schon aus metall.
Dort gib auf die zeichen
acht,
einen mast mit dem blauen
›U‹
das die Untern bedeutet..
Warten - das warten verwarten - nichts
als das warten gewärtigen -
das warten zerwarten, ehe
das warten uns zerwartet - -
›Wer
ist der Warter? komm
herein!
du kennst uns -
du bist
unser mann - man sieht es
dir an:
was hast du gewartet!
Komm setz dich, wir helfen dir warten
-
ob du weisst oder nicht mehr,
worauf
du wartest.
Erzähle
uns, was du erwartet
und was du gefunden hast.‹
»Münzen, medaillen! umständehalber -
alte noten und notgeld - abzugeben -
eichenlaub rnit schwertern, für versenkte und ab-
geschossene feinde - entschuldigung: freunde -
schicke broschen daraus!
(Euer talisman, wenn er helfen soll,
muss
geschenkt - wo nicht geschenkt,
muss
gefunden - wo nicht
gefunden, gestohlen sein)«
Was siehst du noch
sagst du?
Wandelnde wunschgebete,
leibgewordene
namen des vorgeträumten glücks -
die umgehn, in saris und seidentüchern
die für ihre seele werben.
Sie halten sich farben an
und spielen sich selber durch
in arten aus
fliessglanz und schleierspielen..
Es hügelt sich hinter den
ersten auf
mit immer ferneren
stirnen und schädelkuppen
in unendlicher steigung..
Dies hier
ist der letzte überlauf,
wo sie stehn wie am
landesteg,
um geholt zu werden
oder jemanden abzuholen..
Wer sie sieht, meint sich
angesehn
und zieht einen fragesog
aus verhunderten augen
auf sich herab;
der dich zerfragen wird,
wenn du nicht das
schweigen brichst -
der dich zerschweigen
wird,
wenn du sie nicht zum
reden bringst.
Aber was du auch sagen,
was du sie fragen wirst:
das war es nicht, was sie
hören wollten.
Und sie tritt in die sichtbarkeit flimmerweiss
und so schmal
wie ein totenhernd
und sie nimmt eine farbe an
von einem sommerkleid,
das du wiederkennst,
in ein nachwehn der anmut
wie einen birkenwind
gelehnt, die das herz zerreisst..
Da ist sie vollends
mit kenntlichen zügen:
die
›Kennst-du-mich-nicht-mehr?‹
Und leise, langsam,
halber schuh vor den schuh
fiel es ab
vor den augen, sank
von den füssen ab
der kloben erde.
Ich der erdenwurm
kroch aus dem bodenspalt -
und sah
in den schwebenden saal,
wo die silbernen stühle
und tische
gerichtet waren,
in das verbotene licht.
Und das zornige licht
krellte die sengspur,
einen strichblitz und zackenriss
wie von einem engelssturz
in die schmerzenden gloser..
»Wo wir sind, edler Herr?
Eben das ist die frage: du bist,
wo du
bist - je nachdern,
was du bist! in der unterwelt,
solang du ein toter - der hölle, sobald
du ein teufel bist - eben dann und dort
ist der himmel, wo du
oder wann du ein Seliger,
noch besser ein Engel bist.
Und die welt ist die ewigkeit,
wofern du ein Geist bist!« - -
Still doch! Schäfer Schlaf
zieht sein asyl; wo er weide
hält
weht der heilige atem -
wo der atern weht,
kehrt die weit zu sich selber ein..
Frühstück auf dem balkon:
Kühlender herglanz
von beglänzten flächen
frischte die stirn an.
Zwischen mir und der sonne
spielte ein aufsprühn betauter
nadeln im tonrand..
›Auf jeder der nadelspitzen
schien ein winziger lotosteich
voll entspringender blüten,
auf jeder derwelchen
ein Erleuchteter sass,
dem ein lichtstrahl aus jeder
pore drang, und durchstrahlte die welt
mondweiss und saphiren
mit strahlen, die wieder teiche trugen -
und auf jedem der teiche..
Und ein winziger seitenstrahl
hielt mich am farbenspiel
seiner splissen
hinaus‹ - -
Die toccata des himmels
mit hundert registern
braust
von ehe- zu immerdar.
Du ein zünglein im
windstrom,
schwinge mit, deinen lob-
oder notgesang - dein ›Nah ist,
mit augen zu fassen das licht‹ –
dein ›Rettet und helft -
ihr dort, ich auf meine
art!‹
*********
Es sind keine
Gedichte, denn es gibt einen epischen
Vorgang; es ist kein Epos, denn es besteht in szenischen Dialogen; es ist kein
Drama, denn es spricht eine lyrische Sprache. Nach einem Vorspiel äusserster
Zurückgezogenheit auf sich selbst, die sich selbst erkundet, beginnt der
Hauptteil mit dem Hinaustritt eines ›Ichs‹ in die Grosstadt. Der Zusammenprall
der verfeinerten Wahrnehmung mit ihr
kann nicht schroffer sein. Ein Fluchtversuch scheitert an ihrer
Allgegenwärtigkeit. In einem ›Durchgang‹, der an einem ›Tag der offenen Türen‹
eine Reihe von Stationen durchläuft, wird sie zum einen von ihrer infernalischen
Seite erfahren; aber ungeahnte Freiräume und Möglichkeiten des Menschlichen
werden entdeckt. In szenischen Begegnungen und Gesprächen mit einem ironischen
Lotsen wird ein Für und Wider der Zeit ausgetragen, das die Haltung und Standort
des Ichs in Frage stellt und korrigiert. Auf einer Fahrt mit der
Untergrundbahn, die einem Gang durch die Unterwelt angeähnelt ist, gelangt der
Ich zu einer Grenze; der Blick in die andere ›Zone‹ –die eigentliche
›Mauerschau‹ – wird zu einer Begegnung mit seinen Toten. Ein Ausflug in die
völlig entgegengesetzte Welt des Hochgebirges ergänzt die Eindrücke um die
Erfahrung zeitloser Vorgänge und Gegebenheiten. Der Wanderer sucht sich zu all
dem ins Rechte zu setzen. Auf dem
Rückweg werden alle Stationen, die sich nach je eigenen Formerfindungen
gestalten, erneut durchlaufen und mit verwandelten Augen gesehen. Das Buch
kehrt an seinen Ausgang zurück und schliesst mit dem Beginn eines neuen Tages
und erweiterten Lebens, das zum vollen Eintritt in die Zeit entschlossen ist.
Das Werk zieht in sich mitverwandelndner
Sprechweise von zunächst angestrengten und verwickelten zu immer freieren und
gelösteren Formen eine Summe unserer Zeit, deren Formen und Unformen es
dichterisch sichtbar zu machen sucht - all das im Werdegang eines Ichs, der zu
sich selber kommt. Im Ganzen entsteht
ein dichtes Gefüge von Vor- und Zurückverweisungen, Aufgriffen und
Abwandlungen. Es transzendiert die
herkömmlichen literarischen Gattungen und verschmilzt sie zu etwas Neuem, das
gleichwohl weit zurückreichende Überlieferungen fortsetzt und sich
anverwandelt.
*
STIMMEN ZUR ›MAUERSCHAU‹:
Es ist der verwegene Versuch einer
szenisch-lyrischen Bestandsaufnahme dessen, was gedacht, gelebt, erfahren wurde
und wird, die Welt- und »Mauerschau« eines Beteiligten, eines Denkenden, Nachdenkenden,
Fragenden. Das Ergebnis überrascht durch eine bildhafte, disziplinierte
Sprache, die von der traditionellen Formbindung bis zum modernen, ironisch
gebrochenen Lakonismus reicht. Den stärksten Eindruck vermitteln die letzten,
zeitnahen und sprachlich gelösteren Teile des Werks, dieses eigenwilligen
erratischen Blocks aus Wörtern und Bildern, der die Mühe des Aufbrechens und
Sich-Einlassens lohnt.
Eberhard Horst, Schriftsteller
Die geistige und sprachliche Grundhaltung seines
ungewöhnlichen, außerordentlichen neuen Werkes ist iErfahrung der Wirklichkeit
über Trennendes (Mauer) hinweg, Weltbewältigung und Neuschaffung einer iin sich
bestehenden Welt durch Gliederung und Ordnung (bis in das graphische Bild). Von
dem Leser und Hörerwird erwartet, daß er mit den die Handlung tragenden
Gestalten den im sprachlichen ›Durchgang‹ verborgenen Sinn entdeckt.
In einer überzeugenden Lesung hat D. einen
Einblick in diese vom Leser zu begreifende Verwandlung von Hiesigem, Bedrängendem,
Einmaligem ins Innere, Allgemeine und Dauernde gegeben. Ein vortrefflicher ›Lotse‹ in das Reich der
Bedeutung, der nach dem Hinführen still und unauffällig hinter dem Werk
verschwindet. «
Univ. Prof. Dr. Hermann Kunisch
Eine weltliche Liturgie des Erwachens breitet
sich aus bis zur Teilnahme am Tanz aus Wahrnehmungen, Worten, Licht.. Tagebuchartige
Verseinträge notieren zuletzt ein neues Verhältnis zu sich selbst, ein gelöstes
zu der ihn umgebenden Stadt.. Deinerts ›Mauerschau‹ ist in den Formen,
derAussage, der episch-szenischen Großform ein singuläres Unternehmen. DerAutor
hat in jahrelanger Konzentration an seinem Werk gearbeitet.. Antike Mythen und
deutsche Märchen, nicht zuletzt strenge liturgische Formen und
Meditationspraxen sind mit ihren Gestalten, Wegmustern und
Gegenwartsbekundungen in das nicht auszuschöpfende, mit Variationen, Verweisen
und Rückverweisen arbeitende Textmuster geknüpft.. Ohne Frage erwartet der mit
sprachgeschichtlichem und rhetorischem Bewußtsein ausgestattete Autor, daß der
Leser die Mauererkundung auch als Spracherkundung lese. Und hier gibt es in der
Tat mehr als Kleinodien.. Ohne Zeigefinger und ohne Botschaftsanspruch leuchtet
aus Deinerts Gesprächen und Gesängen die mystische Spur.
Paul
Konrad Kurz (Süddeutsche Zeitung)
Deinert versammelt die unendliche Vielfalt des Sagbaren
in einen Zyklus gedichtartiger Strophen und Folgen, und man bewundert das
strenge und dennoch bewegte Sprachgebäude.. Was in Wirklichkeit die Einsicht
eines Lebens ist, faßt Deinert in die Bilder einer Tagesfahrt, die der
›Pendler‹ als ›Mauerbesuch‹ unternimmt.
Vom Stadtrand in das Zentrum und vom flachen Land auf einen Gipfel fährt
und drängt ›Der Ich‹ und sucht, ohne zu wissen, was; das Ziel - die Mauerschau
- zieht ihn an. Der Blick über die
Mauern des Ichs umfaßt dann das innen und außen, das Schöne und Häßliche, das
Gute und Böse und erkennt es an. Wie in einem Welttheater führt der Autor die
Figuren heran und macht sie als Sprache lebendig. In zahllosen und doch
typischen Szenen konzentriert Deinert, was Menschen erfahren können. Und daran
sollte der Leser sich halten: j e genauer er auf den tatsächlichen Kern der
Bilder achtet, desto einleuchtender werden sie.. Die Orte sind zu ›Strecken‹
einer Lebensfahrt geworden, die der Leser sprachlich mitvollziehen kann.
Deinert geht über das Gewohnte weit hinaus oder greift hinter es zurück. Was er
an eingängigen oder gewagten, bekannten, wieder entdeckten oder neu geschöpften
Ausdrücken, Metaphern und Rhythmen zum - wohlüberlegten - Druck gebracht hat,
könnte die Lexika und Sprachlehrbücher bereichern... In dieser Art, Welt als
Sprache hervorzubringen, hat er unter den derzeitigen deutschen Autoren
schwerlich seinesgleichen.
Univ.Prof.
Dr. Bernhard Gaj ek (Neue Zürcher Zeitung)
Wilhelm Deinert
Mauerschau. Ein Durchgang.
Piper Verlag. (Auslieferung:
Keicher, U)
ISBN 3-924316-30-9 20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A]
DAS SILSER
BRUNNENBUCH. Ein Engadiner
Glasperlenspiel und lyrischer
Umgang
Nach seiner Rahmenhandlung ist das ›Silser Brunnenbuch‹ ein Ferien-
oder Hüttenbuch, das ein Besucher des Engadins den nachfolgenden Bewohnern
seines Quartiers hinterlässt. Es nennt
sich ein ›Glasperlenspiel‹, denn es versucht, der Hesseschen Idee dieses
rituellen Zeichenspiels eine literarische Gattung abzugewinnen – nicht in
wörtlicher Befolgung, sondern lockerer Anähnelung eines ›lyrischen
Umgangs‹. So fängt es sehr einfach bei
der Inschrift eines Silser Brunnens an: es lässt sich von dieser und anderen rätoromanischen
Wandsprüchen der Gegend die Augen für das Engadin als lebendige Ganzheit
öffnen, das durch sie als ein Lebensraum zu sprechen beginnt. Im folgenden greift es die Poesie dieser Spruchgedichte
auf und nimmt sie zum Ausgang eines eigenen lyrischen Zyklus.
Ein venezianisches Zwischenspiel entdeckt die merkwürdige
atmosphärische Verwandtschaft der Lagunenstadt mit der Felsen- und Wasserwelt
des Hochtals.
Aus dem Vorrat der Eindrücke und Erfahrungen umreisst der
Schlussteil ein Gesamtbild der ›symphonischen Landschaft‹ des Engadins; es
wendet Nietzsches Vision der ›heroischen
Idylle‹ in eine heutige Sicht, die das zeitlos Erhaltene, aber auch seine
Gefährdung durch zerstörende Einbrüche einbegreift. Der Leser wird zum Mitvollziehenden einer poetischen
Aneignung, die in einem einzigen Vorgang die Lebens- und Sprachwelt eines Raumes
wie seine Naturerscheinungen durch stellvertretende, nach und nach entfaltete
Bilder in ein Netz von Verknüpfungen einfängt und vergegenwärtigt. In ansteigenden Stufen, die von herkömmlich
einfachen Dichtformen zur entwickelten heutigen Lyrik anheben, entsteht ein Sinngebäude,
das Züge einer aus einem einzigen Thema sich aufbauenden musikalischen
Komposition aufweist.
Angesprochen sind Freunde des Engadins, Sprecher und Kenner seiner
Sprache, Leser der heutigen Dichtung und Liebhaber einer musisch-meditativen
Vertiefung in das Hervorgehen eines sprachlich-poetischen Mikrokosmos.
Siehe auch oben im Literaturverzeichnis
die Arbeit von Pia-Elisabeth Leuschner.
STIMMEN ZUM ›SILSER BRUNNENBUCH‹:
Sein Schreiben
umkreist das Geheimnis der Wörter: ihrer Chromatik, ihren Rhythmen lauscht er
verborgene Botschaften ab, und im Puls der Silben, im Melos der Vokal-
folgen ertastet
er eine magische Leiblichkeit der Sprache. Solche Sensibilität mani-
festiert sich
auch im jüngsten Werk Wilhelm Deinerts.. das in lyrischen Beschwörungen, und
reflektierender Prosa den Genius loci feiert.. [Hier] geht es ihm um eine
vergewissernde Aneignung, um ein assoziatives Fortspinnen des Vorgefundenen in
der eigenen Sprache.. [So] fixiert er im Niemandsland zwischen Klang und
Bedeutung der Wörter Koordinaten, die den Umriß des Unbenennbaren als
phonetische Sternbildgestalt aufleuchten lassen.. [und] in ihrer spielerischen
Beiläufigkeit, in der heiteren Musikalität der Gesamtkomposition selbst von
romanischer Grazie und tänzerischer Anmut infiziert scheinen. Alexander
Altmann. Bayerische Staatszeitung
Deinert nimmt die
Laute und Worte wie Perlen in die schreibende Hand und reiht sie zu einer neuen
lyrischen Sprache auf.. [Er] dringt zu den Elementen der Sprache vor..
Eine umgrenzte,
doch wirkliche Welt ist so entstanden.. Die Heiterkeit, die das Buch ausströmt,
wirkt wie ein schönes, humanes Ziel.
Prof. Dr. Bernhard Gajek. Neue Zürcher
Zeitung
Ein sprach- und
wirkungserfahrener Schriftsteller legt eine kleine sprachkundlich-poetische
Kostbarkeit vor. Mir hat das schön gestaltete Buch sehr gefallen und ich finde
es auch schön zu verschenken. Ingeborg
Reichert. In: Heilen.
Das herrliche
Oberengadin stand mir [beim Lesen] vor Augen.. und man bekommt grosse Lust,
wieder einmal dorthin zu fahren, und mit eigenen Augen zu entdecken,was Sie in
grossartiger künstlerischer Form einem nahe bringen. Harald Genzmer. Komponist
TEXTPROBEN:
Unscheinbar, kaum beachtet steht am dorfplatz von Sils-Baselgia ein
steinerner brunnen. Seine träger für die
seitlichen blumentöpfe an der bekrönung des rohrs rosten seit etlichen sommern
ungeschmückt. Hart neben ihm quillt
müllgeruch aus einem grell bemalten behälter.
Parkende Fahrzeuge verdecken ihn von jahr zu jahr enger und
anhaltender. Nur wenige schritte von ihm
entfernt windet der immer dichtere verkehr sich durch die seit langem zu schmal
gewordene strasse und überrollt seine stimme.
Man muss nahe herantreten, um ihre unentwegt wechselnden laute zu hören,
die wie die quellen und bäche umher nur mehr für sich selber singen und das
murmeln und raunen der erde mit sich selber auch hier unter all diesem treiben
aufrechterhalten..
*
Das wasser singt,
ein schlaflied dir bringt
– ich
sehe ein strombett, aufdem
kommen die tage
und
nächte geschwommen –
*
Ich sehe ein flimmerndes
perlchen vom sprudel auf
dieser
verwellenden fläche ein
weilchen
gehoben gewiegt und - wo
ist es?
Ich sehe ein sachtes
verwellen zum rand
und zur mitte zurück,
aus welcher ein perlchen
vom sprudel gehoben gewiegt
über perlchen sich
abschnellt - -
*
Zu mir kehrt das
weltmeer aus kreisender ferne
ich spiegle den tag und
den abgrund der sterne
ich treibe ins weite aus sehnsucht der
quellen
aus mir singt der friede
als schlaflied der wellen
in mir ist die dauer als
ruhender stein
in mir ist das leben und
strömt in dich ein.
*
SILSER SEE
Hier ist es, hier lege ich
meine ruder still
und höre mich ein
in die wasser, den talwind – oder
rede mit dir
(denn da fährt Eine mit
der du deine züge leihst,
die das lauschen, verstehen
das bewahren der einsamen
stimme ist): ›Schau,
die Margna im neuschnee
ist ein hochaltar, der die wund-
male der erde trägt und den leib des
Herrn
im lautersten lichtweiss empfängt.
Die quellen und weidenden
herden am fuss
sind kelche, in denen die wandlung
geschieht..
*
Pack' dich, hinab geht's!
Die Nächsten
kurven die serpentinen herauf –
hast noch was zu melden?
›Sehr wohl: ich habe
bericht
zu geben von etwas
das hier
geschah, das mich überstieg
und doch
mich duldete, mir
sich darbot - als wäre wo immer
ich stand, ein platz im gestühl
eines chors, mein tun
eine rolle im spiel,
dem
es sich zu fügen galt..‹
*
DAS SILSER
BRUNNENBUCH. Ein Engadiner Glasperlenspiel und lyrischer Umgang.
Format:
18,5 x 21 cm. 107 Seiten. Fadenheftung, gebunden mit Schutzumschlag.
Verlag Desertina, Chur. [ISBN 3 85637 244 X].
17,8o €. 34,80 SFr.
Antwortende Verse auf Bilder um Einlass
Der Band
vereinigt Gedichte, die aus einem langjährigen Umgang mit bildenden Künstlern −
namhaften und noch zu entdeckenden − hervorgegangen sind. Sie antworten
sehr unterschiedlich auf die Kunstwerke, die etwa zur Hälfte der ungegenständlichen
Kunst angehören. Insofern Bilder und Skulpturen schon ihrerseits die Wirklichkeit
ins Bildliche umsetzen, können durch die abermalige, nun sprachliche
Verbildlichung Gedichte von potenzierter Bildlichkeit entstehen. Es ist der
ganz eigene Typus der seit der Antike geschätzten Bildgedichte.
Zusätzlich
zu ihrer rein poetischen Bestimmung kann die Sammlung als eine Hinführung zu
recht unterschiedlichen Bereichen der modernen Kunst gelten. Zugleich stellt
das Werk eine Art Exerzitium des Umgangs mit Bildern dar, das Möglichkeiten des
künstlerischen Sehens an die Augen gibt.
Ein
PRÄLUDIUM beschreibt die Vorgänge zwischen Betrachter und Kunstwerk als eine
hin- und herüberwirkende Strahlung und weist nach, dass die angemessenste
Antwort auf ein Bild in einem Gedicht besteht. Daran schliessen sich zwölf
Gruppen von je fünf Bildern wie LICHTBLICKE − BEDROHUNGEN −
GESTALTEN − RÄUME − FENSTER NACH INNEN. Die abschliessende STAFETTE
bietet ein sich weiterspiegelndes Gespräch in Bildern und Gedichten −
hier wohl zum ersten Mal zustande. Das schafft einen Zyklus von ganz eigener
Bauart und kann die Lektüre zu einem Meditationsweg durch weiterführende
Stationen machen. Ein Anhang gibt die nötigsten Auskünfte zu Grösse und Technik
der Kunstwerke wie zu den Künstlern.
STIMMEN ZU
›DER TASTENDE STRAHL‹:
Die Vorherrschaft der Ökonomie hat auch den ganzen Rezensions- und
Feuilletonbetrieb miterfaßt, so dass heute praktisch nicht mehr möglich ist.. die
Würdigung eines wirklichen Kunstwerks hineinzuschmuggeln. So erklärt sich auch,
warum ich Ihr wunderbares Bändchen ›Der tastende Strahl‹ nirgends besprechen konnte, obwohl ich es
natürlich gerne getan hätte. Alexander
Altmann, Journalist
Das Buch ist zu bewundern, und es enthält viel
hoch-beachtliche Bilder und Figuren. Hoch-beachtlich sind auch die Verse..
Umschlag und Einband sind schön. ›Bilder um Einass‹ ist sehr schön gesagt. Kristof Wachinger, Verleger
Die Idee ist grandios, geradezu kulturhistorisch für das Verhältnis
der Künste, ebenso auch ihre Ausführung: Wie sich Text und Bild im Nachzeichnen
voneinander immer wieder zu Neuem anregen gerade da sie sich nicht ineinander
überbsetzen lassen, und damit eine Sequenz erzeugen − das hat mich wirklich teif bewegt!
Dr.
Kai Merten, Universitäsdozent
Ein Dialog kommt in Gang, der die Differenz zwischen Bild und Text
zum Thema hat − und so schnell nicht enden wird. Denn was Deinert sieht,
hätte man ohne ihn womöglich niemals gesehen und wirkt − als ein
interaktives Moment zwischen Bild und Text − noch lange fort in Ohr und
Auge.
Katrin
Schuster, in: Klappentext. Das Literaturprogrammheft für München
Es gelingt ihm,
das Abstrakte zurück zu übersetzen in ein mit subjektiver Bedeutung
aufgeladenes Zeichenfeld; das seinerseits Musikalität entfaltet, aufgrund
seiner Rhythmik und das Klangs.. Das Wunder des Einleuchtens, des
Plausibel-Werdens vollzieht sich. Und mehr noch: ein geheimer Magnetismus
scheint von diesen Gebilden auszugehen, die sich aufs engste ihren
Bildgeschwistern verschrieben haben. Peter Geiger, »Der neue Tag«
Ich beglückwünsche den Verfasser zu diesem beeindruckenden Werk,
das − wie alle seine Gedichtbände − einzigartig in der lyrischen
deutschen Landschaft steht. Die Versprachlichung der Bilder, Plastiken und
Keramiken eröffnet eine neue Welt, nicht nur für die hier angesprochenen Werke,
sondern auch für die Sprache selbst. Der Plan, die Zusammenstellung und die
zwölf Stationen wirken nicht ausgeklügelt, sondern gelebt, geschaut und
empfangen. Deinert ist in der Sprache und im Raum der sichtbaren Kunst zuhause
und nimmt darin Künstler auf, die nun bleiben − auch dank der kundigen
und mitlebenden Anmerkungen. Die erfahrene Hand des Gestalters vollendet das
Ganze zu einem Buch, das ich zu den schönsten zähle, die im vergangenen Jahr
gedruckt wurden. Es ist ein Glück, dass es erscheinen konnte.
Professor
dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg
AUS DEM INHALTSVERZEICHNIS
I. URSPRÜNGE 9
AZURNE
TRIGONOMETRIE VON OTTO
RITSCHL 11
»FELIZ
1962!« VON FRANZO NONNIS
13
DER
QUELLGRUND DER AUGEN VON
ANTONIA CORMEAU 15
ENTHÜLLUNG
VON ANTJE TESCHE-MENTZEN
17
PIOMBINO VON UTE HARTWIG 19
II.
BEDROHUNGEN 21
SATURNISCH
VON OTTO RITSCHL 23
HADESFAHRT
VON SYLVIA ROUBAUD 25
VERGITTERUNG
VON HELMUT STURM 27
EINSTURZGEFAHR
VON ERHARD PASKUDA 29
»AMERICAN FOOTBALL« VON WOLFGANG KOETHE 31
III.
LICHTBLICKE 33
»DE PROFUNDIS« VON IRMGARD VON KIENLIN-MOY 35
AUF DAS ›JAIN‹ VON BRIGITTE JAHN 37
ZEITSCHICHTEN VON AKIRE HERTER 39
SONNENAUFGANG
VON ROGER GERSTER 41
LICHTQUELL.
VON MARINA SCHREIBER 43
XI. ÜBER DIE
GRENZE 129
PANSSTUNDE.
DER BARBERINISCHE FAUN 131
VERFLÜCHTIGUNG
VENEZIANISCH VON A.
TESCHE-MENTZEN 133
ABFAHRT
VON WILHELM VON
HILLERN-FLINSCH 135
KREUZLEGE
VON KARL BOHRMANN 137
FEUERWERK
VON MAX HERRMANN 139
BEISPIELE:

AZURNE TRIGONOMETRIE
KOMPOSITION VON OTTO RITSCHL
Ein
klingenhieb
klüftet die
wand: in eine
zone von
blauem ozon
stehn keile
aus kühle
auf −
zur stele
in steiler
raute über
der zeile
des roten
ins kahle
gestellt..
Einschrägende
kanten
brechen den
lichtfall
in stufen
der bläue
und meisseln
die schwärze
zu
eingespannten
trigonen von
schnittpunkt
zu anschlag
der lineale − −

APOLLONIA
BESCHWÖRUNG VON KARL-HEINZ HOFFMANN
Durch die
wimpern gesehn: ein bronzener
mattganz,
fusslos über die tiefe
gleitend,
der leib und gewand
einer
wendigen säule gewann −
aus
errichteter lichtbahn
auf
abendgewässern.
Und durch
die gestalten wechselt: nun
Oreade aus
scheintoter
wurzel
entsprungen, eine
knospe voll
sonnebereiter
gesichte
hebend − nun Jägerin, der
ein pfeil in
dein herz von der sehne des knies
in gestalt
eines windspiels schnellt − am ende
die Botin
des schicksals mit dem gesenkten
stab in der
linken, einer
brünne von
brüsten und
dem mondfeld
von leerem antlitz, durch das
vom spiegel
der nacken-
mähne
geworfen,
maskenzüge
aus mienen ziehn − −

FLASCHENGEIST
ETRUSKISCHES SALBGEFÄSS
Langsamer wirbel aus nachrauch
steigt aus der schattigen mündung.
Der atem der grabkammernächte ist
eine wehende säule überm erstarrten
blattkranz nachträumender strahlen.
Das salböl der Toten
hüllt ihr verwesen in duftgewölke
und nimmt sie in ihr verflüchten..
Ich lege die hände um seine urne,
von sonnen im aufgang nach unterhalb
geschuppt, mit tagen versehen. Dürstende poren
schlürfen mein wärmeopfer in
die kühle der höhlung. Es geht in verengten
ringen, vom sinkenden ölsee gespurt,
dem erblindeten spiegel
nach.
Er saugt meine atemzüge
in die enttauchende, mit ihm
sich weitende halle − unendlichkeit
in meine lidhaut getieft
nimmt mich in ihr verflüchten − −
*
Geprägtes Leinen
mit Schutzumschlag
18 × 21 cm,172
Seiten, 23.- €
ISBN 978-3-86858-103-4
DAS BUCH VOR ORT. Eine lyrisch-epische
Aufrüstung
Dargestellt ist ein Lebensweg aus einem noch zeitlos ländlichen
Vorkriegsdeutschland bis zur Gegenwart. Insofern die Abfolge markanter, lyrisch
erfasster Momente insgesamt einen epischen Ablauf ergibt, tritt hier die Lyrik
gegen den Roman an. Nach Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre, beginnend
mit einem Zivildienst bei einem Esoteriker und radikalen Vertreter der modernen
Kunst, wird ein junger Mensch in den Strudel der maßlosen Ausweitung aller
menschlichen Möglichkeiten gezogen und gerät in ein maßloses Aneignen und
Ausleben des Überangebots einer unbewältigten Gegenwart. Die fortgesetzte
Überforderung seiner selbst, noch vermehrt durch eine Drogenerfahrung, die
fahrlässige Lebensweise und schleichende Schädigungen durch eine belastete
Umgebung, beschleunigen den Zusammenbruch. Auf dem nun folgenden Leidensweg
aller gelähmten Kräfte und durchkreuzten Vorhaben, der durch den untersten
Tiefpunkt der Kurve geführt wird, bahnt sich die Ahnung eines nicht mehr an
sich raffenden Verhaltens an. Die mühsame Selbsttherapie führt zur vertieften
Wahrnehmung des Unversehrten, der Erde in ihrer bedrohten Kostbarkeit. Im täglichen
Umgang mit den einfachen Dingen und auf Gebirgswanderungen findet eine
Selbstfindung in weitgespannten, auch fernöstlichen Zusammenhängen statt, mit
ihr die Reifung zum Eintritt in Verantwortungen und zur Teilnahme an den
Erfordernissen der Gegenwart.
Die staatlich-sozialen Verhältnisse - Hand in Hand mit
Naturkatastrophen und globaler Verelendung − entwickeln sich zu einer
mafiosen Wirtschaftsdiktatur und beschleunigen die Verdrängung der abendländischen
Bildungskultur durch die manipulierte Vermassung des profitgetriebenen
Unterhaltungsbetriebs. Der Stellenlose schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten
durch und wirkt in Schutzverbänden mit. All das führt zur Verstrickung in
Strafverfolgungen eines aktiven Widerstands. Parallel zu dem: das Auf und Ab
der Partnerschaft mit einer feministisch geprägten Freundin, die sich die Rolle
einer esoterischen Diotima zulegt und zu gefährlichen yogisch-tantrischen
Praktiken verführt. Apokalyptische Ausblicke und weiterführende Perspektiven
halten einander die Waage. Der fallenden Linie des äusseren Scheiterns entspricht
eine steigende innere, die sich in Momenten der Selbsterfüllung innerhalb
weitgespannter Zusammenhänge und eines dichterisch gelebten Exils unter
Freunden verwirklicht. Insgesamt rückt dieser Ablauf das Werk in die Tradition
des „Quester’s Tale“, also der Parzival- und Faust-Aventiuren. Auch östliche
Traditionen klingen an und werden ins Heutige übergeführt.
Die Versformen entsprechen den inneren Vorgängen. Die erhöhte
Seitenzahl ergibt sich aus den wiederkehrenden Kurzzeilen. Fortlaufend gedruckt
entspräche die Textmenge dem Umfang eines Romans von zumutbaren 365 Seiten.
STIMMEN ZUM ›BUCH VOR ORT‹
Ich glaube, die
Sache überfordert mich in ihrer Wucht...
Mir und den Kollegen, die involviert waren, fehlt dazu vielleicht der
Mut. (Lektorin vom Suhrkamp Verlag)
Auch ich bin damit
überfordert. In einen Autor Ihres Kalibers kann ich mich nicht mehr hineinfinden. (Bernhard Albers. Rimbaud Verlag)
Ihre Seiten sind
durchaus lyrisch und haben mich in ihrer Geschlossenheit und ihrer ganz wunderbaren
Sprache tief beeindruckt. Dieser lyrische Zyklus war in seiner Gesamtheit ein
Leseerlebnis.. Ganz sicher werden diese Gedanken ihr Publikum finden und ganz
sicher – wie ja fast immer bei Lyrik – eine kleine aber auserlesene Leserschaft.
(Roswitha
TH. Heiderhoff, Verlegerin)
Leider komme ich
nirgends an, wo ich Ihren Projekten nützen könnte. Sie ragen etwas heraus aus
Ihrer Zeit, so wie die Formate, die sich Lektoren immer auf der
Vertreterkonferenz wünschen, aber im
starren Regal der Sortimentsbuchhändler keinen Unterschlupf finden.
(Hans
Jürgen Balnes, Lektor im S. Fischer Verlag)
Es ist
beeindruckend, welche Wanderschaft durch die Verlagslandschaft Sie mit Ihrem
Opus schon hinter sich haben und welche staunenden Urteile die Kollegen für
Ihre Texte gefunden haben. Ich kann die Bewunderung teilen. Ebenso eindeutig
ist aber auch der Entschluß, Ihr Manuskript nicht in unser Programm
aufzunehmen. Es hat vermutlich im Moment kaum jemand die Kraft, ein so sprödes,
sprachspielerisches und zugleich philosophisch tieflotendes Werk auf dem Markt
durchzubringen. Die Zeiten sind nicht danach.
(Elmar
Faber, Verleger)
Wir sind voll der Bewunderung für Ihr ambitioniertes Buchprojekt,
sehen aber bedauerlicher Weise keine ausreichend große Leserschaft dafür. (Lektorat vom
Residenz Verlag)
Ist es nicht eher
ein Aufführungs/Vortragswerk? Denn das der Text in dieser Form wirken muss,
steht für mich außer Zweifel. (Lektorat Wallstein Verlag)
Ein grosses, in
der deutschen Gegenwart einzigartiges Werk, sprühend vor Leben und ein Vulkan
an kühner und neuer Sprache. Die durchdachte Vielfalt und Differenzierung der
Komposition helfen dem Leser zur Über- und Einsicht – eine wirklich
bewunderungswürdige Leistung und mit ausdauernder Leidenschaft ausgeführt.
(Prof. Dr. Bernhard Gajek, Universität Regensburg)
Einmal mehr hat
Wilhelm Deinert einen großen, mitreißenden Gesang voller "unbegangener Worte" geschaffen.. Wie
er rhythmisch die Risse im Gefüge der Welt nachzeichnet, die in seiner Dichtung
plötzlich als Struktur aus lauter Sollbruchstellen aufleuchtet, das ist immer
wieder faszinierend und in seiner widerständigen Eindringlichkeit unerhört
modern.
(Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung)
Bewundernswert,
was da an Welthaltigkeit, an stilistisch wie inhaltlich unterschiedlichen Partien,
Erkenntnissen, Mitteilungen, Erlebtem usf. bei unglaublich hoher Qualität des
ganzen Wurfs zusammenkommt. Ich wüßte keinen annähernd ähnlichen Vergleich mit
dem hier Entworfenen, Ausgeführten zu nennen. (Dr. Eberhard Horst, Schriftsteller)
Ich habe das Werk
gelesen. In viel kürzerer Zeit als ursprünglich veranschlagt, denn mit einem
hatte ich nicht gerechnet: Daß die Lektüre bei aller dichterischen Höhe so spannend sein würde! (Michael Haussmann, Maler und
Bildhauer)
Dieses Werk hat
schon einige Gemüter erfreut, denen ich daraus vorlas. Ihre Verse bewegen
vieles, tippen an, und schon ist man auf großer Fahrt – zu Brunnen in der
Wüste..
(Dr.
med. Ingeborg Tönjes, Psychotherapeutin)
In einem poetry slam vorgetragene Stücke
aus dem Band brachten dem Verfasser einen Sieg über namhafte Rapper ein.
Textproben
Erster Teil:
SANDELHOLZ UND PETERSILIE. Eine Umkehr.
1. Sturzgeburt
Hurli tohu
wa – was?
burli bohu
da – das!
Rumpelpumm,
dreh’ dich um:
du bist dran,
stirn-voran
aus der furt
auf die wurt –
rolle vorwärts
in die
geburt! – –
Mit dem urknall
in den ohren:
es spiralt,
strudelt, zischt –
hier erstrahlt,
dort verlischt – –
Dahinein:
mitgeknufft
mitgemischt
mitverpufft –
mitgeboren
ist mit-
verloren..
Nimm vorlieb, wenn es nicht
die bananenwälder Hawaiis, nicht die palmen-
küsten von Birma
und Śri Lanka sind – wenn die rüpel-
winde von hinterm polarkreis dich an-
rempeln, kaltschnäuzige fröste
dich bläuen! Auch hier
erwarten dich inseln und jahres-
zeiten befristeter seligkeit!‹
...
Sie ducken
ihn tiefer hinab
ins karge –
bis wo es nicht flacher,
nicht
meeres- und grundwasserspiegel-
näher hinabgeht.. Also da:
auf dem
neuesten neuland,
wo es
beinah mit dir
im
fettglanz der schollen
zwischen
prielen der abflut enttaucht –
wo die
ewigkeit
vor den
augen am werk ist..
..Da sitzt er:
zwischen kammer und sparren –
honiggold
tanzt der staub. Eine wärmende lichtbahn fällt
in das buch,
das von drachen und helden,
das von burgen und bräuten sagt,
auf seinen knien. Es riecht
nach dem starennest, mit den jiepern darin,
zum geräucherten speck in der mausefalle.
Ein weltall durchsonnter gespinste
umstellt ihn; ein schluchtwerk spiralen
überspinnt die gebälke
und winkeltiefen
mit versilberten scheiben,
die die warmluft bewegt,
voll verfangener fliegen..
..Eben
dann
sprang der rasende Dämon aufs dach
und schwang das heulrohr
und heultöne auf und ab.. Und schon
rollt und rumort es an
in eisernen drohnenschwärmen
übers meer und die küstenwehr
mit schächten voll tod in schatullen –
sprangen die scheren auf
mit den klingen aus lichtstrahl den himmel
scherend, und nahmen ein pünktchen,
ein fliegendes silberfischchen in das kreuz..
...
»Steht ein lichterbaum über dem land –
gilt er mir oder gilt er dir?
Gilt er Hamburg und Bremen
oder gilt er uns hier?« –
Gloria in excelsis –
wem?
Für einen triumphzug,
ein nieder-
beugendes sich-enthüllen
trat die Furchtbare aus
dem brennenden vorhang
mit der krone aus brandbomben um die stirn,
dreifachen patronengurten um
die metallenen brüste
und dem rollenden gürtel aus totenschädeln,
die geschwader von bombern
und raketen
aus der phospornen mähne schleudert,
mit vervielfachten armen
in puffen aus rauchpilz
flammenwerfer und brennende türme schwingt,
kastagnetten aus vierlingsgeschützen
und maschinengewehren schlägt – und tanzte,
sturmläutende schellen am fuss,
und stampfte das
menschenwerk in den grund – –
..Was
dann? »Da wäre
ein Alter, der braucht – das heisst: ein alter
Meister, der wünscht – nämlich ein Künstler,
der sucht – « ›Was sucht er?‹
»Keinen Lehrling – das nicht! der wünscht
einen Famulus« – ›Was?‹ – »Der braucht einen jungen
menschen, der ihm – er weiss schon
von dir – der könnte dir weiter- « – – Mit dem klooss im hals
und dem schluck-auf hinein – springvergnügt
heraus!..
velims
wipfelgesang
›A-hoi!
aa-hooi!
Mann a-hoooi!
Hier bin ich!
toi-toi,
toi-toi-tooi!
Und Du? wo bist Du?
wo und wer bist Du?
und was weisst Du denn schon von mir?
..
Wenn du eine geige machst,
so musst du auch spielen –
wenn du einen pfeil machst,
so musst du auch zielen!
Und bin ich ein lumpen,
so binde mich an einen mast
und nicht an diesen pfahl –
so spanne mich vor deine winde! – –
..
Aber nimm dich in acht:
ich werf’ dir mein herz zu: ein rotes
schandmal an deiner tür,
wenn du sie nicht aufmachst –
ein rubin
in deiner krypta –
in deinen stollen –
in deinem gestein?‹
AM TOR
..Da ist er – und nickt
im gehäuse und schaut
aus dem rahmen und winkt
dich herein ohne wort:
grau wahrhaftig!
ein gewrinkel das durch
alle runen spielt,
verzieht die geschlängelten
(ist es lächeln? ist es
empfindlichkeit?)
die verlängerten, über-
schmalen, an denen
du hängen und lesen,
dich versinnen und rätseln
wirst..
Es gestikuliert
von den wänden gang-ein
ein geschweife in farben,
das deutende ärmel
ohne hände regt,
ansehende blicke
ohne augen hebt
und redende lippen
ohne münder bewegt –
dich nach hinten und vorne,
dich nach unten und oben,
dich nach aussen und innen
verweist (und sagt
kein wort, aber scheint
was zu meinen – aber
was? aber wen?)..
»Wenn du noch lesen
wolltest, da wäre so manches:
für unsere wikinger-
fahrt in die hochsee der welten –
steigst du ein, fährst du mit?«
Er greift in die tasten seines
regals: auf braust
Des Erhabenen Sang, frohlockt
Zarathustras ruf –
er zieht die register OM
mani padme hum –
und reicht einen palmwald in klein,
der nach östlichen schreinen
und stupen riecht (denn »Gottes
ist der orient«)..
Nicht genug: (»Gottes ist
der okzident«)
entfesselt die blasebälge
des abendlands:
Pindarische hymnen und Dantesche
sphärengesänge,
Trilogien der leidenschaft
und tragischer unter-
gänge.. Ein wackliger turmbau
sturzbereit wächst
auf den händen und lehnt sich schwer
an die brust –
wie für eine reise nach übersee..
»Auf den kopf! deinen kübel herum-
gestülpt, in der stunde vor tag,
die die reinste der stunden ist;
allen muff aus der lunge geschnaubt
und das reine herein; seinen bauch
in die zwinge genommen – vor
und zurück, aus und ein – den
verschrumpelten
pressack auf taille getrimmt;
eine spritze salz in den schlauch.
Deinen ast, den verholzten krummstock
in dir, musst du drillen und drehn,
bis er durchschwingt und schnellt – bis
dein gang
wie ein federnder bogen ist, der
auf der spitze tanzt..«
»..Der fegt den kehricht vom gehsteig, der
legt
eine himmelsbahn – mit dem selben besen,
dem gleichen strich!
Der kippt den müll fort, der schüttet ein
weltall von samen aus –
Den ödet sein abwusch an, zu dem steigt die
Ganga herab –
Der schaufelt den schnee, der bricht mit
den augen das himmelsbrot,
dem rauschen die flügel der Seraphim – Der
räumt das besteck fort,
dem schlagen die geister den schellenbaum –
– «
»..In den strom
der zeit? labyrinthe aus strömen! die durch-,
mit- und gegeneinander
treiben: aus mitzeit und abzeit, inzeit und
umzeit, über-
und unterzeit, unzeit und obzeit, wenn-
oder aberzeiten, hinter-
und gegenzeit.. Als da sind: malgründe von
lichtweiss zu nachtweiss,
die sich tönen in meere und abermeere von
lila- zu purpur-
spektren bis ultramarin und verdichten zu
wetterkarten
terrestrischer oder stellarer flüsse von
schwefel- zu duftgelb,
adern aus opferröten und lichtwein in immer
andern
sequenzen und schichtungen oder erstarrt
sind: nun architekturen,
dort kubisch und kristallin; dort profile,
atmende skulpturen
die osmotische keimlinge unseres werdens,
schwingende membranen
der gemeinsamen seele sind.. Das wäre ein
fischzug, eine
kreuzfahrt durch meinen ozean – segelst du
mit, bist du seeklar,
gerüstet? ..«
VELIMS OHRENKLINGEN
›Selig sind die Aufbrechenden, denn sie
sind in das offne, das freie – mithin
in die wahrheit getreten; denn sie haben
den tempel verlassen, der sie von Sei-
atem getrennt hat und haben sich anvertraut
seinen winden und seinem [nem
strom, seiner hochsee und sind aus den
ausgeweideten pfaden geschritten,
die in sicheren zäunen den trott um die
stickige hürde gängeln und haben
sich aufgemacht, Ihn im ungebahnten zu
suchen – Den der die wildnis,
die fremde, die einsamkeit ist. Die also
ihn suchen gingen in seiner
wahren gestalt..‹
STUDENTENFUTTER
Zum aufstehn?
»Wulthus in
hauhistjam guda, ana airthai gawairthi!«
Sein frühsport?
»Biugu, biugis, biugit, bouc, gibogan«
Zum frühstück?
»Tristan, Isôt – aller edelen herzen brôt«
In der tram?
»Das Rollwagenbuch – glückhafte Schiff – und
Gianozzos«
Das kolleg?
»Die Stürmer – romantik: vor-, nach- oder neu-
wenn nicht -märz«
Seminar?
»Das werk: immanent – intentional – struktural«
Referat?
»Thematik der liebe – motivik der transzendenz«
(Antrag
auf gebührenerlass: »Ziel des Studiums?«
›Unbekannt‹)
»Kommst du mit,
Kandidat?« Wehmutblick in das buch:
›Eine seite
noch!‹ (Sie trällert und kämmt
ihm die langen
gewellten vor – in den linden-
duft,
mövenschrei fenster-ein – jede zeile
tanzt).
»Dein roman läuft dir nicht davon,
du Streber,
aber die sonne! Wenn du
nicht willst – «
...
Abgekühlt –
im hechtsprung ihr nach vor die arme
getaucht,
du auf-, sie hinab. Und so fort:
Gallions-
figur einer woge, die dich
überspült,
schnellt sie auf und ab, hände-nah
wieder auf
und ab mit den triefenden brüsten,
sonne-
fliessender haut bis zum nabel
heraus
und strudelt ein wassergrünes
geperle
um deine hüften. Sie lockt dich
aufs hohe
meer..
›Warum spielst du nicht
mit?‹
(Wer bist du –
biest du – bis du –)
»Pst, du!« – –
Stummes auftun
der tiefe –
stummer wogengang –
stummes
versinken darein –
zuckt und pocht
auf dem grund, ob es wieder-
pocht..
Hauchlaute, kose-
namen
aus mondlicht und halbtraum
händemulden-
weich umflüstern
die schultern
die hüften das haar –
blauer mantel
um einen roten
kern – –
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